Angelique Kerber im Interview: „Den richtigen Moment aufzuhören trifft fast niemand“

Zehn Jahre nach ihrem Ausnahmejahr 2016 wird Angelique Kerber als „Legende des Sports“ ausgezeichnet. Ein Gespräch über ihre Karriere, den Abschied vom Profisport, Disziplin und ihre Rolle als Mutter.

Angelique Kerber in dunkelblauem Top schlägt in einer Tennishalle eine Vorhand mit rotem Schläger
Angelique Kerber bei der Range Rover Tennis Clinic in Königstein. Foto: Tim Fraats

Tennisspielerin Angelique Kerber hat in ihrem Leben viel erreicht. Das Jahr 2016 war ihr erfolgreichstes: Im Januar 2016 steht sie im Finale der Australian Open – ihre Gegnerin: Serena Williams. Kerber gilt als Außenseiterin und gewinnt. Es ist ihr erster Grand-Slam-Titel und der Auftakt zu einem Jahr, das es im deutschen Tennis lange nicht gegeben hatte. Olympia-Silber in Rio, ein weiterer Titel bei den US Open und im September 2016 Platz 1 der Weltrangliste – als erste Deutsche an der Spitze nach Steffi Graf. 2018 folgte dann noch der Sieg in Wimbledon, wieder gegen Serena Williams. Zehn Jahre ist dieses Ausnahmejahr her. Jetzt wird Angelique Kerber beim Sportpresseball als „Legende des Sports“ ausgezeichnet. Der Sport spielt heute immer noch eine große Rolle in ihrem Leben – als Sportdirektorin der Bad Homburg Open oder Betreiberin ihrer „Angie Kerber Tennis Academy“ in Polen. Auf dem Platz steht sie nach wie vor – gerade gewann sie ein Legenden-Turnier in Luxemburg.

Wir haben sie bei der ersten „RANGE ROVER Tennis Clinic“ getroffen und mit ihr über ihre beeindruckende Karriere, ihre Rolle als Mutter und künftige Pläne gesprochen.

Jule Gölsdorf und Angelique Kerber sitzen lächelnd an einem gedeckten Tisch in einem Restaurant
Jule Gölsdorf (links) im Gespräch mit Angelique Kerber. Foto: Tim Fraats
Angelique Kerber im Profil mit geflochtenem Zopf und dunkelblauem Sporttop auf dem Tennisplatz
Angelique Kerber in der Tennishalle in Königstein. Foto: Tim Fraats

Marie Claire: Vor 10 Jahren hattest du dein erfolgreichstes Jahr – wie schaust du zurück?

Das ist spannend, die zehn Jahre gingen so schnell vorbei! Ich war dieses Jahr in Australien, in New York, in Wimbledon, es ist schon sehr besonders, nach zehn Jahren geehrt zu werden, die ganzen Bilder wieder zu sehen, es fühlt sich an wie gestern! Das war einfach mein Jahr, immer wenn ich zurückschaue, erinnere ich mich an jeden Tag, jeden Erfolg, jedes Match. Australien 2016 war der Start in ein anderes Leben.

Marie Claire: Du wolltest immer Wimbledon gewinnen – das war erst 2018 – ist das dennoch der EINE entscheidende Moment?

Wenn ich einen Moment aussuchen müsste, wäre das Wimbledon, das war immer mein Traum! Aber direkt dahinter liegt Australien. Das war auch unerwartet, niemand hat wirklich damit gerechnet. Den ersten Grand Slam vergisst man nicht! Das war sehr besonders, als ich zurück nach Deutschland kam, habe ich erst gemerkt, wie viele Menschen zugeschaut haben, was das für Deutschland und für mich bedeutet. Dieser Moment hat ja in meinem sportlichen Leben alles verändert!

Marie Claire: Jetzt wirst du als „Legende des Sports“ ausgezeichnet – bedeutet dir das etwas?

Ja, auf jeden Fall. Legende hört sich so „alt“ an, das bedeutet mir schon was, ebenso wie zweimal „Sportlerin des Jahres“ gewesen zu sein. Man bekommt etwas zurück, was man vorher gegeben hat. Die Menschen fühlen das und haben mit mir mitgefiebert, mitgelitten. Auch wenn Tennis ein Einzelsport ist, man alleine auf dem Platz steht, man zwar sein Team hat, steht man ja vor Millionen Menschen – vor dem Fernseher, im Stadion – dann geehrt zu werden, ist schon etwas Besonderes. Und in meiner Sportart können ja auch nicht viele sagen, dass sie Legenden des Sports geworden sind. Ich freue mich sehr darauf.

Das Leben nach dem Profisport

Marie Claire: Du spielst noch Tennis, hast gerade wieder ein Legendenturnier gewonnen, dennoch ist die aktive Zeit vorbei. Vermisst du den Profisport?

Ja, ich vermisse das sehr! Das habe ich jetzt gerade wieder gemerkt. Die Competition, die Nervosität vor dem Spiel, diese Emotionen auf dem Platz, die Fans, die Atmosphäre. Diese Gefühle, wenn man ein Match gewonnen hat, bekommt man nirgendwo anders. Das ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die man nur im Sport bekommt. Egal, was man außerhalb des Platzes macht, es gibt auch viele schöne andere Dinge, aber den Adrenalinschub kenne ich nur vom Tennisspielen, beim Gewinnen und Verlieren, das vermisse ich schon! Ich glaube, wenn ich könnte, würde ich immer spielen, aber dennoch bereue ich meine Entscheidung aufzuhören nicht. Das war der richtige Moment, auch für meinen Körper. Ich habe den nicht komplett ausgereizt, ich möchte mich ja in 20 Jahren noch bewegen können und just for fun Tennis spielen. Trotzdem war es die schwierigste Entscheidung meines Lebens, meiner Karriere bisher. Du weißt nie, ist es der richtige Moment, hätte ich noch weiter spielen können? Es ist ein Spiel mit dem Feuer, du weißt nicht, ob der Körper mitmacht, du dich am Ende verletzt. Ich wollte die Entscheidung in meinen Händen haben und nicht aufhören müssen, weil ich verletzt bin oder mein Ranking zu schlecht ist, ich nur noch verliere. Man sieht das ja bei vielen großen Sportlern, den richtigen Moment aufzuhören trifft fast niemand.

Angelique Kerber lehnt lächelnd mit Tennisschläger am Netz einer Tennishalle
Angelique Kerber steht nach wie vor auf dem Platz. Foto: Tim Fraats

Marie Claire: Du hast neue Projekte – unter anderem bist du zweifache Mama – was ist da die größte Herausforderung? Haben dir Erfahrungen aus dem Sport geholfen?

Der Sport hat mir dabei geholfen, mit den Emotionen zurechtzukommen. Man muss sehr flexibel sein. Man kann den Tag zwar planen, was ich auch gerne mache, aber am Ende sieht der Tag doch komplett anders aus. Mir hilft es als Mama, Routinen zu haben. Die Routinen, die ich im Sport rund um die Matches und beim Training hatte, die Disziplin, die ich immer hatte, das ist ganz wichtig für die Kinder, für uns. Aber es ist nie einfach mit einem 1-jährigen und einem 3-jährigen Kind.

Marie Claire: Werden die beiden Tennis spielen?

Ich hoffe schon, dass sie spielen werden. Wie hoch und auf welchem Niveau ist mir egal, aber es wäre schon schön, mit ihnen in ein paar Jahren Bälle zu schlagen!

Marie Claire: Um an diesen Punkt zu kommen, musstest du dank deiner Karriere auf vieles verzichten – war es das wert?

Es gibt schon Momente, in denen ich gezweifelt habe, trotzdem wollte ich nie etwas anderes machen! Klar war ich mal überfordert, weil es mal nicht so lief und dann hab ich mich schon gefragt: Soll ich was anderes machen? Aber im Rückblick würde ich es immer wieder so machen. Das waren Momente und Erinnerungen, die ich fürs Leben habe, ich habe so viele tolle Menschen kennengelernt und der Erfolg hat dann ja auch gezeigt, dass es sich gelohnt hat. Ich weiß nicht, wie es wäre, wenn der Erfolg nicht gekommen wäre – ich aber das gleiche investiert hätte. Das wäre sicher eine andere Situation. So weiß ich, wofür ich das alles getan habe, ich habe meine Ziele erreicht und meine Träume erfüllt – auch wenn es schwierige Momente gab. Einen wirklichen Plan B gab es ja auch nicht. Ich hätte vielleicht Trainerin werden oder in Richtung Physiotherapie gehen können, aber so richtig habe ich mich nicht damit beschäftigt. Ich wusste, Tennis ist mein Leben und habe auch immer selber investiert, bin den extra Schritt gegangen: Eine zusätzliche halbe Stunde laufen oder Aufschläge trainieren, ich habe immer nochmal mehr gemacht, um besonders gut vorbereitet in ein Turnier zu gehen. Die Willenskraft war bei mir extrem stark!

Jule Gölsdorf im braunen Blazer und Angelique Kerber mit rotem Tennisschläger vor Bannern des Sportparks
Jule Gölsdorf und Angelique Kerber bei der Tennis Clinic im Sportpark Königstein. Foto: Tim Fraats

Druck, Fokus und Disziplin

Marie Claire: Konntest du die Momente auf dem Platz überhaupt richtig genießen oder ist der Druck dafür zu groß?

Den Druck hatte ich nonstop, das ist so, wenn man Erfolg hat, wenn man die Gejagte ist. Der Druck ist immer da! Ich bin froh, dass ich meinen Grand Slam mit 28 Jahren gewonnen habe und nicht mit 18, weil ich in den Jahren so viele Auf und Abs erlebt habe und zu einer gestandenen Person geworden bin, zu einer Persönlichkeit. Ich konnte den Erfolg dann auch genießen, weil ich wusste, was ich will, wie mein Weg aussieht. Ich habe dann auch gelernt, mal nein zu sagen. Es ist was anderes, wenn du mit 18 einen Grand Slam gewinnst, dann denkst du, die Welt liegt dir zu Füßen, du kannst machen, was du willst. Für mich und meine Familie war es immer wichtig, auf dem Boden zu bleiben und nicht zu vergessen, von wo ich komme. Da hat es geholfen, schon 28 gewesen zu sein. Wenn ich zurückschaue, würde ich das auch nicht ändern wollen.

Angelique Kerber spielt in einer Tennishalle eine Rückhand
Fokus auf dem Platz: Angelique Kerber in Aktion. Foto: Tim Fraats

Marie Claire: Bei so einem extrem wichtigen Match – an was hast du dabei gedacht? Sind dir da auch mal Belanglosigkeiten durch den Kopf gegangen?

Bei den ganz wichtigen Spielen nicht. Ich habe 4 Grand-Slam-Finale gespielt und drei davon gewonnen. Da war ich komplett bei mir, da wusste ich: Ich habe diese eine Chance. Beim ersten wusste ich ja auch nicht, dass noch drei weitere kommen. Ich wusste, es gibt nichts anderes auf der Welt, was mich zerstören oder von meinem Plan abbringen kann. Ich habe an nichts anderes gedacht, als an dieses Match. In Australien hatte ich vorher einen Tag frei und habe mich voll und ganz auf das Match konzentriert. Ich habe gegen Serena Williams gespielt, war der Underdog, sie war die Favoritin, das hat es noch reizvoller gemacht, die Challenge anzunehmen, das zu schaffen, was andere nicht erwarten.

Marie Claire: Viele Menschen wollen von Spitzensportlern lernen. Wie hält man den Fokus?

Man muss Erfahrungen sammeln und auch immer mal wieder hinfallen und aus den Fehlern lernen. Aber natürlich ist es auch die Disziplin. Es klingt banal: Man muss im Moment sein und sich an Routinen halten. Was ich oft gemacht habe, ist Meditation, sehr konstant. Das hat mir in den wichtigen Momenten die Konzentration zurückgebracht. Es gibt ja schon die Momente auf dem Platz, wo die Gedanken abzuschweifen drohen. Plötzlich denkst du darüber nach, wo du abends zum Dinner gehst oder du entdeckst jemanden auf der Tribüne, den du kennst. In solchen Momenten muss man sich zurückbringen in den einen Moment. Da haben mir Meditation und Erfahrung geholfen, ich konnte den Schalter da gut umlegen. Man muss die Emotionen kontrollieren können!

Marie Claire: Bist du privat auch so diszipliniert oder dann gerade das Gegenteil?

Da bin ich auch diszipliniert, ich habe gerne Routinen und einen klaren Tages- und Wochenplan. Ich will schon wissen, was die Highlights sind. Trotzdem kann ich auch spontan und flexibel sein. Aber trotzdem: Disziplin verfolgt mich, die liegt in meinen Genen. Ich weiß, dass Routinen und konstant dran zu bleiben den Erfolg bringen. Etwas nur eine Woche durchzuziehen, bringt nichts, man muss es über Monate machen. Das habe ich gelernt. Der Erfolg kommt nicht morgen, sondern erst nach einer gewissen Zeit. Man muss geduldig sein und diszipliniert – egal wie schwer das ist!

Marie Claire: Ist das etwas, das du deinen Kindern auch mitgeben willst?

Ja! Ich versuche, ihnen das beizubringen, auch wenn das in dem Alter noch etwas schwierig ist. Aber ich möchte ihnen das mitgeben. Die Zeit läuft und die Welt dreht sich ja momentan auch irgendwie anders, da ist es schon wichtig zu wissen, wo man hin will und dass man bei sich ist. Selbstvertrauen, zu wissen, wo man herkommt, bei sich zu sein, das sind schon Dinge, die mir wichtig sind.

Marie Claire: Also bist du eine strenge Mama?

Jein! (lacht) Ich würde sagen, ich bin nicht „nicht streng“, aber ich kann auch anders.

Angelique Kerber in hellblauer Jacke sitzt zwischen zwei Frauen bei einer Gesprächsrunde
Angelique Kerber bei der Gesprächsrunde der Tennis Clinic. Foto: Tim Fraats

Privatleben, Mode und neue Pläne

Marie Claire: Du schützt dein Privatleben sehr strikt – warum ist dir das so wichtig?

Ich möchte einfach, dass mein Privatleben auch privat bleibt, da bin ich konsequent! Das ist mein Leben, es gehört einfach mir! Sicher gibt es Menschen, die das anders machen, das sollte jeder einfach für sich entscheiden. Viele lieben die roten Teppiche und haben Spaß daran, sich dauernd zu zeigen. Ich muss einfach nicht zu jedem großen Event gehen, ich suche mir da die richtigen Sachen aus. Die Events sollen einfach zu mir passen, ich muss das schon fühlen. So ist das auch bei meinen Sponsoren, ich hatte die immer jahrelang an meiner Seite – klar gibt es auch mal einen Wechsel – aber grundsätzlich bin ich da treu! Auch, was mein Team angeht, mein Trainerteam war immer gleich, für 15 Jahre an meiner Seite. Das ist mir einfach wichtig, wenn man 24/7 zusammen ist, braucht man einfach die richtigen Leute.

Angelique Kerber in Jeansjacke lächelt in die Kamera, hinter ihr ein grauer Range Rover
Angelique Kerber bei der Range Rover Tennis Clinic. Foto: Tim Fraats

Marie Claire: Magst du es denn trotzdem, dich für ein Event schön anzuziehen?

Ich mag das schon, ich denke als Frau sollte man das auch mögen. Selbst auf dem Tennisplatz gefällt es mir, dass wir in unserer Sportart stylish auf den Platz gehen können. Jeder kann entscheiden, was er mag und was er nicht mag. Wir haben die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie wir die Haare tragen, ob wir uns schminken oder nicht, ob wir Schmuck tragen, welches Outfit wir wählen. Und solche Events wie „Sportler des Jahres“ oder „Sportpresseball“ mag ich schon. Dann trage ich gerne mal ein Abendkleid und High Heels.

Marie Claire: Zum Schluss noch der Blick in die Zukunft. Gibt es noch etwas, das du erreichen möchtest?

Ich möchte dem Tennis treu bleiben. Wir haben ja unser Turnier in Bad Homburg und wollen noch besser und noch größer werden, das ist auf jeden Fall ein Ziel. Auch unsere Academy versuche ich zu pflegen, so gut es geht. Da haben wir demnächst zum Beispiel einen Lehrgang mit dem DTB, mit der jungen Generation, da versuche ich, meine Erfahrungen einzubringen, es wird nicht langweilig! Und auch wenn es schön ist, auch mal eine Woche Ruhe zu haben, ich kann nicht gut still sitzen! Zum Glück öffnen sich auch immer wieder neue Türen und ich bin ja auch nicht nur sportgebunden. Ich finde es auch interessant, mal in die Modewelt reinzuschnuppern oder auch in andere Sachen. Da bin ich offen! Und muss auch damit rechnen, mal scheitern zu können. Es braucht den Mut zum Risiko! Aber – wenn ich etwas mache, möchte ich es richtig machen. Ich mache jetzt keine kleinen Sachen und denke mir – ach mal gucken, ob es klappt! Ich überlege schon sehr lange, bis ich mich für etwas entscheide. Und wenn ich mich für etwas entscheide, dann lege ich da alles rein, will es richtig machen. Das ist dann mein Fokus! Meine Entscheidungen sind immer wohlüberlegt.

Marie Claire: Jetzt ist deine Heimat das Rhein-Main-Gebiet – würdest du auch nochmal ganz woanders hingehen?

Das könnte ich mir schon vorstellen! Ich bin es ja gewohnt, jede Woche in einem anderen Land zu sein und das steckt auch immer noch in mir. Seit 25 Jahren bin ich immer unterwegs, reise quasi der Sonne hinterher und merke auch jetzt, wenn ich zwei, drei Wochen zuhause bin, muss ich kurz weg. Das ist mir dann zu lange an einem Ort! Ich bin offen und würde nicht nein dazu sagen, nochmal woanders hinzugehen.

Zur Person

Angelique Kerber gewann drei Grand-Slam-Titel: 2016 die Australian Open und die US Open, 2018 Wimbledon. 2016 holte sie außerdem Olympia-Silber in Rio und stand als erste Deutsche nach Steffi Graf auf Platz 1 der Weltrangliste. Heute ist sie Sportdirektorin der Bad Homburg Open und betreibt die „Angie Kerber Tennis Academy“ in Polen. Sie ist Mutter von zwei Kindern.

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