Ärztin, Autorin und Aktivistin: Dr. Alicia Baier kämpft für reproduktive Gerechtigkeit

Wer bestimmt über den weiblichen Körper? In ihrem Buch „Das Patriarchat im Uterus. Ein Plädoyer für körperliche Selbstbestimmung“ macht die angehende Gynäkologin Dr. Alicia Baier deutlich, warum es beim Thema Abtreibung nicht nur um die Gesundheit Einzelner, sondern um Grundfragen von Demokratie, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung geht. Im Interview mit Marie Claire erklärt sie, wie politische Interessen den aktuellen Diskurs prägen und welche Konsequenzen das für Betroffene hat.

Porträt der Ärztin und Autorin Dr. Alicia Baier
Zwischen Praxis und Politik: Dr. Alicia Baier macht sich für das Recht auf körperliche Selbstbestimmung stark. Foto: © Alicia Baier

Dr. Alicia Baier verbindet medizinische Expertise mit politischer Analyse

Schwangerschaftsabbrüche gehören zu den meistdiskutierten, zugleich aber am stärksten tabuisierten Themen unserer Zeit. Obwohl jede vierte Frau weltweit betroffen ist, prägen Mythen, Wissenslücken und politische Blockaden noch immer den Diskurs. In ihrem Buch „Das Patriarchat im Uterus. Ein Plädoyer für körperliche Selbstbestimmung“ erklärt die angehende Gynäkologin und Co-Gründerin von Doctors for Choice Germany, Dr. Alicia Baier, warum Unwissen und Restriktionen kein Zufall sind. Dabei zeigt sie auf, wie tief patriarchale Strukturen beim Thema Abtreibung das Gesundheitssystem, die Gesetzgebung und die öffentliche Debatte bestimmen.

Dr. Alicia Baier macht in ihrem Buch deutlich, dass reproduktive Rechte weit mehr sind als eine medizinische Frage: Sie berühren grundlegende Themen von Machtverteilung, Selbstbestimmung und sozialer Gerechtigkeit. Im Gespräch mit Marie Claire erklärt die Ärztin und Autorin, welche Probleme die aktuelle Rechtslage, nach der Abtreibungen in der Frühschwangerschaft unter bestimmten Voraussetzungen zwar straffrei, aber nach § 218 StGB dennoch rechtswidrig sind, in der Praxis mit sich bringt. Außerdem erklärt sie, wie rechte Ideologien die Debatte beeinflussen und was sich ändern muss, damit gebärfähige Menschen endlich über ihre eigenen Körper bestimmen können. Dabei gibt sie einen kleinen Vorgeschmack darauf, was die Leser:innen in ihrem Buch erwartet: ein neues Verständnis für die enorme Tragweite des Themas Abtreibung und fundierte Einblicke die politischen, medizinischen und gesellschaftlichen Mechanismen, die damit verbunden sind.

Dr. Alicia Baier im Gespräch mit Marie Claire

Marie Claire: Sie beschreiben in Ihrem Buch das Thema Schwangerschaftsabbruch als eine gesellschaftliche Schlüsselfrage. Was sagt der Umgang mit diesem Thema über eine Gesellschaft aus?

Dr. Alicia Baier: Es sagt sehr viel darüber aus, wie ernst ein Land es tatsächlich mit der Gleichberechtigung meint. Es gibt keinen zweiten medizinischen Eingriff, der so unterschiedlich geregelt wird, je nachdem, welche politische Ausrichtung ein Land hat. Und statt um medizinische Erkenntnisse geht es bei diesem Thema eben häufig eher um gesellschaftliche Machtverhältnisse. Also um Fragen wie: Wie viel Einfluss hat die katholische Kirche? Wie stark kann die Zivilgesellschaft mitbestimmen? Wie hoch ist der Frauenanteil in den Parlamenten?

All das entscheidet mit, wie über Abtreibungen gesprochen wird und wie sie gesetzlich geregelt sind. Wir sehen, dass in Ländern mit einem hohen Maß an Gleichberechtigung, wie Frankreich oder Schweden, Abtreibungen deutlich besser zugänglich sind. In Deutschland dagegen haben wir tatsächlich eines der strengsten Abtreibungsgesetze in Europa, was vielen gar nicht bewusst ist. Das ist aber auch ein Hinweis darauf, dass die katholische Kirche hierzulande relativ großen Einfluss hat. Und es zeigt, dass es unser Land mit der Gleichberechtigung anscheinend nicht ganz so genau nimmt, wie man vielleicht denkt.

Cover des Buchs „Das Patriarchat im Uterus. Ein Plädoyer für körperliche Selbstbestimmung“ von Dr. Alicia Baier
Dr. Alicia Baiers Buch „Das Patriarchat im Uterus. Ein Plädoyer für körperliche Selbstbestimmung“ ist im Droemer Verlag erschienen. Foto: © Droemer

Medizin zwischen Moral- und Machtfragen

Marie Claire: Wann wurde Ihnen persönlich bewusst, dass Abtreibungen nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein Machtinstrument sind?

Dr. Alicia Baier: Mir wurde es im Medizinstudium bewusst. Dort wurde mir klar, dass dieser Eingriff, der weltweit jede vierte Frau im Laufe ihres Lebens betrifft, der auch in Deutschland einer der häufigsten gynäkologischen Eingriffe ist und der eine so wichtige Rolle für die Gesundheit und Selbstbestimmung von Frauen spielt, in der medizinischen Ausbildung von Ärzt:innen kaum oder zum Teil gar nicht vorkommt. Wenn aber Ärzt:innen, insbesondere Gynäkolog:innen das nicht als Teil ihres beruflichen Aufgabenfeldes kennenlernen, dann hat das eben konkrete Nachteile für schwangere Menschen. Sie werden in ihrem Wunsch, kein Kind zu bekommen, alleine gelassen. Damit wird ihnen suggeriert, dass es nur einen richtigen Umgang mit einer Schwangerschaft gibt – nämlich sie fortzusetzen – und dass alles andere nicht okay ist.

Dr. Alicia Baier über reproduktive Rechte und rechte Strategien

Marie Claire: Warum steht gerade das Thema Abtreibung häufig im Fokus von rechten Akteur:innen?

Dr. Alicia Baier: Schon immer geht es bei dem Thema um die Kontrolle über den weiblichen Körper, über die weibliche Fortpflanzung. Das bedeutet ja sehr viel Macht, wenn man darüber entscheiden kann, wer Kinder bekommt. Und wir sehen das weltweit. Rechte, antifeministische Kräfte arbeiten gezielt darauf hin, dass die heterosexuelle Kleinfamilie mit klar aufgeteilten Geschlechterrollen wieder zur Norm wird. Sie wollen, dass Frauen wieder ihre traditionelle Rolle zu Hause als Mutter einnehmen.

In Ländern wie den USA oder Polen sehen wir, dass es dafür ein richtig erprobtes Playbook gibt. Dieses zielt darauf ab, reproduktive Rechte und auch die Rechte queerer Menschen zu unterhöhlen. Selbstbestimmung von Frauen wird bekämpft, alternative Familienformen werden bekämpft. Das Thema Schwangerschaftsabbruch ist dabei für rechte Kräfte häufig das Einfallstor, also so eine Art Brückenthema. Mit diesem können sie mobilisieren und Anschluss an christlich-konservative Milieus finden. Darüber versuchen sie dann, die Demokratie weiter zu untergraben.

Mit wissenschaftlichen Fakten gegen falsche Vorstellungen

Marie Claire: Was sind die größten Mythen rund um Schwangerschaftsabbrüche?

Dr. Alicia Baier: Es gibt sehr viele Abtreibungsmythen. Ich habe das auch im Buch nochmal aufgegriffen. Sie werden in Umlauf gebracht, um Abbrüche zu delegitimieren. Das geschieht zum Teil auch ganz bewusst. Dazu gehört etwa der Mythos, dass Abtreibungen gefährlich seien, dass sie zu Reue führen würden, dass Abbrüche zunehmen würden oder dass Schwangere sich im letzten Moment noch massenhaft für einen Abbruch entscheiden würden, wenn man den Zugang erleichtern würde. All das hat aber nichts mit der Realität zu tun. Es gibt viele Studien und Erfahrungswerte, die das genaue Gegenteil zeigen. Sie belegen, dass Abbrüche extrem selten bereut werden, dass die meisten danach eher ein Gefühl der Erleichterung empfinden und dass Schwangere selbst am allermeisten daran interessiert sind, den Abbruch so früh wie möglich durchzuführen, sobald sie die Entscheidung getroffen haben, und dass Abbrüche nicht zunehmen, sondern eher früher stattfinden, wenn man sie zugänglicher macht.

Die Auswirkungen der aktuellen Abtreibungsregelung

Marie Claire: Welche negativen Folgen auf gesellschaftlicher Ebene bringt die derzeitige strafrechtliche Einordnung von Schwangerschaftsabbrüchen neben der Stigmatisierung der Betroffenen mit sich?

Dr. Alicia Baier: Abbrüche nach der Beratungsregelung, über die rund 97 Prozent der Abbrüche verlaufen, sind – selbst wenn man die Pflichtberatung und die Pflichtwartezeit absolviert hat – immer noch rechtswidrig. Das bedeutet, dass sie auch nicht von den Krankenkassen übernommen werden können. Man muss sie also selbst bezahlen, was mehrere hundert Euro kostet. Wenn man unter eine bestimmte Einkommensgrenze fällt, kann man zwar eine Kostenübernahme beantragen, aber das bedeutet oft, dass man unter Umständen dann noch mal persönlich vorsprechen und noch einer fremden Person die eigene Geschichte erzählen muss. Das kostet wiederum Zeit und führt zu weiteren Verzögerungen – genauso wie die Pflichtberatung und die Pflichtwartezeit. Dadurch finden Abbrüche oft später statt, als sie eigentlich stattfinden könnten.

Und diese Rechtswidrigkeit sowie die Tatsache, dass die Krankenkassen das Thema nicht abdecken, führen auch dazu, dass der Bund keine Verantwortung dafür übernimmt, dass wir eine flächendeckende Versorgung haben. Stattdessen ist das Ländersache. Aber auch hier gibt es keine klar definierten Kriterien, was eigentlich eine gute Versorgung bedeutet. So wird das Thema im Grunde weggeschoben und nicht als medizinisch notwendige Grundversorgung betrachtet.

Gesellschaftliche Mehrheit versus politische Blockade

Marie Claire: Eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Bundesfrauenministeriums im Frühjahr 2024 zeigt, dass rund 80 Prozent der Menschen in Deutschland die Rechtswidrigkeit von Schwangerschaftsabbrüchen für falsch halten. Dennoch wurde ein entsprechender Gesetzentwurf Anfang 2025 im Rechtsausschuss des Bundestags gekippt. Wie lässt sich die Diskrepanz zwischen gesellschaftlichem Wunsch und politischem Handeln erklären?

Dr. Alicia Baier: Das war tatsächlich ein sehr trauriger Moment für viele, die sehr lange dafür gekämpft hatten, dass Abbrüche legalisiert werden. Und wir waren wirklich sehr nah dran. Es gab die Mehrheiten in der Bevölkerung und es gab auch im Parlament Mehrheiten. Viele Abgeordnete hatten bereits ihre Zustimmung angekündigt, sodass der Gesetzentwurf wahrscheinlich durchgekommen wäre – wenn es zu einer Abstimmung gekommen wäre, die ja verhindert wurde.

„Häufig wurde damit argumentiert, dass eine Legalisierung von Abbrüchen einen gesellschaftlichen Großkonflikt hervorrufen würde.“

Es gab zudem eine von der Regierung eingesetzte Expert:innen-Kommission, die überwiegend juristisch besetzt war. Diese hat ganz klar festgestellt, dass Abbrüche eigentlich neu geregelt werden müssen, da die aktuelle Regelung sogar verfassungswidrig ist. Genau deswegen war es so enttäuschend, dass das nicht geklappt hat. Am Ende lag es tatsächlich daran, dass die FDP geschlossen mit der AfD und der CDU dagegen gestimmt hat, dass überhaupt über den Entwurf abgestimmt werden kann. Und gerade bei der FDP als liberale Partei ist das schwer nachvollziehbar. Sie hat es damit begründet, dass sie zwar selbst eine neue Regelung möchte, das aber „in Ruhe“ in der nächsten Legislatur angehen will. Dabei war eigentlich bereits klar, dass sie dann wahrscheinlich gar nicht mehr im Bundestag vertreten sein würde.

Häufig wurde auch damit argumentiert, dass eine Legalisierung von Abbrüchen einen gesellschaftlichen Großkonflikt hervorrufen würde. Das hat aber keine Grundlage, denn die Mehrheit der Bevölkerung war ja gerade für diese Änderung. Den gesellschaftlichen Großkonflikt gibt es vielmehr schon sehr lange – nämlich seit es Paragraf 218 gibt. Dieser wurde 1871 im Kaiserreich eingeführt, und seitdem gibt es immer wieder feministische Proteste dagegen. Man hätte das Thema jetzt also eher befrieden und gegen Angriffe von rechts absichern können. Dass das versäumt wurde, ist sehr dramatisch. Jetzt müssen wir da weitermachen, wo wir aufgehört haben. Die Regierung muss sich weiter mit diesem Thema beschäftigen – auch die CDU.

Dr. Alicia Baier erklärt, wie das Thema Abtreibung instrumentalisiert wird

Marie Claire: Auch die Wahl der Verfassungsgerichtskandidatin Frauke Brosius-Gersdorf ist in diesem Jahr aufgrund ihrer liberalen Einstellung zum Thema Abtreibung gescheitert. Welches Kalkül steckte aus Ihrer Sicht hinter der Kampagne gegen sie?

Dr. Alicia Baier: Das war eine richtige Hetzkampagne, die gegen sie geführt wurde. Und wir wissen heute, dass sie von rechten Netzwerken gestartet wurde. Diese haben getestet, mit welchen Themen sich besonders gut mobilisieren lässt. Dabei haben sie relativ schnell gemerkt, dass das Abtreibungsthema am besten zieht. Damit bekommen sie nämlich auch Anschluss an die sogenannte Lebensschutzbewegung, die ich in meinem Buch Anti-Choice-Bewegung nenne, weil sie gegen die Wahlfreiheit beim Schwangerschaftsabbruch ist. Diese Bewegung argumentiert eher christlich als rechtsnational, grenzt sich aber nicht von rechten Kräften ab. Das hat man hier sehr deutlich gesehen. Sie haben dann gemeinsam diese Hetzkampagne gegen die Richterin gefahren. Die Lebensschutzbewegung hat dafür ihre Lobbykanäle genutzt und unter anderem Massen-E-Mails an Politiker:innen geschickt.

Das Abtreibungsthema wurde also bewusst instrumentalisiert, obwohl die Kandidatin, Frauke Brosius-Gersdorf, gar nicht in der Kammer gesessen hätte, die über Abtreibungen entschieden hätte. Die Kampagne hat es aber geschafft, die CDU vor sich herzutreiben, die sich schließlich von der Wahl zurückgezogen hat. Besonders krass ist, dass Frauke Brosius-Gersdorf keine radikale Haltung zur Abtreibung hatte, sondern schlicht die Mehrheitsmeinung der Bevölkerung vertreten hat – nämlich, dass Abbrüche in der Frühschwangerschaft legalisiert werden sollten. Und genau dafür wurde sie als Verfassungsrichterin verhindert.

„Häufig wurde damit argumentiert, dass eine Legalisierung von Abbrüchen einen gesellschaftlichen Großkonflikt hervorrufen würde.“

Strategisch steht dahinter, dass es ein zentrales Anliegen rechter Kräfte ist, Richterposten an höheren Gerichten gezielt zu besetzen. Schließlich kann man damit im Zweifel auch demokratische Mehrheiten unterwandern. In den USA zum Beispiel wurde jahrelang darauf hingearbeitet, dass der Supreme Court entsprechend besetzt ist, um das Grundsatzurteil Roe v. Wade zu kippen – das Recht auf Schwangerschaftsabbruch also aufzuheben.

Das hat alles System. Und ich würde mir wirklich wünschen, dass die CDU als bürgerliche, demokratische Partei erkennt, dass sie hier ihren Kurs ändern muss, um den Einfluss der AfD zu bremsen. Und ja, es wäre schön, wenn Deutschland sich ein Beispiel an Frankreich nähme, das gerade aufgrund der weltweiten Entwicklungen einen Schritt weitergegangen ist und das Recht auf Abtreibung in der Verfassung verankert hat.

Wie das Abtreibungsgesetz die Gleichberechtigung untergräbt

Marie Claire: Was sind die größten Probleme, die durch die aktuelle Gesetzgebung entstehen. Was erleben Sie als Ärztin im täglichen Umgang mit Ihren Patient:innen?

Dr. Alicia Baier: Dadurch, dass wir in manchen Regionen in Deutschland eine Unterversorgung haben, müssen Schwangere häufig weite Fahrtwege auf sich nehmen, zum Teil mehrere Praxen durchtelefonieren und haben längere Wartezeiten. Dass sich durch diese gesetzlichen Hürden der Abbruch nach hinten verschiebt, erleben viele als sehr stressig. Und natürlich trifft jede dieser Hürden – sei es durch gesetzliche Vorgaben oder die Schwierigkeit, überhaupt eine Ärztin zu finden, bestimmte Menschen ungleich schwerer – vor allem diejenigen, die ohnehin Diskriminierung erfahren.

Es ist ein Unterschied, ob ich in Berlin lebe, Deutsch spreche und vielleicht finanzielle Rücklagen habe – dann schaffe ich das irgendwie. Aber wenn ich in einer unterversorgten Region lebe, Sprachbarrieren habe, für jeden Termin eine Übersetzung organisieren muss, keinen sicheren Aufenthaltsstatus habe, Diskriminierung erfahre, vielleicht gar keine Gynäkologin habe, dann wiegt jede dieser Hürden ungleich schwerer. Das sind dann auch die Personengruppen, die am meisten gefährdet sind, auf Angebote außerhalb des Gesundheitssystems auszuweichen.

Es gibt zwar teils sichere Angebote wie von Women on Web, wo wir wissen, dass auch aus Deutschland Anfragen kommen, um Abtreibungsmedikamente zu bestellen. Aber es besteht natürlich auch die Gefahr, dass manche auf unsichere Methoden zurückgreifen und versuchen, den Abbruch selbst herbeizuführen. Solche Fälle gibt es auch in Deutschland. Sie werden nur nicht systematisch erfasst. Es ist also auf jeden Fall eine Situation, die sich nicht weiter verschärfen sollte. Es braucht im Gegenteil dringend Maßnahmen, um dem entgegenzuwirken. Und die Zukunft ist unklar, weil viele der Ärzt:innen, die Abbrüche durchführen, schon älter sind und kurz vor dem Rentenalter stehen. Und wenn sie in Rente gehen, könnte die Versorgung noch schlechter werden.

Das hindert Ärzt:innen an Abbrüchen

Marie Claire: Warum gibt es in Deutschland verhältnismäßig wenig Gynäkolog:innen, die Schwangerschaftsabbrüche überhaupt durchführen?

Dr. Alicia Baier: Es gibt sehr viele Hürden. Ärzt:innen, die Abbrüche durchführen, werden angefeindet. Das Thema ist sehr stigmatisiert, und es ist ein Straftatbestand – wir haben in der Medizin sonst eigentlich nichts mit dem Strafgesetz zu tun. Das schreckt viele ab. Die Vergütung ist nicht besonders hoch, es gibt viele bürokratische Hürden. Der Bereich ist so überreguliert, dass die Medikamente schwer zu bekommen sind. Das beruht auf dem Misstrauensprinzip, nämlich der Annahme, dass die Medikamente illegal weiterverkauft werden könnten – was sonst in anderen Bereichen nicht unterstellt wird.

Außerdem wird das Thema in der Ausbildung häufig gar nicht behandelt. Dadurch fühlen sich viele Ärztinnen und Ärzte unsicher im Umgang damit. Und es wird auch gesellschaftlich nicht eingefordert. Es ist weitgehend akzeptiert, dass die Mehrheit der Gynäkolog:innen keine Abbrüche durchführt. Auch die fachliche Vertretung der Gynäkologie in Deutschland übernimmt für dieses Thema keine Verantwortung. Genau deshalb haben wir Doctors for Choice gegründet, um eine ärztliche Gegenstimme zu bilden.

Netzwerk für reproduktive Gerechtigkeit

Marie Claire: Was sind die Kernanliegen von Doctors for Choice und welche Hebel nutzen Sie, um Ihre Ziele umzusetzen?

Dr. Alicia Baier: Wir haben drei Kernanliegen: Wir wollen die medizinische Aus- und Weiterbildung verbessern, die Versorgungssituation verbessern und auf die öffentliche sowie fachliche Debatte mit feministischen und evidenzbasierten Beiträgen einwirken.

Um das umzusetzen, haben wir verschiedene Projekte. Wir begleiten zum Beispiel die sogenannten Papaya-Workshops von Medizinstudierenden, die es jetzt schon seit zehn Jahren an vielen Universitäten gibt. So habe auch ich angefangen, mich mit dem Thema zu befassen – indem ich diese Workshops nach Deutschland geholt habe, die international bereits existierten. Sie schaffen im Medizinstudium einen Raum, um über dieses Thema zu sprechen, wenn die Universität das selbst nicht tut.

Dann haben wir Fort- und Weiterbildungsangebote auf unserer Webseite, zum Beispiel Online-Fortbildungen für Ärzt:innen, die sich zu dem Thema informieren wollen. Wir haben außerdem das erste Telemedizinprojekt in Deutschland mit gestartet, bei dem Abtreibungsmedikamente auch an Menschen in unterversorgten Regionen verschickt werden können.

Wir versuchen natürlich, unser Netzwerk zu erweitern und immer mehr Ärzt:innen dafür zu motivieren und sie darüber zu informieren, dass auch sie Abbrüche durchzuführen können. Zum Glück gibt es sehr viele Interessierte, die sich uns anschließen. Wir setzen uns außerdem dafür ein, dass die Medikamente besser zugänglich sind, und versuchen so an verschiedenen Stellen, die Situation zu verbessern.

Für das Recht auf körperliche Selbstermächtigung einstehen

Marie Claire: Was kann jede und jeder einzelne tun, um sich für reproduktive Gerechtigkeit stark zu machen?

Dr. Alicia Baier: Es ist ganz wichtig, mit anderen Menschen über dieses Thema zu sprechen, sich dazu zu informieren, um es zu enttabuisieren und den Mythen entgegenzuwirken. Wenn man mag, kann man auch die eigene Abtreibungserfahrung teilen. Das ist natürlich schwierig, weil man im Zweifel mit negativen Kommentaren rechnen muss. Aber es würde dazu beitragen, dass mehr Erfahrungen abgebildet werden und dass das Thema dadurch enttabuisierter wird.

Das war auch das, was ich mit meinem Buch leisten wollte: Hintergrundwissen und Argumente an die Hand zu geben, um über dieses Thema informiert mit anderen sprechen zu können. Und wenn man mehr tun möchte, kann man sich auch einer örtlichen Pro-Choice-Gruppe anschließen. In den letzten Jahren haben sich viele solcher Gruppen gebildet, die Aktionen und Demonstrationen planen. Dort kann man sich mit Gleichgesinnten austauschen. Und natürlich kann man auch bei Wahlen darauf achten, wie die Parteien zu diesem Thema stehen – und diejenigen, die sich nicht dafür einsetzen, entsprechend nicht wählen.

Dr. Alicia Baier plädiert für selbstbestimmte Entscheidungen

Marie Claire: Was würden Sie den Leser:innen von Marie Claire zum Schluss gerne noch mit auf den Weg geben?

Dr. Alicia Baier: Es ist okay, eine Abtreibung zu haben. Es ist okay, sich danach genauso zu fühlen, wie man sich eben fühlt. Das kann Erleichterung sein, Wut, Trauer, Enttäuschung oder auch Freude – und das ist alles okay. Lasst euch nichts einreden, schaut, was für euch gut ist, und verbindet euch miteinander.

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