
Career Learnings #48: Stefanie Haefele im Gespräch mit Jule Gölsdorf über ihren Weg nach oben
„Mein Karrierestart war holprig, aber ich komme gerne aus meiner Komfortzone und lerne neue Dinge! Das war der beste Einstieg!“
Stefanie Haefele
Heute: Katharina Frömsdorf
Chief Transformation Officer und Mitglied der Geschäftsführung Seven.One Entertainment Group | CEO Joyn
Learning 1: Es braucht nicht immer spezielle Fachkenntnisse, viel wichtiger ist ein grundsätzliches Verständnis für die Aufgabe und eine große Neugier.
Learning 2: Frauen sollten sich trauen, den Weg bis nach ganz oben zu gehen. Auch das lässt sich mit der Familie vereinbaren, es braucht nur eine gewisse Flexibilität.
Learning 3: Eine grundsätzliche Strategie zu haben, ist wichtig – aber in Zeiten der schnellen Transformation muss man auch mal vom Weg abweichen und schnelle und flexible Entscheidungen treffen, von denen man nicht hundertprozentig weiß, ob sie am Ende direkt zum Ziel führen.
Jule Gölsdorf: Deine Karriere umfasst wirklich interessante und vor allem sehr unterschiedliche Stationen, es ging um Musik, um Podcasts, Künstlermanagement war dabei, Streaming-Plattformen, jetzt bist du unter anderem CEO von Joyn. Über deinen ersten Job hast Du mal gesagt: Ich hatte keine Ahnung von dem, was ich da mache. Warum hast Du Dir die Position trotzdem zugetraut?
Katharina Frömsdorf: Ich habe mich schon immer gerne in neue Aufgaben hineingestürzt. Mich hat ja auch ein VWL-Studium nicht abgeschreckt, obwohl ich gar kein Talent für Mathematik hatte. Meine positive Grundeinstellung, alles hinzubekommen, hat mir dabei sicher geholfen. Außerdem kochen doch alle nur mit Wasser. Eine Erkenntnis hat sich durch mein Berufsleben gezogen: Nein sagen kann man, wenn etwas wirklich nicht funktioniert, aber wenn man gefragt wird, kann man erstmal ja sagen.
JG: Viele Frauen bewerben sich erst gar nicht auf eine neue Position, weil sie das Gefühl haben, nicht vollständig auf ein Jobprofil zu passen. Wieviel Prozent der Anforderungen muss man mitbringen und wieviel kann man sich durch learning by doing aneignen?
KF: Als Führungskraft kann ich sagen: Wenn Mitarbeiter grundsätzlich gut sind, motiviert, mit eigenen Ideen, dann kommt es nicht auf die speziellen Fachkenntnisse an, man kann sie auf verschiedene Positionen setzen und es funktioniert. In meinem Bereich gibt es eine große Tech-Organisation, ich kenne mich aber nicht mit Software-Entwicklung aus. Man braucht ja nur ein grundsätzliches Verständnis auf einem Level, auf dem man Entscheidungen treffen kann. Man muss eine große Neugier und Interesse mitbringen, den Rest kann man lernen und das sollte man sich auch zutrauen.
JG: Du bringst ja viel Internationalität mit, bist in Sydney geboren, warst zwischendurch in Hongkong, immer wieder in Frankfurt, bevor du nach München gekommen bist. Welche Erfahrungen helfen dir heute in der Führung?
KF: Diese Erfahrungen helfen erstmal im Umgang mit den unterschiedlichen Nationalitäten und den dazugehörigen Sprachen, mein Job spielt sich ja zu 50 Prozent auf Englisch ab, weil in meinem Team Menschen aus etlichen verschiedenen Ländern arbeiten. Natürlich habe ich keinerlei Scheu vor anderen Kulturen, ich bin total offen und habe da auch Spaß dran. An neuen Orten wird man ja immer mit Menschen konfrontiert, die man sonst nie getroffen hätte, da merkt man: Hinter jeder Fassade steckt etwas Besonderes, Überraschendes. Und diese Begegnungen haben sicher dafür gesorgt, dass ich alle Menschen gleich behandele, unabhängig von ihrem Titel. Ich spreche mit dem Vorstand genauso wie mit dem Pförtner.
JG: Was wäre dein Tipp für junge Frauen, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen?
KF: Sich für den ganzen Weg zu entscheiden. Wir haben Frauen in Führungspositionen, auch in Teilzeit, aber ab einem bestimmten Level sind es dann doch nur noch Männer. Ich würde jungen Frauen empfehlen: Traut euch, auch wenn ihr die Familie damit in Einklang bringen müsst – Man kann beides schaffen. Mir fehlen Frauen, die ganz oben ankommen. Frauen sollten sich den nächsten Schritt zutrauen und ihn auch gehen. Und dabei reicht es nicht, nur eine bestimmte Qualität mitzubringen, sondern man muss sichtbar sein, sich auch mal gegen Widerstände durchsetzen und auf sich aufmerksam machen.
JG: Woran liegt es, dass Frauen häufig nicht laut genug sind?
KF: Das hängt natürlich von der Persönlichkeit ab, aber es ist ja nicht immer offensichtlich, was man kann und will. Man sollte sich nicht verstellen, sondern klar und deutlich sagen, was man denkt und sich wünscht – dabei darf man auch mal laut sein und die eigenen Erfolge ins Rampenlicht stellen.
JG: Welche Rolle spielt das Geschlecht in der Karriere – welche Erfahrungen hast du da gemacht, musstest du dich doppelt beweisen, weil du eine Frau bist?
KF: Nein, eigentlich nicht, für mich persönlich spielte das nie eine Rolle. Ich bin aber auch mit Brüdern aufgewachsen, hatte schon immer Jungs oder Männer um mich herum. Mir ist aber selbstverständlich klar, dass es viele Frauen gibt, für die das ein großes Thema ist. Ich habe mein Verhalten nie danach gerichtet, in welcher Konstellation Menschen anwesend waren. Für mich gibt es da keinen Unterschied, auch nicht in der Besetzung von Positionen, mir geht es immer um die Sache.
JG: Wie stehst du zu einer Frauenquote?
KF: Ich bin hin und her gerissen. Wir kommen ja aus einer Phase, wo es in jeder Führungsetage eine Frau geben sollte, weil das gesellschaftlich stark gefordert war. Aber mein Eindruck ist, dass dieser Wunsch schwächer geworden ist und ich frage mich, warum. Konnten die Frauen bestimmte Rollen vielleicht einfach nicht erfüllen? Vermutlich nicht. Ist es der sich momentan wieder in eine andere Richtung entwickelnde Zeitgeist? Möglicherweise. Aber, und das ist auch klar: Natürlich bin ich der Meinung, dass Frauen jeder Führungsetage gut tun, einfach weil die Vielfalt an Perspektiven der Sache immer gut tut.
JG: Ist ProSieben.Sat1 ein Unternehmen, dass Frauen bzw. Diversität fördert?
KF: Wir lassen viel Flexibilität zu, mit Arbeitsmodellen für Frauen, die genau diese Flexibilität brauchen. Das ist super wichtig und wird auch wertgeschätzt. Ich erlebe immer wieder Frauen mit Familie, die super Lust auf ihren Job haben, und die meistens sogar leistungsfähiger sind, weil sie offiziell zwar 70 Prozent arbeiten, aber 100 Prozent geben. Ob diese Frauen zwischen 16 und 18 Uhr oder zwischen 20 und 22 Uhr ihren Job machen, ist mir egal, Hauptsache es läuft – und das funktioniert in den allermeisten Fällen einfach sehr gut. So eine Strategie sollten Unternehmen fördern. Aber klar – auch bei uns gibt es wie bei vielen großen Unternehmen beim Thema Frauenanteil in den höheren Führungsetage noch Luft nach oben, daran arbeiten wir.
JG: Viele Frauen in Vorständen sagen, wenn ein Drittel eines Teams weiblich ist, verändert sich die Dynamik? Welche positiven Eigenschaften bringen Frauen mit?
KF: Ich könnte das nicht an einer Zahl festmachen, aber jedem, wirklich jedem Team tun Frauen gut. Die Anwesenheit von Frauen hat Auswirkungen auf die Art und Weise, wie Themen priorisiert und diskutiert werden. Das ist wichtig. Der Blick auf die Menschen in einem Team ist anders, auch wenn man das natürlich nicht grundsätzlich am Geschlecht festmachen kann. Aber in der Tendenz haben Frauen einen stärkeren Blick für die Organisation und die Menschen darin, auch für die Sorgen und Nöte. Frauen haben mehr Einfühlungsvermögen, die Kommunikation ist facettenreicher, wenn Frauen dabei sind.
JG: Was ist deine Vision von Führung?
KF: Die Leute in meinem Team sollten idealerweise das, was sie tun, besser können als ich. Mir ist es wichtig, dass meine Führungskräfte eigenständig agieren, ich sehe mich nicht als jemanden, die einfach eine Aufgabe vorgibt, sondern als Sparringspartner. Natürlich ist es meine Aufgabe, einen Weg vorzugeben, aber ich führe die strategische Diskussion offen, ich gebe Impulse und halte die Fäden zusammen. Je weniger meine Mitarbeiter:innen mich brauchen, desto besser.
JG: Trotzdem hast du mal gesagt: Wenn es nicht läuft, muss man jeden einzelnen Stein umdrehen, muss man als CEO dann doch ins Klein-Klein gucken?
KF: Das muss man genau dann tun, wenn es nicht läuft. Da spielen mehrere Komponenten eine Rolle, das Geschäftsumfeld, die Konzernstrukturen oder sonstige Einflüsse. Gerade in der Medienbranche befinden wir uns in einer Zeit der Transformation, verbunden mit großen Umbrüchen. So schnell, wie sich bei uns zum Beispiel die Technologie oder das Nutzerverhalten verändert, muss man die eigene Strategie ja eher quartalsweise hinterfragen als die nächsten fünf Jahre im Blick zu haben. Man muss in der Lage sein, schnell umzustellen und Entscheidungen treffen, ohne zu wissen, ob sie am Ende direkt zum Ziel führen. Dann muss man als CEO auch mal in die Tiefe gehen. Manchmal läuft man auf einer Route los und muss auf halber Strecke abbiegen, weil man am Anfang noch nicht genau wusste, wo die Reise hingeht. Dafür brauchen wir die nötige Flexibilität – und wir müssen in jedem Fall und bei jedem Schritt die Leute mitnehmen – also gemeinsam mit dem Team Veränderungen erarbeiten, ein Motivator sein und nicht nur oben Entscheidungen treffen und dann nach unten delegieren.
JG: Wonach schaust du, wenn du neue Mitarbeiter suchst? Und dürfen Teammitglieder heute mehr Ecken und Kanten haben als früher?
KF: Ich verantworte ja viele unterschiedliche Bereiche mit sehr unterschiedlichen inhaltlichen Anforderungen und suche in der Regel Führungskräfte. Natürlich schaue ich auf den track record, die Erfolge, die jemand vorzuweisen hat, ich höre mich um, sehe die Referenzen. Bei den Lebensläufen geht es mir um die Erfahrungen und nicht so sehr darum, was die Leute studiert haben oder ob es da eine Lücke im Lebenslauf gibt. Mir fallen verrückte Sachen eher positiv auf, das macht Menschen interessant. Was mir aber wirklich wichtig ist – und da kommen wir wieder auf mein Verständnis von Führung von vorhin zurück: Ich schaue, wie eigenständig jemand ist, welche eigenen Ideen er mitbringt. Und mir ist es lieber, wenn mir jemand Widerworte gibt und sagt: Ich sehe das anders. Dann weiß ich, diese Person kann sich auch an anderen Stellen durchsetzen und die eigene Meinung vertreten. Das ist mir hundertmal lieber als jemand, der mir nach dem Mund redet.
JG: Du hast Joyn schon kurz angesprochen – Es gibt ein Spannungsverhältnis zwischen Streaming und dem klassischen Fernsehen – eigentlich setzen alle auf Plattformen, ProSieben.Sat1 setzt auf Joyn. Aus Nutzersicht gibt es wahnsinnig viele Angebote, es kommen immer neue hinzu – wann erwartest du da eine Marktkonsolidierung und wo steht Joyn?
KF: Fernsehen und Streaming lassen sich nicht mehr trennen. Natürlich wollen wir Joyn richtig groß machen, aber das TV ist immer noch einer der wichtigste Treiber für die Reichweite auf Joyn – wir haben ja nahezu alle deutschen Live-TV-Sender auch auf Joyn kostenlos verfügbar. Was die Plattformen angeht, hat sich der Markt bereits konsolidiert. Gerade kleinere Unternehmen werden nicht alle ihre eigenen Streaming-Angebote schaffen oder haben sie bereits wieder eingestellt. Joyn hat aber ganz klar eine andere Positionierung, denn: Joyn ist im Kern ein kostenloser Streamer, auf dem man nahezu alle Sender und Mediatheken bekommt, ohne ein Abo abzuschließen. Das ist der große Unterschied zu den Wettbewerbern national wie international. Die entdecken zwar auch gerade Werbefenster für sich, aber im Kern sind das Bezahlangebote. Wir finanzieren Joyn über Werbung, genauso wie wir das seit Jahrzehnten sehr erfolgreich im Fernsehen machen – und das schätzen unsere Zuschauer:innen sehr, wie unser Wachstum über die vergangenen Monat eindrücklich beweist.
JG: Unsere Schlussfrage: Was war in deinem Leben ein Geschenk, eine Strafe, ein Test?
KF: Ein Geschenk ist natürlich die Familie, gesunde Kinder zu haben, und dass mich auch alle darin unterstützen, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. Dafür habe ich auch den richtigen Mann. Ich bin in meinem Leben sehr viel umgezogen, bevor ich zu ProSieben.Sat1 kam, und dabei früher alle paar Jahre die Schule wechseln zu müssen, das war ein Test und ein Geschenk zur gleichen Zeit. Denn: Es hat unglaublich positive Seiten, immer wieder in ein neues Umfeld geschmissen zu werden und neue Welten entdecken zu können. Dass ich Neustarts wagen konnte und durfte, hat mich enorm geprägt. Aber was war eine Strafe? Ich habe mit vielen Künstlern zusammengearbeitet – die Größten waren immer die coolsten, die professionellsten. Manchmal war es vielleicht eine Strafe, mit Künstlern zu arbeiten, die zu schnell von 0 auf 100 gekommen sind – aus beruflicher Perspektive war das an der ein oder anderen Stelle durchaus anstrengend, die haben sich vielleicht ein bisschen zu wichtig genommen (lacht).

„Mein Karrierestart war holprig, aber ich komme gerne aus meiner Komfortzone und lerne neue Dinge! Das war der beste Einstieg!“
Stefanie Haefele
„Die meisten Gäste erwarten immer noch nicht, dass eine Frau die Rolle des Schiff-Kapitäns inne hat. Es braucht eine neue Vorstellung dieser Position!“
Serena Melani
„Natürlich bin ich auf meinem Weg oft auf die Fresse gefallen! Mit Ideen, mit Entscheidungen und wahrscheinlich auch mit meiner direkten Art!“
Katrin Oeding
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