Jule Gölsdorf im Gespräch mit Frauen in Business und Politik über ihren persönlichen Weg weit nach oben
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Jule Gölsdorf im Gespräch mit Frauen in Business und Politik über ihren persönlichen Weg weit nach oben #46 Katrin Oeding

Katrin Oeding – Gründerin und Geschäftsführerin der Design Solutions Manufaktur Studio Oeding. Foto Anne Moldenhauer
Im Jahr 2011 gründete Katrin Oeding die Design Solutions Manufaktur Studio Oeding. Foto Anne Moldenhauer

Heute: Katrin Oeding
Founder & CEO Studio Oeding

Learning 1: Man muss nicht immer wissen, wie der ganze Weg aussieht, bevor man los geht. Man ist doch nie vollkommen bereit.

Learning 2: Es sollte selbstverständlich sein, dass eine Frau so klar, ambitioniert und anspruchsvoll führen kann wie ein Mann, ohne dass diese Eigenschaften bei ihr anders bewertet werden.

Learning 3: Lerne, dir selbst vertrauen und Entscheidungen zu treffen. Selbstbewusstsein wächst, wenn man Entscheidungen erlebt und lernt, mit den Konsequenzen umzugehen.

Jule Gölsdorf: Du feierst mit Studio Oeding 15-jähriges Jubiläum – was macht das mit Dir? Bist Du besonders stolz, überrascht, oder verwundert?

Katrin Oeding: Schon stolz, klar! Vor allem, wenn ich heute zurückblicke und sehe, was in diesen 15 Jahren alles entstanden ist, mit welchen Menschen ich zusammenarbeiten konnte und wie viele Projekte wir als Team realisiert haben. Überrascht oder verwundert bin ich dabei eigentlich nicht. Ich habe immer an meine Ideen geglaubt und daran, dass es sich lohnt, für diese einzustehen. Dieses Vertrauen in die eigene Intuition und das eigene Können ist dabei natürlich wichtig. Mit den Jahren kommen aber auch Erfahrung und ein immer feineres Gespür dafür hinzu, Entwicklungen und Trends früh wahrzunehmen. Entscheidend ist für mich, neugierig zu bleiben, immer wieder nach neuen Impulsen zu suchen und offen für Begegnungen, Technologien, Resonanz und auch Konfrontation zu sein. Genau daraus entstehen neue Ideen, manchmal sogar völlig neue Kategorien. Dass wir als Team in dieser Zeit über 100 nationale und internationale Auszeichnungen gewonnen haben, ist eine großartige Bestätigung und macht mich natürlich stolz. Noch wichtiger ist für mich aber, dass ich meine Arbeit nach all dieser Zeit immer noch genauso liebe. Das ist vermutlich mein größter Erfolg.

JG: Wie gut kannst du eigene Erfolge feiern? Viele Frauen haben damit ja ein Thema – neigen dazu, die eigenen Erfolge herunterzuspielen. Kennst du das und kannst Du Dir erklären, warum das so ist?

KO: Ich bin wahrscheinlich besser im Weitermachen als im langen Feiern. Da könnte ich tatsächlich noch lernen, mir öfter bewusst Zeit zu nehmen, um Erfolge auch wirklich zu feiern. Und auch nach außen bin ich damit eher zurückhaltend. Wenn ich mir vor Augen führe, wie viele ungewöhnliche Wege wir mit Studio Oeding gegangen sind und wie viele Projekte dabei entstanden sind, die ihrer Zeit teilweise voraus waren, dann steckt darin auch ein ziemlich klarer Beweis dafür, was gute kreative Arbeit leisten kann. Wir haben Unternehmen verändert, Marken relevanter gemacht und mit unserer Arbeit ganz konkret zum wirtschaftlichen Erfolg vieler Unternehmen und ihrer Produkte beigetragen. Darüber müsste ich eigentlich viel öfter sprechen. Was mir aber zum Glück nie schwer gefallen ist, ist die eigene Leistung auch selbst anzuerkennen. Ich weiß ziemlich genau, was ich kann, was ich aufgebaut habe und worauf ich stolz bin. Bei vielen Frauen beobachte ich allerdings, dass genau das manchmal fehlt. Sie machen ihre eigenen Erfolge kleiner, relativieren ihre Leistung oder zweifeln noch daran, ob sie überhaupt gut genug waren. Dabei muss man zuerst selbst an sich und die eigene Arbeit glauben. Wenn ich selbst nicht davon überzeugt bin, dass etwas richtig gut ist, wie sollen es dann andere sein? Wir Frauen müssen unsere Erfolge viel lauter feiern! Da nehme ich mich ausdrücklich mit rein.

JG: Zum Jubiläum bringst du ja auch ein Buch raus – „Katrin Oeding works“ – wenn du das Buch der 25-jährigen Katrin geben würdest – welches Kapitel sollte sie zuerst lesen? Und gibt es etwas, was Du der 25-jährigen Katrin raten würdest, was sie auf keinen Fall machen sollte?

KO: Ich würde ihr tatsächlich zuerst das Kapitel „How to start“ geben. Mein Weg wirkt im Rückblick vielleicht sehr geradlinig. Das war er aber nie. Der Mauerfall und die Erfahrung, dass sich meine Welt von einem Tag auf den anderen vollkommen verändert hat, haben mir früh gezeigt, dass man nicht immer wissen kann, was als Nächstes kommt. Als ich später nach Hamburg ging, um meine Ausbildung zu beenden und zu studieren, wusste ich noch nicht, wohin mich dieser Schritt führen würde. Auch später, als ich in Agenturen mehr Verantwortung übernommen, eigene Units aufgebaut und schließlich Studio Oeding gegründet habe, hatte ich nie den kompletten Plan vor Augen. Was ich daraus gelernt habe und der 25-jährigen Katrin gerne mitgeben würde, ist, dass man nicht wissen muss, wie der ganze Weg aussieht, bevor man losgeht. Man sollte nicht darauf warten, sich irgendwann vollkommen bereit zu fühlen. Ich würde ihr raten, neugierig zu bleiben, sich Menschen zu suchen, die ihre Ideen hinterfragen, sich fordern zu lassen und immer wieder Dinge auszuprobieren, die sie noch nicht kann. Und was sie auf keinen Fall machen sollte, ist, sich zu langweilen. Sobald sie merkt, dass sie nichts Neues mehr lernt, keine neuen Perspektiven gewinnt oder keine echte Begeisterung mehr spürt, sollte sie sich die nächste Herausforderung suchen.

JG: Bei 15 Jahren Studio Oeding – welches Projekt würdest Du sofort wieder machen – welches auf keinen Fall? Und welche Learnings ergeben sich daraus?

KO: Sofort wieder würde ich all die Projekte machen, bei denen die Kund:innen uns das Vertrauen gegeben haben, tiefer in die Marke und das Unternehmen einzusteigen, Dinge zu hinterfragen und den ursprünglichen Auftrag weiterzudenken. Bei Audi entstand aus der Idee, Silber viel stärker mit der Marke zu verbinden, weit mehr als eine einzelne Gestaltungslösung. Daraus entwickelte sich eine ganze Markenwelt. Bei Blume 2000 begann die Zusammenarbeit mit der Marke und entwickelte sich zu einer umfassenden Transformation, die von der Positionierung über die Kommunikation bis hin zu eigenen Produkten reichte. Und bei Stop the Water While Using Me und später Wildplastic ging es noch einen Schritt weiter. Dort wurde Gestaltung zum Ausgangspunkt für Produkte und Geschäftsmodelle, die neben einer wirtschaftlichen auch eine gesellschaftliche Wirkung entfalten sollten. Was diese Projekte für mich verbindet, sind Vertrauen, Offenheit und Mut. Genau dann entsteht die Möglichkeit, nicht nur etwas neu zu gestalten, sondern wirklich etwas zu verändern. Und genau diese Projekte machen mir am meisten Spaß. Auf keinen Fall würde ich heute noch einmal zu lange an einem Projekt festhalten, bei dem ich merke, dass dieses Vertrauen fehlt oder ich fachlich nicht mehr hinter der eingeschlagenen Richtung stehe.

JG: Was war der teuerste Fehler in den 15 Jahren? 

KO: Der teuerste Fehler ist für mich der, bei dem man mit der eigenen Gesundheit und der Freude an der Arbeit bezahlt. Ich hatte vor einigen Jahren einen großen Kunden, für den ich unbedingt arbeiten wollte. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass das Vertrauen in der Zusammenarbeit fehlt und wir fachlich immer wieder an einen Punkt kamen, an dem ich nicht mehr hinter dem stand, was von uns erwartet wurde. Das hat mich über Wochen so beschäftigt, dass ich nicht mehr gerne ins Studio gegangen bin und zunehmend Bauchschmerzen bekam. An diesem Punkt war für mich klar, dass ich die Zusammenarbeit beenden muss. Finanziell war das natürlich teuer, weil wir einen großen Auftrag aufgegeben haben. Viel teurer war für mich im Rückblick aber, dass ich so lange daran festgehalten habe, obwohl ich längst gemerkt hatte, was es mit mir macht.

JG: Dein Karriereweg ist alles andere als gewöhnlich – Du hast als Plakatmalerin angefangen, das war in der DDR ein anerkannter Ausbildungsberuf, was hast Du da gelernt, was Du bis heute nutzen kannst?

KO: Eigentlich wahnsinnig viel. Diese handwerkliche Ausbildung ist für mich bis heute die Grundlage meiner Arbeit. Ich habe riesige Kinoplakate von Hand gemalt, Schriften konstruiert und Theaterhintergründe gestaltet. Dabei musste ich viel ausprobieren, improvisieren und selbst herausfinden, wie sich eine Idee in die Realität übertragen lässt. Ich habe damals ganze Umsetzungsprozesse von Hand gelernt. Man brauchte dafür keinen großen Drucker, keine riesigen Maschinen und zu dieser Zeit auch noch keinen Computer. Ich musste selbst herausfinden, wie sich etwas umsetzen lässt und welche Wege zum gewünschten Ergebnis führen. Ich glaube, genau das trainiert das Gehirn darin, eigenständig Lösungen zu entwickeln, bestehende Herangehensweisen zu hinterfragen und Dinge immer wieder neu zu denken, statt auf vorgegebene Lösungswege zu warten. Diese Art zu denken und zu arbeiten, begleitet mich bis heute. Ich bin wahnsinnig neugierig und möchte immer verstehen, wie etwas funktioniert und was technisch möglich ist. Auch später bei Jung von Matt, Philipp und Keuntje und Kolle Rebbe habe ich mich deshalb intensiv mit Materialien, Produktion und unterschiedlichen Herstellungsverfahren beschäftigt. Ein Satz, den ich dabei in meiner Karriere immer wieder gehört habe, war: „Das geht so nicht.“ Für mich war das eher ein Ansporn, herauszufinden, wie es vielleicht doch gehen könnte. Welche Materialien, Verfahren oder andere Möglichkeiten gibt es? Eine Idee ist für mich erst dann wirklich gut, wenn sie sich auch in der Umsetzung so konsequent und hochwertig realisieren lässt, wie sie ursprünglich gedacht und dem Kunden oder der Kundin präsentiert wurde.

JG: Der Mauerfall hat dann den Weg nach Hamburg möglich gemacht – wie groß war der Kulturschock damals? 

KO: Als die Mauer gefallen ist, wusste ich ziemlich schnell, dass ich unbedingt nach Hamburg wollte. Mein Onkel lebte dort und hat mir Anfangs ein bisschen geholfen, mich zurechtzufinden und Fuß zu fassen. Trotzdem war der Kulturschock riesig. Ich erinnere mich noch sehr genau an die Mönckebergstraße und an diese unglaubliche Menge an Geschäften, Produkten, Farben und Möglichkeiten. Das kannte ich so überhaupt nicht. Im Osten war das Angebot sehr viel kleiner. Plötzlich diese enorme Vielfalt zu sehen und auch Zugang zu all diesen Dingen zu haben, sie tatsächlich kaufen zu können, war für mich ein unglaublicher Luxus. Ich kam aus einer Welt, die viel stärker von Uniformität geprägt war. Es gab weniger Produkte und dadurch auch viel weniger Differenzierung zwischen den Dingen, die Menschen besaßen oder wie Wohnungen aussahen. Individualität entstand eher durch Selbstgemachtes oder Erbstücke. Aber es war nicht nur ein visueller Kulturschock. Viel größer war wahrscheinlich der gesellschaftliche Unterschied. Ich war in der DDR sehr stark mit dem Gedanken von Gemeinschaft aufgewachsen. Man hat viel mehr darauf geschaut, wie es der Gruppe geht, wie man Probleme gemeinsam löst und dass nicht immer der Einzelne im Mittelpunkt steht. Im Westen habe ich plötzlich ein System erlebt, das stärker von Individualität, Wettbewerb und persönlichem Erfolg geprägt war. Das musste ich erst einmal verstehen. Trotz all der Überforderung war ich unglaublich dankbar für diese völlig andere Welt, die sich mir in Hamburg eröffnete. Die neu gewonnene Freiheit gab mir plötzlich die Möglichkeit, mein Leben sehr viel stärker selbst zu gestalten und meinen eigenen Weg zu finden. Gleichzeitig habe ich früh gespürt, dass mit dieser Freiheit auch Verantwortung verbunden ist, nämlich aus den Möglichkeiten, die sich einem eröffnen, wirklich etwas zu machen. Dieses Gefühl begleitet mich bis heute. Freiheit ist für mich deshalb nie selbstverständlich, sondern ein großes Privileg, das es auch zu nutzen gilt. 

JG: Du warst dann als Creativ und Art Directorin in etlichen Agenturen tätig – in wieweit muss man sich eigentlich mit den Kunden und deren Produkten identifizieren? Welche Grenzen siehst du da?

KO: Ich muss nicht selbst Zielgruppe sein oder ein Produkt privat nutzen, um gut dafür arbeiten zu können. Aber ich muss die Marke wirklich verstehen. Mich interessiert, wo sie herkommt, wofür sie steht, was sie besonders macht und was eigentlich ihr Kern ist. Ich möchte verstehen, welches Problem der Kunde oder die Kundin lösen will, welche Geschichte hinter dem Produkt steckt und warum Menschen sich dafür entscheiden sollen. Erst wenn ich das verstanden habe, kann ich eine Idee entwickeln, die wirklich aus der Marke heraus entsteht und nicht einfach nur gut aussieht. Ich habe über die Jahre natürlich eine gewisse Intuition dafür entwickelt, was für eine Marke funktionieren kann, und dieser Intuition vertraue ich auch. Aber dahinter steht immer eine sehr systematische Auseinandersetzung mit dem gesamten Markenkosmos: mit Markenwerten, Attributen, Positionierung, Zielgruppen und der Frage, wie sich eine Marke über unterschiedliche Touchpoints hinweg konsistent entwickeln lässt. Genau daraus muss sich eine Idee für mich logisch herleiten lassen. Sie muss zur Geschichte der Marke, zu ihrem Kern und zu dem passen, was sie erreichen will. Wenn ich diese Verbindung nicht herstellen kann, ist es für mich nicht die richtige Idee. Meine Grenze ist dort erreicht, wo das gegenseitige Vertrauen fehlt. Ich brauche die Freiheit, Dinge zu hinterfragen und auch zu sagen, wenn ich glaube, dass ein eingeschlagener Weg nicht der richtige ist. Wenn von Anfang an feststeht, was herauskommen soll, und meine Aufgabe nur noch darin besteht, es hübsch zu machen, wird es für mich schwierig. Gute kreative Arbeit entsteht für mich immer im Austausch und aus dem gemeinsamen Vertrauen, dass man wirklich nach der besten Lösung sucht.

JG Irgendwann wolltest du raus aus dem „Gefängnis“ als Angestellte – warum hast Du das so empfunden und wie war der Start als Selbständige dann?

KO: Ich habe die Zeit im Angestelltenverhältnis nie als Gefängnis empfunden. Ich habe in den Agenturen unglaublich viel gelernt, Teams aufgebaut, Etats gewonnen und mit Korefe im Grunde schon etwas Eigenes geschaffen. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass ich nicht nur für eine Idee Verantwortung übernehmen möchte, sondern für das Ganze. Für die Menschen, die Arbeitsweise, die Kund:innen und am Ende natürlich auch für das Ergebnis. Freiheit bedeutet für mich nicht, einfach nur machen zu können, worauf ich Lust habe. Freiheit heißt für mich, selbst entscheiden zu können, wie ich arbeiten möchte, mit wem ich arbeiten möchte und welche Haltung hinter meiner Arbeit steht. Wenn ich frei entscheiden will, muss ich eben auch bereit sein, die Konsequenzen dieser Entscheidungen zu tragen. Es gab Angebote, mich zu halten, aber ich wollte wissen, was passiert, wenn ich zu hundert Prozent selbst verantwortlich bin. Genau diese Verbindung aus Freiheit und Verantwortung war für mich letztlich der entscheidende Grund, mich selbständig zu machen. 

JG: Welche Stolpersteine hast Du in der Folge überwinden müssen? Und spielte es dabei je eine Rolle, dass Du eine Frau bist?

KO: Natürlich bin ich auf dem Weg oft genug auf die Fresse gefallen. Mit Ideen, mit Entscheidungen und wahrscheinlich auch mit meiner direkten Art. Gerade am Anfang der Selbständigkeit habe ich einige Fehler gemacht, aber genau das gehört für mich dazu. Entscheidend ist, aus den Fehlern zu lernen, wieder aufzustehen und weiterzumachen. Ich glaube, genau daraus entsteht mit der Zeit auch die Sicherheit, den eigenen Weg wirklich zu gehen. Dass ich eine Frau bin, habe ich selbst erstaunlich wenig zum Thema gemacht. Vielleicht hat das tatsächlich viel mit meiner DDR-Sozialisation zu tun. Ich bin nicht mit dem Gefühl aufgewachsen, dass Frauen grundsätzlich weniger dürfen, weniger können oder sich in bestimmten Situationen anders verhalten müssen als Männer. Deshalb bin ich auch später nicht mit der Frage in ein Meeting gegangen, ob ich als Frau jetzt etwas sagen darf oder wie ich dabei wirke. Ich habe gesagt, was ich für richtig hielt. Natürlich weiß ich heute, dass Frauen im Berufsleben teilweise noch immer mit anderen Erwartungen oder Zuschreibungen konfrontiert sind als Männer. Das finde ich ehrlich gesagt schrecklich. Für mich sollte entscheidend sein, was Menschen können, welche Lösungsansätze sie entwickeln, wie sie an Aufgaben herangehen und welche eigenen Perspektiven und Erfahrungen sie mitbringen. Gerade unterschiedliche kulturelle Prägungen, Lebenswege und Blickwinkel können zu völlig neuen Gedanken und besseren Lösungen führen. Genau daran sollten Menschen gemessen werden und nicht an ihrem Geschlecht. Für meinen eigenen Weg war es wahrscheinlich ein großer Vorteil, dass ich viele dieser Grenzen lange gar nicht so stark wahrgenommen habe. Ich habe mir dadurch vielleicht auch weniger selbst auferlegt und bin mit einer Selbstverständlichkeit in Situationen gegangen, die mir geholfen hat. Heute sehe ich aber sehr bewusst, wo Frauen noch immer anders behandelt werden, und finde, dass wir diese Strukturen immer wieder hinterfragen und verändern müssen.

JG: Auch heute hast Du mit großen Kunden zu tun – gibt es noch Vorurteile, die Dir als weibliche Führungskraft entgegenschlagen?

KO: Ja, aber heute zeigt sich das für mich eher subtil. Es sind weniger die offenen Vorurteile, sondern eher die unterschiedlichen Maßstäbe, mit denen Verhalten bewertet wird. Wenn ein Mann sehr klar auftritt, gilt er schnell als durchsetzungsstark. Bei einer Frau wird dieselbe Klarheit manchmal eher als unbequem oder zu direkt wahrgenommen. Gerade in Führungspositionen merkt man, dass Frauen häufig noch immer sehr genau austarieren sollen, wie bestimmt sie sein dürfen und wie viel Raum sie einnehmen. Ich habe für mich irgendwann entschieden, mich davon möglichst wenig beeinflussen zu lassen. Ich bin klar in meiner Haltung, ich sage, wenn ich von etwas überzeugt bin, und genauso, wenn ich glaube, dass etwas nicht funktioniert. Gleichzeitig glaube ich, dass sich in den vergangenen Jahren schon einiges verändert hat. Ich arbeite heute mit ganz unterschiedlichen Unternehmen, vom Start-up und inhabergeführten Mittelständler bis zum Konzern und börsennotierten Unternehmen, und erlebe dort viele Frauen in verantwortungsvollen Positionen. Trotzdem sind wir noch nicht an dem Punkt, an dem Geschlecht überhaupt keine Rolle mehr spielt. Genau da müssen wir hin. Für mich sollte es völlig selbstverständlich sein, dass eine Frau genauso klar, ambitioniert und anspruchsvoll führen kann wie ein Mann, ohne dass diese Eigenschaften bei ihr anders bewertet werden.

JG: Du sagst, die DDR Sozialisierung prägt noch heute Deinen Führungsstil – inwiefern?

KO: Ich glaube, vor allem in meinem Verständnis von Gemeinschaft und Verantwortung. Ich bin in der DDR mit einem sehr starken Gefühl dafür aufgewachsen, dass man nicht nur auf sich selbst schaut, sondern darauf, wie es der Gruppe geht und was man gemeinsam möglich machen kann. Dieses Denken steckt bis heute in mir. In meiner Arbeit bedeutet das, dass ich Führung nicht nur als fachliche oder wirtschaftliche Verantwortung verstehe. Mir ist wichtig, ein Umfeld zu schaffen, in dem Menschen gut arbeiten können, sich entwickeln und ihre eigene Haltung finden. Ich habe in Agenturen erlebt, wie Menschen sich für die Arbeit völlig aufreiben, und für mich war früh klar, dass ich das in meinem eigenen Unternehmen anders machen möchte. Gleichzeitig hat mich aber auch geprägt, was mir damals gefehlt hat. Transparenz war in der DDR natürlich nicht unbedingt etwas Selbstverständliches. Viele Entscheidungen wurden getroffen, ohne dass man wirklich nachvollziehen konnte, warum. Später in den Agenturen habe ich etwas Ähnliches immer wieder erlebt. Gerade in kreativen Prozessen wurde einem manchmal einfach gesagt, dass etwas nicht funktioniert oder nicht gefällt, ohne wirklich zu erklären, weshalb. Das fand ich immer unglaublich unbefriedigend. Deshalb war es mir schon sehr früh wichtig, in der Zusammenarbeit einen anderen Weg zu gehen. Ich wollte Entscheidungen erklären und gemeinsam nachvollziehen, warum etwas funktioniert oder eben nicht. Ich glaube, dass Menschen Entscheidungen anders respektieren und viel mehr aus ihnen lernen können, wenn sie verstehen, wie sie zustande gekommen sind. 

JG: Denkst Du, Frauen kommen auf andere Lösungen als Männer? Und wenn ja – warum? Welche Vorteile haben Frauen gegenüber Männern im Business? 

KO: Ich würde Kreativität oder Kompetenz nicht grundsätzlich nach Geschlecht sortieren. Für mich zählen Talent, Persönlichkeit und die eigene Perspektive. Natürlich kommen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen auf unterschiedliche Lösungen. Genau deshalb sind diverse Teams wichtig. Was ich Frauen eher mitgeben würde, ist, aus ihrer Fähigkeit zu reflektieren keine Bremse zu machen. Genaues Beobachten, Empathie und verschiedene Perspektiven sind enorme Stärken. Aber irgendwann muss man die Idee eben auch in den Raum stellen. Sonst bringt die beste Reflexion nichts.

JG: Was würdest Du Frauen heute raten, die vor dem Schritt in die Selbständigkeit stehen? Was sind Do´s und Don´ts? 

KO: Ich glaube, Unternehmertum beginnt mit Selbstbewusstsein und einer klaren Vorstellung davon, was man eigentlich machen möchte. Gerade Frauen würde ich raten, nicht jede Idee sofort mit dem gesamten Umfeld zu diskutieren, hundert Meinungen einzuholen und danach wieder alles infrage zu stellen. Natürlich ist Reflexion wichtig. Aber irgendwann muss man sich selbst vertrauen und eine Entscheidung treffen. Selbstbewusstsein wächst auch dadurch, dass man Entscheidungen erlebt und lernt, mit den Konsequenzen umzugehen. Mindestens genauso wichtig ist aber, die eigenen Ideen auch vermitteln zu können. Ich habe selbst früh gelernt, dass eine gute Idee nicht automatisch für sich spricht. Man muss sie so erklären, dass das Gegenüber versteht, warum sie relevant ist, welches Problem sie löst und was dadurch möglich werden kann. Das bedeutet auch, unterschiedliche Menschen und Perspektiven mitzudenken, ohne dabei die eigene Überzeugung aus den Augen zu verlieren. Mein wichtigstes Do wäre deshalb, an die eigene Idee zu glauben und gleichzeitig zu lernen, sie so klar zu vermitteln, dass andere verstehen, warum sie relevant ist und was sie bewirken kann. Und mein größtes Don’t wäre, die eigene Idee durch zu viele Meinungen so lange infrage zu stellen, bis am Ende nichts Eigenes mehr von ihr übrig bleibt.

JG: Wie leicht fällt Dir Führung? Geht damit einher, dass man weniger kreativ sein kann? Stört dich das?

KO: Führung fällt mir nicht jeden Tag gleich leicht. Natürlich bedeutet sie auch, dass ich meine Zeit heute nicht mehr ausschließlich der klassischen kreativen Arbeit widmen kann. Mitarbeiterführung, Finanzen, Kund:innenbeziehungen und strategische unternehmerische Entscheidungen machen heute einen großen Teil meines Alltags aus. Das ist nicht immer kreativ im klassischen Sinne, gehört für mich aber ganz selbstverständlich dazu. Genau dieses Gesamtpaket wollte ich bewusst. Führung und Kreativität existieren dabei für mich nicht getrennt voneinander. Im Gegenteil. Für mich ist Führung Gestaltung und Gestaltung ist ganz klar auch kreative Arbeit. Am Ende geht es immer darum, ein Problem oder eine Aufgabe zu erkennen, etwas wirklich zu verstehen und daraus eine gute Lösung zu entwickeln. Das gilt für einen Entwurf genauso wie für ein Team, eine Strategie oder den Aufbau eines Unternehmens.

JG: Wie führt man ein Kreativteam, man will ja die eigene Handschrift durchsetzen, aber auch nicht die Kreativität der anderen blockieren oder einschränken?

KO: Ich möchte keine zehn kleinen Katrins im Studio haben. Das wäre ja furchtbar. Mich hat Uniformität schon immer abgestoßen. Ich bin in der DDR aufgewachsen, in einem Umfeld, in dem vieles stark vorgegeben und angeglichen war. Sicherlich kommt daher auch mein ausgeprägter Wunsch, meinen eigenen Weg zu gehen und nicht einfach das zu machen, was alle machen. Genau das wünsche ich mir auch von meinem Team. Die Menschen bei Studio Oeding sollen eine eigene gestalterische Identität entwickeln, unterschiedliche Perspektiven einbringen und mich damit auch überraschen. Gute Gestaltung braucht Persönlichkeit, unterschiedliche Erfahrungen und manchmal auch Reibung. Deshalb ist es für mich wichtig, diese Einflüsse bewusst zu nutzen, egal ob sie aus anderen Agenturen, Kulturen, eigenen Projekten oder ganz anderen Lebensbereichen kommen. Gleichzeitig braucht kreative Freiheit einen gemeinsamen Rahmen. Für mich beginnt gute Zusammenarbeit damit, dass wir gemeinsam verstehen, was eigentlich das Problem des Kunden oder der Kundin ist, was die Marke besonders macht und welche Lösung wirklich relevant sein kann. Daraus entsteht ein gemeinsamer Nenner, an dem sich unterschiedliche Ideen und Formen der Umsetzung orientieren können. Entscheidend ist dabei immer die Differenzierung. Was macht eine Idee eigenständig? Was unterscheidet eine Marke wirklich von anderen? Meine Aufgabe ist deshalb nicht, meine eigene Handschrift durchzusetzen, sondern diesen Rahmen klar zu definieren und die Qualität der Arbeit zu sichern. Innerhalb dessen soll möglichst viel Freiheit entstehen. So bleibt die Arbeit konsequent und unverwechselbar, ohne dass am Ende alles gleich aussieht.

JG: Es gibt viele große Themengebiete in Deiner Karriere – Design, Architektur, Startup, etc – was ist der rote Faden, der alles zusammenhält?

KO: Probleme lösen. Das klingt vielleicht wahnsinnig unromantisch für eine Kreative, aber genau das ist es. In all meinen Tätigkeiten geht es im Kern darum, Probleme wirklich zu verstehen und daraus Lösungen zu entwickeln, die etwas verändern, verbessern und dadurch natürlich auch wirtschaftlichen Erfolg schaffen.

Gestaltung ist dabei für mich kein Selbstzweck. Sie ist ein strategisches Werkzeug, mit dem sich Transformation anstoßen und begleiten lässt. Die Lösungen, die ich dabei entwickle, können sehr unterschiedlich aussehen. Manchmal ist es eine visuelle Identität, manchmal ein Produkt, ein Raum, eine Markenstrategie oder sogar ein neues Geschäftsmodell.  Entscheidend ist, dass das Ergebnis wirklich etwas bewegt und das Unternehmen weiterbringt.

JG: Welche Ziele hast Du für die nächsten 15 Jahre? 

KO: Ich möchte eigentlich vor allem meine Neugier behalten, weiter in völlig unterschiedlichen Branchen arbeiten, mit Menschen zusammenkommen, die den Mut haben, Dinge wirklich zu verändern, neu zu denken und auch etwas zu wagen, das es so noch nicht gibt. Und ich hoffe sehr, dass Kreativität ihren Stellenwert behält, trotz KI, wirtschaftlichem Druck und diesem permanenten Effizienzdenken. Das Schlimmste für mich wäre Stagnation. Also ist das Ziel eigentlich ziemlich einfach: Nie stehen bleiben.

JG: Was war in Deinem Leben ein Test, eine Strafe, ein Geschenk? 

KO: Ein Test war sicherlich, mit 16 zu erleben, wie die Welt, in der ich aufgewachsen war, plötzlich komplett verschwindet und ich meinen eigenen Weg in einem völlig neuen System finden musste. Die größte Strafe wäre für mich Stagnation. Das Gefühl, stehen zu bleiben, nichts Neues mehr zu entdecken und keine Entwicklung mehr zu spüren. Und das größte Geschenk ist ganz klar Freiheit. Die Freiheit, meine Meinung zu sagen, eigene Entscheidungen zu treffen, neue Wege zu gehen und Regeln brechen zu können, wenn sie keinen Sinn ergeben. Wer Freiheit nicht immer als selbstverständlich erlebt hat, weiß welchen Wert sie hat.

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