» Madame Badinter, die Debatten über Mutterschaft scheinen sich seit Jahrzehnten zu wiederholen. Warum ist diese Identitätskrise so resistent gegen Veränderung? «
» Ja, es ist noch immer dieselbe Krise. Nicht erst seit fünfzig Jahren, sondern seit Jahrhunderten gibt es in Europa zwei wichtige Vorstellungen von Mutterschaft: das italienisch-deutsche und das französisch-englische Modell. Es sind zwei radikal verschiedene Mutterbilder. Grob gesagt besteht dieser Gegensatz seit dem 17. Jahrhundert, und daher interessiert mich das deutsche Modell so sehr, weil es von unserem so verschieden ist. Ich frage mich oft, warum in Deutschland die Mutter Vorrang vor der Frau hat. Das hat eine sehr lange Tradition. «
» Frauen streben heute nach einer Gleichzeitigkeit von erfüllter Mutterschaft und beruflicher Selbstverwirklichung. Halten Sie diesen Doppelanspruch für realistisch? «
» Was heißt das eigentlich: eine erfüllte Mutterschaft? Das ist meine Frage. Heißt es, eine Mutter zu sein, die alles für das Kind gibt, die ihre ganze Person dem Kind widmet? Oder heißt es vielmehr, dass die Frau als Mutter selbst erfüllt ist? «
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» Heute verbreiten sich Vorstellungen von » guter Mutterschaft « nicht mehr nur über persönliche Netzwerke, sondern auch über soziale Medien und algorithmische Verstärkung – etwa beim Stillen oder bei Erziehungsfragen. Verändert diese neue Form der Verbreitung den Druck auf Mütter? «
» Wenn ich Ihnen zuhöre, habe ich den Eindruck, dass es in Ihrer Gesellschaft eine Art Schuldzuweisung gibt, wenn man keine perfekte Mutter ist – was in anderen Ländern wie Frankreich überhaupt nicht der Fall ist.
Übrigens gab es nach dem Zweiten Weltkrieg und bis in die sechziger Jahre in Frankreich praktisch keine Frauen, die stillten. Ich habe in den sechziger Jahren drei Kinder bekommen, und damals kam niemand auch nur auf die Idee zu stillen. Wir gingen arbeiten, und niemand hätte gesagt: Wie, du stillst dein Kind nicht? Keinesfalls – das galt als völlig normal.
Und die Kinder in Frankreich waren keine Opfer. Sie hatten eine Mutter, die ich – in Anführungszeichen – als › mittelmäßig ‹ bezeichnen würde. Die perfekte Mutter, die Traummutter, ist so selten wie ein Mozart. «
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Am Ende muss Madame Badinter einige ihrer Anschlusstermine ausgelassen haben. Als wir unser Gespräch beenden, liegt der Jardin du Luxembourg in der winterlichen Abendsonne. Sie stellt sich an das bodentiefe Fenster und winkt mich zu sich. Jahrelang habe sie aus diesem Fenster unten in dem Park die Mütter mit ihren Kleinkindern beobachtet. Heute würden sie dort sitzen und das Smartphone in der Hand halten, während die Kinder spielten. Erfüllte Mutterschaft spiegle dieses Bild für sie nicht wider.
Was in Frankreich die Ausnahme sei, sei in Deutschland die Regel, erklärt sie. Daher bezeichnet man in Frankreich die deutschen Mütter gerne als Pelikanmütter. Eine Pelikanmutter ist eine Mutter, die bereit ist, für ihren Nachwuchs alles zu opfern. So wie man früher dachte, der Pelikan speise seine Jungen mit seinem eigenen Blut. Sie lacht und bezeichnet mit einem gewissen Stolz in der Stimme die Französinnen als Rabenmütter, im positivsten Sinne, versteht sich.
Vor dem Verabschieden frage ich sie, ob sie mir mein Buch aus dem Literaturkaufhaus in Berlin signieren würde. Mit Füller und in Schönschrift beginnt sie zu schreiben: » Pour Franca, que j’ai rencontrée avec plaisir et intérêt. Nos deux cultures maternelles sont très différentes, mais je lui souhaite d’écrire un livre de liberté pour les femmes allemandes. «
» Für Franca, die ich mit Freude und Interesse kennengelernt habe. Unsere beiden Heimatkulturen sind sehr unterschiedlich, aber ich wünsche ihr, dass sie ein Buch über die Freiheit der deutschen Frauen schreibt. «