In dieser Folge der Business Suite schreibt Coachin Mareike Lehmann darüber, warum das, was wir sagen, bei unserem Gegenüber ganz anders ankommen kann. Anhand des Vier Seiten Modells von Friedemann Schulz von Thun zeigt sie, wie wir bewusster kommunizieren, Missverständnisse früher erkennen und schwierige Gespräche klarer führen können
In meiner Arbeit habe ich tagtäglich mit Kommunikation zu tun. In Mediationen, Coachings, Workshops, Trainings oder auf der Bühne. Aber natürlich auch in meiner selbstständigen Tätigkeit mit Kundinnen und Kunden, Geschäftspartnern, Kolleginnen und Kollegen. Und privat als Partnerin, Schwester oder Tochter.
Mich fasziniert Kommunikation so sehr, dass ich sie zu meinem Beruf gemacht habe. Genauer gesagt: bedürfnisorientierte Kommunikation. Denn wenn wir es schaffen, einander wirklich zu verstehen, können wir Brücken bauen und einen Schritt näher zusammenrücken. Etwas, das aus meiner Sicht in einer schnelllebigen, digitalisierten und zunehmend von KI geprägten Welt immer wichtiger wird.
Kurz gesagt: miteinander reden.
Was sich einfach anhört, weil es für uns das Normalste der Welt ist, birgt mehr Stolperfallen, als wir uns vorstellen. Denn reden bedeutet nicht nur, eine Botschaft zu senden. Sie sollte bei meinem Gegenüber möglichst so ankommen, wie ich sie gemeint habe.
Wer jetzt denkt: Das ist doch logisch und eigentlich ganz einfach, sollte unbedingt weiterlesen. Denn genau das ist es nicht.
Reflexionsfrage
Wann hatten Sie zuletzt das Gefühl, etwas eigentlich ganz klar gesagt zu haben und wurden trotzdem missverstanden?
Genau an diesem Punkt setzt das Vier Seiten Modell von Friedemann Schulz von Thun an. Das Modell greift frühere Erkenntnisse der Kommunikationsforschung auf, unter anderem von Karl Bühler und Paul Watzlawick, und verbindet sie zu vier Seiten einer Nachricht. Es beschreibt, dass jede Nachricht vier Seiten hat: die Sachebene, die Beziehungsebene, die Appellebene und die Selbstoffenbarung.
Wie unterschiedlich diese Ebenen wirken können, zeigt ein Beispiel aus einem meiner Coachings. Eine Führungskraft erzählte mir, dass sich eine Mitarbeiterin durch seine Kommunikation häufig unter Druck gesetzt fühlte. Er selbst konnte das zunächst überhaupt nicht nachvollziehen.
In einem Abteilungsmeeting hatte er vor versammelter Mannschaft gesagt:
„Der Bericht ist noch nicht fertig.“
Seine Mitarbeiterin begann sofort, sich zu rechtfertigen. Es sei gerade so viel zu tun, sie könne nicht alles gleichzeitig erledigen.
Er wiederum war irritiert. Denn eigentlich wollte er nur wissen, wie der aktuelle Stand ist, ob sie Unterstützung braucht und ob der vereinbarte Termin gehalten werden kann. Er selbst musste seinem Geschäftsführer dazu berichten und war unter Zeitdruck.
Im Coaching haben wir diesen einen Satz deshalb auf seine vier Seiten gelegt:
Sachebene: Der Bericht ist noch nicht fertig.
Selbstoffenbarung: Ich bin unter Zeitdruck und brauche Klarheit über den aktuellen Stand.
Beziehungsebene: Ich vertraue dir und darauf, dass du den Bericht im Blick hast.
Appellebene: Gib mir einen aktuellen Stand und sag mir, ob du noch etwas brauchst, damit wir den Termin halten können.
Plötzlich wurde sichtbar, wie viel in einem einzigen Satz stecken kann und wie wenig davon in den wenigen Worten tatsächlich deutlich geworden war.
Seine Botschaft hätte also auch lauten können:
„Anja, ich muss unserem Geschäftsführer nachher einen aktuellen Stand zum Bericht geben. Wie weit bist du und brauchst du noch etwas, damit wir den vereinbarten Termin halten können?“
Die Sache bleibt dieselbe. Aber die Botschaft wird klarer.
Reflexionsfrage
Welche Ihrer Botschaften könnte klarer werden, wenn Sie sich vor dem Sprechen fragen, was Sie eigentlich auf den vier Seiten vermitteln möchten?
Was wir senden, ist nur die eine Hälfte von Kommunikation. Denn unser Gegenüber kann dieselbe Nachricht ebenfalls auf vier unterschiedlichen Ebenen hören.
Das erlebe ich in Coachings immer wieder. Eine Klientin erzählte mir beispielsweise von einer Leitungsrunde, die sie moderiert hatte. Im Anschluss sagte der Geschäftsführer zu ihr:
„Sie sind nicht multitaskingfähig.“
Bei ihr kam vor allem eines an: Kritik. Sie fühlte sich in ihrer Kompetenz infrage gestellt. Da es nicht die erste Situation dieser Art war, war sie inzwischen so frustriert, dass sie innerlich bereits über eine Kündigung nachdachte.
Auch diesen Satz kann man mit vier unterschiedlichen Ohren hören:
Sachohr: Er nimmt wahr, dass ich mich während der Moderation auf eine Sache konzentriere.
Beziehungsohr: Er hält mich für nicht kompetent genug.
Appellohr: Ich soll künftig mehrere Dinge gleichzeitig im Blick behalten.
Selbstoffenbarungsohr: Ihm ist wichtig, dass in einer Leitungsrunde mehrere Dinge parallel wahrgenommen und bearbeitet werden.
Was der Geschäftsführer tatsächlich gemeint hat, wissen wir an dieser Stelle nicht. Und genau das ist der Punkt. Wir interpretieren.
Welches Ohr bei uns besonders schnell anspringt, hängt auch mit unseren Erfahrungen, Prägungen, der Beziehung zum Gegenüber und der jeweiligen Situation zusammen. Wenn wir unsere eigenen Tendenzen kennen, können wir einen Moment innehalten und prüfen: Gibt es noch eine andere Möglichkeit, diese Nachricht zu verstehen?
Und vor allem können wir nachfragen.
Reflexionsfrage
Mit welchem der vier Ohren hören Sie besonders häufig und was könnte sich verändern, wenn Sie eine Botschaft bewusst auch mit einem anderen Ohr hören?
Für mich liegt genau hier der Wert des Modells. Es hilft nicht nur dabei, Kommunikation besser zu verstehen, sondern auch bewusster miteinander zu sprechen.
Mein Grundsatz als Mediatorin lautet: klar in der Sache, weich im Kern. Denn hinter jeder Sache steht immer auch ein Mensch mit eigenen Erfahrungen, Gefühlen und Bedürfnissen.
Gerade wenn Gespräche schwierig werden, interpretieren wir schnell. Wir glauben zu wissen, was der andere gemeint hat und reagieren auf unsere Interpretation, statt noch einmal nachzufragen.
In meinen Mediationen ist deshalb das Zuhören eines der wichtigsten Werkzeuge. Eine Möglichkeit ist der kontrollierte Dialog. Dabei fasst die zuhörende Person zunächst mit eigenen Worten zusammen, was bei ihr angekommen ist. Erst wenn das Gegenüber bestätigt, dass es sich richtig verstanden fühlt, geht das Gespräch weiter.
Ein einfaches „Bei mir ist gerade angekommen, dass … Habe ich dich richtig verstanden?“ kann dabei erstaunlich viel verändern.
Denn Verständigung entsteht nicht dadurch, dass einer gesprochen hat. Sondern dadurch, dass beide wissen, was tatsächlich gemeint war.
Reflexionsfrage
Wie oft fragen Sie in wichtigen Gesprächen nach, ob Sie Ihr Gegenüber wirklich richtig verstanden haben?
Das Vier Seiten Modell lässt sich nicht nur nutzen, um Missverständnisse im Nachhinein besser zu verstehen. Es kann auch helfen, wichtige Gespräche vorzubereiten.
Vor einem Mitarbeitergespräch, einer Verhandlung, einem Klärungsgespräch oder einer wichtigen Besprechung lohnt es sich, die eigene Botschaft einmal von allen vier Seiten zu betrachten.
Was ist die reine Sachinformation? Was möchte ich von mir zeigen? Wie möchte ich meinem Gegenüber begegnen? Und was wünsche ich mir konkret von ihm?
Dann kommt die zweite Perspektive hinzu: Wie könnte mein Gegenüber diese Botschaft hören?
Gerade bei schwierigen Gesprächen kann dieser kurze Perspektivwechsel viel verändern. Er hilft dabei, die eigene Botschaft klarer zu formulieren und gleichzeitig den Menschen im Blick zu behalten, der sie hören wird.
Das nutze ich auch in meiner Arbeit, wenn ich Gespräche mit Führungskräften vorbereite oder Teams durch anspruchsvolle Situationen begleite. Denn gute Kommunikation beginnt oft schon lange vor dem ersten Satz.
Reflexionsfrage
Welches wichtige Gespräch steht bei Ihnen an und was verändert sich, wenn Sie Ihre zentrale Botschaft einmal von allen vier Seiten betrachten?
Miteinander reden klingt einfach. Einander wirklich zu verstehen, ist anspruchsvoller.
Das Vier Seiten Modell zeigt für mich sehr anschaulich, wie viel in einer einzigen Nachricht stecken kann und warum es sich lohnt, beim Senden und beim Hören genauer hinzuschauen.
Dabei geht es nicht darum, künftig jeden Satz auf vier Seiten zu überprüfen. Sondern darum, sich bewusst zu machen, dass die eigene Perspektive immer nur eine von mehreren möglichen ist.
Das bekannte Sprichwort sagt: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Für gelingende Kommunikation würde ich es ein wenig anders formulieren:
Reden ist Silber. Aktives zuhören und Nachfragen ist Gold.
Denn Kommunikation endet nicht damit, dass etwas gesagt wurde. Verständigung beginnt dort, wo wir einander wirklich zuhören.
Mareike Lehmann
Mareike Lehmann ist Expertin für Kommunikation und Konfliktklärung und arbeitet als systemische Coachin (DVCT), Mediatorin (Univ.) und Business-Moderatorin (QRC). Sie begleitet Menschen, Teams und Organisationen dabei, Kommunikation bewusstzu gestalten, Konflikte konstruktiv zu klären und tragfähige Entscheidungen zu ermöglichen. Zudem spricht sie auf Bühnen zu den Themen Kommunikation, Konfliktkompetenz und Führung.
In ihrer Kolumne „Business Suite“ auf MarieClaire.de gibt sie regelmäßig Impulse für neue Perspektivenrund um Kommunikation, Zusammenarbeit und konstruktive Konfliktklärung – klar, kraftvoll und nahbar.
Mehr über ihre Arbeit finden Sie unter www.mareikelehmann.de
LinkedIn: linkedin.com/in/mareike-lehmann | Instagram: @klarheitmitmareike
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