Dünner Zopf, breiter Scheitel: Was hinter dem Haarverlust steckt

Bis zu 30 Millionen Menschen in Deutschland sind betroffen — und kaum jemand spricht darüber. Über ein Tabuthema, das längst keines mehr sein sollte

Foto: Dmitrii Shirnin/unsplash
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Es fängt schleichend an. Ein paar Haare mehr in der Bürste. Ein Scheitel, der breiter wirkt als noch vor einem Jahr. Ein Zopf, der sich dünner anfühlt. Kleinigkeiten, denkt man. Bis sie es nicht mehr sind.

Darüber gesprochen wird selten. Dabei sind laut Bundesverband der Zweithaar-Spezialisten e.V. und dermatologischer Fachliteratur bis zu 30 Millionen Menschen in Deutschland betroffen — Männer wie Frauen. Und das zählt nur den klassischen Haarausfall. Brüchiges Haar, gereizte Kopfhaut, hormonell bedingtes Ausdünnen kommen noch obendrauf.

Warum Haarausfall so tief geht

Wer Haare verliert, verliert oft mehr als nur Volumen. Haarausfall rührt an etwas Tieferem — am Selbstbild, am Sicherheitsgefühl, manchmal an der Freude, sich selbst im Spiegel zu begegnen. Medizinisch wird das Thema häufig als nachrangig behandelt, für Betroffene fühlt es sich ganz anders an. Und die Ursachen dahinter sind alles andere als trivial.

Ob hormonelle Veränderungen nach einer Schwangerschaft, ein Mangel an Eisen, Zink oder Vitamin D, eine stille Schilddrüsenstörung oder schlicht dauerhafter Stress — die Liste möglicher Auslöser ist lang. Häufiges Hitzestyling, aggressive Colorationen und eine vernachlässigte Kopfhaut kommen als äußere Faktoren hinzu. Am Ende greifen innere und äußere Ursachen ineinander, oft über Monate hinweg.

Foto: Planet Volumes/unsplash

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Die Supplement-Falle

Wer googelt, landet schnell bei Nahrungsergänzungsmitteln. Der Markt boomt — und genau hier wird es tückisch. Hochdosiertes Biotin? Wird gerne empfohlen, ob ein tatsächlicher Mangel vorliegt, wissen die meisten nicht. Kollagenpräparate? Leisten für die Haare nicht dasselbe wie für die Haut. Zudem: Nicht alles, was als Wunderwaffe beworben wird, hält der Wissenschaft stand.

Sinnvoller: Erst die eigene Versorgungslage kennen — am besten über eine Blutuntersuchung — und dann gezielt ergänzen, was tatsächlich fehlt. Eisen, Zink, Vitamin D, Selen, Aminosäuren wie L-Cystein und Methionin können bei nachgewiesenem Mangel einen echten Unterschied machen.

Nicht das richtige Produkt — das richtige Gespräch

Dermatologinnen und Apothekerinnen sagen dasselbe: Der wichtigste erste Schritt ist nicht die richtige Tinktur. Sondern das richtige Gespräch. Wer die Ursache kennt, kann gezielt handeln — und spart sich den teuren Umweg über wirkungslose Mittel.

Und dann: Geduld. Der Haarwachstumszyklus ist langsam. Drei bis sechs Monate, bis sich etwas sichtbar verändert. Wer nach zwei Wochen aufgibt, verpasst den Effekt. Ein Trugschluss, der sich vermeiden lässt.

Die Basis für alles Weitere: eine gesunde Kopfhaut. Genau der Aspekt, der in der täglichen Routine am häufigsten übersehen wird. Sanfte Produkte, weniger Hitze, ein ganzheitlicher Blick auf Ernährung und Stress — darauf kann gezielte Pflege aufbauen.

Esther Tscherniak

Apothekerin und Vichy-Expertin

Fünf Fragen an Esther Tscherniak

Welche Fragen hört eine Fachfrau aus der Apothekenpraxis am häufigsten? Welche Irrtümer begegnen ihr — und was rät sie als Erstes? Im Gespräch mit Esther Tscherniak wird klar: Die Antwort liegt selten in einem einzelnen Produkt. Sondern im Zusammenspiel aus Wissen, Geduld und einem ehrlichen Blick auf die eigene Gesundheit.

Marie Claire: Welche Anzeichen lassen Sie als Apothekerin darauf schließen, dass Haarausfall über den normalen, alltäglichen Haarverlust hinausgeht und möglicherweise ein ernstzunehmendes Problem darstellt?

Esther Tscherniak: Ein gewisser Haarverlust gehört zum natürlichen Zyklus des Körpers. Durchschnittlich verliert ein Mensch etwa 50 bis 100 Haare pro Tag, ohne dass dies ein Grund zur Sorge sein muss. Auffällig wird es jedoch, wenn Betroffene über einen längeren Zeitraum deutlich mehr Haare verlieren — beispielsweise wenn sich vermehrt Haare in der Bürste, auf dem Kopfkissen oder im Abfluss der Dusche sammeln. Auch ein sichtbar dünner werdender Zopf, ein breiter werdender Scheitel oder eine stärker durchscheinende Kopfhaut können Hinweise darauf sein, dass der Haarverlust über das normale Maß hinausgeht. Wenn der Haarausfall plötzlich auftritt, über mehrere Wochen anhält oder sogar kahle oder kreisrunde Stellen entstehen, sollte man genauer hinschauen und mögliche Ursachen abklären.

Marie Claire: Viele Menschen greifen bei Haarausfall zu Nahrungsergänzungsmitteln. Welche Inhaltsstoffe können tatsächlich sinnvoll sein und welche werden oft überschätzt?

Esther Tscherniak: Nahrungsergänzungsmittel können beim Thema Haarausfall durchaus sinnvoll sein — allerdings vor allem dann, wenn tatsächlich ein Nährstoffmangel vorliegt. Besonders relevant sind häufig Eisen, vor allem bei Frauen im gebärfähigen Alter, sowie Zink, das eine wichtige Rolle für Zellteilung und Haarwachstum spielt. Auch Vitamin D, Selen und bestimmte Aminosäuren wie L-Cystein oder Methionin können den Haarstoffwechsel unterstützen. Biotin wird oft mit gesunden Haaren in Verbindung gebracht und kann bei einem nachgewiesenen Mangel ebenfalls hilfreich sein. Überschätzt werden hingegen häufig hochdosierte Biotinpräparate ohne diagnostizierten Mangel oder sogenannte Beauty-Komplexe, die zwar viele Inhaltsstoffe enthalten, diese jedoch oft in zu niedriger Dosierung. Auch Kollagenpräparate werden häufig als Haar-Booster beworben, ihr Einfluss auf das Haarwachstum ist jedoch eher indirekt.

Marie Claire: Gibt es bestimmte Anzeichen dafür, dass Haarverlust hormonell oder gesundheitlich bedingt ist und ärztlich abgeklärt werden sollte?

Esther Tscherniak: Ja, bestimmte Muster oder Begleitsymptome können darauf hinweisen, dass hinter dem Haarverlust hormonelle oder gesundheitliche Ursachen stehen. Typisch ist zum Beispiel diffuser Haarausfall nach einer Schwangerschaft oder nach dem Absetzen hormoneller Verhütungsmittel. Auch eine zunehmende Ausdünnung im Scheitelbereich kann auf hormonell bedingten Haarausfall hinweisen. Wenn gleichzeitig Symptome wie starke Müdigkeit, Gewichtsschwankungen oder Kälteempfindlichkeit auftreten, kann auch eine Störung der Schilddrüse eine Rolle spielen. Kreisrunder Haarausfall wiederum kann auf eine Autoimmunreaktion hindeuten. In solchen Fällen ist es sinnvoll, die Ursachen ärztlich abklären zu lassen, beispielsweise durch eine Blutuntersuchung, bei der Werte wie Ferritin, Schilddrüsenhormone, Vitamin D oder Zink überprüft werden.

Marie Claire: Welche Haar- oder Kopfhautpflegefehler sehen Sie häufig, die Haarausfall begünstigen oder verstärken können?

Esther Tscherniak: In der Beratung zeigt sich häufig, dass bestimmte Gewohnheiten die Haare zusätzlich belasten können. Dazu gehören sehr straff gebundene Frisuren wie enge Zöpfe oder Dutts, die über längere Zeit Zug auf die Haarwurzeln ausüben. Auch häufiges Hitzestyling mit Glätteisen oder Föhn sowie aggressive chemische Behandlungen wie Bleaching oder sehr häufiges Färben können die Haarstruktur schwächen. Darüber hinaus wird die Kopfhaut oft vernachlässigt: Schuppen, Reizungen oder Entzündungen bleiben manchmal unbehandelt, obwohl eine gesunde Kopfhaut eine wichtige Voraussetzung für gesundes Haarwachstum ist. Zwar ist falsche Pflege selten allein die Ursache für Haarausfall, sie kann jedoch dazu beitragen, dass Haare schneller abbrechen oder der Haarverlust stärker wahrgenommen wird.

Marie Claire: Welche ersten Maßnahmen oder Produkte empfehlen Sie Kundinnen typischerweise, wenn sie wegen verstärktem Haarausfall zu Ihnen kommen?

Esther Tscherniak: Wenn Kundinnen mit verstärktem Haarausfall in die Apotheke kommen, steht zunächst immer ein Gespräch im Vordergrund. Dabei versuche ich gemeinsam mit ihnen mögliche Auslöser zu identifizieren — etwa Stress, hormonelle Veränderungen, Ernährungsgewohnheiten, kürzlich durchgemachte Erkrankungen oder bestimmte Medikamente. Häufig empfehle ich zunächst eine sanfte, kopfhautfreundliche Haarpflege sowie — wenn sinnvoll — eine gezielte Versorgung mit bestimmten Mikronährstoffen. Ebenso wichtig ist ein ganzheitlicher Blick auf Lebensstil, Ernährung und Stressmanagement. Da der Haarwachstumszyklus relativ langsam ist, sollte man außerdem Geduld mitbringen: Bis sich erste Verbesserungen zeigen, können durchaus mehrere Monate vergehen.

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