Fünfstellige Hotel-Telefonrechnungen, Schüsse bei Fototerminen und bedingungslose Loyalität: Eva Ries erlebte als Managerin des Wu-Tang Clans über 20 Jahre Hip-Hop-Geschichte voller unglaublicher Stories. Die Doku „Evil-E – Eva Ries und der Wu-Tang Clan“ ist seit Herbst in der ARD-Mediathek abrufbar. Wir haben mit Eva Ries über die Zusammenarbeit und ihre Erlebnisse mit der legendären Crew gesprochen.
Eigentlich wollte Eva Ries Rockbands managen. Bevor die ausgebildete Fotografin den Clan kennenlernte, arbeitete sie mit Rockgrößen wie Aerosmith und Guns N’ Roses zusammen, arbeitete auf dem ersten Major-Album von Nirvana. Von Hip-Hop verstand sie zunächst nichts. Doch sie hielt durch und gewann das Vertrauen der neun vorbestraften Rapper, die sie anfangs für eine FBI-Agentin hielten. Als eine der wenigen Frauen behauptete sie sich dabei in einer männerdominierten Musikindustrie und stellte ihre eigenen Regeln auf.
Von Anfang an dabei, ging sie mit dem Clan durch dick und dünn. Sie bewegten sich zwischen Fotos, Marketing, Tourneen, Schießereien, FBI-Ermittlungen, Exzessen, Studio und knallhartem Business immer irgendwo zwischen beruflicher und freundschaftlicher Beziehung. Und mehr als das: Eva Ries prägt den Hip-Hop hinter den Kulissen bis heute wie kaum eine andere Frau.
„Geld regiert die Welt. Dollar, Dollar-Schein. Ich bin auf der kriminellen Seite aufgewachsen, der Seite der New York Times“ (aus „C.R.E.A.M. Cash rules everything around me“), sang der Wu-Tang Clan auf dem Debütalbum „Enter the Wu-Tang (36 Chambers)“ (1993). Die wohl erfolgreichste Hip-Hop-Gruppe seiner Zeit kommt aus den sogenannten Projects, den Elendsvierteln New Yorks, umgeben von Gewalt und Kriminalität.
Der Wu-Tang Clan war jedoch von Anfang an nicht nur eine Rap-Band. Vielmehr ist es ein Kollektiv aus neun Künstlern, deren gemeinsames Schaffen den Hip-Hop bis heute nachhaltig prägt. Der Clan besteht aus RZA, GZA, Ol‘ Dirty Bastard (er starb 2004 an einer Überdosis), Method Man, Ghostface Killah, Raekwon, Masta Killa, Inspectah Deck, U-God und seit 2007 Cappadonna. Bekannt wurden sie vor allem für ihre harten Lines und düsteren, samplelastigen Beats. Ihre Texte, die sich vom hedonistisch geprägten Gangsta-Rap absetzten, waren beeinflusst von chinesischer Mythologie, Kung-Fu-Filmen und der Gewalt auf den Straßen New Yorks. Ihr Debütalbum wurde weltweit millionenfach verkauft und häufig als eines der besten Hip-Hop-Alben aller Zeiten bezeichnet.
Aber nicht nur ihr Sound und ihr Auftreten als Gruppe revolutionierte den Hip-Hop. Sie waren die ersten, die eine regelrechte Welt um sich schufen. Ihr Logo war dabei so ikonisch, dass es 1997 das Cover des Hip-Hop-Magazins „The Source“ anstelle der Musiker zierte.
„Evil-E – Eva Ries und der Wu-Tang Clan“ bietet einen exklusiven Einblick in die Welt des Wu-Tang Clans und den Umbruch der Hip-Hop-Industrie der 1990er-Jahre. Im Mittelpunkt steht Eva Ries als junge Frau aus dem kleinbürgerlichen Ladenburg, die sich plötzlich mit der rauen Realität der Straßen New Yorks in all ihren Facetten auseinandersetzen muss. Bereits 2022 hat sie ihre Erfahrungen im Buch „Wu-Tang ist forever: Meine Zeit mit dem Clan“ aufgeschrieben. Ab dem 16. September 2025 ist nun die verfilmte Dokumentation in der ARD-Mediathek verfügbar.
Im Interview mit Marie Claire erzählt sie über die Zusammenarbeit mit dem Wu-Tang Clan, ihre Erfahrung als weiße Frau in der Hip-Hop-Szene der 1990er-Jahre und darüber, was sie anderen Frauen mit auf den Weg geben möchte.
Marie Claire: Für alle Leser:innen, die den Wu-Tang Clan vielleicht nur dem Namen nach kennen: Wie würden Sie sie in wenigen Sätzen beschreiben? Wer sind und waren sie, was machte ihren Sound und ihre Faszination aus?
Eva Ries: Der Wu-Tang Clan ist eine legendäre Hip-Hop-Gruppe aus New York City, genauer gesagt aus Staten Island. Das Interessante an der Gruppe ist, dass sie aus neun Künstlern bestanden. Einer, Ol‘ Dirty Bastard, ist leider bereits 2004 gestorben. Die anderen sind noch aktiv und gehen in diesem Jahr auf eine große US-Tour. 2026 sollen sie auch nochmal nach Europa kommen. Das soll dann allerdings die letzte Tour sein. Ich glaube aber nicht daran. Ich glaube, dass es weitergeht.
Interessant ist auch, dass der Wu-Tang Clan mit sehr unorthodoxen Sounds und Beats bekannt wurde. Ihre Texte waren sehr unkommerziell, sehr raw, rough und auf Street-Level. Sie wollten von ihrem Leben erzählen: Über das Leben auf der Straße, in Armut und einer gewaltgeprägten Umgebung.
Marie Claire: Viele sind überrascht, dass ausgerechnet eine weiße deutsche Frau den internationalen Hip-Hop so nachhaltig geprägt hat. Eigentlich wollten Sie Rockbands managen. Wie führte Ihr Weg von einer Kleinstadt in der Rhein-Neckar-Region bis ins Herz des Wu-Tang Clan Universums nach New York?
Eva Ries: Ladenburg, wo ich aufgewachsen bin, ist wirklich ein kleines Nest. Es liegt zwischen Mannheim und Heidelberg im Rhein-Neckar-Kreis. Nach meinem Abitur bin ich nach Berlin, um die Fotoschule im Lette Verein zu besuchen. Da habe ich meinen zukünftigen Mann kennengelernt. Er war Bassist in einer Hardrockband und hat mich dazu inspiriert, hinter die Kulissen der Musikindustrie zu schauen. Ich habe gemerkt, wie sehr es mich interessiert, Künstler aufzubauen. In Deutschland hat mir aber keiner die Chance gegeben. Ich bin dann über Praktika in New York und L.A. in eine Plattenfirma gekommen. Erst dann wurde mir ein Job als Label Managerin bei Geffen Records in Deutschland angeboten. Da waren sehr große Rock-Artists wie Guns N‘ Roses, Aerosmith, Nirvana und Sonic Youth. Letztendlich war es ein Glücksfall zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein.
Marie Claire: Und dann kam das Jobangebot aus New York?
Eva Ries: New York war nie meine Traumstadt, eigentlich wäre ich gerne in Los Angeles geblieben. Ich bin mehr der Sonnentyp. In New York gibt es schwere Winter und wirklich Massen von Menschen, die einem ständig auf der Straße entgegenkommen. Aber nach einem Erdbeben, was ich Anfang 1994 in L.A. erlebt habe, hat sich meine Auffassung schlagartig geändert. Ich habe mich einfach nicht mehr wohlgefühlt. Es war absolute Glückssache, dass das Angebot zur gleichen Zeit kam. Ein Tag, nachdem die Flugzeuge wieder fliegen konnten, bin ich für mein Vorstellungsgespräch nach New York gestartet.
Marie Claire: Und es hat tatsächlich geklappt. Kurze Zeit später hatten Sie ein neues Projekt auf dem Schreibtisch: Neun Rapper, alle schwarz, vorbestraft, aus den New Yorker Elendsvierteln und Sie, die deren düsteren Rap-Texte anfangs eher abstoßend fand. Erinnern Sie sich an das erste persönliche Kennenlernen? Hatten Sie Bedenken?
Eva Ries: Bedenken hatte ich eigentlich nicht. Beim ersten Kennenlernen war ich als Begleitperson der damaligen Pressemanagerin unterwegs – da musste ich selbst noch gar nichts machen. Ich dachte, dass ich mich schon irgendwie mit den Jungs arrangieren werde.
Denn immer wenn ich neue Leute treffe, gebe ich ihnen erstmal the benefit of the doubt. Die Jungs haben aber ganz ehrlich gesagt kein besonderes Interesse an mir gezeigt. Sie haben nur kurz Hallo gesagt und sich dann wieder weggedreht. Als sich bei der Fotosession Langeweile breit machte, konnte ich dann aber nicht stillhalten. Ich bat den Fotografen um Erlaubnis und stellte die Gruppe kurzerhand selbst um. Da ich peinlicherweise ihre Namen nicht mehr kannte, habe ich sie an ihren Klamotten gepackt und hin und her an andere Plätze gestellt. Ich hatte das Glück des Idioten, denn offenbar überraschte sie meine Direktheit so sehr, dass niemand widersprach.
Marie Claire: Sie haben sich dann für die Zusammenarbeit entschieden. Wie ist es Ihnen gelungen das Vertrauen des Clans zu gewinnen?
Eva Ries: Ich war von Anfang an direkt und ehrlich – keine Show, kein Anbiedern. Ich spiele kein falsches Spiel und das merken die Leute. Ich glaube nach wie vor an das Motto „Ehrlichkeit währt am längsten“. Es ist manchmal der schwere Weg, ehrlich zu sein. Aber egal in welcher Branche du bist, egal in welchem Kontext, es zahlt sich immer und überall im Leben aus.
Und mit der Zeit habe ich mich bewährt. Die Jungs haben mir hoch angerechnet, dass ich mit ihnen als weiße Frau in die Projects ging, die Neighborhood, in der sie aufgewachsen waren. Ich war in der gefährlichen Umgebung, habe den Leuten die Hände geschüttelt, hatte Interesse an ihren Familien, Freunden, der Black Culture. Das hat der Clan und ihre Umgebung positiv interpretiert. Ich war irgendwann sogar eine kleine Celebrity in Park Hill und Stapleton: Die Eva, die Deutsche, die immer mit dem Wu-Tang Clan abhängt. Jeder kannte mich wegen meines Aussehens, aber auch durch meinen Akzent. Am Telefon wussten die Freunde des Clans, die fast alle Drugdealer waren, sofort, wer ich war. Mir hätte keiner was getan. Ich glaube, ich hatte einen gewissen Schutzmantel.
Marie Claire: Gab es denn auch mal brenzlige Situationen?
Eva Ries: In New York eigentlich nicht. In Los Angeles, die West Coast ist ja sozusagen die feindliche Küste, da gab es einmal eine Situation. Wir hatten eine Show in einem großen Hip-Hop-Club, irgendwo in South Central L.A., einer sehr gefährlichen, eher schwarzen Gegend. ODB warnte mich, als einzige Weiße nicht ins Publikum zu gehen. Ich blieb also im Backstage. Aber brenzlig in dem Sinne war das nicht, sie haben nur vorgebaut.
Marie Claire: Welche Ereignisse in zwei Jahrzehnte mit einer der einflussreichsten Rap-Gruppen der Welt bleiben dir für immer in positiver Erinnerung?
Eva Ries: Es gibt viele schöne Erlebnisse, speziell mit ODB (Anm. d. Red.: Damit meint sie Rapper Ol‘ Dirty Bastard), der ja wirklich einen sehr, sehr schlechten Ruf hatte. Er hatte ein riesiges Strafenregister und war mit Sicherheit kein Chorknabe. Aber er war auch eine sehr liebevolle Person. Er hat mir das Leben auch oft zur Hölle gemacht. Gleichzeitig wusste ich bei ihm immer, dass er ein gutes Herz hat.
Ein Moment bleibt unvergessen: Kurz nach der Geburt meiner Tochter kämpfte sich ODB, trotz Hausverbots im RCA-Gebäude, bis in mein neues Büro im 42. Stock. Mit einem riesigen Blumenstrauß gratulierte er mir und sagte im total falschen Englisch: „Hey, Eva, you look beautiful, you look terrific, the baby just made you more beautifuller.“ Das war einfach goldig, weil das von Herzen kam.
Ich bin tatsächlich durch das Mutterwerden wahnsinnig in der Achtung der Clan Member gestiegen. Vorher war ich die ehrgeizige Karrierefrau. Und indirekt haben sie mich sogar dazu inspiriert, als sie sagten, dass meine biologische Uhr tickt.
Marie Claire: Hat Ihre Hautfarbe und Ihr Geschlecht Ihre Arbeit in dieser männerdominierten Szene beeinflusst, gar erschwert?
Eva Ries: Ich habe mir oft überlegt, wie der Clan reagiert hätte, wenn ich ein schwarzer Mann, eine schwarze Frau oder ein weißer Mann gewesen wäre. Man könnte alles durchspielen. Ob Hautfarbe oder Geschlecht letztlich eine Rolle spielten, bleibt für mich reine Spekulation.
Grundsätzlich glaube ich nicht, dass meine Rolle als weiße Frau ein Hindernis war – auch wenn es gleichzeitig in diesem Umfeld sicherlich kein „white female privilege“ gab. Das wäre absurd bei einer Band, die damals im Prinzip eine Streetgang war. Auf der anderen Seite glaube ich aber, wenn ich ein schwarzer Mann gewesen wäre, hätte man mich als brutale Konkurrenz gesehen. Als schwarze Frau hätte ich wahrscheinlich weniger Respekt bekommen und als weißer Mann hätte man mich vermutlich noch mehr angefeindet.
Dennoch haben die Jungs mich auch nicht sofort in die Arme geschlossen. Sie waren anfangs sehr paranoid, wer ich bin und was ich für Absichten habe. Sie unterstellten mir anfangs, ich sei eine FBI-Agentin, die den Clan infiltrieren möchte. Ich fand das absurd und sagte nur: Glaubt ihr nicht, dass der Geheimdienst Wichtigeres zu tun hat, als sich für eure dämlichen Sachen zu interessieren? Trotzdem musste ich mich anfangs täglich neu beweisen.
Marie Claire: Im Hip-Hop der 1990er Jahre waren frauenfeindliche Texte und Haltungen weit verbreitet. Aktuelle Fälle wie der Prozess gegen P. Diddy zeigen, dass das Thema noch immer präsent ist. Welche Fortschritte sehen Sie heute für Frauen im Hip-Hop? Wo besteht Ihrer Meinung nach noch immer Handlungsbedarf?
Eva Ries: Obwohl heute deutlich mehr Frauen in der Musikbranche arbeiten, bleiben Spitzenpositionen rar. Und das gilt für alle Genres. In den Chefetagen großer Labels wie Sony oder Universal dominieren weiterhin Männer, weltweit gibt es nur wenige weibliche CEOs. Das zieht sich durch das gesamte Entertainment-Business, egal, ob Live Nation oder Konzertpromoter, in der Filmindustrie, im TV oder anderen Bereichen. Frauen sind zwar im mittleren Management präsent, doch echte Entscheidungsrollen bleiben Ausnahmen.
Das liegt auch am hartnäckigen „Old Boys Network“, in dem sich Männer gegenseitig Jobs zuschieben, ob jung oder alt, schwarz, weiß oder mixed. Sie gehen zusammen Golf spielen, networken. Wir Frauen werden nicht gefragt, ob wir mit Golf spielen wollen. Und wir fragen auch nicht. Veränderung braucht mehr weibliche Solidarität und gegenseitige Unterstützung.
Marie Claire: Marie Claire möchte starken Frauen eine Stimme geben. Was wollen Sie unseren Leser:innen gerne mit auf den Weg geben?
Eva Ries: Ich rate jungen Frauen, an sich selbst zu glauben und ihr Selbstbewusstsein zu trainieren – auch wenn es nicht immer von Natur aus da ist. Finde deine Nische, finde deine Einzigartigkeit und zeige es. Karriere bedeutet oft, sich selbst zu verkaufen, auch wenn das ungewohnt wirkt. Männer und auch US-Amerikaner tun das ganz selbstverständlich, wir Frauen müssen es erst lernen.
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