Wie legal sind Abtreibungen in Deutschland ?

Das Thema „Abortion“, sprich das Recht auf Schwangerschaftsabbruch ist eines der zentralen Themen im laufenden amerikanischen Wahlkampf. Doch wie ist eigentlich der Stand in Deutschland? Straffrei aber nicht legal … Die Reportage von unserer Autorin Anne Backhaus begleitet eine Ärztin, die sich für vereinfachte  Schwangerschaftsabbrüche einsetzt  und beleuchtet auch die geschichtlich-rechtliche Entwicklung der letzten 50 Jahren in Deutschland.

Alicia Baier versorgt als Klinikärztin täglich viele Frauen, die wegen diverser gynäkologischer Anliegen zu ihr kommen. Foto: Anne Backhaus
Alicia Baier versorgt als Klinikärztin täglich viele Frauen, die wegen diverser gynäkologischer Anliegen zu ihr kommen. Foto: Anne Backhaus

Eine für Alle

Die Ärztin Alicia Baier kämpft dafür, dass Frauen selbst über ihr Leben entscheiden können. Bei bestmöglicher medizinischer Versorgung. Ihr Ziel: Schwangerschaftsabbrüche sollen in Deutschland nicht mehr illegal sein und standardisiert im Medizinstudium behandelt werden. Ihr Engagement verlangt der Gynäkologin oft einiges an Mut ab.

TEXT UND FOTOS: ANNE BACKHAUS

Es gibt Menschen, die einen Unterschied machen.

Alicia Baier ist so ein Mensch. Heute bereitet die Gynäkologin einige Frauen auf ihre anstehenden Operationen vor. Aufklärungsgespräch, Fragen beantworten, Ultraschalluntersuchung. Sie hat damit um 7.30 Uhr im Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum im Südwesten von Berlin angefangen. 

Nun ist es Mittag, auf dem Regal in ihrem Rücken steht unangetastet die Tupperdose mit ihrem Frühstücksmüsli. Baier sitzt in blauen Hosen und Kasack, einem Krankenhaus-Schlupf-Oberteil, vor dem Computer im Sprechzimmer. Die kinnlangen Haare hinter die Ohren gestrichen, beugt sie sich der Patientinnen-Liste auf dem Bildschirm entgegen. Die mit einem grünen Kästchen am Namen hat sie schon geschafft, die mit einem roten warten draußen. Es sind viele rote Kästchen. Sie müssen bis zum Nachmittag grün werden. 

Jedes von ihnen steht für eine Frau in einem anderen Alter, mit einer anderen Familiensituation. Mit anderen Hoffnungen. Ihnen allen steht ihr Eingriff bevor. Einige fürchten Krebs, haben Zysten an einem Eierstock oder einen Tumor in der Gebärmutter. Einige leiden an Endometriose, einer häufig schmerzhaften Schleimhautwucherung im Bauchraum. Einige wünschen sich nichts sehnlicher, als ein Kind zu bekommen. Einige wollen nicht Mutter werden.

Die junge Ärztin hat im Studium begonnen als Aktivistin zu arbeiten, sich für eine auch Abtreibungen umfassende Lehre stark zu machen

Die junge Ärztin hat im Studium begonnen als Aktivistin zu arbeiten, sich für eine auch Abtreibungen umfassende Lehre stark zu machen. Foto: Anne Backhaus

Alicia Baier behandelt all diese Frauen gleich.

Sie schaut ihnen in die Augen, wenn sie mit ihnen spricht. Erklärt an dem Gebärmuttermodell neben ihrer Tastatur, was bei der Operation genau in ihrem Inneren passieren wird. Sie sagt Bescheid, wenn sie etwas in die Krankenakte tippt und für einen Moment nicht reden, nicht aufmerksam sein kann. Sie bittet die Patientinnen auf den gynäkologischen Stuhl im Nebenzimmer. Hält das metallene Spekulum, ein wie ein Schnabel geformtes Untersuchungsinstrument, sacht an die nackte Haut am Oberschenkel. „So fühlt es sich an“, sagt Baier. „Nur damit Sie das schon mal gespürt haben, bevor ich es gleich in Ihre Vagina einführe.“ 

Die medizinische Untersuchung des Geschlechtsorgans wird auch bei Alicia Baier nicht zur Wellness-Behandlung. Doch die 33-jährige Ärztin nimmt sich Zeit, obwohl das ihren Tag stressiger macht. Sie gibt ihren Patientinnen sichtlich Sicherheit. Macht es nicht schlimmer, als es für die Frauen ohnehin ist. 

Sie macht das alles ohne viel Aufhebens. Keine große Sache. Dabei ist an diesem Tag im Kleinen, in jedem einzelnen Kontakt zu jeder einzelnen Patientin zu sehen, was sich wie ein Prinzip durch Baiers gesamtes Schaffen zieht. Es ist das aufrichtige Interesse an der bestmöglichen medizinischen Versorgung von Frauen, das ihr die Kraft und den Mut gibt, weiterzumachen. Obwohl sie genau dafür angefeindet und bedroht wird.

Durch einen Zufall wird Baier nämlich vor Jahren, sie ist damals im achten Semester, mit dem Thema Schwangerschaftsabbrüche konfrontiert. Damit, wie viele es in Deutschland gibt und wie wenig sie als angehende Medizinerin darüber lernt. Wie das Teil eines größeren Problems ist. Wie Frauen, die abtreiben, noch immer stigmatisiert werden. Und medizinisches Personal, das sie dabei unterstützt, um die eigene Existenz fürchten muss. 

So wird Alicia Baier nicht nur zur Ärztin, sondern auch zur Aktivistin – und zu einer der wichtigsten Expertinnen für Abtreibungen in Deutschland. Sie kämpft dafür, dass Schwangerschaftsabbrüche nicht illegal sind. Dafür, dass alle Medizinerinnen und Mediziner zumindest theoretisch im Studium lernen, wie sie durchgeführt werden. Beides ist in der Bundesrepublik nicht gegeben. Beides würde Frauen, da ist sich Baier sicher, jedoch langfristig schützen.

Rund 106.000 Frauen haben laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2023 in Deutschland abgetrieben. „Der Schwangerschaftsabbruch ist eine der häufigsten gynäkologischen Interventionen“, sagt Baier. „Wir sollten ihn als das wahrnehmen, was er ist: als einen für manche Frauen notwendigen medizinischen Eingriff. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.“

Von dieser Möglichkeit ist oft nicht viel zu spüren.

Kaum ein Thema wird derartig hitzig diskutiert. Seit Jahrzehnten.

Das hat auch damit zu tun, dass in Deutschland ein Schwangerschaftsabbruch nach Paragraf 218 im Strafgesetzbuch (StGB) grundsätzlich rechtswidrig ist. Er bleibt in drei Fällen straffrei: wenn für die Schwangere Gefahr für ihren Gesundheitszustand besteht oder die Schwangerschaft auf einem Sexualdelikt beruht, wie zum Beispiel einer Vergewaltigung. Oder wenn der Abbruch nach den Vorgaben der sogenannten Beratungsregelung durchgeführt wird. Also in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft und nach einer Konfliktberatung mit anschließenden drei Tagen Wartezeit.  

Diese Vorgaben beruhen auf einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1993. Es kippte eine im Jahr zuvor vom Bundestag beschlossene gesamtdeutsche Fristenregelung, also das Recht von Frauen in den ersten zwölf Wochen ihrer Schwangerschaft über deren Abbruch zu entscheiden, die in der DDR akzeptiert war und als Ausdruck des Selbstbestimmungsrechts der Frau verstanden wurde. Die Begründung für das Urteil aus Karlsruhe: Das Grundgesetz verpflichte den Staat, auch das ungeborene Leben zu schützen. 

Die vorgeschriebene Beratung und Wartezeit sollten das gewährleisten. Für Abtreibungsgegner eine geringe Einschränkung, für Befürworter eine unnötige Bevormundung. 

Mit 28 Jahren hat Alicia Baier zum ersten Mal einen Schwangerschaftsabbruch durchgeführt. Sie erinnert sich, wie angespannt sie im OP war, hoch konzentriert. Sie wollte nichts falsch machen. Heute weiß sie, dass sie den Eingriff beherrscht.

Beim Klettern kann sich Alicia Baier entspannen. Gleichzeitig übt sie, ihre Angst zu überwinden. Den nächsten Schritt zu wagen

Beim Klettern kann sich Alicia Baier entspannen.Gleichzeitig übt sie, ihre Angst zu überwinden. Den nächsten Schritt zu wagen. Foto: Anne Backhaus

"Für viele Frauen ist das Warten psychisch sehr belastend."

In das Berliner Familienplanungszentrum, in dem Baier nach dem Studium arbeitet, kommen täglich mehrere Frauen, um abzutreiben. In ihrem aktuellen Job im Klinikum sind es meist zwei pro Woche. Baier hat viele Abbrüche vorgenommen. Sie hat unzählige Gespräche mit Schwangeren geführt, die nicht schwanger sein wollen. 

Die ethische Auseinandersetzung mit Abtreibungen hält sie für wichtig. Die strafrechtlichen Regeln in Deutschland hält sie aus mehreren Gründen für ein Problem. 

Da ist zum einen der zeitliche Faktor. Frauen, die ihre Schwangerschaft beenden wollen, benötigen einen Termin in einer staatlichen Beratungsstelle – den sie meist nicht sofort bekommen. Sie müssen auf das Gespräch warten, anschließend die Wartezeit einhalten. Dann warten auf ihren Abtreibungstermin. Das kann Wochen dauern. „Für viele Frauen ist das psychisch sehr belastend. In ihnen schreitet eine Schwangerschaft fort, gegen die sie sich bereits entschieden haben“, sagt Baier. „Dieser Stress könnte leicht vermieden werden.“ 

Mit dieser Meinung ist die Gynäkologin nicht allein. Die UN-Menschenrechtskommission rügte 2020 die Bundesregierung, weil sie mit der Regelung die Situation von ungewollt Schwangeren erschwere. Im April 2024 empfiehlt eine von der Bundesregierung eingesetzte Kommission die Entkriminalisierung von Abtreibungen. Und auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fordert, Hürden wie die Pflichtberatung bei Schwangerschaftsabbrüchen abzuschaffen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Frauen nach einer Beratung umentscheiden, ist laut mehreren Erhebungen gering. Für einen Großteil hat das Gespräch keinen Einfluss. Es treiben nicht weniger Frauen ab, wenn es gesetzlich erschwert wird. Es ist eben nur schwerer für sie.

Die Entscheidung, kein Kind zu bekommen, hängt stark von der persönlichen Lebenssituation ab. Also zum Beispiel davon, wie alt eine Frau ist. Ob sie gerade eine Ausbildung macht, in einer Partnerschaft lebt, selbst gesund ist, genug Geld zur Verfügung oder andere Kinder hat. Gut 59 Prozent der Frauen, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen lassen, sind bereits Mütter. 

„Wir müssen Frauen endlich als mündige Bürgerinnen anerkennen, die selbst am besten über ihren Körper und ihr Leben Bescheid wissen“, sagt Alicia Baier. „Statt einen Beratungszwang brauchen wir ein Recht auf Beratung.“ In einigen europäischen Ländern wurde die Pflichtberatung bereits abgeschafft, zu ihnen gehört Frankreich. Kürzlich wurde dort das Recht auf Abtreibung in die Verfassung geschrieben. 

Deutschland hat hingegen eines der restriktivsten Abtreibungsgesetze in Europa

Die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, die Abschaffung von Paragraf 218, wird bislang nur immer wieder gefordert. 

Ende der Sechzigerjahre dürfen Frauen in der Bundesrepublik einzig mit Erlaubnis ihres Ehemannes arbeiten oder ein Konto eröffnen. Die Pille bekommt, wer verheiratet ist. Uneheliche Kinder gelten als Schande. Abtreibung ist ein Tabu. Viele Frauen tun es trotzdem, oft unter Geheimhaltung und Gefahr für ihr eigenes Leben, bei sogenannten Engelmachern, die illegal Abtreibungen vornehmen. Oder sie versuchen es allein, mit Stricknadeln. 

Anfang der Siebziger titelt der „Stern“: „Wir haben abgetrieben“ und bricht so, nach dem Vorbild einer französischen Zeitschrift, das Schweigen. 374 Frauen, darunter einige Stars wie Romy Schneider und Senta Berger, bekennen sich in dem Nachrichtenmagazin zu ihrem Schwangerschaftsabbruch. Einige bekommen später Strafanzeigen, werden aber nicht verurteilt. Die Aktion, initiiert von der Journalistin Alice Schwarzer, gilt als Startpunkt einer neuen deutschen Frauenbewegung. Später rufen Frauen bei bundesweiten Demonstrationen den bekannten Satz: „Mein Bauch gehört mir!“

„Eigentlich ging es beim § 218 nur noch um Einschüchterung und Demütigung der Frauen – und der sympathisierenden Ärzte“, schreibt Schwarzer, von der sich inzwischen einige feministische Gruppen wegen anderer Themen distanzieren, rückblickend in einem Artikel über die Folgen der „Stern“-Aktion. Die damalige Stigmatisierung von Frauen und Mediziner:innen ist bis heute Teil der Problematik. Noch immer ist das Thema Abtreibung ein Tabu, gibt es nicht genügend Respekt gegenüber den Entscheidungen von Frauen. Schwarzer bedauert, „dass die deutsche Debatte über den § 218 aus meiner Sicht sehr schnell sehr schieflief. Denn da war plötzlich nur noch von der ‚Seele des Fötus‘ die Rede, von den ‚bevölkerungspolitischen Aspekten‘ und dem ‚zu schützenden Rechtsgut‘. Nicht aber von der Würde und Selbstbestimmung der Frau.“

Wie eine Gebärmutter geformt, ebenso leicht zu verletzen: In „Papaya-Workshops“ üben Studierende, Abtreibungen durchzuführen

Wie eine Gebärmutter geformt, ebenso leicht zu verletzen: In „Papaya-Workshops“ üben Studierende, Abtreibungen durchzuführen. Foto: Anne Backhaus

Alicia Baier live bei Markus Lanz

Im Mai 2022 diskutiert Alicia Baier live bei Markus Lanz mit einer Expert:innen-Runde über Abtreibungen in Deutschland. Sie musste ihren ganzen Mut zusammennehmen, war aufgeregt. Das ist ihr aber nicht anzumerken. Sie hat mit den größten Redeanteil. Ihre Stimme ist stark. 

„Wir reden hier von Leben und Tod“, sagt Ulrike Scharf, Bayerische Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales. „Es geht um den Schutz, um das Lebensrecht des ungeborenen Kindes.“ Baier unterbricht die Politikerin. „Wir sind hier in einer öffentlichen Debatte und wir reden hier über einen medizinischen Eingriff, da finde ich es wichtig, dass wir präzise Begriffe benutzen“, sagt sie. „Wir sprechen bis zur neunten Schwangerschaftswoche von einem Embryo, danach von einem Fötus. Von einem Kind sprechen wir erst ab der Geburt. Und das ist wichtig, weil Abtreibungsgegner:innen sehr gerne diese Begriffe in die Debatte einbringen, um Emotionen zu wecken und die Debatte zu verwässern.“ 

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) ist ebenfalls in der Talkrunde, pflichtet Baier mehrfach bei. Betont, wie wichtig es sei, dass die Stigmatisierung von Frauen und Mediziner*innen ein Ende finde. Aufhänger der Sendung ist die Debatte um den § 219a, dem sogenannten Werbeverbot für Abtreibungen, nach dem sich Ärztinnen und Ärzte strafbar machen, wenn sie öffentlich Informationen über den Ablauf und die Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen bereitstellen. 

Alicia Baier wurde schon angezeigt, weil sie das in einem Interview getan hat. Sie hat zudem bei Kristina Hänel in Gießen gelernt, Schwangerschaften zu beenden. Dort zum ersten Mal allein im OP gestanden. Die Allgemeinmedizinerin Hänel wurde verurteilt, weil sie auf ihrer Website darüber aufgeklärt hat, dass und wie sie Abbrüche durchführt. Sie wehrte sich, wurde bundesweit bekannt.

Der Bundestag beschließt wenige Wochen nach der Talkshow die Abschaffung des umstrittenen Paragrafen. Entspannung bedeutet das für Ärztinnen und Ärzte aber trotzdem nicht. Der Schwangerschaftsabbruch ist weiterhin der einzige medizinische Eingriff, der unter Strafe steht. „Das schreckt ab“, sagt Baier. „Uns wird damit vermittelt: Ihr macht etwas, das nicht gewollt ist.“ 

Dazu kommen die Anfeindungen

Gabie Raven lacht trotzdem in ihrem Zoom-Fenster. Ihr weißer Strickpullover ist über und über mit dem Schriftzug „Beauti-
ful day“, schöner Tag, durchzogen. „Ich lasse mich nicht einschüchtern“, sagt sie. „Es geht ja nicht nur um mein eigenes Leben.“ 

Die niederländische Medizinerin wurde in Deutschland bekannt, weil sie massiv von Abtreibungsgegnern bedroht wird. Als „Kindermörderin“ wird sie diffamiert. Ihre Telefonnummer, ihre Adresse, ihr Foto werden auf radikalen Internetseiten geteilt. Vor ihrer Tagesklinik stehen Demonstranten, beten den Rosenkranz. „Du kommst in die Hölle“, steht in den Briefen, die Raven in einigen Ordnern sammelt. „Geh zurück nach Holland.“

Raven betreibt zwei Kliniken für Schwangerschaftsabbrüche in Rotterdam und Roermond – wo auch Alicia Baier einige Tage hospitiert, sich mit ihr ausgetauscht hat. Gut 7.000 Abbrüche werden in den Kliniken pro Jahr durchgeführt. Seit zwei Jahren hat Gabie Raven außerdem eine Praxis in Dortmund. 

"Zu uns kommen viele verzweifelte Frauen aus Deutschland. Ihnen wurde keine Wahl gelassen“

Sie suchte lange nach passenden Räumlichkeiten. Fand sie in einem großen Gebäude mit einem Einkaufszentrum, einer Post, einigen anderen Ärzten und einer Apotheke. Gut zu erreichen, gleichzeitig anonym. Die Fenster groß, viele Zimmer. Die Wände hat Raven gelb gestrichen. Die Frauen sollen sich bei ihr wohlfühlen. Schließlich ist sie ihretwegen da. 

Denn immer mehr deutsche Frauen kamen in Ravens andere Kliniken, weil es in weiten Teilen der Bundesrepublik an Ärztinnen und Ärzten fehlt. Von 2003 bis 2022 hat sich die Zahl der Tageskliniken und Praxen, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, bundesweit halbiert. Laut der vom Bund geförderten Erhebung zu „Erfahrungen und Lebenslagen ungewollt Schwangerer“ (ELSA) leben gut 4,5 Millionen Menschen mehr als 40 Minuten Autofahrt von entsprechenden Einrichtungen entfernt. Mehr als jede vierte Frau muss mehr als eine Einrichtung kontaktieren, um einen Termin zu bekommen. Manche erhalten erst so spät einen, dass es zu spät für ihre Abtreibung ist. 

In den Niederlanden sind Abbrüche länger, bis zur 24. Schwangerschaftswoche möglich. „Zu uns kommen also viele verzweifelte Frauen aus Deutschland“, sagt Gabie Raven. „Ihnen wurde keine Wahl gelassen.“ Die Praxis in Dortmund, dachte Raven, sei eine gute Idee. Ein Schritt in Richtung einer besseren Versorgung. 820 Abbrüche hat sie dort mit ihrem Team im vergangenen Jahr durchgeführt. 

Die 63-Jährige ist ernst geworden. „Manche fragen, ob ich immer schon Abtreibungsärztin werden wollte“, erzählt sie dann. „So eine blöde Frage. Natürlich nicht. Es ist aber doch keine Option, dass Frauen leiden oder sogar sterben, weil sie kein Kind wollen.“ Sie spricht aus Erfahrung, hat viele Frauen in Gefahr gesehen. Es geht ihr nah: „Sogar viele Abtreibungsgegnerinnen wollen irgendwann eine Abtreibung. Sie kommen zu mir und sagen, sie hätten nie damit gerechnet, aber jetzt ist es wichtig für sie. Sie haben ihre Gründe.“

Raven blickt mit Sorge in die Zukunft. Der konservative Rechtsruck in der Welt bedeute viel zu oft eine Einschränkung der Frauenrechte. Wie in den USA, wo kürzlich ein Grundsatzurteil von 1973 gekippt wurde, als Roe v. Wade bekannt. In vielen Bundesstaaten wurden daraufhin Schwangerschaftsabbrüche verboten, auch bei Inzest und Vergewaltigung. In anderen sind sie erlaubt, aber kaum noch Ärzte und Ärztinnen übrig, die sie anbieten. Ähnlich wie hier. 

Medizinerinnen und Mediziner aus der 68er-Generation, die früher für das Recht auf Abtreibung gekämpft, Schwangerschaftsabbrüche selbst angeboten haben, gehen in Rente. Auf sie folgen jedoch kaum junge Kolleg:innen. Gabie Raven sucht nach einer Nachfolgerin und geht inzwischen von der Möglichkeit aus, vielleicht keine zu finden. Noch lange zu arbeiten. So lange sie kann. 

Alicia Baier hat in einer Klinik von Gabie Raven in den Niederlanden hospitiert und von der Ärztin gelernt

Alicia Baier hat in einer Klinik von Gabie Raven in den Niederlanden hospitiert und von der Ärztin gelernt. Foto: Anne Backhaus

Nicht alle haben so viel Ausdauer und Mut wie Gabie und Alicia Baier. Fürchten die Bedrohung durch radikale Abtreibungsgegner. Fürchten die Stigmatisierung. Doch es gibt noch einen weiteren Grund für den Ärztemangel: Schwangerschaftsabbrüche werden im Medizinstudium und der Facharztausbildung häufig gar nicht gelehrt. 

Als Studentin an der Berliner Charité erfährt Alicia Baier bei einer Podiumsdiskussion von einer niederländischen Ärztin, dass es in Deutschland pro Jahr ungefähr so viele Schwangerschaftsabbrüche wie Blinddarm-Operationen gibt. Ihr fällt auf, dass sie in ihrem Studium jedoch nie Thema sind, und sie entdeckt „Medical Students for Choice“. Die Initiative aus den USA will genau das ändern. Der Gedanke ist einfach: Wenn dieser Eingriff so häufig gemacht wird, wenn er also wichtig für viele Frauen ist – sollten angehende Ärztinnen und Ärzte etwas darüber lernen. 

Baier gründet „Medical Students for Choice Berlin“ mit Unterstützung der US-Gruppe und organisiert 2015 die ersten „Papaya-Workshops“ in Deutschland. Studierende lernen dort von Gynäkologinnen und Gynäkologen, wie der am häufigsten angewandte, der operative Schwangerschaftsabbruch funktioniert. 

Bei der Absaugmethode, auch Vakuumaspiration genannt, die ebenfalls bei der Behandlung einer Fehlgeburt wichtig sein kann, wird unter Betäubung ein Röhrchen in die Gebärmutter eingeführt und dadurch die Schleimhaut mitsamt Embryo abgesaugt. Eine Papaya ist ähnlich einer Gebärmutter geformt und ebenso leicht zu verletzen. Die Studierenden können gut daran üben. Das Röhrchen an der schmalen Seite einführen, die Vakuumpumpe ansetzen, die Fruchtkerne absaugen. 

Inzwischen ist die Initiative deutschlandweit vertreten und fordert, den Schwangerschaftsabbruch zu einem festen Bestandteil des Studiums und der gynäkologischen Facharztausbildung zu machen. Seit 2022 fordert das auch Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Bündnis 90/Die Grünen). Eine Reform der Approbationsordnung könnte außerdem dazu beitragen, dass medizinische, rechtliche und ethische Aspekte des Themas verpflichtender Teil der ärztlichen Ausbildung werden.

Alicia Baier gründet 2019 „Doctors for Choice Germany“, ein Netzwerk von Ärztinnen und Ärzten sowie Menschen in Gesundheitsberufen, die davon überzeugt sind, „dass ein selbstbestimmter Umgang mit Sexualität, Fortpflanzung und Familienplanung essenziell für die Gesundheit aller Menschen sowie für die Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft ist“. Baier ist im Vorstand, ihre Arbeit dort ehrenamtlich. 

An manchen Tagen hilft ihr nur Sport, um den Kopf freizubekommen. Am liebsten klettert Baier, draußen an einem alten Flakturm im Volkspark Humboldthain. Unten steht ihr Freund und sichert sie. Weit oben an der Betonmauer muss sie wieder mutig sein. „Das Gefühl beim Klettern, diese Anspannung vor dem nächsten Schritt, ähnelt dem Aktivismus“, sagt Alicia Baier. Denkt ein wenig nach, fügt hinzu: „Ich habe Angst, aber ich spüre immer auch eine Lust, sie zu überwinden. Ich weiß, dass es sich hinterher gut anfühlen wird. Ich weiß, dass es wichtig ist, um etwas zu erreichen.“ 

Im Klinikum bleibt Baier heute bis zum Ende der Sprechstunde so zugewandt wie zu Beginn. Kaum ist die letzte Patientin weg, spurtet sie den leeren Flur entlang, zwei Stockwerke hoch durchs Treppenhaus, vorbei an den vier Kreißsälen, bis in die Stationsküche. „Ist noch was da?“ Das Müsli hat sie vor Stunden schnell am Computer zwischen zwei Patientinnen aufgegessen. Nun hat sie Hunger und Glück. Eine Kollegin reicht ihr die letzte Schüssel Reis mit vegetarischem Curry. Noch vor dem ersten Bissen erkundigt Baier sich bei den anderen Ärztinnen nach einer Patientin, die sie am Tag zuvor operiert hat. Sie ist wohlauf.

Mit am Tisch sitzen zwei Hebammen. Beide strahlen, die Wangen der jüngeren sind gerötet. Auch sie haben gerade viele Stunden durchgearbeitet. Erzählen von der anstrengenden, aber sehr schönen Geburt. „Das ist ja toll“, sagt Alicia Baier. Lächelt nun ebenfalls über das ganze Gesicht. „Die Mutter hat sich so auf ihr Kind gefreut.“ Alle nicken. 

Zeitliche Entwicklung – Abtreibung in Deutschland

  • 1871 – DER PARAGRAF 218 
    Abtreibungen werden im Strafgesetzbuch über den § 218 unter Strafe gestellt. Sie können nun bis zu fünf Jahre Gefängnis bedeuten.

  • 1949 – GRÜNDUNG DER BUNDESREPUBLIK
    Nach dem Ende des Nationalsozialismus wird der § 218 nahezu unverändert in das neue Strafgesetzbuch übernommen. 

  • 1971 – „STERN“-TITEL
    374 Frauen bekennen sich öffentlich, abgetrieben zu haben. Ein Tabu ist gebrochen, eine neue Frauenbewegung entsteht. Darauf folgt der Ruf: „Mein Bauch gehört mir!“

  • 1974 – EINFÜHRUNG DER FRISTENLÖSUNG
    Unter der sozialliberalen Koalition von Bundeskanzler Willy Brandt beschließt der Bundestag mit knapper Mehrheit eine Reform des § 218.  Ein Abbruch soll in den ersten zwölf Wochen einer Schwangerschaft straffrei bleiben.

  • 1975FRISTENLÖSUNG WIRD GEKIPPT
    Das Bundesverfassungsgericht ist gegen den Liberalisierungsversuch. Der Staat habe nach dem Grundgesetz die Pflicht, menschliches Leben zu schützen. Und das gelte auch für das noch ungeborene, sich entwickelnde Leben.

  • 1992 – DEBATTE NACH WIEDERVEREINIGUNG 
    Der Einigungsvertrag schreibt eine gesamtdeutsche
    Neuregelung vor. Der Versuch, die in der DDR akzeptierte Fristenlösung zu übernehmen und Abbrüche zu entkriminalisieren, scheitert 1993 erneut vor dem Bundesverfassungsgericht. Der Beginn der Pflichtberatung.

  • 2022 – BUNDESTAG KIPPT WERBEVERBOT
    Mediziner dürfen darüber informieren, dass und wie sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Der Paragraf 219a ist abgeschafft.

  • 2024 – GESETZENTWURF GEGEN GEHSTEIG-BELÄSTIGUNGEN
    Das Bundeskabinett will festlegen, dass nahe von Praxen,
    Kliniken oder Beratungsstellen nicht gegen Abtreibungen protestiert werden darf. Eine Kommission empfiehlt der Bundesregierung zudem, Schwangerschaftsabbrüche zu legalisieren.  

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