WOT Newsletter · Oktober 2026

Franca Lehfeldt lächelnd im schwarzen Blazer vor einem orangefarbenen WOT-Schriftzug

Élisabeth Badinter: Warum hat in Deutschland die Mutter Vorrang vor der Frau?

Was passiert, wenn man einem Vorbild gegenübersteht? Franca Lehfeldt über ihren Besuch bei Élisabeth Badinter in Paris – und darüber, warum die französische Philosophin deutsche Mütter als Pelikanmütter beschreibt.

Liebe Neugierige,

es gibt diesen Rat, den alle kennen. Er lautet: Triff nicht Deine Vorbilder.

Verfolge die Menschen, die Du großartig findest, lies sie, höre ihnen zu, aber stehe ihnen nicht gegenüber. Weil Du desillusioniert nach Hause gehen könntest.

Ich durfte im Februar das Gegenteil erleben.

Élisabeth Badinter: die Grande Dame der Mutterschaftsdebatte

Für mein Buch „Gute Mütter, schlechte Mütter“ habe ich in Paris Élisabeth Badinter getroffen. Falls Sie die Grande Dame nicht kennen, freue ich mich, sie Ihnen vorstellen zu dürfen. Badinter, 82 Jahre alt, ist eine der maßgeblichen intellektuellen Stimmen Europas.

Junge Élisabeth Badinter in Schwarz-Weiß, in den Händen ihr Buch „L’amour en plus“
Élisabeth Badinter mit ihrem Buch „L’amour en plus“. Foto: WoT

Philosophin, Professorin an der École polytechnique, Tochter des Publicis-Gründers Marcel Bleustein-Blanchet. Ihr Mann Robert Badinter war Justizminister unter François Mitterrand und setzte 1981 die Abschaffung der Todesstrafe in Frankreich durch. Sie hat früh dem Muttermythos widersprochen, nicht aus theoretischer Distanz, sondern mit drei kleinen Kindern im Haus. Sie begleitet Debatten nicht, sie verschiebt sie.

Porträt von Élisabeth Badinter, nachdenklich, den Zeigefinger an der Schläfe
Die Philosophin Élisabeth Badinter. Foto: WoT

Ihre Gedanken haben mir im deutschen Diskurs gefehlt. Diese Lücke war mein Anfang.

Als ich nach Paris flog, hatte ich Schmetterlinge im Bauch. Das hatte ich als Journalistin lange nicht mehr. Es ist das schönste und bedeutendste Interview meiner bisherigen Karriere.

Ein Foto durfte nicht entstehen, jedenfalls keines für die Öffentlichkeit. Nicht aus Koketterie. Badinter ist eine wunderbar gealterte Frau, in deren Gesicht man Geschichten liest, und sie tritt weiterhin öffentlich auf, zuletzt neben Emmanuel Macron. Aber sie hat entschieden, wie sie in Erinnerung bleiben möchte, und dazu gehört, sich ab einem bestimmten Punkt nicht mehr abbilden zu lassen. Eines hat sie mir dann doch erlaubt zu schießen, mit dem Versprechen, dass es nur für meine privaten Erinnerungen dient. Dieses Versprechen werde ich halten. Das Bild von ihr hier ist also ein älteres. Dafür zeige ich Ihnen unsere Begegnung und einen Ausschnitt dieses wunderbaren Februartags in Paris.

Mutterbilder im Gespräch mit Élisabeth Badinter

Auszug aus Gute Mütter, schlechte Mütter, Kapitel 2 – „Ein Besuch in Paris“.

Mitte Februar 2026 sitze ich in Paris und bestelle einen Kaffee. Ich bin zu früh und habe mir in der Nähe des Jardin du Luxembourg eine Brasserie zum Warten und Leute-Gucken gesucht. Die französische Leichtigkeit umgibt die Straße und die herumeilenden Menschen. Neben mir sitzen vier Frauen und bestellen unter der Woche mittags eine Flasche Wein zu ihren Gerichten. Zwei Geschäftsleute diskutieren laut und angeregt. Irgendwann zahle ich und gehe auf den großen Park am Ende der Straße zu. Männer spielen dort Boule. In einer Sandkiste sitzen Kinder und streiten über etwas, das ich nicht verstehe. Vor einem großen Stadthaus aus dem 17. Jahrhundert bleibe ich stehen, ihr Büro hatte mir im Vorfeld verschiedenste Tür-Codes geschickt.

In der obersten Etage öffnet mir Madame Badinter die Wohnungstür. Eine zierliche Frau mit strahlend blauen Augen. Es amüsiert sie, dass ich die Treppe genommen habe. Sie bittet herein. Die große Wohnung berichtet von einer anderen Zeit. Seit Jahrzehnten würde sie hier leben, erzählt Badinter auf dem Weg vom Flur ins Esszimmer. Man möchte einen Knopf drücken, um die Räume noch einmal zum Leben zu erwecken, um zu sehen, wie Familie Badinter hier Abende genoss und Gäste empfing.

Madame Badinter nimmt an ihrem runden Esstisch Platz und bittet mich, etwas von ihrer Schokolade zu probieren. Vor ihr liegen zwei ihrer Werke, eine Lesebrille und eine E-Zigarette. Regelmäßig nimmt sie einen Zug, während sie nachdenkt oder genüsslich auf die nächste Frage wartet. Immer wieder klopft sie mit dem rechten Zeigefinger auf ihre Uhr, als wollte sie mich daran erinnern, dass sie noch Termine am Abend hat und wir keine Zeit verlieren sollten.

Élisabeth Badinter steht mit verschränkten Armen vor Bücherregalen
Élisabeth Badinter vor ihren Bücherregalen. Foto: WoT

» Madame Badinter, die Debatten über Mutterschaft scheinen sich seit Jahrzehnten zu wiederholen. Warum ist diese Identitätskrise so resistent gegen Veränderung? «

» Ja, es ist noch immer dieselbe Krise. Nicht erst seit fünfzig Jahren, sondern seit Jahrhunderten gibt es in Europa zwei wichtige Vorstellungen von Mutterschaft: das italienisch-deutsche und das französisch-englische Modell. Es sind zwei radikal verschiedene Mutterbilder. Grob gesagt besteht dieser Gegensatz seit dem 17. Jahrhundert, und daher interessiert mich das deutsche Modell so sehr, weil es von unserem so verschieden ist. Ich frage mich oft, warum in Deutschland die Mutter Vorrang vor der Frau hat. Das hat eine sehr lange Tradition. «

» Frauen streben heute nach einer Gleichzeitigkeit von erfüllter Mutterschaft und beruflicher Selbstverwirklichung. Halten Sie diesen Doppelanspruch für realistisch? «

» Was heißt das eigentlich: eine erfüllte Mutterschaft? Das ist meine Frage. Heißt es, eine Mutter zu sein, die alles für das Kind gibt, die ihre ganze Person dem Kind widmet? Oder heißt es vielmehr, dass die Frau als Mutter selbst erfüllt ist? «

[…]

» Heute verbreiten sich Vorstellungen von » guter Mutterschaft « nicht mehr nur über persönliche Netzwerke, sondern auch über soziale Medien und algorithmische Verstärkung – etwa beim Stillen oder bei Erziehungsfragen. Verändert diese neue Form der Verbreitung den Druck auf Mütter? «

» Wenn ich Ihnen zuhöre, habe ich den Eindruck, dass es in Ihrer Gesellschaft eine Art Schuldzuweisung gibt, wenn man keine perfekte Mutter ist – was in anderen Ländern wie Frankreich überhaupt nicht der Fall ist.

Übrigens gab es nach dem Zweiten Weltkrieg und bis in die sechziger Jahre in Frankreich praktisch keine Frauen, die stillten. Ich habe in den sechziger Jahren drei Kinder bekommen, und damals kam niemand auch nur auf die Idee zu stillen. Wir gingen arbeiten, und niemand hätte gesagt: Wie, du stillst dein Kind nicht? Keinesfalls – das galt als völlig normal.

Und die Kinder in Frankreich waren keine Opfer. Sie hatten eine Mutter, die ich – in Anführungszeichen – als › mittelmäßig ‹ bezeichnen würde. Die perfekte Mutter, die Traummutter, ist so selten wie ein Mozart. «

[…]

Am Ende muss Madame Badinter einige ihrer Anschlusstermine ausgelassen haben. Als wir unser Gespräch beenden, liegt der Jardin du Luxembourg in der winterlichen Abendsonne. Sie stellt sich an das bodentiefe Fenster und winkt mich zu sich. Jahrelang habe sie aus diesem Fenster unten in dem Park die Mütter mit ihren Kleinkindern beobachtet. Heute würden sie dort sitzen und das Smartphone in der Hand halten, während die Kinder spielten. Erfüllte Mutterschaft spiegle dieses Bild für sie nicht wider.

Was in Frankreich die Ausnahme sei, sei in Deutschland die Regel, erklärt sie. Daher bezeichnet man in Frankreich die deutschen Mütter gerne als Pelikanmütter. Eine Pelikanmutter ist eine Mutter, die bereit ist, für ihren Nachwuchs alles zu opfern. So wie man früher dachte, der Pelikan speise seine Jungen mit seinem eigenen Blut. Sie lacht und bezeichnet mit einem gewissen Stolz in der Stimme die Französinnen als Rabenmütter, im positivsten Sinne, versteht sich.

Vor dem Verabschieden frage ich sie, ob sie mir mein Buch aus dem Literaturkaufhaus in Berlin signieren würde. Mit Füller und in Schönschrift beginnt sie zu schreiben: » Pour Franca, que j’ai rencontrée avec plaisir et intérêt. Nos deux cultures maternelles sont très différentes, mais je lui souhaite d’écrire un livre de liberté pour les femmes allemandes. «

» Für Franca, die ich mit Freude und Interesse kennengelernt habe. Unsere beiden Heimatkulturen sind sehr unterschiedlich, aber ich wünsche ihr, dass sie ein Buch über die Freiheit der deutschen Frauen schreibt. «

Ein Buch über die Freiheit der deutschen Frauen

Dieser Satz war Motivation und Auftrag zugleich. Er hat mich durch die Monate des Schreibens getragen, und er hat mich in die Klausur gezwungen, weil ich den Worten einer Frau wie Badinter Fleiß entgegensetzen wollte und kein Gefühl.

Was Badinter in Frankreich beschreibt und was ich in Deutschland vorgefunden habe, steht im Buch nebeneinander. Es geht um Familien- und Wirtschaftspolitik, Steuerrecht, Rentenpunkte und darum, was der Algorithmus mit jungen Müttern macht. Vor allem geht es um die Frage, die mich seit diesem Nachmittag in Paris nicht loslässt: Warum hat in Deutschland die Mutter Vorrang vor der Frau?

Ein schönes Wochenende Ihnen und vielleicht hat Sie meine Begegnung beschwingt, doch ein Vorbild oder einen Menschen zu treffen, den Sie in Ihren Gedanken haben oder dem Sie Ihre Aufmerksamkeit schenken. Zwischenmenschliche Begegnungen können beflügeln, inspirieren und das Herz erwärmen. Ich lächle, wenn ich Ihnen dies schreibe, weil ich an Paris denken muss.

Sollten Sie mein Buch lesen, dann schreiben Sie mir, was Sie denken. Ich antworte.

Es grüßt Sie auf das Herzlichste

Ihre

Franca Lehfeldt

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