Konflikte – kaum jemand will sie, aber alle erleben sie. In dieser Ausgabe der Coachingkolumne „Business Suite“ zeigt Coachin Mareike Lehmann, woran gemeinsame Verständigung und Zusammenarbeit oft scheitert und was möglich wird, wenn wir Konflikte nicht länger als Störung begreifen, sondern als Chance für gemeinsame Verbindung und Entwicklung.
Zwei Kolleginnen arbeiten seit Monaten eng zusammen. Eine in Vollzeit, die andere in Teilzeit (sie ist Mutter, pünktlich rauszugehen gehört zu ihrem Alltag). Am Anfang funktionierte das Miteinander gut. Doch mit der Zeit häuften sich Überstunden bei der Vollzeitkraft. Immer öfter blieb Arbeit liegen, wenn die Teilzeitkraft ging. Und was anfangs Verständnis war, wurde zu Groll.
„Ich weiß, sie macht ihre Stunden. Aber ich bleibe allein zurück mit dem Chaos. Und irgendwann hat es mich einfach nur noch verletzt“, erzählte mir meine Klientin. Der Konflikt wurde nicht offen angesprochen, sondern still mitgetragen. Zwischen den Zeilen, in Blicken, in kleinen Provokationen.
So beginnen viele Konflikte. Nicht mit lauten Worten, sondern mit leisen Irritationen. Nicht mit Streit, sondern mit dem Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Und oft nehmen wir diese Spannungen lange hin, bis sie sich manchmal ganz unerwartet entladen.
Doch was, wenn genau darin eine Einladung steckt? Wenn Konflikte uns etwas über uns selbst zeigen, über unsere Beziehungen und über das, was uns wirklich wichtig ist?
Zwei Schneekugeln stehen nebeneinander. Beide klar, durchsichtig und doch zeigen sie völlig unterschiedliche Welten. Genau so funktioniert unsere Wahrnehmung in Konflikten.
In meinen Mediationen nutze ich dieses Bild, um zu zeigen: Wir alle haben unsere eigene Wirklichkeit, unsere eigene Logik. Wenn zwei Menschen über dieselbe Situation sprechen, meinen sie oft etwas völlig Unterschiedliches. Jede und jeder sieht durch die eigene Schneekugel, mit ganz eigener Geschichte, Erfahrung und Prägung.
Und auch wenn wir uns bemühen, einander zu verstehen, lassen sich unsere Realitäten nicht verschmelzen. Wir können aber neugierig werden: Was sieht die andere Person? Was bewegt sie? Verstehen ist Voraussetzung für Verbindung.
Statt uns in Annahmen zu verlieren, könnten wir auch einfach offen und interessiert nachfragen. So kann der erste Schritt zur echten Klärung beginnen.
Reflexionsfragen:
Meist nehmen wir im Alltag nur einen kleinen Ausschnitt vom Ganzen wahr, die Spitze eines Eisbergs. Was darunter liegt, bleibt oft verborgen.
Das frühe Gehen einer Kollegin oder ihre knappe Kommunikation mögen uns irritieren. Was wir nicht sehen, ist vielleicht ein schlechtes Gewissen, weil zu Hause schon die nächste Schicht wartet: Kinder, Hausaufgaben, Care-Arbeit, Alltagsstress. Der mentale Spagat zwischen To-do-Listen, familiären Anforderungen und dem Wunsch, allem gerecht zu werden, bleibt oft unsichtbar, aber er wirkt mit.
Wer nur das Verhalten sieht, bleibt an der Oberfläche. Wer hinsieht, erkennt, was wirklich bewegt (auch bei uns selbst). Was steckt also hinter unserem eigenen Eisberg? Was fühle ich und welches Bedürfnis, welcher Wunsch zeigt sich darin?
Auch wenn Konflikte zunächst als störend empfunden werden zeigen sie uns, was uns wirklich wichtig ist, und eröffnen Wege zu gegenseitigem Verständnis. Es geht nicht darum, einer Meinung zu sein, sondern darum, sich selbst und anderen mit mehr Offenheit zu begegnen.
Nicht jeder Konflikt beginnt laut, viele starten leise. Es sind kleine Irritationen, unausgesprochene Gedanken, ein ungutes Gefühl. Wer genauer hinsieht, erkennt oft frühzeitig, wenn etwas nicht stimmt.
In meiner Arbeit als Mediatorin und Teamentwicklerin sehe ich immer wieder ähnliche Dynamiken: Menschen reden übereinander statt miteinander. Es wird oft ausgewichen, gestichelt oder sogar (unbewusst) taktiert. Man sucht sich Verbündete und schmiedet Allianzen, anstatt das Gespräch zu suchen. Genau hier beginnt oft die Eskalation und leider auch das Verstummen.
Typische Warnsignale:
Gerade diese Übergangsphase ist entscheidend und hier kann Klärung noch gelingen. Deshalb ist es so wichtig, Konflikte nicht zu verdrängen, sondern früh wahrzunehmen.
Reflexionsfragen:
Heiß oder kalt? Während heiße Konflikte laut und emotional sind, bleiben kalte Konflikte oft still. Sie äußern sich durch Rückzug, Sarkasmus oder völlige Gleichgültigkeit und sind oft schwerer zu greifen. Der österreichische Konfliktforscher Friedrich Glasl hat diese Unterscheidung geprägt – und damit einen wichtigen Beitrag zum Verständnis unterschiedlicher Konfliktdynamiken geleistet. Umso wichtiger ist es, hinzuschauen.
Konflikte sind kein Zeichen von Scheitern. Sie sind Hinweise auf unerfüllte Bedürfnisse, ungelöste Themen oder verletzte Erwartungen. Wer sie erkennt, kann Brücken bauen bevor Mauern entstehen.
Konflikte sind selten neutral. Sobald es knirscht, greifen wir auf altbekannte, oft unbewusst Muster zurück. Manche gehen in den Angriff, andere in den Rückzug. Einige beschwichtigen, manche reagieren mit Ironie, andere passen sich übermäßig an.
Diese Strategien entwickeln wir früh, geprägt durch Familie, Arbeitskultur oder gesellschaftliche Erwartungen. In vielen Organisationen heißt es: „Bloß keinen Streit.“ Konflikte werden dann unterdrückt und die Spannungen wirken weiter, nur leiser.
Aus systemischer Sicht erfüllt jedes Verhalten im Konflikt eine Funktion: Es schützt, reguliert, versucht, mit der Spannung umzugehen. Doch nicht alle Reaktionen schaffen Verbindung. Wer sich zurückzieht, wird übergangen. Wer ständig angreift, stößt andere vor den Kopf – und verhindert echte Verständigung.
Reflexionsfragen:
Konflikte klären heißt nicht, lauter zu sein als die andere Person – sondern klarer. Es geht nicht darum, zu gewinnen, sondern sich gegenseitig zu verstehen. Und das beginnt mit einem Perspektivwechsel: Was steckt hinter dem Verhalten meines Gegenübers? Was brauche ich und wie kann ich das mitteilen, ohne zu verletzen?
Dafür gibt es erprobte Werkzeuge:
Konflikte brauchen kein Gegeneinander, sondern den Mut zum echten Miteinander. Sie brauchen Menschen, die bereit sind bei sich und beim anderen ehrlich hinzuschauen.
Reflexionsfragen:
Nicht jeder Konflikt lässt sich im direkten Gespräch lösen und nicht jede Führungskraft ist automatisch die richtige Person, um einen Konflikt im Team zu moderieren. Besonders dann, wenn man selbst nicht beteiligt ist, aber zwischen den Fronten vermitteln möchte, kann eine gut gemeinte Intervention schnell zur Verstrickung führen.
Hier gilt: Wer einen Konflikt „lösen möchte“, ohne selbst Teil davon zu sein, wird oft unbeabsichtigt zur neuen Konfliktpartei. Die bessere Strategie? Einen sicheren Rahmen schaffen, in dem eine professionelle Klärung möglich ist, etwa durch externe Mediation.
Solange der Wunsch nach Verständigung besteht, lohnt sich dieser Weg. Mediation hilft, Muster zu erkennen, Perspektiven zu wechseln und neue Verständigung zu ermöglichen. Wenn es nur noch um rechtliche oder strukturelle Konsequenzen geht, braucht es andere Formate wie juristische Beratung.
Professionelle Klärung ist keine Schwäche, sondern ein Zeichen von Verantwortung und eine Investition in Beziehung und Kultur.
Reflexionsfragen:
Tipp: Wo Gesprächsbereitschaft noch da ist, lohnt sich Klärung. Wo sie fehlt, braucht es Haltung, Struktur – und manchmal auch eine Entscheidung.
Konflikte bringen nicht nur Spannungen ans Licht. Sie zeigen, was uns im Innersten bewegt. Sie machen sichtbar, wie sehr uns etwas am Herzen liegt. Und sie fordern uns heraus, ehrlich hinzuschauen und mutig neue Wege zu gehen. Wer bereit ist, sich den Spannungen zu stellen, schafft Raum für echte Verbindung, mit anderen und mit sich selbst.
Der österreichische Psychiater Viktor Frankl bringt es auf den Punkt:
„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unser Wachstum und unsere Freiheit.“
Konflikte lassen sich nicht immer sofort lösen. Aber sie können ein Anfang sein – für mehr Klarheit, mehr Entwicklung und ein starkes Miteinander. Für ein starkes ICH und ein gemeinsames WIR.
Reflexionsfrage:
Mareike Lehmann ist systemische Coachin (dvct), Mediatorin (Univ.), Trainerin und Prozessbegleiterin. Sie unterstützt Menschen, Teams und Organisationen bei beruflicher Klarheit und Entwicklung, in Entwicklungsprozessen für starke Teams und erfolgreiche Organisationen, bei authentischer Führung und konstruktiver Konfliktklärung.
In ihrer Kolumne „Business Suite“ auf MarieClaire.de gibt sie regelmäßig Impulse für neue Perspektiven rund um berufliche Entwicklung, Karriere und Zusammenarbeit – klar, kraftvoll und nahbar.
Mehr über ihre Arbeit finden Sie unter www.mareikelehmann.de
LinkedIn: linkedin.com/in/mareike-lehmann | Instagram: @klarheitmitmareike
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