Jenseits der Norm: Wie Weird Girl Fiction Weiblichkeit neu erzählt

Was passiert, wenn Frauenfiguren nicht mehr gefallen wollen? Weird Girl Fiction erzählt von Heldinnen, die sich den Erwartungen entziehen – radikal ehrlich, verstörend und faszinierend zugleich. Zwischen Körper, Kontrollverlust und innerer Unruhe entsteht eine literarische Strömung, die Weiblichkeit neu denkt: roh, widersprüchlich und kompromisslos.

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Foto: Karolina Grabowska / Unsplash

Es leben die Sonderlinge!

„Weird Girl Literatur“ ist ein aktueller literarischer Trend, bei dem ungewöhnliche und oft verstörende Geschichten über weibliche Protagonistinnen im Mittelpunkt stehen, die mit gesellschaftlichen Normen brechen. Der Begriff beschreibt weniger ein festes Genre als eine lose Strömung, die vor allem durch die sozialen Medien an Popularität gewonnen hat. Marie Claire wirft einen Blick auf die Merkmale dieser eigenwilligen Literaturrichtung und stellt zentrale Werke vor.

Die Ursprünge von Weird Girl Literatur

Der Begriff mag neu klingen, doch seine Wurzeln reichen weit zurück. Zu größerer Bekanntheit gelangte „Weird Girl Fiction“ in den letzten Jahren vor allem durch digitale Lesekulturen wie BookTok, wo Leserinnen begannen, Texte zu sammeln, die sich jeder eindeutigen Kategorie entziehen. Doch literarische Vorläufer finden sich bereits im 19. Jahrhundert: Auch die Figuren in Mary Shelleys Frankenstein oder Emily Brontes Sturmhöhe tragen dieselbe eigentümliche Unruhe in sich, die heute als „weird“ gefeiert wird. Sie konfrontieren uns mit Frauenbildern, die nicht zur Ruhe kommen, die sich widersetzen – und gerade deshalb faszinieren.

Während diese frühen Werke oft noch im Spannungsfeld gesellschaftlicher Normen gelesen wurden, wird das „Weird Girl“ heute bewusst als Gegenentwurf verstanden. Das Seltsame ist kein Makel mehr, sondern ein ästhetisches Prinzip. „Weird Girl Literature“ will seine Leserschaft irritieren.

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Bunny von Mona Awad ist ein prototypischer Weird Girl Roman. Foto: Penguin Random House

Was zeichnet Weird Girl Literatur aus?

Wie schon erwähnt, ist Weird Girl Literature kein festes Genre und lässt sich daher auch schwer eingrenzen. Doch es gibt wiederkehrende Motive, Stimmungen und Perspektiven, die sich in fast allen Werken finden, die in Foren und den sozialen Medien unter diesem Begriff gelistet werden.

Im Zentrum steht fast immer eine weibliche Figur, deren Innenleben kompromisslos ausgeleuchtet wird. Diese Figuren sind selten „sympathisch“ im klassischen Sinne. Sie sind komplex, radikal ehrlich und wirken gerade deshalb mitunter abstoßend. Doch genau daraus erwächst die Kraft dieser Geschichten: Sie verweigern sich der Erwartung, gefallen zu müssen, und öffnen Räume, in denen Weiblichkeit nicht als festgelegter Zustand erscheint, sondern als Erfahrung voller Widersprüche. Kurz gesagt: Weird Girls dürfen scheitern, zweifeln und sich verwandeln.

Auch ihr Verhältnis zum eigenen Körper ist von Instabilität geprägt. Sie erleben ihn nicht als verlässliche Einheit, sondern als etwas, das sich verändert, entzieht oder sich sogar gegen sie richtet. Um diesen schwer greifbaren inneren Zuständen Ausdruck zu verleihen, greifen viele Texte auf Elemente aus Horror, Surrealismus oder magischem Realismus zurück. Das Unheimliche wird so zur Sprache für das, was sich rational kaum fassen lässt.

Zu den wiederkehrenden Motiven zählen:

  • Metamorphosen (Frauen, die sich in Tiere oder Pflanzen verwandeln)
  • Obsession, Isolation, Wahnsinn
  • Körperlichkeit (Menstruation, Sexualität, Krankheit)
  • weibliche Wut und gesellschaftliche Entfremdung
  • fragmentierte oder unzuverlässige Erzählstimmen
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Foto: Ullstein Verlag

7 Bücher über seltsame Frauen, die wir feiern

Fische von Melissa Broder

Im Grunde wollte Lucy ihren Freund Jamie nie heiraten oder Kinder mit ihm, doch dann versetzt sie ihre dramatische Trennung unerwartet in eine emotionale Totalkrise. Mit achtunddreißig Jahren steht sie vor dem Abgrund: Sie dröhnt sich zu, sucht Hellseherinnen auf und droht schlichtweg zu verzweifeln.

Rettung scheint in greifbarer Nähe, als sie Phoenix verlässt und in Venice Beach das Haus ihrer Schwester samt Hund hütet. Doch weder der Besuch der hiesigen Liebes- und Sextherapiegruppe für beziehungsgestörte Frauen noch Tinder-Abenteuer können Lucy aus ihrem Wahn befreien. Doch dann erlebt sie eines Abends am Strand ein unfassbares High als ein wunderschöner Meermann aus dem Ozean auftaucht…

Der Kaninchenstall von Tess Gunty

In einem heruntergekommenen Wohnkomplex im amerikanischen Rust Belt lebt die Jugendliche Blandine Watkins, die kürzlich aus dem Pflegesystem entlassen wurde. Im Lauf einer einzigen schwülen Sommerwoche begleitet der Roman das Mädchen bei ihrer Suche nach Transzendenz inmitten einer existenziellen und spirituellen Krise – bis sich das Geschehen zu einem gewaltsamen Wendepunkt verdichtet.

Gunty verwebt in ihrem mit dem National Book Award ausgezeichneten Debüt multiperspektivisch Themen wie Armut, Entfremdung, religiöse Sehnsucht, Sexualität und urbane Verwahrlosung zu einem vielstimmigen Gesellschaftsporträt der gegenwärtigen USA.

Mein Jahr der Ruhe und Entspannung von Ottessa Moshfegh

Ottessa Moshfegh gehört zu den zentralen Stimmen der neuen Weird Girl Fiction und rückt in ihren Romanen Figuren in den Fokus, die sich radikal von der Welt abwenden.

Ihr zweiter Roman spielt im New York City der Jahre 2000 und 2001 und folgt einer namenlosen, lebensmüden Protagonistin, die einen kuriosen Plan ausheckt: Sie will nach und nach immer mehr verschreibungspflichtige Medikamente einnehmen, um ein ganzes Jahr lang zu schlafen.

Nightbitch von Rachel Yoder

Kafkas Verwandlung lässt grüßen: Rachel Yoder erzählt in ihrem Debütroman von einer Galeristin, die ihr aufregendes Berufsleben gegen den eintönigen und überfordernden Job als Vollzeitmutter tauscht. 

Doch als sie plötzlich körperliche Veränderungen feststellt – geschärfte Eckzähne und Haare, die sich wie Fellbüschel anfühlen – entdeckt sie eine unbekannte Seite an sich. Zwischen Knurren, Heulen, Bellen, Jaulen, Beißen und Winseln offenbart sich eine ebenso witzige wie schockierende Perspektive auf Mutterschaft. 

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Foto: Klett-Cotta Verlag

Die Must-Read Horror-Romane über Weird Girls

Bunny von Mona Awad

Faszinierend, fesselnd und ein bisschen verstörend: So lässt sich Mona Awads düsteres Märchen wohl am besten beschreiben. In dessen Fokus steht die Stipendiatin Samantha, die die Gesellschaft ihrer makabren Fantasie den meisten Menschen vorzieht und ganz besonders ihren ihren Kommilitoninnen – einer Clique reicher Mädchen, die sich gegenseitig „Bunny“ nennen und miteinander verschmolzen zu sein scheinen. Als Samantha jedoch überraschend eine Einladung zu einer Soirée der Bunnies erhält, wird sie immer tiefer in die vermeintlich zuckersüße Welt der Mädchen hineingezogen – bis die Grenzen der Realität verschwimmen.

Wir haben schon immer im Schloß gelebt von Shirley Jackson

Shirley Jacksons Psychohorror-Roman gilt heute als früher, prototypischer Weird-Girl-Text – lange bevor es den Begriff gab. Im Mittelpunkt steht die 18-jährige Mary Katherine „Merricat“ Blackwood, die gemeinsam mit ihrer Schwester Constance und ihrem kranken Onkel abgeschieden in einem großen Haus lebt. Der Rest der Familie ist vor Jahren unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen – ein Ereignis, das bis heute wie ein Schatten über dem Anwesen liegt.

Das Dorf begegnet den Schwestern mit Misstrauen und offener Feindseligkeit. Während Constance das Haus kaum verlässt, bewegt sich Merricat zwischen kindlicher Fantasie und düsteren Ritualen: Sie vergräbt Gegenstände, spricht Beschwörungen und versucht so, ihre fragile Welt zu kontrollieren. Als ein Cousin plötzlich auftaucht und sich in das Leben der Schwestern drängt, gerät das labile Gleichgewicht ins Wanken. Die Spannungen eskalieren – und die ohnehin brüchige Realität kippt endgültig ins Unheimliche.

Hungerstone von Kat Dunn

Nach zehn Jahren Ehe ziehen Lenore und ihr Mann Henry von London auf ein abgelegenes Anwesen im Peak District. Als der Stahlunternehmer eine Jagdgesellschaft ausrichten will, soll Lenore das verfallene Haus herrichten – ihre Zukunft hängt daran. Doch als das zerrüttete Paar durch die trostlose Landschaft reist, bringt ein schockierender Kutschenunfall eine mysteriöse Frau in ihr Leben. Carmilla, die tagsüber schwach und blass ist, nachts jedoch voller Energie, weckt tiefe Sehnsüchte in Lenore, derer sie sich nicht einmal bewusst war. Als der Tag der Jagd näher rückt, beginnt Lenore zu zerbrechen und beginnt, die Rolle, die sie all die Jahre gespielt hat, zu hinterfragen…

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