In dieser Folge der Business Suite schreibt Coachin Mareike Lehmann über People Pleasing, Konfliktvermeidung und die Frage, warum viele Konflikte nicht durch Konfrontation entstehen, sondern durch das, was unausgesprochen bleibt
Viele Menschen erleben People Pleasing zunächst als etwas Positives. Hilfsbereit sein.
Rücksicht nehmen. Verantwortung übernehmen. Harmonie sichern.
Gerade im beruflichen Kontext wird dieses Verhalten oft belohnt. Die Menschen, die einspringen, mitdenken, zuhören und Konflikte vermeiden, gelten häufig als besonders sozial und teamfähig.
Und gleichzeitig beginnt genau hier oft ein innerer Konflikt.
Dann nämlich, wenn ein eigenes Bedürfnis spürbar wird, ein Nein auftaucht oder eine Grenze überschritten ist und trotzdem Ja gesagt wird.
Nach außen wirkt oft noch alles ruhig. Innen ist es das meistens nicht mehr.
Reflexionsfrage
In welchen Situationen sagen Sie beruflich Ja, obwohl innerlich längst ein Nein spürbar ist?
Viele Konflikte beginnen nicht laut. Sie entstehen schleichend.
Nicht durch offene Konfrontation, sondern durch das, was nicht gesagt wird. Durch unausgesprochene Erwartungen, zurückgehaltene Bedürfnisse und Anpassung, die zu lange anhält.
In meiner Arbeit mit Führungskr.ften, Teams und in der Mediation zeigt sich immer wieder, wie stark Konfliktvermeidung Beziehungen und Zusammenarbeit beeinflussen kann.
Denn wer dauerhaft über eigene Grenzen hinweggeht, wird oft irgendwann still unzufrieden.
Gereizt. Erschöpft. Oder innerlich auf Abstand.
Nicht, weil andere Menschen grundsätzlich falsch handeln, sondern weil etwas Wichtiges keinen Platz bekommt.
Konflikte entstehen deshalb häufig früher, als viele denken. Oft bereits in dem Moment, in dem Menschen beginnen, sich selbst zurückzunehmen.
Reflexionsfrage
Welche Bedürfnisse oder Grenzen sprechen Sie im Arbeitsalltag eher selten offen aus?
People Pleasing wirkt nach außen oft ruhig und angepasst. Innerlich entsteht jedoch häufig Druck.
Denn unser Nervensystem reagiert auf Konflikte nicht nur rational. Wenn Menschen sich bedroht, übergangen oder nicht gesehen fühlen, entstehen oft automatische Schutzreaktionen.
Angriff. Rückzug. Erstarren.
Dann wird Kommunikation schwieriger. Menschen reagieren emotionaler, hören schlechter zu oder verlieren den Zugang zu ihrer sonstigen Klarheit.
Gerade deshalb lohnt es sich, Konflikte früher wahrzunehmen. Nicht erst dann, wenn Situationen eskalieren, sondern bereits dort, wo das eigene Bauchgefühl beginnt, sich zu melden.
In der Konfliktklärung geht es deshalb selten nur um die Sache selbst. Oft geht es um Bedürfnisse wie Respekt, Verlässlichkeit, Zugehörigkeit oder Anerkennung.
Und darum, wie Kooperation möglich bleibt, obwohl unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen.
Reflexionsfrage
Woran merken Sie frühzeitig, dass Sie beginnen, sich selbst in einer Situation zu verlieren?
Viele Menschen glauben, dass Klarheit automatisch zu Konflikten führt. Dass Grenzen andere verletzen oder Beziehungen gefährden.
Doch oft ist das Gegenteil der Fall.
Wer dauerhaft nicht ausspricht, was wirklich wichtig ist, nimmt anderen die Möglichkeit, darauf einzugehen. Erst Klarheit macht Kooperation möglich.
Dabei geht es nicht darum, härter zu werden oder häufiger Nein zu sagen. Sondern darum, sich selbst ernster zu nehmen und die eigenen Bedürfnisse früher wahrzunehmen.
Verstehen bedeutet dabei nicht automatisch Einverständnis. Menschen dürfen unterschiedlich sein und trotzdem in Verbindung bleiben.
Vielleicht beginnt genau dort ein anderer Umgang mit Konflikten. Nicht in der Frage, wer Recht hat, sondern in der Bereitschaft, sich selbst und die andere Seite gleichzeitig wahrzunehmen.
Reflexionsfrage
Was würde sich in Ihren Beziehungen oder im Arbeitsalltag verändern, wenn Sie Konflikte früher ansprechen würden?
Nicht jeder Konflikt muss eskalieren. Aber viele Konflikte wirken weiter, wenn sie unausgesprochen bleiben.
People Pleasing ist deshalb oft keine reine Freundlichkeit, sondern der Versuch, Spannung, Ablehnung oder Unsicherheit zu vermeiden.
Und gleichzeitig entsteht genau dadurch häufig das, was eigentlich verhindert werden sollte:
Distanz, Frust und fehlende Klarheit.
Konflikte werden gestaltbar, wenn Menschen beginnen, sich selbst und die andere Seite bewusster wahrzunehmen.
Ich sehe mich.
Ich sehe dich.
Und genau dort wird echte Kooperation möglich.
Mareike Lehmann ist systemische Coachin (DVCT), Mediatorin (Univ.) und Business-Moderatorin (QRC). Sie begleitet Menschen, Teams und Organisationen dabei, Kommunikation bewusst zu gestalten, Konflikte konstruktiv zu klären und tragfähige Entscheidungen zu ermöglichen. Zudem spricht sie auf Bühnen zuden Themen Kommunikation, Konfliktkompetenz und Führung.
In ihrer Kolumne „Business Suite“ auf MarieClaire.de gibt sie regelmäßig Impulse für neue Perspektiven rund um Kommunikation, Zusammenarbeit und konstruktive Konfliktklärung – klar, kraftvoll und nahbar.
Mehr über ihre Arbeit finden Sie unter www.mareikelehmann.de
LinkedIn: linkedin.com/in/mareike-lehmann | Instagram: @klarheitmitmareike
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