CAREER_LEARNINGS

Jule Gölsdorf im Gespräch mit Frauen in Business und Politik über ihren persönlichen Weg weit nach oben #39 Paulina Richter

Paulina Richter gründete 2024 die Premium-Pilates-Brand JOSEF P.
Paulina Richter gründete 2024 die Premium-Pilates-Brand JOSEF P.

Heute: Paulina Richter
Gründerin JOSEF P – Reformer Pilates

Learning 1: Es heißt immer, Deutschland sei katastrophal, was Neugründung angeht. Im Vergleich zu anderen Ländern ist es hierzulande sehr attraktiv!

Learning 2:  Es schadet nicht, Standort- oder Mitarbeiter-Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu entscheiden. Auf sich selbst zu hören, ist besser, als sich zu verbiegen.

Learning 3: Sage nie: Diese Idee gibt es schon! Es gibt genügend Kunden für alle!

Jule Gölsdorf: Reformer-Pilates wird immer beliebter, warum?

Paulina Richter: Bevor wir JOSEF P 2024 gegründet haben, war mir nicht bewusst, dass es diesem Boom geben wird. Klar war Pilates schon attraktiv für viele – vor allem für Frauen – aber wir wollen jetzt auch die Männer für den Sport begeistern! Reformer Pilates ist so interessant, weil es eine sehr effektive Sportart ist. Es macht durch die Geräte mehr Spaß, als Matten-Pilates. Und es ist nicht völlig neu für die Leute. Es hat ja auch eine Anlehnung ans Yoga, was es schon lange gibt, ist aber nicht so spirituell. Bei uns sind die Einheiten 50 Minuten lang, ein gutes Workout, aber man ist nicht super verschwitzt oder total kaputt. So kann man Reformer Pilates auch mehrmals die Woche machen.

JG: Was ist der Unterschied zum klassischen Krafttraining?

PR: Das ist gar nicht so weit weg. Bei uns nutzt man nicht nur das eigene Körpergewicht, sondern durch die Federn kann man Gewicht für verschiedene Muskelbereiche hinzufügen. Frauen haben oft eine Hemmschwelle, richtig Gewichte zu heben. Reformer-Pilates ist da ein guter Mittelweg.

JG: Ihr setzt ja nicht nur auf den Sport, sondern auch auf Lifestyle, habt ein Café dabei, war das von Anfang an wichtig?

PR: Das hat sich entwickelt – ein USP ist ja das Gerät mit Bildschirm – damit sind wir die ersten in Europa, die digitales Training auf dem Reformer anbieten! Ich war damals auf der FIBO, da kam die Idee von einem digitalen Studio und da habe ich gesagt: Unbeaufsichtigt sollte da aber keiner Trainieren, es braucht schon einen Ansprechpartner. Also brauchten wir mindestens eine Rezeption, dann kam auch eine Kaffeemaschine dazu, mittlerweile auch mehr. Wir wollen niemanden überfordern mit zu vielen Zutaten, wir konzentrieren uns auf gute Produkte – Qualität vor Quantität. Das kommt sehr gut an und das können wir mit unserer Personalstruktur gut leisten. Jetzt haben wir den zweiten Sommer vor der Tür, da kommen sicher noch ein paar Produkte hinzu.

JG: Wie bist du denn zum Pilates gekommen?

PR: Ich mache das schon länger, klassisch habe ich mit Lagree angefangen, das kommt aus Amerika, ist eine eigene Art, sie wollen es aber nicht Pilates nennen, es ist ein bisschen langsamer. Ich fand das cool, weil das sehr effektiv ist. Beim Reformer Pilates achtet man noch mehr auf die Haltung und den Körper, auf die Atmung und es geht auch in die Dehnung, das finde ich noch schöner. Die Idee des eigenen Studios ist dann eher aus einer Business-Entscheidung entstanden und weniger aus dem Hobby an sich. Ich hab vor ein paar Jahren schon erkannt, dass der Trend in Richtung Gesundheit geht. Und dann habe ich geschaut, was es im Sportbereich gibt – Spinning zum Beispiel, aber das gibt es in München schon seit 10 Jahren. Und ich hab mich dann gefragt, was ist in Zukunft interessant. Und dann haben wir die Idee 2024 in die Realität umgesetzt und im April 2025 das erste Studio am Tegernsee eröffnet. Jetzt haben wir nicht mal ein Jahr lang ein Studio offen – und unser Business hat sich super schnell entwickelt und ist gewachsen.

JG: Wolltest du immer gründen?

PR: Ich komme ja aus der Immobilienbranche und war da auch angestellt. Das hilft übrigens sehr, mein Freund und Mitgründer kommt auch aus der Branche, unsere Studios sind in Immobilien, es gibt viele Themen rund um den Ausbau, Genehmigungen, Planung. Da helfen die Vorkenntnisse. Ich hatte aber schon immer einen Hang zur Selbständigkeit, ich komme auch aus einer Unternehmerfamilie, bin damit groß geworden, dass man 7 Tage die Woche arbeitet und man das aus seiner Leidenschaft heraus macht. Das hat mir im Angestelltenverhältnis gefehlt!

JG: Wie waren die Anfänge? Viele wollen was Eigenes machen, trauen sich aber nicht?  

PR: Wir haben neulich auch gerade darüber nachgedacht, wie JOSEF P so schnell so groß werden konnte. Wir stehen kurz vor der Eröffnung des 5. Studios und drei Wochen später kommt schon das 6. Studio. Wir haben rational überlegt, was braucht es dafür? Das allerwichtigste war das Studio, also die Immobilie an sich. Das ist in München eine große Challenge – aber wir haben eine tolle Fläche gefunden und dafür gekämpft und plötzlich hat es funktioniert. Das wichtigste war, wenn man einen guten Plan hat, danach nicht zu viel darüber nachzudenken, klar macht einem das auch mal Angst, aber man muss einfach anfangen und machen, damit alles ins Rollen kommt.

JG: Ihr seid schnell groß geworden, wie habt ihr die Finanzierung gestemmt?

PR: Wir haben ja jetzt Erfahrungen in drei Ländern gemacht, in Deutschland, Österreich und Spanien. Wir dachten, Deutschland sei katastrophal, was die Unterstützung von Jungunternehmern und Neugründung angeht. Das ist tatsächlich im Vergleich zu anderen Ländern, vor allem Spanien, sehr attraktiv, in Deutschland zu starten. Wir sind klassisch mit einem KFW-Förderkredit gestartet, das darf man einmal im Leben beantragen, damit haben wir das erste Studio finanziert. Danach war es dann nicht so einfach, klar wollen die Banken Sicherheiten, die anderen zwei Studios in Deutschland haben wir aus eigenen Mitteln gestemmt. In Österreich und Spanien dann wieder über eine Bank.

JG: Im Rückblick – würdest du etwas anders machen?

PR: Es gibt nicht viel, was super schief lief. Wir wollten damals schnell eröffnen, eigentlich war beim ersten Studio am Tegernsee der Umbauaufwand viel zu groß! Das hätte uns fast das Genick gebrochen. Das war ein alter Feinkostladen, der sehr marode war, das haben wir unterschätzt! Da haben wir 4 oder 5 Monate umgebaut, quasi kernsaniert – in Düsseldorf zum Vergleich hat es nicht mal 4 Wochen gedauert. Da hätte man etwas schöner und entspannter starten können.

JG: Dein Mitgründer ist auch dein Partner – das hat doch Sprengkraft, oder?

PR: Klar, schon! Aber wir finden das cool – wir wussten natürlich vorher auch nicht, wie das ist. Da haben wir auch gar nicht drüber nachgedacht – zum Beispiel für den Fall, dass wir uns trennen. Ich hab schon Respekt davor, wie es wird, wenn es mal nicht so gut läuft. Und natürlich haben wir super viel Stress, wir arbeiten zusammen, wir wohnen zusammen, wir sind 24/7 zusammen. Da müssen wir uns manchmal bremsen, dass wir an einem Samstagabend auch mal über andere Dinge reden. Aber es bringt eben auch eine andere Geschwindigkeit da rein, weil man nicht nur 40 Stunden arbeitet, sondern immer. Die kreativen Ideen kommen auch mal beim Wandern am Wochenende, wenn man draußen ist. Zum Glück ist bislang alles so aufgegangen, wie wir es uns vorgestellt haben. Klar sind auch mal Sachen nicht so gut gelaufen, aber wir hatten keine richtige Krise. Bislang macht es super viel Spaß, jeder hat seine Bereiche, das halte ich auch für wichtig. Man macht nicht alles zusammen, weiß aber, da denkt noch jemand mit, das erleichtert einiges!

JG: Merkst du einen Unterschied, dass du eine Frau bist – in der Zusammenarbeit mit Investoren zum Beispiel?

PR: Ich kümmere mich bei uns um die Finanzierung, da bin ich dann die einzige Ansprechpartnerin. Bislang habe ich den Unterschied nicht so gemerkt, eher in der Baubranche, wenn ich mit auf der Baustelle bin und obwohl ich gleichberechtigte Anteilspartnerin bin, nur mit Paul geredet wird. Da wird dann davon ausgegangen, dass ich keine Ahnung habe! Aber ich habe ja früher schon mal mit einer Freundin ein Mini-Startup gemacht, wo wir nach Investoren gesucht haben, da habe ich es extremer gemerkt, wenn man da als reines Frauenteam ankommt. Unsere Branche jetzt ist aber auch sehr weiblich geprägt. Wir haben jetzt um die 80 Mitarbeiter, davon sind 90 Prozent Frauen. Wir freuen uns, wenn wir mal eine Bewerbung von einem Mann bekommen!

JG: Bei 80 Mitarbeitern ist Führung auch ein Thema – wie ist das für dich?

PR: Wir machen das beide einfach aus dem Bauch heraus – dadurch, dass wir beide aus Angestelltenverhältnissen kommen, wissen wir, was wir uns als Arbeitnehmer gewünscht hätten und geschätzt haben an Vorgesetzten. Wenn unsere Mitarbeiter etwas brauchen, kommen sie eher zu mir, wenn sie vorsichtig mal anklopfen wollen. (lacht). Wir haben eine sehr geringe Fluktuation, ich glaube, wir haben einen ganz guten Team-Spirit. Aber es ist ein großes Thema, mit dem wir uns tagtäglich beschäftigen, das habe ich auch ein wenig unterschätzt. Wir haben ja vorher nie Personalgespräche geführt – die werden jetzt langsam etwas professioneller. Wir achten darauf, dass es menschlich passt, wir sind ja ein sehr dynamisches, junges, positives, fröhliches Team. Wir lassen unseren Mitarbeitern auch viel Freiheit, wir setzen da auf Vertrauen und bislang funktioniert das auch ganz gut.

JG: Wonach habt ihr die Standorte ausgesucht?

PR: München war klar, weil wir da seit über zehn Jahren wohnen, am Tegernsee wohnt Pauls Familie, da gibt es einen Heimatbezug – wir haben den Ort auch einfach vermisst. Das hätte auch in die Hose gehen können, weil wir dann erstmal gemerkt haben, wie klein Tegernsee eigentlich ist. Da haben wir auch ein größeres Café, sind die einzigen, die frische Säfte anbieten und Shakes oder ein Avocadobrot – also etwas gesünder, als die bayrische Küche. Und Düsseldorf haben wir gemacht, weil ich daher komme – wir sind im Rheinland verankert. Wir haben eher aus dem Bauch heraus entschieden – weil wir einen Bezug hatten oder Leute kannten. Wir kriegen super viele Anfragen aus Hamburg, aber da haben wir beide gar keinen Bezug, da wüssten wir nicht mal, in welchen Stadtteil wir gehen sollten. Auf Mallorca bin ich mehr oder weniger groß geworden, deshalb kommt das jetzt als nächstes. Und Innsbruck ist eine super junge und sportliche Stadt. Meine Wunschstadt wäre noch New York! Auch Zürich fände ich interessant. Aber wir sind jetzt in drei Ländern, das bedeutet drei Mal Steuerberater, unterschiedliche Arbeitsverträge – gerade reichen diese drei!

JG: Welche Tipps hast du noch für Gründer?

PR: Nie nur zu sagen: Das Produkt oder die Idee gibt es schon. Wenn es eines gibt in München, dann sind das Pilates-Studios! Und ich würde trotzdem sagen, ohne die Zahlen der anderen zu kennen, dass alle ihre Daseinsberechtigung haben. Es gibt so viele Menschen, viele sind froh im Bezug auf Pilates – wenn sie nicht groß fahren müssen, sondern ein Studio vor der Tür haben. Es gibt genügend Kunden für alle. Wenn man eine Idee hat, sollte man sich nicht davon abbringen lassen. Aber man muss natürlich bereit sein, viel zu arbeiten!

JG: Unsere Schlussfrage: Was war in deinem Leben ein Geschenk, eine Strafe, ein Test?

PR: Ich habe 2020 meinen Vater verloren, er ist einer der ersten Corona-Toten gewesen. Das war die Mischung aus einem Test und einer Strafe. Rückblickend denke ich – nichts passiert ohne Grund. Ich würde niemals sagen, dass es Glück war, es war das Schlimmste für mich, weil mein Vater ein zentraler Bestandteil meines Lebens war – unsere ganze Familie war darauf aufgebaut. Aber ich wäre dennoch nicht da, wo ich jetzt bin, wenn das nicht passiert wäre. Wahrscheinlich würde ich jetzt etwas anderes machen – bzw. etwas, das er ein wenig mehr gewollt hätte, als ich. Ich habe viel ausprobiert, mein Vater war Unternehmer, da wäre es der einfachste Weg gewesen, in seine Fußstapfen zu treten. Aber heute weiß ich, es wäre nicht das gewesen, was ich hätte machen wollen. Jedes Schicksal hat vielleicht auch seinen Grund und man muss das Beste daraus machen. Und das habe ich in den letzten Jahren versucht. Mich hat das Schicksal zehn Jahre älter gemacht, aber auch zehn Jahre weiter nach vorne gebracht. Ich war Anfang 20 und hatte plötzlich viel Verantwortung. Erst war da Aussichtslosigkeit, Verzweiflung und Trauer über Jahre – und dann habe ich irgendwann gedacht – ich konnte daraus lernen und die Situation in etwas Gutes umwandeln. Vermutlich habe ich dadurch meinen Weg gefunden!

Stay In Touch

Be the first to know about new arrivals and promotions