Lara Sophie Bothur auf der DMEXCO

Tech Diary – sechster Eintrag

Liebe Zukunft — wir müssen reden!

Liebes Tech-Tagebuch,

was für eine Welt erschaffen wir gerade?

Es ist 2 Uhr nachts.

Du kannst nicht schlafen. Heute ist etwas passiert, das dir nicht mehr aus dem Kopf geht. Vielleicht hattest du Streit mit deinem Partner. Vielleicht hast du Angst, deinen Job zu verlieren. Vielleicht bist du einfach einsam.

Deine beste Freundin schläft. Deine Eltern schlafen. Deine Therapeutin wird dir erst morgen antworten.

Aber jemand anderes ist wach:

AI.

Du öffnest eine App und fängst an zu schreiben.

Dieser kleine Moment sagt vielleicht mehr über unsere technologische Zukunft aus als jedes neue AI-Modell, jeder Benchmark und jedes Milliardeninvestment.

Denn die wichtigste Frage über künstliche Intelligenz könnte irgendwann nicht mehr sein, was sie kann.

Sondern was sie mit uns macht.

Als Tech-Psychologin glaube ich, dass jede technologische Revolution gleichzeitig eine psychologische Revolution ist.

Technologie verändert nicht nur unsere Werkzeuge. Sie verändert, wie wir denken, wem wir vertrauen, wie wir Entscheidungen treffen, wie wir Beziehungen führen und irgendwann vielleicht sogar, wie wir uns selbst verstehen.

Auf der DMEXCO habe ich vor Kurzem über acht Entwicklungen gesprochen, von denen ich glaube, dass wir ihnen viel mehr Aufmerksamkeit schenken sollten.

Acht menschliche Entwicklungen, ausgelöst durch Technologie.

WIR LAGERN UNSERE EMOTIONEN AUS

Seit Jahrzehnten hilft uns Technologie dabei, körperliche und kognitive Aufgaben auszulagern.

Der Taschenrechner rechnet für uns. Google findet Informationen. Das Navigationssystem sagt uns, wo wir abbiegen müssen.

Jetzt beginnen wir, etwas viel Intimeres auszulagern:

unsere emotionale Verarbeitung.

Menschen teilen schon heute Ängste, Geheimnisse und Beziehungsprobleme zu 20% mit AI.

Und irgendwie ergibt das sogar Sinn.

AI ist um 2 Uhr nachts da.

Sie wird nicht müde, sie unterbricht dich nicht, sie muss nirgendwo anders hin.

Aber was passiert, wenn der einfachste Gesprächspartner irgendwann gar kein Mensch mehr ist?

Stell dir vor, deine Tochter kommt weinend aus der Schule nach Hause. Sie kommt durch die Tür, läuft an dir vorbei, geht in ihr Zimmer und erzählt einer AI, was passiert ist.

Die faszinierende Frage ist für mich deshalb nicht, ob Maschinen irgendwann Gefühle für uns entwickeln werden.

Sondern: Welche Gefühle werden wir für sie entwickeln?

THE NEW PERFECT

Seit Jahren sprechen Psycholog:innen über das sogenannte „Uncanny Valley“: dieses seltsame Unbehagen, das entsteht, wenn ein Roboter fast menschlich aussieht – aber eben nur fast.

Ich glaube, wir betreten gerade ein neues Uncanny Valley.

Nur geht es diesmal nicht nur um Gesichter. Es geht um die Realität selbst:

  • ⁠ ⁠Wurde dieses Foto von einem Menschen aufgenommen?
  • ⁠ ⁠⁠Hat meine Freundin diese Nachricht wirklich selbst geschrieben?
  • ⁠ ⁠⁠Ist diese Frau in dem Video echt?
  • ⁠ ⁠⁠Hat diese Stimme echt von meinem Chef?

Generative AI macht es immer schwieriger, synthetische Inhalte von menschengemachten zu unterscheiden.

Und daraus könnte etwas ziemlich Spannendes entstehen.

Jahrzehntelang hat Technologie uns in Richtung Perfektion gedrängt.

Perfekte Fotos, perfekte Haut, perfekte Sätze, perfekte Feeds.

Aber wenn Perfektion plötzlich unendlich produzierbar wird, könnte Unperfektheit zum Luxus werden.

Das verwackelte Foto, die etwas unbeholfen formulierte Nachricht, die Falte, das kurze Zögern in einer Stimme.

Wir sagen schon so lange: the new perfect is the imperfection. Aber vielleicht sehen wir uns heute noch viel mehr danach als je zuvor.

Vielleicht werden genau die Dinge, die wir jahrelang versucht haben wegzuoptimieren, zu dem, woran wir erkennen:

Das ist echt.

VIELLEICHT GIBT ES BALD 2 ARTEN VON MENSCHEN

Eine andere Entwicklung fasziniert mich auch sehr: Human Augmentation.

Und damit meine ich nicht unbedingt Chips in unseren Gehirnen oder Science-Fiction-Exoskelette.

Es ist viel einfacher.

Zwei Menschen wachen morgens auf:

Der eine beginnt zu arbeiten.

Der andere wacht auf und seine AI hat bereits die Nachrichten zusammengefasst, den Kalender neu organisiert, Meetings vorbereitet und all die Informationen herausgesucht, die er sonst vergessen hätte.

Er setzt eine smarte Brille auf und versteht plötzlich Sprachen, die er nie gelernt hat.

Sein Wearable überwacht seinen Körper. Seine AI erinnert sich an Zusammenhänge, für deren Recherche er früher Stunden gebraucht hätte.

Beide sind Menschen.

Aber nur einer von beiden arbeitet allein.

Intensive AI-Nutzer berichten schon heute davon, mehr als zehn Stunden pro Woche einzusparen. Die Zukunftsforscherin Amy Webb hat gezeigt, wie stark sich die Fähigkeiten eines einzelnen Menschen bereits durch die Kombination heute verfügbarer Technologien um 2.2x erweitern lassen.

Vielleicht entsteht eine der größten Ungleichheiten des kommenden Jahrzehnts deshalb gar nicht zwischen Mensch und Maschine.

Sondern zwischen Menschen, die sich mit Technologie erweitern und Menschen, die es nicht tun.

WIR ERTRINKEN IN INTELLIGENZ

Gleichzeitig produzieren wir mehr Informationen, als ein Mensch jemals konsumieren könnte.

Wir verbringen schon heute jeden Tag Stunden vor Bildschirmen.

Und jetzt kann AI Texte, Bilder, Videos, Podcasts, E-Mails, Präsentationen und Social-Media-Posts in einer Geschwindigkeit produzieren, die wir uns vor wenigen Jahren kaum vorstellen konnten.

Jahrelang hat die Tech-Industrie gefragt:

Wie können wir mehr produzieren?

Ich glaube, die nächste wichtige Frage lautet:

Wie können wir weniger konsumieren?

Vielleicht wird die wertvollste AI der Zukunft gar nicht diejenige sein, die weitere hundert Inhalte für uns produziert.

Sondern diejenige, die uns sagt, welche drei davon unsere Aufmerksamkeit wirklich verdienen.

Aufmerksamkeit wied zu einer unserer wertvollsten Ressourcen.

WER IST TEIL UNSERES CIRCLE OF TRUST?

AI wird gleichzeitig zu etwas anderem:

zu einer Beraterin.

50% der Menschen fragen AI schon heute nach ihrer Karriere, ihren Beziehungen und schwierigen zwischenmenschlichen Situationen.

Und dadurch passiert etwas psychologisch ziemlich Spannendes.

Unser „Circle of Trust“ bestand traditionell aus Menschen.

Dem Freund, dem Partner, den Eltern, dem Arzt, Coach, Lehrer, Kollegen.

Und jetzt zieht sich ganz leise ein weiterer Stuhl an diesen Tisch.

Darauf sitzt eine Maschine.

Und plötzlich müssen wir eine Frage beantworten, über die wir bisher kaum nachgedacht haben:

Wie viel Autorität wollen wir ihr eigentlich geben?

Denn aus Ratschlägen entsteht irgendwann Einfluss. Und Einfluss verändert Entscheidungen.

JE BESSER AI WIRD, DESTO WICHTIGER WIRD UNSER „NEIN“

Damit komme ich zu etwas, das ich das Agency Paradox nenne.

Wir bauen AI Agents genau deshalb, weil wir nicht mehr jede Kleinigkeit selbst tätigen wollen:

  • ⁠ ⁠Buche meinen Flug.
  • ⁠ ⁠⁠Beantworte meine E-Mails.
  • ⁠ ⁠⁠Bestell meine Lebensmittel.
  • ⁠ ⁠⁠Such ein Hotel aus.
  • ⁠ ⁠⁠Plane meine Woche.
  • ⁠ ⁠⁠Finde die beste Option.

Und darin steckt ein riesiger Wert. Wenn wir Routineentscheidungen abgeben, könnte Technologie uns ausgerechnet etwas zurückgeben, das sie uns in den vergangenen Jahren häufig genommen hat:

Zeit.

Aber in dieser Bequemlichkeit steckt ein Paradox.

Je besser Maschinen darin werden, für uns zu entscheiden, desto wichtiger wird es, dass wir entscheiden, was sie niemals für uns entscheiden sollen.

  • ⁠ ⁠Welche Entscheidungen sind Effizienzprobleme?
  • ⁠ ⁠Und welche Entscheidungen gehören zum Menschsein?

Wen ich liebe, woran ich glaube, welche Risiken ich eingehe, was für ein Leben ich führen möchte.

Vielleicht bedeutet Selbstbestimmung im Zeitalter von AI irgendwann nicht mehr, jede Entscheidung selbst zu treffen.

Vielleicht bedeutet Selbstbestimmung, bewusst zu entscheiden, welche Entscheidungen unsere bleiben.

SUPERINTELLIGENZ MACHT INTUITION WERTVOLLER

Und genau an diesem Gedanken lande ich immer wieder, wenn ich über unsere Zukunft nachdenke.

Wir investieren unglaublich viel Energie in die Frage, ob Maschinen irgendwann intelligenter sein werden als wir.

Vielleicht werden sie das.

Sie können schon heute mehr Informationen verarbeiten, als ein einzelner Mensch es jemals könnte.

Aber vielleicht bestand unser menschlicher Vorteil nie darin, mehr zu wissen.

Vielleicht besteht er darin, zu wissen, was wichtig ist:

  • ⁠ ⁠Zu wissen, was wir ignorieren können.
  • ⁠ ⁠⁠Zu spüren, wenn die Daten das eine sagen, aber irgendetwas in uns das andere.
  • ⁠ ⁠⁠Zu merken, wann Optimierung zu weit geht.
  • ⁠ ⁠⁠Zu erkennen, wann etwas Unperfektes bedeutungsvoller ist als etwas Perfektes.

Intuition ist nicht das Gegenteil von Intelligenz.

Manchmal ist Intuition das, was übrig bleibt, wenn sich Jahre menschlicher Erfahrung zu einem Gefühl verdichtet haben, das wir im ersten Moment gar nicht erklären können.

Und vielleicht wird genau das in einer Welt, in der Intelligenz im Überfluss vorhanden ist, immer wertvoller.

Ich bin deshalb optimistisch.

Denn jede Bewegung erzeugt eine Gegenbewegung.

Je synthetischer unsere Welt wird, desto stärker könnten wir uns nach Echtheit sehnen.

Je automatisierter unser Leben wird, desto wichtiger könnte uns Selbstbestimmung werden.

Je perfekter Maschinen werden, desto schöner könnte sich menschliche Unperfektheit anfühlen.

Und je mehr wir über künstliche Intelligenz sprechen, desto mehr sprechen wir plötzlich darüber, was es eigentlich bedeutet, Mensch zu sein.

Also, liebe Zukunft:

Ich glaube nicht, dass unsere größte Herausforderung darin bestehen wird, uns zwischen Technologie und Menschlichkeit zu entscheiden.

Unsere Herausforderung wird darin bestehen, herauszufinden, wo das eine enden und das andere beginnen soll.

Die Technologie wird gerade unglaublich schnell besser.

Die Frage ist, ob wir genauso gut darin werden, zu entscheiden, wie wir mit ihr leben wollen.

Welche Zukunft wollen wir also?

Deine

Lara

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