Joyspan: Was dahintersteckt und warum Freude zählt

Wann haben Sie zuletzt pure, ungetrübte Freude empfunden? Wenn es Ihnen geht wie uns, können Sie sich vermutlich nicht einmal mehr daran erinnern. Doch Expertinnen und Experten sind überzeugt: Genau das könnte der Langlebigkeitsfaktor sein, den wir bislang übersehen.

Lachende Frau mit lockigem braunem Haar, Nahaufnahme
Wie viel unseres Lebens verbringen wir mit echter Freude?. Foto: Lesly Juarez/Unsplash

„Freude sollte nicht als Luxus betrachtet werden. Sie ist ein wichtiger Bestandteil davon, gesund zu bleiben“, sagt Dr. Mohammed Enayat, Longevity-Experte, Allgemeinmediziner und Gründer von HUM2N. „Als Arzt erlebe ich täglich, wie stark das emotionale Wohlbefinden die körperliche Gesundheit beeinflusst. Menschen, die sich verbunden fühlen, einen Sinn in ihrem Leben sehen und das Leben genießen können, kommen oft besser mit Stress zurecht, erholen sich schneller von Krankheiten und kümmern sich langfristig eher um ihre Gesundheit.“

Auch die Wissenschaft stützt das. Studien zeigen, dass Freude alles andere als ein beliebiges Konzept ist. Sie wirkt sich konkret und messbar auf Wohlbefinden und Resilienz aus (siehe etwa diese Studie aus dem International Journal of Qualitative Studies on Health and Wellbeing). Und die Vorteile sind nicht nur emotionaler Natur. Weitere Untersuchungen, etwa diese aus dem European Heart Journal, zeigen, dass bewusst gelebte Freude auch die körperliche Gesundheit fördert, insbesondere die von Herz und Kreislauf.

Deshalb haben wir mit führenden Expertinnen und Experten aus Longevity-Forschung und Psychologie gesprochen. Wir wollten wissen, warum Freude so wichtig ist und wie wir unsere sogenannte Joyspan verlängern können.

Was ist Joyspan?

Frau springt vor einem Abendhimmel in die Luft
Joyspan erweitert Lifespan und Healthspan um die Frage nach der Freude. Foto: Adrian Moise/Unsplash

Was genau ist Joyspan, und warum ist sie so wichtig? Begriffe wie Lifespan (Lebensspanne) und Healthspan (die Jahre, die wir gesund verbringen) kennen Sie wahrscheinlich schon. Joyspan erweitert diese Idee ganz einfach auf die Frage, wie viel Freude Sie empfinden und wie lange.

„Joyspan beschreibt die Idee, zu messen, wie viel unseres Lebens wir mit echter Freude, Sinnhaftigkeit und Erfüllung verbringen, statt nur zu messen, wie lange wir leben“, erklärt Dr. Enayat. „Wir sprechen oft über die Lebensspanne und seit einiger Zeit auch über die Healthspan, also die Zahl der Jahre, in denen wir gesund bleiben. Joyspan erinnert uns daran, dass ein gutes Leben mehr bedeutet, als Krankheiten zu vermeiden.“

Klingt ziemlich gut, oder? Expertinnen und Experten halten den Begriff für ebenso entscheidend für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden wie Healthspan und Lifespan. Geprägt hat ihn die Gerontologin Dr. Kerry Burnight in ihrem Buch Joyspan: A Short Guide To Enjoying Your Long Life. Dabei geht es um mehr als ein längeres Leben, nämlich um Lebensqualität und darum, wie lange wir unser Leben genießen können.

Aber warum ist das so wichtig? Die Psychotherapeutin Dr. Joy Conlon von Coyne Medical (ihr Vorname bedeutet passenderweise „Freude“) erklärt es. „Das moderne Leben ist unglaublich effizient darin, uns beim Überleben und bei einem längeren Leben zu helfen, aber nicht immer darin, dass wir uns innerlich lebendig fühlen“, sagt sie gegenüber MC UK. „Die meisten Menschen hangeln sich jahrzehntelang von einer Deadline zur nächsten: arbeiten, um ein Haus zu kaufen, daten, um einen Partner zu finden, Kinder großziehen, endlose Rechnungen bezahlen und Verpflichtungen managen. Wir sind (zwangsläufig) auf die Zukunft fokussiert und machen ständig mehrere Dinge gleichzeitig.

Unser Nervensystem hat sich so gut an diesen dauerhaften Fokus auf Bewältigen und Überleben angepasst, dass es nach und nach aufgehört hat, wahrzunehmen, was sich gut anfühlt. Die Dinge, die uns Freude bereiten, haben wir in den Hintergrund gerückt, und aus psychologischer Sicht ist das enorm bedeutsam. Unser Gehirn schenkt Problemen von Natur aus mehr Aufmerksamkeit als schönen Dingen. Dieses Phänomen nennt man Negativitätsverzerrung (Negativity Bias). Wer freudvolle Erlebnisse also nicht bewusst priorisiert, driftet leicht in ein Leben ab, das sich produktiv, aber emotional flach anfühlt.

Welche Vorteile hat es, die eigene Joyspan zu pflegen?

Wie oben angedeutet, ist Joyspan sowohl für das emotionale als auch für das körperliche Wohlbefinden entscheidend. „Freude ist kein Luxusgut, sie ist Teil unseres psychischen Wohlbefindens“, sagt Dr. Conlon. „Menschen, die mehr positive Emotionen erleben, berichten häufig von weniger Stress, größerer Resilienz, weniger Ängsten, stabileren Beziehungen, besserer Emotionsregulation, mehr Kreativität und höherer Lebenszufriedenheit.

Positive Emotionen helfen außerdem, sich nach Rückschlägen schneller zu erholen. Wichtig ist aber: Freude beseitigt Stress nicht. Sie hilft uns, uns davon zu erholen.“

Auch körperlich sind die Vorteile beachtlich. „Ein niedrigeres Stresslevel kann helfen, den Blutdruck zu senken, die Immunfunktion zu verbessern und die Herzgesundheit zu unterstützen“, erklärt Dr. Enayat. „Glücklichere Menschen bleiben außerdem eher aktiv, ernähren sich gut und halten an gesunden Routinen fest. So entsteht ein positiver Kreislauf, von dem die gesamte Gesundheit profitiert.“

Haben manche Menschen von Natur aus eine längere Joyspan?

Wir wissen, dass Menschen in bestimmten Kulturen tendenziell länger und gesünder leben. Gibt es also einen Zusammenhang zwischen den Bewohnerinnen und Bewohnern der sogenannten Blue Zones und dem Maß an Freude, das sie erleben?

Kurz gesagt: Ja. „Manche Kulturen scheinen Freude selbstverständlicher zu pflegen als andere. Nicht, weil das Leben dort leichter ist, sondern weil der Alltag Verbundenheit und Ausgeglichenheit fördert“, sagt Dr. Conlon. „Forschende verweisen häufig auf die Blue Zones, also Regionen, in denen Menschen länger und gesünder leben: Okinawa in Japan, Sardinien in Italien und Ikaria in Griechenland haben einiges gemeinsam. Dazu gehören enge Familienbeziehungen, starke Gemeinschaften, regelmäßige Bewegung, gemeinsame Mahlzeiten, viel Zeit im Freien, ein langsameres Lebenstempo und ein klares Gefühl von Sinn. All das hilft, Freude zu kultivieren.

Interessanterweise jagt man an keinem dieser Orte dem Glück hinterher. Stattdessen schaffen die Menschen dort Lebensweisen, in denen Freude ganz natürlich entsteht. Auch Länder wie Dänemark und Finnland schneiden in der Wohlbefindensforschung regelmäßig sehr gut ab, unter anderem, weil dort Work-Life-Balance, Aktivitäten im Freien und gemeinsame Zeit einen hohen Stellenwert haben.

Wie können wir unsere Joyspan verlängern?

Eine Postleitzahl am Mittelmeer können wir Ihnen leider nicht bieten (glauben Sie uns, wir arbeiten daran!). Es gibt aber einige von Expertinnen und Experten empfohlene Wege, wie wir alle unsere Joyspan jeden Tag ein Stück verlängern können.

„Freude ist nichts, womit wir einfach geboren werden oder eben nicht“, betont Dr. Conlon. „Wie jede gesunde Gewohnheit lässt sie sich mit der Zeit pflegen und stärken. Kleine, bewusste Veränderungen im Alltag können überraschend viel daran ändern, wie viel Freude wir erleben.“

1. Schaffen Sie Zeit und Raum für Freude

Gelbe Figuren mit Smiley-Gesichtern im Gras
Freude lässt sich bewusst in den Alltag einplanen. Foto: Nik/Unsplash

Wir wissen, was Sie jetzt denken: noch etwas, das ich irgendwie unterbringen muss. Aber hören Sie uns kurz zu. Das soll (und darf) kein weiterer Punkt werden, mit dem Sie sich unter Druck setzen. Es geht um ein paar Minuten, wenn möglich jeden Tag.

„Eine der einfachsten Möglichkeiten, die eigene Joyspan zu verlängern, ist, Freude fest in den Kalender einzuplanen“, rät Dr. Conlon. „Meetings, Arzttermine und Trainingseinheiten planen wir sorgfältig. Viele von uns gehen aber davon aus, dass Freude sich schon einstellt, wenn noch Zeit übrig ist. In den meisten Fällen passiert das nicht. Wenn Ihnen Zeit mit Freundinnen, ein gutes Buch, ein Spaziergang in der Natur oder etwas Kreatives guttut, dann behandeln Sie es als etwas, das Sie in Ihrem Kalender schützen sollten, und nicht als etwas, wofür Sie irgendwann einmal Zeit finden.“

2. Werden Sie langsamer und genießen Sie die kleinen Momente

Auch hier gilt: leichter gesagt als getan. Fangen Sie also klein an.

„Achten Sie auf die kleinen Momente“, sagt Dr. Conlon. „Unser Gehirn ist von Natur aus darauf gepolt, Problemen mehr Aufmerksamkeit zu schenken als schönen Dingen. Deshalb ziehen viele freudvolle Erlebnisse unbemerkt an uns vorbei. Wer lange genug innehält, um den Morgenkaffee zu genießen, die Wärme der Sonne zu spüren, in einem Gespräch zu lachen oder den Duft von frisch gemähtem Gras wahrzunehmen, kann damit auf Dauer viel bewirken.

Freude findet sich selten in einem einzigen großen Moment. Meist setzt sie sich aus Hunderten kleiner zusammen.

3. Erkennen Sie, was Sie Energie kostet

Freude zu kultivieren heißt nicht nur, das Gute hereinzulassen. Es heißt auch, loszulassen, was Ihnen und Ihrem Glück nicht guttut.

„Es lohnt sich, darauf zu achten, was einem Energie raubt“, sagt Dr. Enayat. „Ständig E-Mails checken, endlos durch Social Media scrollen oder sich selbst immer hintanstellen: All das kann das Wohlbefinden langsam aushöhlen. Oft haben die kleinen täglichen Gewohnheiten größere Wirkung als die großen Veränderungen im Leben.“

4. Verbundenheit ist der Schlüssel

Planen Sie den Mädelsabend ein, und zwar sofort.

„Starke Beziehungen sind wahrscheinlich der wichtigste Faktor für mehr Freude“, sagt Dr. Enayat. „Zeit mit Menschen, die uns am Herzen liegen, hat einen enormen Einfluss auf unser Wohlbefinden.“

5. Entdecken Sie das Spielen wieder

Und zum Schluss: Verbinden Sie sich wieder mit Ihrem inneren Kind, das sorgt für einen schnellen, unmittelbaren Freude-Boost.

„Erlauben Sie sich schließlich, zu spielen“, rät Dr. Conlon. „Tun Sie Dinge einfach um ihrer selbst willen. Als Kinder lachen, entdecken und spielen wir ohne schlechtes Gewissen. Als Erwachsene konzentrieren sich viele von uns so sehr auf Produktivität, dass wir vergessen, dass Spielen einen Sinn hat. Ob Sie in der Küche tanzen, ein neues Hobby ausprobieren, kreativ werden oder einfach lachen, bis Ihnen der Bauch wehtut: Verspieltheit ist weder Luxus noch ein Zeichen von Unreife. Sie ist einer der gesündesten Wege, wieder zu uns selbst zu finden und zu der Freude, die im Alltag längst da ist.“

Bedeutet Joyspan, dass wir ständig glücklich sein müssen?

Jetzt kommt’s: Überraschenderweise hat es wenig damit zu tun, wie glücklich Sie sich fühlen, Freude zu kultivieren.

„Ich finde es wichtig, sich bewusst zu machen, dass Freude nicht bedeutet, die ganze Zeit glücklich zu sein“, sagt Dr. Enayat. „Das Leben wird immer schwierige Phasen haben, und das ist völlig normal.

Bei Freude geht es vielmehr darum, Momente der Verbundenheit, der Sinnhaftigkeit und der Zufriedenheit zu finden, auch wenn das Leben hektisch oder stressig ist. Manchmal ist das ein Abendessen mit der Familie, ein Spaziergang mit dem Hund, Lachen mit Freundinnen oder einfach zehn Minuten ohne Handy. Diese Momente wirken vielleicht klein, aber mit der Zeit können sie einen überraschend starken Einfluss auf unser psychisches und körperliches Wohlbefinden haben.“

Dieser Artikel wurde ursprünglich unter https://www.marieclaire.co.uk/health-fitness/wellbeing/how-to-improve-joyspan veröffentlicht.

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