Folge 6: Wer fragt, führt – und verbindet

In dieser Folge der „Business Suite“ zeigt Coachin Mareike Lehmann, wie systemische Haltung, Handeln, Zuhören und Fragen die Kommunikation im Arbeitsalltag verändern – weg vom Senden, hin zu echter Verbindung. Die Prinzipien wirken nicht nur in Führungssituationen, sondern in jeder Begegnung, in der Menschen miteinander sprechen – ob im Team, mit Kolleginnen oder im privaten Umfeld.

Mareike Lehmann ist Systemische Coachin, Mediatorin und Trainerin.

1. Wie eine einzige Frage den Ton verändern kann

Vor einem Kommunikationstraining liefen Gespräche mit Mitarbeitenden für eine Führungskraft oft nach dem gleichen Muster ab: Sie erklärte, gab Hinweise, stellte Erwartungen klar. Die Gespräche waren schnell beendet – doch beide Seiten gingen unzufrieden auseinander.

Nach dem Training probierte sie etwas Neues: Statt sofort Lösungen vorzuschlagen, begann sie mit einer offenen Frage:„Worum geht es Ihnen gerade wirklich – und was wäre für Sie hilfreich?“

Die Reaktion überraschte: Ihr Mitarbeiter hielt inne und sagte: „Mir geht es nicht um neue Aufgaben. Ich brauche Klarheit über Prioritäten – und Rückendeckung, wenn ich auch mal Nein sage.“

Auf einmal war das Gespräch anders: ruhiger, klarer, partnerschaftlicher. Keine Zauberei – nur Haltung, Zuhören und die richtigen Fragen.

Reflexionsfrage:

  • Wann haben Sie das letzte Mal in einem Gespräch wirklich gefragt – statt sofort zu antworten?

2. Systemische Highlights – Erkenntnisse, die alles verändern

In meiner Arbeit als Coachin habe ich Prinzipien kennengelernt, die nicht nur im Coaching wirken, sondern auch im Führungsalltag.

Beratung ohne Ratschläge
Ich erinnere mich an eine persönliche Erfahrung, die lange zurückliegt: Ein enger Freund war psychisch belastet. Ich wollte helfen und fuhr voller guter Ratschläge zu ihm. Doch jeder Hinweis spiegelte ihm nur, was er angeblich nicht konnte.

Statt Entlastung fühlte er sich noch kleiner. Für mich war das ein Wendepunkt: Echte Unterstützung funktioniert oft ohne Ratschläge. Durch Zuhören und Fragen entsteht der Raum, in dem Menschen ihre eigenen Lösungen finden.

Gerade in der Führung ist der Reiz groß, schnelle Ratschläge zu geben. Doch oft ist es wirkungsvoller, das Team zu befähigen, selbst Antworten zu finden – denn so entsteht mehr Motivation und echte Verantwortung.

Die  Narzissmus-Falle
Ratschläge schmeicheln uns selbst. Wir fühlen uns klug, wichtig. Werden sie nicht angenommen, sind wir verletzt. Ich erinnere mich noch, wie mir dieser Begriff das erste Mal in meiner systemischen Ausbildung begegnete – und sofort Sinn machte. Für Führungskräfte ist es eine wichtige Übung, diesen Impuls zu erkennen. Statt Tipps zu verteilen, lohnt es sich, Fragen zu stellen und Mitarbeitende ihre eigenen Lösungen entwickeln zu lassen.

Kontextabhängigkeit
Teams sind wie ein Mobile: Bewegt sich ein Teil, geraten alle anderen in Bewegung. Führung bedeutet, das Zusammenspiel zu sehen – nicht nur die Einzelperson. Statt Ursache-Wirkung-Logik („er macht das – deshalb passiert das“) geht es um das große Ganze: In welchem System bewege ich mich gerade – und was braucht es hier?

Die Lösung im Fokus
Viele Meetings drehen sich endlos um Probleme. Energie verpufft, Stimmung kippt. Systemisches Denken heißt, den Blick nach vorn zu richten: „Woran würden wir merken, dass es besser läuft?“ Diese eine Frage kann ganze Gespräche drehen – und das Team wieder in Bewegung bringen.

Sprache erzeugt Wirklichkeit
Worte sind nie neutral. Ich erinnere mich an einen Moment, in dem aus „Der Kollege ist schwierig“ der Satz wurde: „Wir haben unterschiedliche Arbeitsstile – und müssen sie besser abstimmen.“ Plötzlich war klar: Hier geht es nicht um Schuld, sondern um Gestaltung. Sprache entscheidet, ob Menschen sich angegriffen oder eingeladen fühlen.

Reflexionsfragen:

  • Wo könnte es hilfreich sein, weniger Tipps zu geben – und mehr Raum für eigene Lösungen zu lassen?
  • Woran merken Sie, dass es bei Ihrem Rat mehr um Ihr eigenes gutes Gefühl geht – und weniger um die Bedürfnisse des anderen?
  • Wo spüren Sie, dass eine kleine Veränderung bei einer Person das ganze System bewegt – wie bei einem Mobile?
  • Wann haben Sie sich zuletzt in einer Diskussion im Kreis gedreht – und wie könnten Sie den Blick bewusst auf eine Lösung richten?
Mareike Lehmann ist Systemische Coachin, Mediatorin und Trainerin.
Foto: Alina von Bredow/Hey Club

3. Systemische Haltung – die innere Grundlage

Systemische Haltung heißt vor allem: neugierig bleiben. Keine vorschnellen Antworten liefern, sondern Hypothesen prüfen und das, was schon da ist, wertschätzen.

Teams sind keine Maschinen, die man steuern kann. Sie entwickeln ihre eigene Dynamik. Wer systemisch führt, verabschiedet sich von der Illusion der vollständigen Kontrolle – und schafft stattdessen gute Rahmenbedingungen, damit Mitarbeitende selbst tragfähige Lösungen entwickeln können.

Wertschätzung spielt dabei eine Schlüsselrolle: Ressourcen in den Blick nehmen, nicht Defizite. Wahrnehmen, was gelingt – und darauf aufbauen.

Ebenso wichtig ist Triggersensibilität: die eigenen Reizpunkte kennen. Als Führungskraft nicht automatisch reagieren, wenn etwas irritiert. Denn oft hat der Trigger mehr mit uns selbst zu tun als mit der Situation.

Reflexionsfragen:

  • Woran merke ich, dass mich ein eigener Trigger steuert – und wie kann ich bewusst anders reagieren?
  • Wo könnte ich heute gezielt nach Ressourcen fragen: „Was gelingt uns schon?“
  • Welche Hypothese habe ich gerade – und was spricht vielleicht dagegen?
  • Wo sehe ich bei mir oder anderen nur Defizite – und könnte stattdessen das Gelungene in den Blick nehmen?
  • In welchem Gespräch wäre es hilfreich, weniger zu „wissen“ und neugierig nachzufragen?

4. Systemisches Handeln – Haltung in Bewegung

Haltung zeigt sich im Tun. Kleine Gesten reichen oft, um große Wirkung zu entfalten:

Eine Hypothese zu haben ist hilfreich – aber sie nicht zu „heiraten“. Ein Gespräch zu eröffnen heißt einzuladen – und nicht mit der Tür ins Haus zu fallen.

Manchmal wirkt es am stärksten, einfach still zu sein und Raum entstehen zu lassen.

Ich ermutige Führungskräfte, wie ein Ressourcendetektiv unterwegs zu sein: nicht nur nach Defiziten suchen, sondern bewusst das sichtbar machen, was bereits funktioniert. Und im Miteinander gilt: Tanzen ja – aber nicht vortanzen. Führung heißt, gemeinsam den Rhythmus finden, statt die Schritte allein vorzugeben.

Reflexionsfragen:

  • Welches kleine Verhalten möchten Sie in dieser Woche bewusst ausprobieren – und was könnte sich dadurch in Ihrem Team verändern?
  • Welchen kleinen Schritt könnten Sie im Miteinander ausprobieren, um die Verbindung zu stärken?

5. Aktives Zuhören – mehr als Stille

Zuhören ist kein Warten, bis die andere Person aufhört zu sprechen. Es ist ein aktiver Prozess.

Ich vergleiche es gern mit einem ersten Date: Wir achten auf jedes Detail – die Stimme, den Blick, die Stimmung. Ganz ähnlich funktioniert es im Arbeitsalltag. Oder denken Sie an Ihr letztes Vorstellungsgespräch: Auch dort haben Sie mehr wahrgenommen als nur Worte.

Eine Übung im Training hat mir das besonders gezeigt: Alle sollten das Gesagte einer Kollegin wiedergeben. Viele schrieben mit – und verloren dabei den Blickkontakt. Die Worte stimmten, aber der Draht war weg. Zuhören heißt präsent sein, nicht nur protokollieren.

Aktives Zuhören hat viele Ebenen: Emotionen wahrnehmen, Körpersprache lesen, die Melodie einer Stimme hören, nachfragen, spiegeln – und manchmal auch staunen. Diese Präsenz verändert sofort die Gesprächsatmosphäre: Menschen spüren, ob wir wirklich bei ihnen sind.

Reflexionsfrage:

  • Woran würde Ihr Gegenüber merken, dass Sie ihr nicht nur zuhören – sondern wirklich präsent sind?
Foto: Alina von Bredow/Hey Club
Foto: Alina von Bredow/Hey Club

6. Systemische Fragen – führen, ohne zu lenken

Fragen sind das vielleicht stärkste Führungsinstrument. Doch nicht jede Frage wirkt gleich.

„Warum?“ bringt Menschen in Rechtfertigung. Wer sich erklären muss, verschließt sich. Besser sind Fragen, die öffnen: „Was hat dazu geführt, dass …?“ oder „Was brauchen Sie jetzt, um …?“

Systemische Fragen entschleunigen Gespräche. Sie holen das Team als Ganzes ins Bild, richten den Blick auf Lösungen, regen zum Nachdenken an. Ein Beispiel, das in Teams immer wieder neue Energie bringt: „Wann ist uns etwas Ähnliches schon einmal gut gelungen – und was war da anders?“

Wer fragt, der führt. Wer offen fragt, bekommt Antworten.

Reflexionsfrage:

  • Welche eine Frage könnten Sie in Ihrem nächsten Gespräch stellen, die mehr Wirkung hätte als drei schnelle Antworten?

7. Trainierbar & verbindend – so starten Sie diese Woche

Systemische Kommunikation ist kein Geheimwissen, sondern Übungssache. Kleine Routinen reichen, um spürbare Unterschiede zu machen.

  • Die 3×3-Regel: Drei offene Fragen, drei kurze Zusammenfassungen, drei Sekunden.
  • Das Ritual „Stopp – Atmen – Fragen“, wenn Sie merken, dass Sie wieder in die Ratschlag-Falle tappen.
  • Und: einmal pro Woche ein Gespräch bewusst systemisch führen – danach notieren, was sich verändert hat.

Wer das ausprobiert, merkt schnell: Systemische Haltung und Fragen sind keine Theorie. Sie schaffen Verbindung, wo vorher Distanz war – und machen Kommunikation leichter, menschlicher, wirksamer.

Wenn Sie diese Haltung vertiefen möchten: Ich trainiere genau diese Kompetenzen mit Führungskräften und Teams – praxisnah, alltagstauglich und sofort umsetzbar.

Reflexionsfrage:

  • Mit welchem Gespräch möchten Sie diese Woche beginnen, systemisch zu üben – und woran werden Sie merken, dass es anders läuft?
Mareike Lehmann ist Systemische Coachin, Mediatorin und Trainerin.

Über die Autorin:

Mareike Lehmann ist systemische Coachin (DVCT), Mediatorin (Univ.) & Business-Moderatorin (QRC). Sie unterstützt Menschen, Teams und Organisationen in Entwicklungsprozessen für starke Teams und erfolgreiche Organisationen, bei authentischer Führung und konstruktiver Konfliktklärung, bei beruflicher Klarheit und Entwicklung.

In ihrer Kolumne „Business Suite“ auf MarieClaire.de gibt sie regelmäßig Impulse für neue Perspektiven rund um berufliche Entwicklung, Karriere und Zusammenarbeit – klar, kraftvoll und nahbar.

Mehr über ihre Arbeit finden Sie unter www.mareikelehmann.de
LinkedIn: linkedin.com/in/mareike-lehmann | Instagram: @klarheitmitmareike

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