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Was passiert, wenn Langeweile krank macht und wie Unternehmen und Mitarbeitende gegensteuern können
Am Anfang klang alles nach ihrem Traumjob: Verantwortung, Gestaltungsspielraum, ein eigenes Büro, ein kleines Team. Die Klientin, Anfang 40, hatte gerade eine neue Leitungs-Position in einem neuen Unternehmen übernommen. Sie war motiviert, strukturierte Prozesse neu, kümmerte sich um Recruiting, Kommunikation und Mitarbeitendenbindung. Es war viel zu tun. Genau das war es, was sie mochte. Doch bereits nach dem ersten Jahr wurde es ruhiger. Die Prozesse liefen, neue Impulse blieben aus. Ihre Ideen wurden nur halbherzig aufgenommen, Zielgespräche verliefen unverbindlich. Sie merkte, dass sie kaum noch gefordert war und begann sich zu fragen, ob sie überhaupt noch einen Unterschied machte. Mit der Zeit schlich sich ein Gefühl von Leere ein. Sie fühlte sie sich innerlich zunehmend erschöpft. Statt Überlastung spürte sie eine bleierne Müdigkeit – verursacht durch das Gegenteil: chronische Unterforderung. Was sie lange nicht benennen und schon gar nicht glauben konnte, hatte einen Namen: Boreout.
Reflexionsfragen:
Meine Klientin hat lange gebraucht, um zu verstehen, was eigentlich mit ihr los war. Sie war beruflich und privat erschöpft, gereizt, innerlich leer und hatte das Gefühl, nichts geleistet zu haben, nichts wert zu sein und nichts richtig zu können. Das Selbstbewusstsein war im Keller. Erst durch eine Recherche im Netz und ein Gespräch mit ihrer Therapeutin stieß sie auf den Begriff Boreout. Boreout ist ähnlich wie Burnout, nur anders. Kein „Zuviel“, sondern ein „Zuwenig“ an Herausforderung, Sinn und Entwicklung. Es ist nicht das Tempo, das krank macht, sondern der Stillstand. Was so paradox klingt, ist für viele bittere Realität: Sie sitzen in sicheren Jobs, haben oft einen vollen Terminkalender und doch das Gefühl, innerlich zu verdorren. Denn Boreout ist nicht Faulheit. Es ist das Ergebnis chronischer Unterforderung, gepaart mit dem Gefühl, nichts verändern zu können oder zu dürfen. Oft bleibt Boreout lange unentdeckt. Weil niemand darüber spricht. Weil Scham im Spiel ist. Oder weil wir gelernt haben, durchzuhalten, den Zustand zu überspielen – selbst wenn es uns längst nicht mehr gut geht.
Reflexionsfragen:
Boreout kommt nicht über Nacht, es entsteht schleichend, oft fast unmerklich. Auch bei meiner Klientin war es ein Prozess in mehreren Phasen über Jahre:
1. Anfangseuphorie: Der neue Job brachte Gestaltungsspielraum, Verantwortung, Anerkennung. Alles fühlte sich sinnvoll und richtig an.
2. Routine: Bereits nach dem ersten Jahr hatte sie alle Prozesse optimiert, Projekte abgeschlossen, Veranstaltungen durchgeführt. Die Aufgaben wiederholten sich, die Herausforderung nahm ab.
3. Leerlauf: Die Arbeit wurde weniger. Nicht, weil sie weniger gebraucht wurde, sondern weil es strukturell an Entwicklungsmöglichkeiten fehlte. Ideen versandeten, Aufgaben fehlten.
4. Sinnverlust: Ohne neue Impulse und Feedback begann sie, ihren Beitrag infrage zu stellen. Die Frage „Wofür mache ich das alles?“ wurde immer lauter.
5. Isolation: Die Stimmung im Unternehmen war von Trägheit geprägt, Vertraute Kolleg:innen gingen, Austausch wurde seltener. Durch Homeoffice und Kurzarbeit währen der Coronapandemie war sie oft allein gelassen.
6. Erschöpfung: Obwohl sie kaum etwas zu tun hatte, war sie abends völlig ausgelaugt. Die Leere zermürbte sie mehr als jeder Stress.
Reflexionsfragen:
Viele, die unter Boreout leiden, sprechen nicht darüber – aus Scham, aus Angst vor Kündigung oder aus Sorge, schwach zu wirken. Die gesellschaftliche Erzählung lautet oft: „Sie haben doch einen sicheren Job. Seien Sie froh.“ Doch genau diese Sicherheit kann zur Falle werden. Wer kaum noch gefordert wird, aber nicht kündigen kann oder will, fühlt sich schnell wie in einem goldenen Käfig. Auch meine Klientin fühlte sich gefangen. Ihre Arbeit hatte längst ihren Sinn verloren, doch sie machte weiter. Aus Pflichtgefühl, aus Angst, aus Unsicherheit. Gespräche mit der Führung verliefen ins Leere, Zielgespräche wurden nicht mehr geführt. Sie lernte, die richtigen Dinge zu schreiben und zu erzählen, damit niemand etwas merkt. Im Kollegium wurde nicht offen gesprochen – viele schwiegen aus denselben Gründen. Und je länger der Zustand andauerte, desto tiefer wurde die Erschöpfung. Besonders perfide: Wer sich unterfordert fühlt, beginnt oft, an sich selbst zu zweifeln. Die Gedanken kreisen: Bin ich zu anspruchsvoll? Zu undankbar? Oder einfach nicht mehr belastbar? Ein stilles Leiden, das viele unterschätzen.
Reflexionsfragen:
Meine Klientin hat sich langsam zurück ins Leben gearbeitet. Der Wendepunkt kam, als sie sich einem Kollegen anvertraute, dem es ganz genau so erging. Er sagte damals: „Wir sind wie Quallen, wir treiben einfach nur noch so dahin. Aber eigentlich sind wir doch Rennpferde.“ Dieser Satz ließ sie nicht mehr los. Sie begann, ihre Situation ernst zu nehmen. Sie suchte therapeutische Hilfe und arbeitete im Coaching an Lösungen, um dieser Problemetrance zu entkommen. Sie las über Boreout, sprach erstmals offen über ihre Erschöpfung, lernte Betroffene kennen. Und sie erkannte: Sie hätte viel früher darüber sprechen müssen, auch mit der Führungskraft. Nicht um zu klagen – sondern um zu klären, was sie braucht, um sich wieder einzubringen. Ihr zweiter großer Schritt war eine berufliche Weiterbildung. Sie entschied sich, eine Weiterbildung zu beginnen, die ihr neue Perspektiven eröffnete und sie wieder mit sich selbst in Verbindung brachte.
Was auch anderen helfen kann:
Reflexionsfragen:
Boreout ist nicht nur ein individuelles Thema, es ist auch ein Führungs- und Kulturthema. In vielen Organisationen herrscht noch immer das Missverständnis, moderne Führung bedeute, sich möglichst zurückzuhalten. Doch keine Führung ist keine Lösung. Denn auch wenn Mitarbeitende scheinbar autonom arbeiten, wünschen sich viele Orientierung, Austausch und Entwicklung. Jede:r will gesehen werden – der Zauber liegt im Wie. Führung heißt nicht, alles besser zu wissen oder Lösungen vorzugeben. Führung beginnt mit Haltung: aktiv zuhören, offene Fragen stellen, wertschätzend nachfragen, Unsichtbares wahrnehmen, Erschöpfung ernst nehmen. Gerade im Homeoffice braucht es mehr als Kontrolle, es braucht Beziehung, echtes Interesse, Nähe auf Distanz. Wenn Führungskräfte sich selbst als Coach verstehen – nicht als Problemlöser, sondern als Entwicklungsbegleiter –, lassen sich Boreout-Situationen oft frühzeitig erkennen und vermeiden.
Was Unternehmen und Führungskräfte konkret tun können:
Mini-Impulse für Führungskräfte:
Es braucht Mut, in der Leere ehrlich hinzusehen und Kraft, daraus etwas Neues wachsen zu lassen. Boreout ist kein persönliches Scheitern, sondern oft das Ergebnis davon, dass wir zu lange an äußeren Erwartungen festhalten und unsere innere Stimme überhören.
Dabei beginnt es oft schon beim Vorstellungsgespräch: Stimmen die Werte des Unternehmens mit meinen eigenen überein? Wie wird hier geführt und wie möchte ich geführt werden? Was motiviert mich wirklich? Und wie möchte ich die nächsten fünf Jahre gestalten?
Wer sich diese Fragen ehrlich stellt, schafft die Grundlage für gesunde Selbstführung und bewusste Entscheidungen. Denn nicht die Anpassung schützt uns vor Erschöpfung, sondern die Verbindung zu uns selbst.
Reflexionsimpuls zum Abschluss:
Weiterlesen & Vertiefen
Wenn Sie sich intensiver mit dem Thema Boreout auseinandersetzen möchten:
Rothlin, P. & Werder, P. (2007): Diagnose Boreout. Warum Unterforderung im Job krank macht. Mosaik Verlag.
→ Das Grundlagenbuch zum Thema Boreout von den beiden Schweizer Wirtschaftsberatern, die den Begriff prägten.
Mareike Lehmann ist systemische Coachin (dvct), Mediatorin (Univ.), Trainerin und Prozessbegleiterin. Sie unterstützt Menschen, Teams und Organisationen bei beruflicher Klarheit und Entwicklung, in Entwicklungsprozessen für starke Teams und erfolgreiche Organisationen, bei authentischer Führung und konstruktiver Konfliktklärung.
In ihrer Kolumne „Business Suite“ auf MarieClaire.de gibt sie regelmäßig Impulse für neue Perspektiven rund um berufliche Entwicklung, Karriere und Zusammenarbeit – klar, kraftvoll und nahbar.
Mehr über ihre Arbeit finden Sie unter www.mareikelehmann.de
LinkedIn: linkedin.com/in/mareike-lehmann | Instagram: @klarheitmitmareike
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