Folge 2: FührungsKRAFT – die unterschätzte Ressource

In dieser Ausgabe der Coachingkolumne „Business Suite“ zeigt Coachin Mareike Lehmann, woran gemeinsame Führung oft scheitert – und was Leitungsteams stark macht. Mit Reflexionsfragen, Praxisbeispielen und einem ungewöhnlichen Perspektivwechsel lädt sie dazu ein, Führung neu zu denken.

Mareike Lehmann ist Systemische Coachin, Mediatorin und Trainerin. Foto: Alina Von Bredow/Hey Club

1. Gemeinsam führen – aber wie?

Stellen Sie sich ein Team vor, das gemeinsam führen soll – und doch in unterschiedliche Richtungen schaut. Alle engagiert, alle motiviert, jede:r will es richtig machen. Und trotzdem entsteht nach außen kein klares Bild.

So erlebe ich viele Führungsteams in meiner Arbeit: Jede:r gibt sein bzw. ihr Bestes, aber es fehlt an Abstimmung, gemeinsamer Haltung und einem verbindenden Verständnis von Führung. Gerade dort, wo mehrere Menschen gemeinsam Verantwortung tragen, ist das Zusammenspiel entscheidend. Denn Leitungsteams stehen permanent im Fokus – ob sie es wollen oder nicht. Sie wirken – als Vorbilder, Leitfiguren, Entscheidungsträger:innen.

Und genau deshalb liegt eine große Verantwortung in der kollektiven FührungsKRAFT. Doch die wird häufig unterschätzt – weil der Fokus auf Zahlen und Außenwirkung liegt, nicht auf der internen Klärung. Doch genau dort beginnt Führung: erst bei jedem Einzelnen, dann im Team. Und dafür braucht es vor allem eines – Klarheit.

2. Warum Führungsteams Klarheit brauchen

Führung als Projekt zu denken, beginnt mit einer Vision: einem inneren Wunsch, einer klaren Idee davon, wie wir führen wollen. Daraus entwickelt sich ein konkretes Ziel – und erst dann die Umsetzung.

Doch um ein Ziel gemeinsam zu erreichen, braucht es nicht nur eine Richtung, sondern auch ein starkes, bewusstes Miteinander:

  • Wer sind wir als Führungsteam?
  • Was wollen wir ausstrahlen, bewirken, vorleben?
  • Wie kommunizieren wir?

Eine einfache Reflexionsfrage kann viel aufdecken: „Mal angenommen, wir sind in zwei Jahren als Führungsteam erfolgreich – woran würden wir das merken? Wer merkt es zuerst? Und was würden unsere Mitarbeitenden sagen?“ Oder provokanter: „Welche Headline über unser Führungsteam möchten wir in zwei Jahren in der Zeitung lesen?“

Etwas, das vielen nicht bewusst ist: Um gemeinsam wirksam zu führen, muss sich jede:r selbst gut kennen. Nur wer sich seiner Stärken, Schwächen und inneren Überzeugungen bewusst ist, kann kraftvoll im Team wirken. Und so die Kraft von Führung im Positiven entfalten.

Wenn ein Leitungsteam sich dieser Grundlagen nicht bewusst ist, wirkt Führung trotzdem – nur oft ungewollt oder unkontrolliert. In solchen Fällen entstehen Dynamiken, die mehr verunsichern als orientieren. Unstimmige Kommunikation, unterschiedliche Erwartungen und unklare Rollenverteilungen führen nicht selten zu Verwirrung im Team, Vertrauensverlust oder Reibungsverlust. Wer Führung nicht bewusst gestaltet, überlässt sie Zufällen – und damit auch den Spuren, die sie hinterlässt: bei Mitarbeitenden, in der Unternehmenskultur und nicht zuletzt im eigenen Selbstverständnis als Führungskraft.

Foto: Alina von Bredow/Hey Club

3. Typische Stolperfallen aus dem Berufsalltag

Fallbeispiel aus dem Coachingalltag: Ich wurde in ein Unternehmen gerufen, in dem das Führungsteam aus fünf Personen inklusive Geschäftsführung bestand – engagiert, kompetent, aber uneinig. Es fehlte ein gemeinsames Führungsbild. Jede Führungskraft agierte nach bestem Wissen – jedoch aus ihrer individuellen Perspektive heraus. Mitarbeitende berichteten von widersprüchlichen Botschaften, fehlender Verlässlichkeit und einem zunehmenden Gefühl von Orientierungslosigkeit. Die Folge: sinkendes Vertrauen, steigender Frust. Erst als das Team bereit war, bei sich selbst zu beginnen – mit der Reflexion über persönliche Muster, individuelle Trigger, Stärken und Unsicherheiten – und darauf aufbauend über Rollen, Kommunikation und Erwartungen zu sprechen, konnte sich langsam ein gemeinsames Verständnis entwickeln.

Was oft übersehen wird: Führung funktioniert nicht automatisch, nur weil mehrere Menschen Verantwortung tragen. Sie braucht bewusste Abstimmung – denn stellen Sie sich ein Orchester mit mehreren Dirigierenden vor, die gleichzeitig unterschiedliche Takte schlagen. Oder ein Fußballteam mit mehreren Trainer:innen, die widersprüchliche Spielzüge anweisen. Führung ohne Koordination führt zu Chaos statt Klarheit. Nur wenn Leitungsteams sich abstimmen, entsteht ein gemeinsamer Takt – kraftvoll, richtungsweisend, wirksam.

Typische Stolperfallen, die ich häufig beobachte:

Kommunikation & Haltung:

  • Unterschiedliche Kommunikationsstile, die sich widersprechen
  • Einige Führungskräfte reden schlecht übereinander statt gemeinsam aufzutreten
  • Unterschiedliche Haltungen zu Arbeitszeiten, Feedback, Umgang mit Mitarbeitenden
  • Keine gemeinsame Kommunikation nach Leitungsklausuren
  • Informationsstände im Führungsteam sind nicht einheitlich

Organisation & Struktur:

  • Unklare Vertretungsregelungen bei Krankheit oder Abwesenheit
  • Teilzeit- und Vollzeitführungskräfte mit unausgesprochenen Erwartungshaltungen
  • Fehlende Absprache zu Auftritten bei Mitarbeitendenversammlungen

Rollen & Identität:

  • Vom Kollegen zur Führungskraft – ungeklärte Rollenkonflikte
  • Inoffizielle Rollenzuschreibungen im Team: eine Person macht alles, eine wird nicht ernst genommen, eine ist ständig kritisch
  • Fehlende Klarheit über Werte und gemeinsame Führungsprinzipien

4. Was kraftvolle Führungsteams ausmacht

Statt Zufall und Eigendynamik bestimmen zu lassen, braucht es bewusste Führung – und damit klare gemeinsame Grundlagen. Denn Führung ist nicht nur Organisation, sondern prägt maßgeblich die Kultur eines Unternehmens.

  • Eine gemeinsame Führungsvision (nicht zu verwechseln mit der Unternehmensvision), die Orientierung gibt und verbindet
  • Klar definierte Rollen, Aufgaben und transparente Vertretungsregelungen, damit Zuständigkeiten klar und verlässlich sind
  • Persönliche Reflexion über individuelle Trigger, Stärken, Schwächen und innere Muster – denn gute Führung beginnt bei einem selbst
  • Bewusstsein über kollektive blinde Flecken und unbewusste Teamdynamiken, um Verstrickungen früh zu erkennen
  • Gemeinsame Leitlinien und Führungsgrundsätze, die als innere Haltung und äußere Handlung spürbar sind
  • Klare Kommunikationsroutinen – intern wie extern – für einheitliche Botschaften und verlässliche Information
  • Regelmäßige Realitätschecks: durch Supervision, kollegiale Beratung oder durch Mitarbeitendenfeedback
  • Eine gelebte Feedbackkultur – auch durch Mitarbeitende. Entscheidend ist dabei: Rückmeldungen müssen transparent eingeholt, ernst genommen und in echte Entwicklung überführt werden.

Diese Grundlagen sind kein Projekt mit Enddatum – sondern ein lebendiger Prozess, der gepflegt, hinterfragt und weiterentwickelt werden will.

5. Reflexionsfragen für mehr Klarheit und Wirksamkeit im Führungsteam

Diese Fragen sind typische Begleiter in meinen Coaching- und Teamentwicklungsprozessen. Sie regen dazu an, die eigene FührungsKRAFT zu erkennen, bewusst zu gestalten und gemeinsam zu bündeln – im kleinen Tandem wie im großen Leitungskreis.

Selbstbild & Wirkung:

  • Wofür stehen wir als Führungsteam – und woran können andere das erkennen?
  • Wie bewusst ist uns unsere Wirkung? Was sagen unsere Mitarbeitenden über uns – wenn wir nicht dabei sind?
  • Was möchten wir, dass unsere Mitarbeitenden zu Hause über uns erzählen?
  • Was wäre das Gegenteil dessen, wie wir wahrgenommen werden wollen – und wie viel davon steckt (noch) in unserem Alltag?

Zusammenarbeit & Haltung:

  • Was sind unsere gemeinsamen Prinzipien im Umgang mit Verantwortung, Macht und Entscheidungsfindung?
  • Welche Unterschiede in Haltung, Kommunikation und Erwartungshaltung erleben wir – und wie sprechen wir darüber?
  • Wie gehen wir mit Spannungen, Uneinigkeiten oder Fehlern im Team um?
  • Wann und wie holen wir uns gegenseitig Feedback – und wie zeigen wir, dass wir es ernst meinen?
  • Welche blinden Flecken vermuten wir bei uns selbst – und wie laden wir andere ein, uns darauf hinzuweisen?

Vision & Zukunftsbild:

  • Was ist unsere gemeinsame Vision als Führungsteam – jenseits von Zahlen und Zielvorgaben?
  • Wofür wollen wir als Team gefeiert werden?
  • Welche Routinen helfen uns, als Führungsteam verbunden zu bleiben – auch im Alltagstrubel?
  • Wie würde Führungskraft A die Haltung und Wirkung von Führungskraft B beschreiben – und umgekehrt?
  • Wenn wir in einem Jahr auf heute zurückblicken – worauf wollen wir stolz sein?

Diese Fragen sind kein einmaliger Reflexionsmoment – sondern eine Einladung, Führung als gemeinsamen Lern- und Entwicklungsraum zu verstehen.

Foto: Alina von Bredow/Hey Club
Foto: Alina von Bredow/Hey Club

6. Lust auf etwas Ungewöhnliches?

Was wäre, wenn Ihr Führungsteam mal bewusst anders denkt als andere?

  • Wie wäre es, einen eigenen Instagram-Account zu starten – und Ihre Führungsreise mit Ihrer Mitarbeitenden-Community zu teilen?
  • Oder Sie entwickeln ein internes Führungsmagazin mit Erfahrungsberichten, Visionen und Teamporträts?
  • Oder Sie starten eine Team-Retrospektive im Stil eines Podcasts – aufgenommen nur für Ihre Mitarbeitenden?

Manchmal entstehen die besten Entwicklungen dort, wo wir uns trauen, neue Wege zu gehen.

Ich begleite Leitungsteams dabei, genau solche Ideen zu entwickeln – und daraus echte Kulturimpulse zu machen. Neugierig? Schreiben Sie mir oder schauen Sie vorbei auf www.mareikelehmann.de.

7. Abschluss-Impuls

Gute Führung beginnt immer mit Selbstführung. Nur wer sich selbst kennt, mit Klarheit, Haltung und Bewusstsein führt, kann andere zur Entfaltung bringen. Das gilt im Kleinen wie im Großen – ob im Tandem oder in großen Leitungsteams.

Wer also die Kraft von Führung bewusst nutzen will, beginnt nicht mit Strukturen – sondern mit Fragen. Und mit dem Mut, sich selbst und das Team immer wieder neu auszurichten.

Mareike Lehmann ist Systemische Coachin, Mediatorin und Trainerin.

Über die Autorin:

Mareike Lehmann ist systemische Coachin (dvct), Mediatorin (Univ.), Trainerin und Prozessbegleiterin. Sie unterstützt Menschen, Teams und Organisationen bei beruflicher Klarheit und Entwicklung, in Entwicklungsprozessen für starke Teams und erfolgreiche Organisationen, bei authentischer Führung und konstruktiver Konfliktklärung.

In ihrer Kolumne „Business Suite“ auf MarieClaire.de gibt sie regelmäßig Impulse für neue Perspektiven rund um berufliche Entwicklung, Karriere und Zusammenarbeit – klar, kraftvoll und nahbar.

Mehr über ihre Arbeit finden Sie unter www.mareikelehmann.de
LinkedIn: linkedin.com/in/mareike-lehmann | Instagram: @klarheitmitmareike

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