Der Winter hat etwas Zauberhaftes – er lässt uns innehalten, zur Ruhe kommen und den Blick nach innen richten. Unsere Autorin hat neun gute Romane aus ihrem eigenen Bücherregal für Sie ausgesucht, die ihr in diesen besinnlichen Stunden viel Wärme und Anregung gespendet haben. Vielleicht gefallen sie ja auch Ihnen?
Davon handelt das Buch: Mirjem ist die Tochter eines gutherzigen Pfandleihers, der es nicht über sich bringt, Schulden einzutreiben. Als die Familie deshalb hungern muss, übernimmt Mirjem das Geldeintreiben. Die Nachricht ihres Erfolgs dringt bis tief in die Wälder, zum gefürchteten Volk der Staryk. Bald darauf entführt deren König das Mädchen in sein eisiges Reich – sie soll für ihn Silber zu Gold machen. Tut sie das nicht, wird der Staryk sie töten. Doch nun versinkt die Menschheit in Kälte…
Darum empfehle ich es: Ich habe schon einige Bücher von Naomi Novik gelesen und bin immer wieder begeistert davon, wie sie ihre Protaginistinnen schreibt: Sie geben sich ihrem Schicksal nicht geschlagen, sondern kämpfen bis zuletzt für ihre Freiheit und Selbstbestimmung. Sie ziehen Kraft und Motivation aus der Liebe, aber nicht unbedingt der Liebe zu einem romantischen Partner – wie erfrischend! Darüber hinaus fand ich die Erzählwelt, in die man mit der Geschichte eintaucht, sehr atmosphärisch beschrieben. Allein beim Gedanken daran bekomme ich direkt Lust, mit einem von Pferden gezogenen Schlitten durch den Winterwald zu gleiten.
Davon handelt das Buch: In einem Dorf am Rande der Wildnis, weit im Norden Russlands, wo der Wind kalt bläst und der Schnee viele Monate des Jahres fällt, erzählt die alte Dienerin Dunja den Kindern des Grundbesitzers Pjotr Wladimirowitsch Geschichten über Zauberei, Folklore und den Winterkönig mit den frostblauen Augen. Verbotene Geschichten über eine uralte Magie. Doch für die junge, wilde Wasja sind dies weit mehr als Märchen. Sie allein kann die Geister sehen, die ihr Zuhause beschützen. Und sie allein spürt, dass sich in den Wäldern eine dunkle Magie rührt…
Darum empfehle ich es: Als großer Fan von Märchen aus aller Welt, habe ich es sehr genossen, mich von Katherine Arden in die slawische Mythologie einführen zu lassen. Insbesondere die Hauselfen Domovoi und das magische Pferd Solovey haben sich in mein Herz geschlichen. Abgesehen davon hat mich die Liebesgeschichte zwischen Wasja und dem vermeintlich bösen Winterkönig von Anfang an gefesselt, weshalb ich mir gleich die ganze Trilogie vorgenommen habe.
Davon handelt das Buch: Deutschland zur NS-Zeit: Hans und Rosa Hubermann nehmen die kleine Liesel Meminger bei sich auf – für eine bescheidene Beihilfe, die ihnen die ersten Kriegsjahre kaum erträglicher macht. Für Liesel jedoch bricht eine Zeit voller Hoffnung, voll schieren Glücks an – in dem Augenblick, als sie beginnt, Bücher zu stehlen.
Darum empfehle ich es: Es ist 15 Jahre her, dass mich dieses Buch emotional völlig zerstört hat. Dass der Tod hier als Erzähler auftritt, hat mich sofort gereizt, als ich den Roman in der Heidelberger Universitätsbuchhandlung entdeckt habe – und es funktioniert tatsächlich erstaunlich gut. Was er und ich auf jeden Fall gemeinsam haben: Dass wir uns keinen Reim darauf machen können, wie Menschen es vermögen, sich einerseits solches Leid zu zu fügen und andererseits soviel Mitgefühl, Liebe und Güte zu zeigen. Ich habe fast das ganze Buch über geweint.
Davon handelt das Buch: Eine angeborene Erkrankung macht es dem jungen Jungjae schwer, Gefühle wie Angst, Freude oder Wut zu empfinden. Als sich eines Heiligabends eine Tragödie ereignet, und er von einem Tag auf den anderen auf sich allein gestellt ist, geschieht jedoch etwas Wundersames: Er beginnt, sich anderen gegenüber zu öffnen, schließt überraschend Freundschaft und wächst über sich hinaus …
Darum empfehle ich es: Die Geschichte des ausgestoßenen Jungen, der sozusagen versehentlich Anschluss in der Welt findet, hat mich sehr bewegt. Sie ist eine gute Erinnerungsstütze dafür, dass der Mensch nicht fürs Alleinsein gemacht ist. Wir brauchen einander, ob wir es uns eingestehen wollen, oder nicht. Da der Jugendroman aus Südkorea ziemlich bedrückend beginnt, habe ich länger gebraucht, um ihn zu lesen. Umso dankbarer war ich dafür, dass das Buch mit einem Hoffnungsschimmer endet. Ist es nicht genau das, wonach wir uns an dunklen, kalten Tagen besonders sehnen?
Davon handelt das Buch: Connell und Marianne wachsen in derselben Kleinstadt im Westen Irlands auf, aber das ist auch schon alles, was sie gemein haben. In der Schule ist Connell beliebt, der Star der Fußballmannschaft, Marianne die komische Außenseiterin. Dennoch fühlen sich die beiden unwiderstehlich voneinander angezogen. Der Beginn einer herzzerreißenden Liebe.
Darum empfehle ich es: Ich habe dieses Buch innerhalb von zwei Tagen verschlungen. Sally Rooney fängt den Schmerz und die Ekstase junger Liebe auf wahnsinnig intime Weise ein. Was mich daran besonders fasziniert hat, ist, dass Connell und Marianne so wahnsinnig gut auf körperlicher Ebene miteinander kommunizieren können; im direkten Gespräch stehen sie sich dagegen oftmals im Weg, weil sie Angst haben, sich zu blamieren oder zurückgewiesen zu werden. Ich habe mit den beiden mitgeschmachtet und mitgelitten; ich habe Marianne für ihre Unnahbarkeit gefeiert und für ihre Passivität verflucht (von Connells Heimlichtuerei während ihrer Schulzeit ganz zu schweigen). Aber gerade deshalb war es sehr zufriedenstellend, diese zwei verlorenen Seelen durch ihren Reifeprozess zu begleiten – obwohl ich mir ein anderes Ende für ihre Liebesgeschichte gewünscht hätte.
Nicht weniger empfehlenswert ist übrigens die Serien-Adaption aus dem Jahr 2020 mit Paul Mescal und Daisy Edgar-Jones in den Hauptrollen.
Davon handelt das Buch: Der Waisenjunge Robin Swift wird aus dem chinesischen Kanton von einem geheimnisvollen Vormund nach England gebracht und in Wohlstand aufgezogen – unter einer Bedingung: Er muss sein Studium am renommierten Übersetzungsinstitut Babel der Elite-Universität Oxford absolvieren, dem Zentrum allen Wissens und Fortschritts in der Welt. Für Robin scheint dieser Ort zunächst das Paradies zu sein. Bis er sich dessen Bedeutung für die Ausbeutung seines Heimatlandes bewusst wird…
Darum empfehle ich es: WOW, ist immer noch das erste, was mir einfällt, wenn ich an dieses Meistwerk denke. „Babel“ ist zweifelsohne das intelligenteste Buch, das ich in den vergangenen Jahren gelesen habe; möglicherweise sogar das intelligenteste, das ich je gelesen habe. Es geht um die Magie der Sprache, die Gewalt des Kolonialismus und die Opfer des Widerstands. Es ist ein fesselndes, hochpolitisches Buch, das weh tut und auch weh tun soll. Am schlimmsten fand ich, dass der emotional vernachlässigte Robin tatsächlich glaubt, in Babel endlich ein Zuhause gefunden zu haben – nur um letztlich erkennen zu müssen, dass die Universität kein Ort der Erleuchtung ist, sondern eine Ausgeburt der Korruption und Machtgier des Britischen Imperiums. Und dass man sein Streben nach Anerkennung und Zugehörigkeit für finstere Zwecke missbraucht hat. Dark Academia at its best.
Davon handelt das Buch: Ottessa Moshfeghs zweiter Roman spielt im New York City der Jahre 2000 und 2001 und folgt einer namenlosen, lebensmüden Protagonistin, die einen kuriosen Plan ausheckt: Sie will nach und nach immer mehr verschreibungspflichtige Medikamente einnehmen, um ein ganzes Jahr lang zu schlafen.
Darum empfehle ich es: Eines schicke ich gleich vorweg: Genossen habe ich diese Leseerfahrung nicht, aber ich bin dennoch froh, dass ich das Buch gelesen habe. Die Protagonistin war mir schrecklich unsympathisch und tat mir gleichzeitig sehr leid. Ich konnte ihr Bestreben, sich aus ihrem tiefen Schmerz in die Besinnungslosigkeit zu fliehen definitiv nachvollziehen und ich muss gestehen, dass ich ihre völlig rücksichtslose Art manchmal sehr unterhaltsam und erfrischend fand. Aber ich fand es nicht fair, wie sie mit ihrer einzigen Freundin umgegangen ist und über sie gesprochen hat – egal wie egozentrisch diese manchmal war. Ich schätze, was ich aus diesem Buch mitgenommen habe, ist, dass jeder seinen eigenen Weg in die Heilung finden muss, und dass dieser manchmal ziemlich ungemütlich ist.
Davon handelt das Buch: Meeresbiologin Leah sinkt bei einer Forschungsreise im U-Boot mit ihrem Team auf den Ozeanboden ab und bleibt nach dem Unfall sechs Monate lang verschollen. Als Leah wieder nach Hause kommt, ist ihre Frau Miri überglücklich. Doch schnell wird ihr klar, dass sie ihre Liebste kaum noch erkennt.
Darum empfehle ich es: Um ehrlich zu sein, habe ich dieses Buch noch nicht zu Ende gelesen, weil die Schwere, die aus seiner Sprache klingt, lange nachhallt. Julia Armfield macht greifbar, wie schmerzhaft es ist, um einen Menschen zu trauern, den man emotional nicht mehr erreichen kann, obwohl er physisch noch anwesend ist. Und wie furchtbar einsam man sich in einer Beziehung fühlen kann, wenn die Kommunikation abbricht.
Davon handelt das Buch: Weihnachtsabend 1617: Die junge Maren sieht einen plötzlichen, heftigen Sturm über dem Meer aufziehen. Vierzig Fischer, darunter ihr Vater und Bruder, zerschellen an den Felsen von Vardø, einer abgelegenen norwegischen Insel. Maren und die restlichen Frauen bleiben allein zurück. Drei Jahre später soll der Geistliche Absalom Cornet die unabhängigen Insel-Frauen bändigen. Stattdessen fühlen sich seine Frau Ursa und Maren auf eine Weise zueinander hingezogen, die sie beide überrascht – und plötzlich scheint es, als würde sich die Insel ihnen nähern.
Darum empfehle ich es: Gott bewahre, dass Frauen sich ein Leben aufbauen, dass nicht von Männern abgesegnet und verwaltet wird. Seien Sie gewarnt: „Vardo“ ist alles andere als ein Wohlfühlbuch. Insbesondere die Härte und Hysterie, mit welcher der selbstgerechte religiöse Führer gegen die Unabhängigkeit der Insulanerinnen vorgeht, sind schwer zu ertragen – und wirken leider sehr gegenwärtig. Schließlich diskutieren wir in Deutschland seit Jahren über die Entkriminalisierung von Abtreibung und das Strafrecht für häusliche Gewalt und Vergewaltigung zeugen ebenfalls von einem allgemeinen Misstrauen der Gesellschaft und Politik gegenüber der weiblichen Selbstbestimmung. Aber gerade deshalb ist die unbeugsame Güte und Stärke der Frauen von Vardo sehr inspirierend. Let’s keep fighting!
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