Jule Gölsdorf im Gespräch mit Frauen in Business und Politik über ihren persönlichen Weg weit nach oben
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Career Learnings #45: Nikola Reiter im Gespräch mit Jule Gölsdorf über ihren Weg nach oben

Nikola Reiter, Gastgeberin und Leiterin Reiters Hotels. Foto: Jenni Koller
Seit 2004 führt Nikola Reiter gemeinsam mit ihrem Mann Karl J. Reiter das Familienunternehmen. Foto: Jenni Koller

Heute: Nikola Reiter
Gastgeberin und Leiterin Hotel Reiters Supreme

Learning 1: Bei Projekten muss es nicht unbedingt Liebe auf den ersten Blick sein. Die Liebe kann sich entwickeln – man muss nur einen Stein suchen, der zum Diamanten werden kann.

Learning 2: Wenn man miteinander arbeitet sollte man sich aufeinander freuen! Natürlich muss jemand die Zügel in der Hand halten – aber das muss nicht einfach von oben nach unten sein.

Learning 3: Klassische Managementkonzepte funktionieren nicht immer – auch Bauchgefühl und Emotionen dürfen eine Rolle spielen.

Jule Gölsdorf: Wir haben etwas gemeinsam – wollten beide Tierärztin werden – warum ist bei dir nichts daraus geworden?

Nikola Reiter: Ich hatte ein Pony, das sich irgendwann an einem Stacheldraht verletzt hat und ich musste ewig die Wunde auswaschen. Das habe ich zwar gerne gemacht, weil ich das Tier geliebt habe, aber mir ist klar geworden, dass ich das nicht beruflich machen möchte – die Realität hat mich eingeholt!

JG: Schlussendlich bist du in der Hotellerie gelandet – das war ursprünglich nicht dein Traumberuf?

NR: Das ist richtig, ich bin ja in einem ganz kleinen Hotel aufgewachsen, ein Dreisternehaus mit 30 Zimmern, meine Eltern arbeiteten von morgens bis abends und wenn sie mal in den Urlaub gefahren sind, war ich bei meinen Großeltern. Das war kein Mädchentraum, ich war lieber bei den Tieren. Trotzdem habe ich die Ausbildung im Tourismus gemacht, in der Hotelfachschule – mich hat das Ausland gereizt, ich war in Norwegen, in der Schweiz, in London, man kann einfach unproblematisch in anderen Ländern arbeiten, mal hier mal da, muss sich um wenig kümmern und lernt super spannende Leute kennen. Das hat mich gefesselt. Ich komme ja aus Salzburg, das hat eine große Tourismustradition, ganz im Gegensatz zum Südburgenland, wo wir ja gelandet sind. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich vor allem Wald und blauen Himmel, es lenkt einen wenig ab! Diese unendliche Natur, die weite Landschaft, das Klima ist untypisch für Österreich, hier ist viel Platz, sich zu entfalten.  

JG: Und die Natur und die Weite passte zu eurem Konzept?

NR: Eigentlich haben wir einfach ein cooles Projekt gesucht, die Gegend war nicht ausschlaggebend. Wir waren in Südtirol, in Vietnam, in den USA, in Bayern – wir haben uns Objekte angeschaut, die zu verkaufen waren. Als wir hier her kamen, stand das Hotel schon lange zum Verkauf, wurde also nicht mehr mit viel Herzblut betrieben. Mein erster Eindruck: Ok, das haben wir gesehen, hier müssen wir nicht noch einmal her. Mein Mann war allerdings ganz anderer Meinung. Bei mir war es keine Liebe auf den ersten Blick, dafür Liebe mit der Zeit. Ich genieße es, hier zu sein, man hat eine hohe Lebensqualität. Aber mein Mann hat den Diamanten schon als Rohstein erkannt, ich habe länger gebraucht. Aber ich wollte einfach mit ihm etwas zusammen machen, egal wo.

JG: jetzt seid ihr ein Familienbetrieb, trotzdem wahnsinnig groß. Wie passt das zusammen?

NR: Es ist keine Frage der Größe, sondern des Mindsets. Wir fahren zum Beispiel mit unseren Leuten einmal im Jahr auf eine Mitarbeiter-Reise, machen mit ihnen Urlaub. Wir waren gerade an der Cote d´Azur, waren auch schon in der Karibik oder in Südafrika. Früher sagt man – das ist die Familie. Ganz so würde ich das heute nicht mehr sehen, aber ich möchte Mitarbeiter haben, auf die ich mich freue und umgekehrt. Wir haben eine flache Hierarchie, tauschen uns aus, gehen gemeinsam essen, es ist ein großes Miteinander. Natürlich muss jemand die Zügel in der Hand halten und die Strategie vorgeben, aber nicht einfach so von oben nach unten. Es macht einen Unterschied, wie man mit den Mitarbeitern umgeht!

JG: Bei euch gibt es Kinderbetreuung, flexible Arbeitszeiten und zusätzliche Urlaubstage, macht das die Mitarbeiter zufrieden, so dass sie das an Kunden weitergeben?

NR: Ja, schon. Wir haben ja selber Kinder und wissen, wie wichtig Betreuung ist. Bei uns kommen die MitarbeiterInnen sehr schnell aus der Elternzeit zurück, auch wenn es nur wenige Stunden sind. Uns hilft das trotzdem, denn sie kennen ja ihren Job, brauchen keine lange Einschulung. Die machen dann zwei oder drei halbe Tage, weil ihnen zuhause sonst auch die Decke auf den Kopf fällt. Das gibt auch dem Team einen guten Spirit, weil sie ganz begeistert fragen: Wann darf ich nächste Woche arbeiten? Und da ist es bequem, wenn das Kind um die Ecke in der Betreuung ist. Wir sind flexibel, was die Arbeitsstunden angeht, haben von 5 bis 50 alle Varianten. Natürlich müssen wir auf die Bedürfnisse der Gäste Rücksicht nehmen, aber das bekommen wir gut hin.

JG: Jetzt gibt es den großen Fachkräftemangel – hilft diese Flexibilität dabei, Mitarbeiter zu begeistern und zu halten?

NR: Ja, da hilft ein Zugang zu den Mitarbeitern: Sehe ich die nur als jemanden an, der seinen Job macht, oder haben wir wirklich ein gemeinsames Ziel, was wir erreichen wollen, wie man miteinander umgeht, egal ob Abspüler oder Küchenchef! Unser gemeinsames Ziel ist es, den Gast zu begeistern und wer sich dafür motivieren kann, hat hier ein gutes Umfeld. Mein Mann ist ja schon etwas älter – er sagt, auch in den 70er und 80ern war es schwierig, gute Mitarbeiter zu haben. Wir diskutieren viel, haben nicht immer die gleiche Ansicht, das ist aber auch gut so. Es gibt nicht den einen Kapitän, sondern Austausch und Widerworte. Wir diskutieren hart, aber kommen immer zu einem Ergebnis.

JG: Spielte es je eine Rolle, dass du eine Frau bist? Warst du da generell mit Vorurteilen konfrontiert?

NR: Ich nicht, aber natürlich gibt es das. Ich merke das, wenn ich Mitarbeiterinnen suche, oft weiß ich sofort, dass die das können, aber die Frauen unterschätzen sich. Es ist doch so, wenn eine Frau von 10 Voraussetzungen 2 nicht erfüllt, bewirbt sie sich nicht. Ein Mann hält sich für geeignet, wenn er nur 3 von 10 erfüllt. Das erlebe ich total oft. Ich muss die Frauen oft motivieren! Diese Unsicherheit gibt es mehr bei den Frauen als bei den Männern. Klar, das legt sich mit dem Alter, aber direkt nach dem Studium sind die Männer eher von sich überzeugt.

JG: Mit welchen Stolpersteinen hattest du zu kämpfen?  

NR: Stolpersteine gab es immer wieder – in der Branche ist ja Wechsel gefragt, man muss sich schon bewegen, sollte sich andere Länder und unterschiedliche Konzepte anschauen. Ich war mal zwei Jahre in London, da war es als Frau schon teilweise problematisch, weil die Führung immer Sorge hatte, dass man als Frau irgendwann schwanger werden könnte. Ansonsten fällt mir nicht so viel ein. Es gibt ja immer so Managementregeln, zum Beispiel: Wenn eine Kette ein Hotel übernimmt, werde alle Abteilungsleiter ausgetauscht. Das würde ich nicht sagen, es kommt immer auf die Menschen an. Wir setzen nicht auf klassische Managementkonzepte, wir gehen eher mit Bauchgefühl und Emotionen an die Sache ran. Wir schauen eher auf das, was die Mitarbeiter machen, als auf das, was im Lebenslauf steht. Damit sind wir immer gut gefahren.

JG: Ihr seid eine Art Wellness-Hotel, setzt auf Longevity, was bedeutet das für euch konkret?

NR: Für uns gehört Longevity zur DNA. Mein Mann hat 1982 das erfunden, was heute Wellness heißt. Unser Slogan ist ja: The place to me – wir wollen den Menschen Platz zum Durchatmen geben. Wir haben viel Platz, nicht nur in der Natur, sondern auch im Haus, in den verschiedenen Bereichen. Die Leute sollen sich Zeit nehmen, um zu überlegen: Was ist in meinem Leben wichtig, was möchte ich machen? Sie sollen auch etwas mit nach Hause nehmen – und wenn sich nur die Frühstücksgewohnheit ändert oder man in der Früh eine Atemübung macht. Wir haben viele Möglichkeiten, wir haben Natur, Tiere, Bewegung, Ernährung. Wir bieten gesunde Sachen an – und das ist kein Nachteil, gesundes Essen schmeckt hervorragend! Wellness ist für uns zu kurz gegriffen, wir wollen die Möglichkeiten eines guten Lebens aufzeigen. Wir haben Experten im Haus, verschiedene Menü-Angebote, wir nehmen Rücksicht auf Unverträglichkeiten, wir haben einen ayurvedischen Meister, der die Pulsanalyse macht. Unser Hotel ist gut für Menschen, die Entschleunigung brauchen. Das Handy mal beiseite zu legen und sich auf eine Hollywoodschaukel setzen und den Tieren beim Grasen zusehen, kann sehr entspannend sein!

JG: Auch Nachhaltigkeit ist ein großes Thema, eigentlich seid ihr nicht nur in der Hotellerie, sondern auch in der Landwirtschaft?

NR: Wir haben zwei Herzen, die in unserer Brust schlagen, mein Mann hat auf seiner Visitenkarte Gast- und Landwirt stehen. Wir haben 250 Angusrinder, die wir auch im Hotel verwerten, wir haben einen eigenen Metzger, eine eigene Hofschlachtung, alles befindet sich in einem Kreislauf, das zahlt auch auf die Qualität des Essens ein. Diese Nachhaltigkeit ist für uns nichts Neues, das begleitet uns schon ein ganzes Leben lang. Es ist ja immer die Frage, was macht man tatsächlich? Bei vielen ist es nur Greenwashing, denn Papier und das Internet sind geduldig. Wir machen viele Sachen, wir haben das österreichische Umweltzertifikat, wir hängen Nistkästen auf, wir sammeln das Regenwasser für die Bewässerung und vieles mehr – was für ein Zertifikat gar nicht abgefragt wird. Man kann viel mehr tun, als das, was in den Fragebögen steht.

JG: Als Hotelier erlebt man doch sicher auch absurde Sachen, oder?

NR: Ja – wir habe Gäste, die wollen in der Natur sein, aber die Frösche nicht hören! (lacht) Oder neulich hat sich jemand über die Eggs Benedikt beschwert. Der Mann sagte, er sei nicht christlich und das hätte doch sicher etwas mit den Benediktinern zu tun. Man wird immer wieder überrascht! Aber es gibt auch ganz tolle Begegnungen, was bei uns spannend ist: Wir haben Gäste, die als Kinder schon bei uns waren und heute als Erwachsene im Adults-only-Haus“ landen – oder aber mit den eigenen Kindern wieder zurückkommen. Ich finde es total schön, dass sie die unterschiedlichen Lebensphasen mit uns erleben. Ich mag es, die Familien immer wieder zu sehen und mitzubekommen, wie neue Generationen dazu kommen.

JG: Wie häufig kommst du denn dazu, selbst die Angebote zu nutzen? Wie schaffst du dir Auszeiten?

NR: Ich habe ja tolle Mitarbeiter, ich arbeite nicht 24/7. Unsere Angebote zu nutzen, ist immer mein Vorsatz, was ich tatsächlich oft mache, ist in die Kältekammer zu gehen. Das schaffe ich quasi im Vorbeigehen. Und ich will unseren neuen Fitnessraum ausprobieren. Aber im Wahrheit nutzt man selbst die Angebote viel zu selten. Wenn wir in den Urlaub fahren, geht es oft nach Griechenland, meine Eltern haben dort ein Haus im Nichts, das mögen wir sehr!

JG: Unsere Schlussfrage: Was war in deinem Leben ein Geschenk, eine Strafe, ein Test?

NR: Gute Frage. 
Geschenk – sind sicher unsere Kinder, die sind das was mich erdet

Strafe – ob Wetter, Mitarbeiter oder Wirtschaftslage – am Ende landet viele bei mir, auch wenn ich es nicht verursacht habe oder beeinflussen kann. Anlaufstelle zu sein, für Dinge die ich nicht beeinflussen.

Test – Corona Kein Businessplan bereitete mich darauf vor, dass alles von einem Tag auf den andern stillsteht. Führen ohne zu wissen was morgen, in vierzehn Tagen oder 2 Monaten passiert, hier hat sich gezeigt, was ein gutes Team wirklich wert ist.

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