Folge 11: So habe ich das nicht gemeint: Warum wir uns so leicht missverstehen
In dieser Folge der Business Suite schreibt Coachin Mareike Lehmann darüber, warum das, was wir sagen, bei unserem Gegenüber ganz anders ankommen kann
In dieser Ausgabe der Coachingkolumne „Business Suite“ wagt Coachin Mareike Lehmann einen Perspektivwechsel – und erzählt erstmals ihre persönliche Geschichte. Offen, reflektiert und tiefgehend beschreibt sie, wie sich über Jahre gelebte Glaubenssätze wie „Ich darf niemanden enttäuschen“ oder „Ich muss leisten, um geliebt zu werden“ in Beziehungen, Beruf und Selbstbild verankerten – und wie sie sich daraus befreite. Eine Einladung zur ehrlichen Selbstreflexion über das, was uns wirklich prägt – und wie wir alte Muster in neue Klarheit verwandeln können.
Ich war immer die Lustige. Die, die andere zum Lachen bringt. Die, bei der sich alle wohlfühlen. Die, die zuhört – auch wenn sie innerlich anderer Meinung ist. Ich wollte niemandem auf die Füße treten. Nicht anecken. Nicht unbequem sein. Stattdessen gefallen, begleiten, beruhigen. Ich war eine Meisterin darin, mich anzupassen. Und genau das wurde mir irgendwann zum Verhängnis.
Denn wenn andere schlecht über jemanden sprachen, fand ich das oft nicht in Ordnung. Aber anstatt meine Haltung zu zeigen, nickte ich mit, bestärkte – nicht aus Bosheit, sondern weil ich dem anderen das Gefühl geben wollte, gehört zu werden. Ich war nicht Teil des Konflikts, aber auch nicht frei davon.
Ich kannte lange Zeit nur zwei Zustände: energiegeladen und überdreht – oder völlig erschöpft. Ich funktionierte, aber ich spürte mich kaum. Ich wusste oft gar nicht, worauf ich wirklich Lust hatte. Mein eigenes Bedürfnis? Unwichtig, wenn andere noch Hunger hatten. Ich hätte nie das letzte Stück Kuchen genommen.
Ich dachte, so müsse das sein. So sei man eben, wenn man ein „guter Mensch“ ist. Und irgendwann: eine gute Partnerin. Eine gute Kollegin. Eine gute Tochter. Eine gute Freundin.
Aber gut für wen?
Rückblickend war es nicht nur mein Verhalten, das so angepasst war. Es waren tiefe, leise Überzeugungen, die mich leiteten – Glaubenssätze, die ich damals nicht kannte, aber die mein ganzes Denken und Handeln beeinflussten.
„Ich darf niemanden enttäuschen.“
„Ich bin nur etwas wert, wenn ich stark bin.“
„Ich muss leisten, um geliebt zu werden.“
„Ich darf nicht egoistisch sein.“
Ich habe diese Sätze nie bewusst gedacht – sie waren einfach da. Sie wirkten wie ein inneres Betriebssystem, das mir vorgab, was richtig und falsch sei, was erlaubt war und was nicht. Und so lebte ich: angepasst, fleißig, gut gelaunt – aber innerlich weit entfernt von mir selbst.
Glaubenssätze entstehen oft früh. In der Kindheit. In der Schule. In langen Partnerschaften. In der Arbeitswelt. Überall dort, wo wir dazugehören wollen – und gleichzeitig spüren, dass unsere eigenen Bedürfnisse nicht immer willkommen sind. Unsere Eltern, Lehrkräfte, Kolleg:innen – sie meinen es oft gut. Aber auch sie handeln auf Basis ihrer eigenen Glaubenssätze. Ihre eigenen Muster werden weitergegeben, ganz ohne böse Absicht.
Ich habe gelernt: Ein Glaubenssatz ist kein böser Satz. Er ist ein Schutz. Eine Strategie. Eine Antwort auf Erfahrungen, die wir irgendwann gemacht haben. Und irgendwann beginnt man, sich selbst in diesen Mustern zu verlieren – weil man nie gelernt hat, zu fragen: Was will eigentlich ich?
Diese Glaubenssätze blieben nicht theoretisch. Sie formten mein Leben.
Ich suchte mir Partner, von denen viele in meinem Umfeld von Anfang an sagten: „Das wird nichts.“ Ich hörte es, aber ich hörte nicht hin. Tief in mir war ich überzeugt: Ich bin nicht gut genug. Und diese Überzeugung wirkte wie ein Magnet – ich zog genau die Beziehungsdynamiken an, die mir das spiegelten. Wenn es dann scheiterte, war es fast wie eine Bestätigung: Siehst du? Keiner will dich wirklich.
Was tragisch klingt, war auf eine paradoxe Weise vertraut. In diesen Momenten, wenn ich wieder allein war, kam ein anderer Teil in mir zum Vorschein: die Sehnsucht nach Nähe, nach Trost. Ich bekam Mitgefühl von Freund:innen,
Aufmerksamkeit – und plötzlich fühlte ich mich wieder liebenswert. Es war eine absurde Logik, aber in meiner inneren Welt ergab sie Sinn. So funktionierte mein System.
Auch im Beruf erlebte ich ähnliche Schleifen. Ich arbeitete viel, wechselte oft, fühlte mich selten richtig gesehen. Ob Titel, Gehalt, Anerkennung – nie war es genug. Ich strampelte, war fleißig, engagiert, loyal. Und hatte doch immer das Gefühl, am Rand zu stehen.
Ein Moment brannte sich besonders ein: Ich war in diesem Unternehmen Führungskraft und regelmäßig als Gast im oberen Leitungskreis eingeladen – aber nie offiziell Teil davon. Immer hieß es: „Bald.“ Ich strengte mich noch mehr an, gab alles. Ich bekam Lob – aber keine neue Rolle. Und wieder war sie da, die alte Stimme: Du bist nicht gut genug. Du bist es nicht wert.
Ich war müde. Nicht einfach erschöpft – müde im Innersten. Ich hatte alles gegeben, alles richtig gemacht, mich angepasst, gestrampelt, gelächelt, mitgelitten. Und trotzdem war ich nicht dort angekommen, wo ich hinwollte. Oder besser: wo ich dachte, hinzuwollen.
Dann kam dieses Gespräch mit einem Kollegen.
Er war Mitglied im Leitungskreis, ich war es nicht – trotz jahrelanger Ankündigungen, trotz Lob, trotz Leistung. Er sah mich eines Tages an und fragte:
„Willst du das überhaupt? Willst du wirklich in den Leitungskreis?“
Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Natürlich wollte ich das. Oder?
Zum ersten Mal ließ ich die Frage zu. Und spürte: Nein. Ich wollte das nicht. Ich wollte nicht führen um des Führens willen. Ich wollte nicht dazugehören, nur um anerkannt zu werden. Ich wollte wirken. Etwas bewegen. Aber auf meine Art – nicht innerhalb eines Systems, das sich falsch anfühlte.
Diese eine Frage war der Startpunkt. Ich begann, mich selbst zu befragen.
Nicht: Was erwarten andere?
Sondern: Was will ich wirklich?
Nicht: Was gibt mir Status?
Sondern: Was gibt mir Sinn?
Und so begann ich, mir langsam einzugestehen: Ich hatte mich selbst belogen. Und das nicht aus Dummheit oder Schwäche – sondern aus tief verwurzelten Mustern, aus alten Glaubenssätzen, die mich in die Irre führten. Und aus einer Sehnsucht nach Zugehörigkeit, die mich immer wieder von mir selbst wegführte.
Es war kein lautes Erwachen. Kein dramatischer Bruch.
Eher ein langsames, schmerzhaft ehrliches Begreifen: Ich hatte mich jahrelang in ein Leben manövriert, das gar nicht meines war.
Ich funktionierte in einem inneren Drehbuch, das mir vorgab, wie Erfolg auszusehen hatte. Wie Zugehörigkeit erarbeitet werden musste. Wie man sein sollte, um wertvoll zu sein. Aber ich hatte vergessen zu prüfen, ob dieses Drehbuch überhaupt zu mir passte. Oder ob ich vielleicht längst eine andere Geschichte schreiben wollte.
Zum ersten Mal begann ich, innezuhalten. Zu spüren. Nicht, was erwartet wird. Sondern: Was will ich? Was brauche ich? Was fühlt sich für mich stimmig an – unabhängig von Status, Sicherheit oder Erwartungen?
Es war ein Prozess. Und oft fühlte ich mich darin wie ein Vogel im Käfig, der langsam, schmerzhaft spürt, wie sehr ihm die Flügel fehlen. Aber auch: wie lebendig dieser Wunsch war, endlich zu fliegen.
Ich las, ich reflektierte, ich machte Therapie, durchlief Ausbildungen, begann, mich selbst zu verstehen – meine Muster, meine Schutzstrategien, meine Glaubenssätze. Und zum ersten Mal in meinem Leben – mit Anfang 40 – fragte ich mich ehrlich: Wie geht es mir eigentlich wirklich?
Nicht: Was erwarten andere?
Sondern: Was will ich vom Leben – auf meine Art?
Glaubenssätze sind keine Sätze, die wir bewusst denken. Es sind tief verwurzelte Überzeugungen, die wir oft nicht einmal als solche erkennen – weil sie für uns wie Wahrheit klingen.
Sie entstehen nicht nur in der Kindheit, auch wenn dort viele ihren Ursprung haben. Sie entstehen auch in Beziehungen, in der Schule, im Job, in Rollenbildern, die wir übernehmen. Sie entstehen, wenn wir erleben, was funktioniert – und was weh tut.
Ein Glaubenssatz ist kein Satz auf Papier. Es ist ein inneres Programm. Es beeinflusst, wie wir die Welt wahrnehmen, was wir fühlen, was wir glauben, leisten zu müssen. Und weil wir durch unsere Erfahrungen „lernen“, suchen wir oft unbewusst Situationen, die diese Sätze bestätigen.
Warum? Weil uns vertraut ist, was uns bekannt vorkommt – auch wenn es uns klein hält.
Der Konstruktivismus nennt das: Wirklichkeit ist eine Konstruktion.
Wir sehen die Welt durch die Brille unserer inneren Überzeugungen. „Ich bin nicht gut genug“ wird dann zu einem Suchscheinwerfer, der nur das beleuchtet, was diese Geschichte bestätigt.
Wir verpassen die leisen Beweise dafür, dass das Gegenteil längst stimmt.
Glaubenssätze helfen uns oft, durch schwierige Phasen zu kommen. Sie schützen uns.
Aber irgendwann halten sie uns klein. Und dann dürfen wir sie hinterfragen. Nicht verurteilen. Nicht bekämpfen. Sondern verstehen – und entscheiden, ob sie uns heute noch dienen.
Ich habe meine Glaubenssätze erkannt. Ich kenne ihre Mechanismen, ich durchblicke ihre Logik. Und trotzdem – sie kommen immer wieder zurück.
Nur eben nicht mehr als unerkannte Realität, sondern als alte Bekannte. Verkleidet. Leise. In Momenten, in denen ich verwundbar bin.
Dann tauchen sie auf – „Du bist nicht gut genug“, „Jetzt musst du dich wieder beweisen“, „Wenn du Nein sagst, wirst du verlassen“ – nicht als Gedanke, sondern als Gefühl. Als Reaktion im Körper.
Bei mir ist es eine Mischung aus Ohnmacht und innerer Enge.
Ein flacher Atem. Anspannung in der Brust. Verwirrung.
Inzwischen erkenne ich diese Signale. Nicht immer sofort – aber schnell genug, um zu sagen: „Ah, da bist du wieder.“
Ich rutsche dann nicht mehr komplett hinein. Ich rutsche ein Stück – aber ich kann innehalten. Atmen. Mich erinnern:
Ich bin nicht mehr das Kind, das sich beweisen muss. Ich bin heute eine erwachsene Frau mit Wahlmöglichkeiten.
Und selbst wenn ich in alte Muster falle, ist da heute etwas Neues: Mitgefühl. Ich verfluche meine Glaubenssätze nicht. Sie haben mich durch schwierige Zeiten getragen.
Aber ich danke ihnen – und nehme ihnen freundlich das Steuer aus der Hand.
Denn ja – Glaubenssätze lassen sich verändern.
Nicht, indem wir sie ignorieren. Sondern, indem wir sie verstehen – und bewusst neue innere Erlaubnisse entwickeln.
Zum Beispiel:
„Ich muss perfekt sein, um anerkannt zu werden.“ wird zu:
„Ich darf Exzellenz zeigen – aber ich bin auch dann wertvoll, wenn ich Pausen mache.“
„Ich darf nicht enttäuschen.“ wird zu:
„Ich darf klar sein – auch wenn andere damit hadern.“
Solche Sätze entfalten ihre Wirkung nicht durch Wiederholung allein – sondern, wenn wir sie fühlen lernen.
Wenn wir sie in konkreten Situationen ausprobieren. Wenn sie nicht nur in unserem Kopf, sondern in unserem Körper ankommen.
Ich begleite heute Menschen genau auf diesem Weg:
Vom Erkennen – zum Erlauben – zum Leben eines Satzes, der stärkt.
Und ich weiß: Veränderung ist möglich.
Nicht perfekt, aber kraftvoll.
Nicht über Nacht, aber Schritt für Schritt.
Ich weiß heute: Meine Glaubenssätze gehören zu mir. Sie sind Teil meiner Geschichte. Ich muss sie nicht loswerden. Ich muss sie verstehen – und lernen, gut mit ihnen zu leben.
Das bedeutet nicht, dass ich keine Muster mehr habe. Es bedeutet, dass ich sie erkenne, ernst nehme, aber nicht mehr automatisch nach ihnen handle. Ich spüre heute viel schneller, wenn ich beginne, mich zu verlieren. Wenn ich mich überanpasse, gefallen will, zu viel gebe, ohne auf mich zu achten.
Und ich kann entscheiden. Für mich.
Diese Fähigkeit kam nicht über Nacht. Sie wuchs langsam – mit jeder Entscheidung, mich selbst ernst zu nehmen. Mit jedem Schritt, der mir Sicherheit in mir selbst gab. Nicht im Außen, nicht im Status, sondern in meinem inneren Kompass.
Ich habe mich selbstständig gemacht – obwohl ein alter Glaubenssatz laut flüsterte:
„Nur eine Festanstellung ist sicher.“
Ich habe mich für eine Partnerschaft auf Augenhöhe entschieden – obwohl ein alter Anteil in mir lange dachte, ich müsse für Liebe etwas leisten.
Ich habe angefangen, mich selbst zu fragen, was ich wirklich brauche.
Nicht, um es „richtig“ zu machen. Sondern, um in Verbindung mit mir zu bleiben.
Heute arbeite ich als Coachin mit Führungskräften, Teams und Menschen, die ebenfalls an einem Punkt stehen, wo alte Muster nicht mehr tragen – und neue Wege noch unsicher sind.
Wir begegnen dabei oft genau diesen Themen:
Glaubenssätze. Prägungen. Trigger. Erwartungen. Und der Wunsch nach echter, innerer Klarheit.
Vielleicht haben Sie sich in einigen meiner Erfahrungen wiedergefunden.
Vielleicht spüren Sie, dass da auch in Ihrem Leben Muster wirken, die Ihnen einmal geholfen haben – und Sie heute eher begrenzen.
Dann lade ich Sie ein, sich selbst ein paar ehrliche Fragen zu stellen:
Und vielleicht die wichtigste Frage:
Wie würde ich leben, wenn ich tief in mir wüsste: Ich bin gut, so wie ich bin?
Nehmen Sie sich Zeit. Es braucht keine sofortigen Antworten. Nur die Bereitschaft, ehrlich hinzuschauen – und liebevoll dranzubleiben.
Gerade für Menschen in Führungsverantwortung ist dieser innere Kontakt entscheidend.
Gerade für Menschen in Führungsverantwortung ist dieser innere Kontakt entscheidend.
Denn ich bin zutiefst davon überzeugt:
Eine moderne Führungskraft ist stark in der eigenen Authentizität verankert, kennt die eigenen Glaubenssätze und damit verbundene Muster und Triggerpunkte. Sie handelt nach den eigenen Werten – potenzialorientiert, klar und auf Augenhöhe.
Wenn wir uns selbst gut führen können, führen wir auch andere besser. Nicht kontrollierend – sondern kraftvoll. Nicht perfekt – aber präsent.
Glaubenssätze verschwinden nicht einfach. Aber wir können lernen, sie zu erkennen, zu verstehen – und neue Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen, die nicht aus Angst, sondern aus Klarheit entstehen.
Veränderung beginnt oft nicht mit großen Gesten.
Sondern mit einem leisen Innehalten. Mit einem: „Stimmt das wirklich, was ich da über mich denke?“
Und mit dem Mut, nicht länger nur zu funktionieren, sondern sich selbst wieder zur Verbündeten zu machen.
Wenn Sie spüren, dass Sie an einem Punkt stehen, an dem alte Muster nicht mehr tragen – und neue Wege sich noch unsicher anfühlen – begleite ich Sie gern. In einem Coaching schaffen wir Raum für das, was wirklich zählt: Ihre Bedürfnisse, Ihre Klarheit, Ihre Richtung.
Denn manchmal braucht es nur ein Gespräch, das anders ist als alle davor, um sich selbst wieder zu begegnen.
Mareike Lehmann ist systemische Coachin (dvct), Mediatorin (Univ.), Trainerin und Prozessbegleiterin. Sie unterstützt Menschen, Teams und Organisationen bei beruflicher Klarheit und Entwicklung, in Entwicklungsprozessen für starke Teams und erfolgreiche Organisationen, bei authentischer Führung und konstruktiver Konfliktklärung.
In ihrer Kolumne „Business Suite“ auf MarieClaire.de gibt sie regelmäßig Impulse für neue Perspektiven rund um berufliche Entwicklung, Karriere und Zusammenarbeit – klar, kraftvoll und nahbar.
Mehr über ihre Arbeit finden Sie unter www.mareikelehmann.de
LinkedIn: linkedin.com/in/mareike-lehmann | Instagram: @klarheitmitmareike
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