Kilian Kerner vor seiner Show in Paris und dem Umzug nach L.A.: „Ich habe mich komplett neu gefunden“

Berlin, Paris, Los Angeles: Kilian Kerner ist bereit für ein Weitergehen, bereit für Lebensglück – und das mit zehn neuen Tattoos und Cowboystiefeln. Ein von ihm entworfenes Cape hängt auf Plakaten von Céline Dion in ganz Paris, er selbst zeigt bereits zum zweiten Mal in der Modemetropole. Im Interview verrät er, was er in Deutschland lässt, was unbedingt mit muss und wovon er träumt.

Kilian Kerner im Interview vor seiner Show in Paris. Foto: Tobias Ortmann
Kilian Kerner im Interview vor seiner Show in Paris. Foto: Tobias Ortmann

Ein Treffen mit Kilian Kerner

Wir sprechen mit Kilian Kerner ein paar Tage vor Abfahrt nach Paris. „Alles steht in den Startlöchern“, erzählt er. Es ist bereits das zweite Mal, dass der deutsche Designer in diesem Jahr in Paris zeigt. Die erste Anfrage kam nach der Frühjahr/Sommer 2026 Kollektion, die er im Juli letzten Jahres in Berlin zeigte. „Ich habe eine Anfrage bekommen nach der DDR-Kollektion, ob wir sie in Paris zeigen wollen.“ Es fühlte sich richtig an, die gleiche Kollektion wollte er jedoch nicht noch einmal zeigen. Im März diesen Jahres war es dann so weit. Er splittete seine Kollektionen in zwei Teile, zeigte einmal in Berlin, einmal in Paris. „Ich habe die Kollektion in Part 1 und Part 2 gesplittet. Und war dann mit einer Kollektion in Paris, die es nicht schon woanders gab.“

Am 2. Oktober war es dann so weit. Er zeigte nach „Burning Symphony“ auf der Berlin Fashion Week seine neue, daran anknüpfende Kollektion „Eine Sekunde bis zum Mond“ in Paris. Schauplatz war das Hôtel de Maisons in der 51 Rue de l’Université – ein geschichtsträchtiges Pariser Stadtpalais und ehemalige Residenz Karl Lagerfelds. Mit Marie Claire sprach er ein paar Tage vor der großen Modenschau.

Kilian Kerner im Gespräch

Marie Claire: Du präsentierst wieder zwei Kollektionen in Berlin und Paris – diesmal ist es die Frühjahr/Sommer 2027 Mode. War das von Anfang an klar?

Kilian Kerner: Dass ich wieder nach Paris gehe schon. Aber ich wollte offen bleiben, ob ich etwas komplett Neues oder einen Part 2 mache. Und tatsächlich ist es nicht so richtig ein Part 2 geworden. Sie heißt auch komplett anders. Sie heißt „Eine Sekunde bis zum Mond“. Aber sie hat schon etwas damit zu tun, weil kurz vor der Fashion Week die besagte Nacht passierte, die dann alles wieder zum Umdrehen gebracht hat. Meine Todesangst, mein Liebeskummer, meine Depressionen waren weg – all das in dieser einen Nacht. Die Kollektionen haben außer ein Designelement gar nichts miteinander zu tun.

Drei Looks aus „Burning Symphony“ während der Berlin Fashion Week. Fotos: launchmetrics.com/spotlight

Die Macht eines Moments

Im Mittelpunkt der neuen Kollektion steht diese eine Nacht. Ein Wendepunkt, der für Kilian Kerner alles veränderte. Er hatte eine lange Zeit voller Dunkelheit, Erschöpfung und tiefer innerer Kämpfe hinter sich. Diese eine Nacht veränderte alles. Sie ließ ihn „bis zum Mond fliegen.“

Kilian Kerner zeigt in Paris

Marie Claire: Was werden wir an Farben, Silhouetten und Materialien sehen?

Kilian Kerner: Ganz viel Satin. Die Silhouetten sind sehr groß, sehr ausladend und opulent. Ich arbeite aber auch mit fragilen Stoffen. Vor allen Dingen ist es sehr hell. Weiß ist eine Farbe, die ich eigentlich selten bis gar nicht benutze. In dieser Kollektion ist bis auf ein bisschen Braun alles sehr creme- und weißlastig.

Looks aus „Eine Sekunde bis zum Mond“ während der Paris Fashion Week. Fotos: Victor Boyko/Getty Images for Kilian Kerner

Der Wendepunkt

Marie Claire: Du hast von einer Nacht gesprochen, die alles verändert hat. Kam dieser Wendepunkt plötzlich oder hat er sich angekündigt?

Kilian Kerner: Es kam komplett unerwartet. Mir ging es vorher noch richtig scheiße. Ich saß im Flugzeug und habe die ganze Zeit geheult. Ich bin zurück ins Hotel gekommen und plötzlich ist das passiert, was passierte. Ich hatte keine Angst mehr, morgen könnte ich tot sein, was mich über Monate lang geprägt hat. Zack, bumm, wie aufgelöst. Und der Liebeskummer war auch weg.

Der schönste Moment war aber eigentlich der: Ich bin Sonntag nach Hause geflogen. Montagmorgen kam meine Assistentin zusammen mit einer anderen Mitarbeiterin an und ich bin die Treppen meines Hauses runtergekommen. Und sie meinte, du siehst so anders aus, so glücklich, da muss irgendwas passiert sein. Und sie hat gesagt, du lässt es aber auch einfach wieder zu. Und damit hat sie den Nagel auf den Punkt getroffen, weil ich es auch wieder zugelassen habe und gemerkt habe, mir steht das jetzt wieder zu, Glück zu empfinden.

Marie Claire: Was hat sich seitdem in dir verändert?

Kilian Kerner: Ich habe eine totale Demut entwickelt und sehe nichts mehr als selbstverständlich an, sondern bin extrem dankbar dafür, dass all diese Dinge passieren.

Marie Claire: Wie hast du die Berliner Fashion Week danach erlebt?

Kilian Kerner: Es war die schönste Fashion Week, die ich jemals hatte. Auch, weil ich entschieden habe, dass ich einfach keinen Stress mehr will. Kein Stress der Welt ist das wert, dass einem gesundheitlich wieder schlecht geht. Es war so eine entspannte Fashion Week für alle.

Kilian Kerner im Atelier

Kilian Kerner experimentiert nicht mehr nur mit Schwarz. Foto: Tobias Ortmann

Kilian Kerner über seinen Umzug nach Los Angeles

Marie Claire: Berlin, Paris, jetzt Los Angeles. Wie kam es zu der Entscheidung, für ein paar Monate nach Los Angeles zu ziehen?

Kilian Kerner: Ich war in der Hochphase der posttraumatischen Belastungsstörung. Ich hatte einen Nervenzusammenbruch im Flugzeug, weil ich totale Panik hatte, dass ich mein Leben nicht mehr auf die Reihe bekomme. Und in dem Moment habe ich gespürt, es muss was Drastisches passieren. Für mich hieß das: Entweder nach L.A. zu ziehen oder eine lange Weltreise alleine zu machen. Ich habe eine Nacht darüber geschlafen und am nächsten Morgen stand meine Entscheidung fest.

Marie Claire: Bist du schon einmal allein gereist oder länger im Ausland gewesen?

Kilian Kerner: Nein, ich habe auch noch nie längere Zeit im Ausland gelebt, weil ich ein Mensch bin, der extremes Heimweh hat. Letztes Jahr habe ich so eine Riesenvilla gebucht und alle Leute, die ich liebte, waren dabei. Ich wollte nach drei Tagen zurück nach Berlin. Vor Heimweh habe ich Respekt. Angst habe ich davor aber nicht. Und die Freude auf L.A. ist so unfassbar groß, dass ich mir jetzt nicht so Sorgen mache, dass ich da untergehe oder so. Wenn ich nach drei Wochen merke, das war eine dumme Idee, dann fliege ich halt zurück.

Marie Claire: Was möchtest du in Deutschland lassen und was nimmst du mit? Sowohl emotional als auch im Koffer?

Kilian Kerner: Ich habe meinen Klamottenstil komplett verändert und habe mir so viele neue Klamotten und Schuhe und Taschen gekauft. Das wird ein Problem, das alles mitzunehmen. Emotional möchte ich nichts mitnehmen, ehrlich gesagt. Ich möchte da ganz offen und frei hingehen und einfach gucken, was mit mir passiert. Privat will ich gar keine Pläne machen. Ich will mich das erste Mal in meinem Leben einfach nur treiben lassen. Das Einzige, was ich weiß, ich will viel Autofahren und viel Sport machen.

Der neue Look von Kilian Kerner

Marie Claire: Welchen Tipp hast du für jemanden, der seinen Stil verändern möchte?

Kilian Kerner: Ausprobieren. Mein persönlicher Umstyling hat letztes Jahr im Oktober angefangen. Ich habe für mich entdeckt, dass Strickpullis, weite Jeanshosen und Cowboystiefel oder Stiefel allgemein mein absolutes Ding sind. Schmuck ist mir extrem wichtig geworden. Ringe habe ich immer schon viel getragen, aber jetzt trage ich auch Ohrringe und Ketten.

Marie Claire: Zum neuen Look gehören auch viele neue Tattoos.

Kilian Kerner: Ich habe zehn neue Tattoos auf dem Arm, innerhalb von sechs Wochen. Das Elfte kommt jetzt noch. Ich habe mich, innerlich und äußerlich, einfach komplett neu gefunden. Mal gucken, wie ich in einem Jahr aussehe. Vielleicht ist jedes Jahr ein bisschen Umstyling. Es macht auch Spaß, etwas Neues auszuprobieren. Und sich zu finden.

Kilian Kerners neuer Look

Kilian Kerners neuer Look. Foto: Tobias Ortmann

Célion Dion trägt Kilian Kerner

Wochen bevor Kilian Kerner selbst seine Kollektion in Berlin zeigte, hing einer seiner Looks bereits überall in der Stadt: Céline Dion kündigt ihr Bühnen-Comeback auf zahlreichen Plakaten in der französischen Hauptstadt an – in einem Look von Kilian Kerner.

Marie Claire: Ein von dir entworfener Look wurde von Céline Dion für die Ankündigung ihrer Tour in Paris getragen. 

Kilian Kerner: Ganz Paris ist mit den Plakaten zugepflastert. Heute ist die Merch-Kollektion erschienen und es gibt einen riesiges Poster mit dem Outfit. Es gibt ein T-Shirt mit dem Outfit. So viel Aufmerksamkeit hat ein Outfit von mir noch nie bekommen. Und dann ist es einfach fucking Céline Dion. Da fragt man sich, wer soll jetzt eigentlich noch kommen?

Marie Claire: Ganz genau: Wer soll noch kommen?

Kilian Kerner: Da gibt es zwei. Miley Cyrus und Justin Bieber. Die beiden wären ein Traum. Ich hoffe und bete, dass das passiert.

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