Big in Japan: Im so weit entfernten Land der aufgehenden Sonne mit seiner jahrtausende-alten Kultur scheint nichts unmöglich. Das übt auf Reisende jeden Alters einen ungeheuren Reiz aus. Aber wo beginnen? Warten lohnt sich nicht – auf Japans größter Insel Honshu heißt es tief eintauchen in alle seine Wunder
Die Masse an Menschen, die hier tagtäglich unterwegs ist, bricht alle Rekorde. Dennoch sind die Japaner stets von unübertroffener Geduld und Gastfreundschaft. Am Shinagawa-Bahnhof empfiehlt der Schaffner erst die besten „Eki-Ben“ für die Reise – Bento-Boxen voller mysteriöser, lockender Köstlichkeiten wie Sushi, Rettiche in Rosenform und Spießchen – und stellt einen dann am Bahnsteig in die rechte Warteschlange. Diese bitte um jeden Preis respektieren: Disziplin und Höflichkeit beherrschen das öffentliche Leben.
Der Shinkansen zieht mit 285 km/h am Mount Fuji vorbei, und in der Abenddämmerung von Kyoto, der ehemaligen Hauptstadt des heute letzten Kaiserreichs, wetteifern die Papierlaternen von Gion mit den Lichtern des Art-déco-Seiryu-Hotels. Im alten Herzen der Stadt sieht man mit etwas Glück eine Geiko – so heißen die Geishas hier –, die zu einem Engagement unterwegs ist. Ihre geheimnisvolle Grazie inspiriert: Der Kimono-Verleih boomt.
Aber Achtung, die zahllosen steilen Stufen vieler Tempel oder des Fushimi-Inari-Schreins werden in traditionellen hölzernen Geta-Zehensandalen zur Herausforderung. Beim Aufstieg zum Allerheiligsten unter den Hunderten von orange gestrichenen Torii hindurch flattern Gebetsfahnen bunt im Wind, Affen schwingen in den Bambushainen, und Inzens und Matcha würzen die Luft: Das Lieblingsaroma der Japaner färbt jede Speise zartmandelgrün.
Als Opfergaben akzeptiert der Fuchsgott Inari statt prall mit Yen gefüllter Umschläge auch mal eine abgeliebte Puppe. Während der Edo-Periode – gut 300 Jahre bis 1868, in denen das Land komplett abgeschottet war – herrschte in Kyoto der Shogun. In seinem Nijo-Palast „singen“ sogenannte Nachtigallböden dank ihrer einmaligen Verankerung bei jedem Schritt, und das gemusterte Blattgold der riesigen Schiebetüren stimmt ein auf den Kinkaku-ji, den berühmten „Goldenen Tempel“.
Im Frühjahr schäumen hier die Kirschblüten, im Herbst lodert das Ahornlaub. Die Gärten der Stadt erstaunen mit ihrer perfekten Harmonie: Die Dynamik aus Wasserfällen und stillen Teichen, die Symbolik der Pflanzen – Moos und Kiefern stehen für Langlebigkeit – und Steine als Zen-inspirierter Knotenpunkt der Chi-Energie sind eine Choreografie der großen Natur Japans.
Das Herz der pulsierenden ehemaligen Hauptstadt des Reiches: Dieser seltene Moment der Stille in der Higayishama Ward in Kyoto gehört den acht Millionen Göttern des Shinto-Glaubens
Ehe der Buddhismus im 6. Jahrhundert hierherkam, predigte der Shinto-Glaube von einer beseelten Welt: Er huldigt an die acht Millionen Göttern. Allem wohnt ein Zauber inne – auf dem Weg in den Süden steigt Nebel aus dichten Wäldern von wildem Ginkgo und Lärchen, jahrhundertealte Machiya-Holzhäuser ducken sich unter Pagodendächern, und Reiher staken durch die gewässerten Reisfelder, das „weiße Gold“ des Landes. Seine Kultivierung ist Teil des Lehrplans an japanischen Schulen.
In Mie tauchen seit Generationen die Ama-Frauen bis ins hohe Alter in ihren weißen Hauben nach Meeresfrüchten. Sie halten unter Wasser bis zu zwei Minuten lang den Atem an. Ein Essen in einer Amagoya, ihren Hütten an den grauen Wellen des Pazifik, ist unvergesslich, aber nichts für schwache Nerven: So manche Zutat kommt lebendig auf den Tisch. In Toba erfand Herr Mikimoto die Zuchtperle: Die Pearl Island zeigt, wie der natürliche Abwehrmechanismus der Auster ihn zu seinem patentierten Verfahren inspirierte. Dennoch sind auch hier nur fünf Prozent der produzierten Perlen perfekt.
Die blaue Stunde der Dämmerung ist für den Besuch eines Onsen bestimmt, einer natürlichen heißen Heilquelle. Das Freiluftbecken des Ryokan Hojoen – eines traditionellen Gasthauses – hängt hoch über dem Archipel von Kashikojima, wo die letzten langen Fischerboote träge die Bucht überqueren. In Orten wie Shibu Onsen inmitten der wunderbaren Bergwelt von Nagano ist der Badbesuch ein eigenes Ritual. In einen leichten Baumwoll-Yukata gehüllt wandert man durch schmale Gassen, wo es aus Felsspalten dampft und nach Jod, Schwefel und Salpeter riecht. Jedes der neun öffentlichen Onsen lockt mit anderer Heilkraft, etwa gegen Gicht, Unfruchtbarkeit, Ekzeme, Rückenschmerzen und Augenentzündungen. Das gefällt nicht nur uns: An verschneiten Wintermorgen treiben im nahen Jigokudani-Park auch Makaken in den heißen natürlichen Becken, die Augen vor Genuss geschlossen.
Doch zuerst geht es an die Nordküste, nach Kanazawa, dem Zentrum von Kunst und Handwerk, das im Zweiten Weltkrieg von Bomben verschont blieb. In dem Machiya Wow Kanazawa wird das köstliche japanische Frühstück – Reis, Miso, fermentiertes Gemüse und Fisch – an die Tür geliefert. „Kanazawa“ bedeutet „Goldquelle“, und das Handwerk mit dem Blattgold floriert ebenso wie die Herstellung exquisiter Keramik und Lackwaren. Wagen Sie einen Workshop! Ein anderer, letzter Meister seiner Kunst stellt mit Reispapier bespannte Sonnenschirme her, von Hand bemalt und von herzzerreißender Schönheit. Auch die Kaiserin ist seine Kundin.
An einem Netzwerk von Kanälen liegen alte Samurai-Häuser: Die Zedernböden sind warm unter den Füßen, und im Teich huschen Koi wie bunte Blitze umher. Acht große Familien dominierten die Bushi-Kriegerkaste, die mit Reisfeldern entlohnt wurde. Der moderne Samurai-Meister Masahisa Shijimaya lehrt das Katana-Schwingen: Die mit Wasser vollgesogene Tatami-Matte ist mit einem einzigen Hieb zerteilt.
Das Museum des 21. Jahrhunderts lockt mit Kunst zum Anfassen, wie dem „Swimming-Pool“ von Leandro Erlich. Darüber liegt grün der Kenruko-en, einer der drei bekanntesten Gärten des Landes, und ihm gegenüber das spektakuläre Kanazawa Castle: Der Palast wurde in den 1990er-Jahren ohne jeden Nagel aus honigfarbenem Holz nach althergebrachter Art wiederaufgebaut. Doch die Stadt hat einen jungen Puls: Viele Bars bieten Anime-Themenabende samt unglaublichen Kostümen.
Japanische Frauen leben im Spannungsfeld von Tradition und Moderne – ein Ventil bieten da die vielen Anime-Themenabende, die überall im Land boomen.
Am Pass durch die Bergwelt Naganos hüllen sich die Gipfel in Wolken, und hüfthohe Bambusteppiche rollen bis hinunter in die Ebene zu den endlosen Wäldern des westlich anmutenden Karuizawas. Hier haben die Häuser Mansardendächer oder eine Ostküsten-Porch. Nach dem Wachstum der 80er-Jahre ist sich Japan zunehmend seiner einzigartigen Natur bewusst. Im Picchio Wildlife Center lassen sich Schwarzbären, die Serow-Antilope oder Flughörnchen beobachten. Nach so viel Nachhaltigkeit lockt die Karuizawa Prince Shopping Plaza, ein riesiges Outlet. Japanischer Chic inspiriert, ob monastisch-kühl oder cool-abgefahren.
Zeit für Tokio: Es heißt sich einen Überblick verschaffen, so wie im Peninsula-Hotel gegenüber den kaiserlichen Gärten – seine Küche kocht die besten Ramen der Stadt! –, dem Skytree-Turm oder dem Shibuya Sky samt seinen Himmel-Hängematten, hoch über der berühmten Hachikō-Statue gelegen. Vergangenheit und Gegenwart verflechten sich: Die Jugend liest Kafka, da eine Animeserie von dessen „Verwandlung“ inspiriert ist; im traditionellen Kabuki-Theater träumt ein Tiger von einer Karriere in L. A. Am Fischmarkt werden schimmernde Thunfisch-Riesen versteigert, und der Ginza-Boulevard mit seinen Tempeln des internationalen Konsums tost. Die Honkan-Galerie des Nationalmuseums im Ueno-Park eint Jahrtausende, und das digitale teamLab Planets – der Welt meistbesuchtes Museum – zaubert einen Spielplatz für die Sinne.
Japan – wo anfangen? Am besten hier und heute.
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