Vier von zehn deutschen Frauen sind heute schon einmal alleine verreist. Eine Bestandsaufnahme über einen Reise-Trend, der weniger mit Partnerlosigkeit zu tun hat als mit einem neuen Selbstverständnis – und der die Branche gerade gründlich umbaut
Vor zehn Jahren galt eine Frau, die im Sommer alleine durch einen europäischen Flughafen lief, oft als kleine Auffälligkeit. Nett, vielleicht etwas einsam, jedenfalls außer der Reihe. Heute ist sie Statistik – und Teil einer der am schnellsten wachsenden Zielgruppen der Reisebranche.
Der aktuelle TUI Solo Female Travel Index 2026, eine Befragung unter 2.000 deutschen Frauen, dokumentiert das Phänomen mit ungewohnt klaren Werten: 40 Prozent der Befragten haben bereits mindestens einmal eine Solo-Reise unternommen, 29,5 Prozent würden „ohne Zögern“ erneut alleine verreisen, 10,3 Prozent planen derzeit ihre erste Solo-Reise, weitere 18,8 Prozent denken konkret darüber nach. Die stärkste Gruppe der wiederholt Solo-Reisenden bilden Frauen zwischen 25 und 44 Jahren mit einem Anteil von je 32 Prozent. Auffällig ist eine zweite Bewegung am anderen Ende: Auch jede sechste Frau über 55 (15,4 Prozent) plant gerade ihre erste Solo-Reise. Im internationalen Vergleich rückt die Entwicklung noch schärfer ins Bild: Weltweit, so weitere Erhebungen aus 2026, sind rund 84 Prozent aller Solo-Reisenden Frauen – und fast vier von zehn davon über 40 Jahre alt.
Foto: Konrad Nowacki/unsplash
Die Antworten, die in der TUI-Befragung am häufigsten fielen, klingen weniger nach Reiseprospekt als nach Lebensbilanz: Selbstbestimmung. Unabhängigkeit. Der Wunsch nach kompromisslosen Erlebnissen. Frauen reisen heute also nicht in erster Linie alleine, weil sich kein Partner und keine Freundin findet, die mitkommt. Sondern weil sie etwas tun möchten, das in der Gruppe nicht denselben Effekt hätte. Hinter dieser Verschiebung stehen Entwicklungen, die sich auch außerhalb der Studie ablesen lassen. Die Pandemie hat die gesellschaftliche Akzeptanz für Alleinsein verändert. Berufliche Flexibilität – Remote Work, Sabbaticals, kürzere Wochenarbeitszeiten – hat den verfügbaren Zeitkorridor verbreitert. Und gerade die Generation der Frauen Mitte 40 erlebt mit erwachsen werdenden Kindern, mit Trennungen oder mit beruflichen Neuanfängen einen Lebensabschnitt, in dem sich die Welt öffnet, statt sich zu schließen.
Was als Solo-Reise zählt, ist heute kein einheitlicher Stil mehr. Drei Muster prägen die Szene und lassen sich an Buchungsverhalten und Hotel-Auslastungen ablesen. Der bewusste Hotelaufenthalt: ein gut ausgewähltes Boutique- oder Spa-Hotel, drei bis sieben Tage, häufig in Europa. Spa-Programm, Restaurant, Pool, gelegentlich ein Tagesausflug. Wer so reist, geht nach zwei, drei Tagen entspannt allein zum Essen, weil das Personal Gesicht und Routine kennt. Diese Variante hat in den vergangenen Jahren kleine, inhabergeführte Häuser und neue Adults-only-Konzepte in Italien, Portugal und Österreich groß werden lassen. Die organisierte Erlebnis-Gruppe: Touren in Patagonien, Marokko, Island oder am Annapurna, bei denen Frauen alleine buchen, aber innerhalb einer Gruppe reisen. Wer aktiv unterwegs sein möchte, aber nicht selbst die Logistik organisieren will, findet hier den praktischen Mittelweg. Spezialisierte Frauen-Reiseveranstalter melden seit drei Jahren konstant wachsende Buchungszahlen. Slow Travel und Camper: Eine kleinere, aber sichtbar wachsende Gruppe reist über Wochen mit dem Wohnmobil – häufig in Skandinavien, Schottland oder entlang der südeuropäischen Küsten. Wer so reist, tauscht Komfort gegen Freiheit und genießt den Tausch.
Die Ziele, die in der TUI-Auswertung am besten abschneiden, sind keine Überraschung für alle, die schon länger alleine unterwegs sind. Finnland führt das Ranking an, gefolgt von Schweden. Auf Platz drei teilen sich Belgien, Dänemark und Österreich den Rang, dahinter folgen Portugal, Litauen, die Niederlande und Deutschland selbst. Gemeinsam haben diese Länder: hohe Sicherheit, ausgebauter öffentlicher Nahverkehr, verlässliche medizinische Versorgung – und, in der TUI-Methodik bemerkenswert offen formuliert, „der Zugang zur Pille danach“. Der Index analysiert 150 Länder anhand von neun Kategorien, darunter auch Geschlechterparität und Verkehrsinfrastruktur. Auffällig: Die klassischen Solo-Travel-Ikonen wie Bali oder Costa Rica tauchen in den oberen Plätzen nicht auf. Wer 2026 sicher solo reisen möchte, wählt zunehmend europäisch.
Foto: Paulina Herpel/unsplash
Was diese Generation von Solo-Reisenden von der vor zehn Jahren unterscheidet, ist nicht nur die Häufigkeit, sondern die Selbstverständlichkeit. Drei Verschiebungen lassen sich beobachten. Längere Aufenthalte statt Kurztrips: Wo früher das Solo-Wochenende in Wien oder Lissabon stand, gehen heute viele Frauen für ein bis drei Wochen weg. Die Idee „Ich brauche Pause“ hat sich messbar gedehnt. Anschluss statt Programm: Hotels, in denen sich Solo-Reisende leicht einklinken können – über gemeinsame Frühstückstische, Walking-Touren, Yoga-Kurse – werden gezielt gesucht. Es geht weniger um „Programm“, sondern um die Option auf Begegnung. Nicht mehr erklärungsbedürftig: Solo-Reisende erleben heute deutlich seltener das alte „Sie sind ganz alleine?“-Gespräch an der Hotelrezeption. Die Branche hat sich angepasst – langsam, aber spürbar.
Foto: Getty Images/unsplash
Vielleicht ist genau das die schönste Beobachtung dieser Entwicklung: Eine Generation Frauen, für die Alleinreisen keinen Grund mehr braucht. Kein „Ich brauche das jetzt“, kein „Eigentlich wollte ich nicht solo“. Einfach: ein Koffer, ein Ziel, die Erlaubnis, einen Sommer lang das eigene Tempo zu gehen.
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