Career Learnings #46: Katrin Oeding im Gespräch mit Jule Gölsdorf über ihren Weg nach oben
„Natürlich bin ich auf meinem Weg oft auf die Fresse gefallen! Mit Ideen, mit Entscheidungen und wahrscheinlich auch mit meiner direkten Art!“
Katrin Oeding
Heute: Serena Melani
Kapitänin Explora Journeys
Learning 1: Rolle und Position bringen Verantwortung mit sich – man sollte sich selbst treu bleiben – nur so können wir zu Vorbildern für andere werden.
Learning 2: Das Ego sollte am Kai bleiben und nicht mit an Bord kommen. Entscheidungen drehen sich immer um die Sicherheit des Schiffs – auch, wenn das unpopulär sein kann.
Learning 3: Mut, Stärke und der Sinn für Humor sind wichtig, um eine erfolgreiche Karriere anzustreben.
Jule Gölsdorf: Du bist die erste weibliche Kapitänin innerhalb der MSC Group – wie fühlt sich das an, und wie stolz bist du darauf?
Serena Melani: Als ich 2015 befördert wurde, gab es weltweit nur elf weitere Frauen in derselben Position, keine davon aus Italien. Ich war die erste weibliche Kapitänin bei NCLH. 2022 wurde ich dann die erste weibliche Kapitänin der MSC Group, die mehr als 1.000 Schiffe umfasst. Ehrlich gesagt, ohne jede Frage: Ich habe sehr hart dafür gearbeitet, das zu erreichen. Ich habe das Gefühl, ich habe mir das nach mehr als 36 Jahren vollen Einsatzes verdient. Für mich war es nie nur ein Job – es war eine Entscheidung, die mein Leben geprägt hat.
JG: Wie reagieren die Leute, wenn du dich vorstellst und von deinem Job erzählst? Und wie reagieren die Gäste an Bord auf eine Kapitänin?
SM: Die meisten Gäste erwarten immer noch nicht, dass eine Frau diese Rolle innehat. Manchmal werde ich immer noch mit „Madam“ statt „Kapitänin“ angesprochen. Meinen männlichen Kollegen würde es nie passieren, mit „Sir“ angesprochen zu werden. Ein kleines Detail, das aber genau das Gesamtbild veranschaulicht. Heute haben wir als Frauen die Möglichkeit, Kapitänin zu werden – was aber noch fehlt, ist ein umfassender kultureller Wandel und eine neue Vorstellung von dieser Position.
JG: Hast du das Gefühl, dass mit dem Titel auch eine gewisse Verantwortung einhergeht – weil du eine Art Vorbildfunktion hast?
SM: Rolle und Position bringen immer Verantwortung mit sich. Man sollte die Sache aber anders betrachten: Wir sind zuallererst unser eigenes Vorbild – für uns selbst. Sich selbst treu zu bleiben, ist letztlich das, was uns überhaupt erst zu Vorbildern für andere macht.
JG: Warum war die Branche bisher so männerdominiert? Gibt es etwas an dem Job, worin Männer theoretisch besser sind – und was kannst du als Frau in diesen Beruf einbringen?
SM: Dass Männer hier dominieren, liegt vielleicht daran, dass es nicht nur ein Job ist, sondern ein Lebensstil mit Konsequenzen, die eine Frau stärker einschränken können als einen Mann. Eine Familie zu gründen war nie einfach, und irgendwann muss man sich vielleicht entscheiden. Im Laufe meiner Karriere habe ich mehrere talentierte, professionelle Frauen kennengelernt, die sich irgendwann entschieden haben, eine eigene Familie zu gründen und Kinder zu bekommen – und deshalb aus ihrer Karriere ausgestiegen sind.
JG: Du bist in einer Hafenstadt geboren – war das auch ein Grund für deine Berufswahl? Wie hat das Aufwachsen am Wasser und rund um Schiffe dich geprägt?
SM: Das Meer öffnet den Geist fürs Entdecken und Erkunden – das war schon seit Jahrhunderten so. Ich war schon immer dieses kleine Mädchen auf der Suche nach einem Abenteuer.
JG: Wie strategisch bist du deine Karriere angegangen? Was waren die ersten Schritte?
SM: Es gab keine Strategie. Ich habe meinen Lebenslauf einfach an jede erdenkliche Fracht- und Kreuzfahrtschiff-Gesellschaft in Italien und ganz Europa geschickt. Damals waren E-Mail-Adressen noch nicht weit verbreitet, also habe ich alles auf die altmodische Art gemacht – Bewerbungen per Post verschickt und tausende Kilometer zurückgelegt, um an tausend Türen zu klopfen. Ich hatte keine Kontakte und niemanden in der Branche, den ich um Rat hätte fragen können. Mein eigenes Netzwerk habe ich erst an Bord aufgebaut, indem ich meinen Wert unter Beweis gestellt habe.
JG: Welche Hindernisse gab es am Anfang und auf dem Weg – welchen Vorurteilen bist du als Frau begegnet, und gab es Begegnungen mit Männern, die in einer so männerdominierten Domäne unangenehm waren?
SM: Am Anfang meiner Karriere wollte man mich schlicht nicht einstellen. Nach dem Abitur habe ich fünf Jahre lang nach meinem ersten Job gesucht. Dann habe ich einen Wettbewerb um eine Stelle als Deck Cadet gewonnen – eine Ausbildungsposition und der eigentliche Startpunkt einer Karriere zur See, auf Öltankern und LNG-Tankern. Die Stelle war sechs Monate lang unbezahlt, da sie Teil eines von der Europäischen Gemeinschaft finanzierten Projekts war, gefolgt von weiteren zwölf Monaten mit einem sehr niedrigen Gehalt, bevor ich mich für mein erstes Patent als „Officer of the Watch“ bewerben konnte.
JG: Gab es Momente, in denen du dachtest, diese Berufswahl sei falsch gewesen, weil es schwer war, sich als Frau durchzusetzen? Und inwiefern hat sich die Branche seitdem für Frauen verändert und verbessert? Gibt es etwas, das du dir in dieser Hinsicht wünschen würdest?
SM: Damals konnte einen jede Entscheidung im Leben in ein gewisses Tief führen. Das gehört dazu, und wir haben dieses enorme Privileg, das kostbarste Geschenk, das uns gegeben wurde: Das Leben selbst, mit all seinen Höhen und Tiefen – genau wie das Meer mit seinen Wellen.
JG: Wie viel Ego braucht dieser Job?
SM: Ich sage immer, das Ego sollte am Kai bleiben und nicht mit an Bord kommen, denn jede Entscheidung, die man trifft, dreht sich nicht um einen selbst – sie dreht sich um die Sicherheit des Schiffs und das Wohlergehen aller an Bord. Man muss akzeptieren, dass man dadurch unpopulär werden und nicht von allen gemocht werden kann. Aber die richtige Entscheidung muss nicht zwangsläufig die Entscheidung sein, die die Mehrheit bevorzugt.
JG: Als Frau an der Spitze kommt schnell das Stichwort „Female Leadership“ auf – wie lebst du das, und wie wichtig ist es dir, auch andere Frauen zu unterstützen?
SM: Ich hatte das Gefühl, die Verantwortung zu haben, meinen eigenen Weg zu ebnen – einen, den irgendwann auch andere Frauen gehen würden. Dasselbe wurde für mich getan: Ich bin einen Weg gegangen, den tausende Frauen vor mir geebnet haben. Wenn ich von der Kommandobrücke eines neuen, wunderschönen und faszinierenden Schiffes auf die Welt blicke, dann verdanke ich das der Arbeit tausender anderer Frauen vor mir. Ich empfinde tiefe Dankbarkeit ihnen allen gegenüber – einschließlich der Frauen in meiner eigenen Familie: Meiner Mutter, meinen Tanten und meiner Großmutter.
JG: Welchen Rat würdest du jungen Frauen geben, die eine Karriere als Schiffskapitänin in Erwägung ziehen?
SM: Die herausforderndste, aber auch lohnendste Lebenserfahrung: Man braucht Mut, Stärke und einen unbeschwerten Sinn für Humor und Freundlichkeit – besonders sich selbst gegenüber.
JG: Du hast gerade die Explora III auf die Reise geschickt – was ist besonders an diesem Schiff?
SM: Sie ist, wie ihre älteren Schwestern Explora I und Explora II, das faszinierendste Schiff, mit dem ich je das Privileg hatte zu fahren. Raffiniert und elegant wie eine Dame, ist sie modern, hat aber gleichzeitig einen Vintage-Stil. Definitiv – sie hat Stil.
JG: Wie fühlt es sich eigentlich an, zum ersten Mal ein neues Schiff zu fahren? Welche Fallstricke gibt es, und wie war es?
SM: Man hat das enorme Privileg, als Erste ihre Seele und ihr Herz zu entdecken. Es ist der Beginn einer neuen Geschichte, wie ein neugeborenes Baby, das zum Leben erwacht, und man ist die Erste, die ihr die allerersten Worte beibringt und zeigt, wie man die ersten Schritte macht.
JG: Was macht das Kreuzfahren für dich so besonders?
SM: Kein Tag gleicht dem anderen. So etwas wie Routine gibt es nicht. Man erfindet sein Leben jeden Tag neu.
JG: Als Kapitänin bist du natürlich ständig unterwegs – wie lässt sich dieser Beruf mit Familie und Freunden vereinbaren? Du hast dich bewusst gegen Kinder entschieden, stimmt das?
SM: Ganz einfach: Man kann es nicht mit dem Privatleben vereinbaren. Man muss einfach akzeptieren, dass man manchmal nicht die beste Ehefrau, die beste Tochter, die beste Freundin oder die beste Kapitänin sein wird. Zum Leben gehört auch die Unvollkommenheit.
JG: Das Meer ist unberechenbar – viele Menschen haben Angst vor dem Wasser. Was sagst du ihnen? Und welche Rolle spielen Angst oder Aberglaube für dich?
SM: Mutter Natur bestimmt immer, deshalb ist es wichtig, unsere Grenzen als Menschen zu kennen. Da ich für das Leben von mehr als 1.700 Seelen verantwortlich bin, bin ich immer sehr vorsichtig. Es ist wichtig, dass alle verstehen, dass sie sich in bestimmten Momenten – etwa bei schlechtem Wetter – unwohl fühlen können, ich aber immer daran arbeiten werde, sie sicher zu halten. Das ist meine oberste Priorität. Was den Aberglauben betrifft: Nun, Rituale gehören zu unserem Leben dazu. Wir brauchen sie, um uns an etwas Größerem festzumachen.
JG: Was war eine Prüfung, eine Strafe und ein Geschenk in deinem Leben?
SM: Für alle drei Fragen würde ich sagen: Sei authentisch und dir selbst treu. Ich habe nie den Glauben aufgegeben, dass es nur ein Leben gibt, und wie es in dem wunderschönen Gedicht „Invictus“ heißt: „…ich bin der Meister meines Schicksals, ich bin der Kapitän meiner Seele.“
„Natürlich bin ich auf meinem Weg oft auf die Fresse gefallen! Mit Ideen, mit Entscheidungen und wahrscheinlich auch mit meiner direkten Art!“
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