Die Kraft einer Geschichte liegt nicht in ihrer Länge – wie diese sieben Romane unter 150 Seiten beweisen.
Zu kaum einer anderen Zeit im Jahr sind die Terminkalender so voll, wie vor den Feiertagen. Zwischen Weihnachtsfeiern, Geschenkebesorgungen, Urlaubsplanung und guten Vorsätzen bleibt wenig Zeit für uns selbst. Besonders das Lesen kommt in diesen turbulenten Wochen oft zu kurz – aber das muss nicht sein. Eine gute Geschichte braucht nämlich nicht immer tausend Seiten, um uns beim Kragen zu packen – oft reichen sogar weniger als 150.
Für alle, die diesen Winter wenig Zeit haben, aber nicht auf starke Geschichten verzichten wollen: Hier kommen sieben Empfehlungen für ein kurzes, aber unvergessliches Lesevergnügen.
Seitenanzahl: 48
Nach „Piranesi“ und „Jonathan Strange & Mr Norrell“ präsentiert Susanna Clarke dieses wunderschön illustrierte Wintermärchen: Die neunzehnjährige Merowdis Scott ist ein ungewöhnliches Mädchen. Sie kann mit Tieren und Bäumen sprechen – und es gibt für sie kein größeres Glück, als im Wald spazieren zu gehen. An einem verschneiten Nachmittag, als sie mit ihren Hunden und dem Schwein Apple unterwegs ist, trifft sie auf eine Amsel und einen Fuchs. Als es dunkel wird, taucht eine seltsame Gestalt in ihrer Mitte auf – eine Begegnung, die das Leben des Mädchens für immer verändern soll…
Seitenanzahl: 144
Auch dieser Kurzroman spielt in einer zauberhaften Welt: Celia entdeckt ihr magisches Talent an dem Tag, als ihr geliebter ältester Bruder Argent das Haus verlässt. Wütend darüber, dass er sie in einem vom Krieg zerrütteten Land zurücklässt, schlägt sie mit zornigen Worten um sich, ohne zu ahnen, dass sie ihn damit zu einem Leben ohne Liebe verdammt.
Während Argent einsam durch die Welt streift und sich nach Liebe und Zugehörigkeit sehnt, versucht Celia, den Fluch, den sie ihm auferlegt hat, aufzuheben. Doch selbst als sie vom Mädchen zur Frau heranwächst, findet sie keine Lösung – bis sie die Wahrheit über den jahrhundertealten Krieg zwischen ihrem Volk und den unsterblichen Sommerlingen erfährt, die einen unerbittlichen Groll gegen ihre sterblichen Nachbarn hegen.
In „Rizzio“ widmet sich Denise Mina einem blutigen Kapitel der schottischen Geschichte. Foto: Simon & Schuster
Seitenanzahl: 118
Am Abend des 9. März 1566 wird der Privatsekretär von Maria Stuart brutal ermordet. Eine Gruppe von Atttentätern zerrt David Rizzio aus den Gemächern der hochschwangeren schottischen Königin und sticht 56 Mal auf ihn ein. Diese atemberaubend spannende Novelle dramatisiert die Ereignisse, die zu dieser Nacht führten – und das aus einer radikal modernen Perspektive. Sie ist Teil der „Darkland Tales“ Buchreihe, mit der die besten Schriftsteller Schottlands berüchtigte Erzählungen aus der Geschichte, Mythologie und Legenden des Landes neu interpretieren.
Krimi-Koryphäe Denise Mina spinnt eine düstere Erzählung über Sex, Geheimnisse und Lügen mit einer zeitlosen Frage in ihrem Kern: Wie weit sind Männer und Frauen bereit, in ihrem Streben nach Liebe und Macht zu gehen?
Seitenanzahl: 144
Jede Nacht kreuzen sich auf dem alten Friedhof einer Hochschule die Wege von fünf Menschen, die in der Spätschicht arbeiten: ein Barkeeper, eine Fahrdienstfahrerin, eine Rezeptionistin, der Verwalter der verfallenen Kirche, die über ihnen thront, und die Chefredakteurin der Hochschulzeitung, der immer auf der Suche nach einer Story ist. An einem dunklen Oktoberabend finden sie auf dem stillgelegten Friedhof eine Grube, die vorher nicht da war. Ein frisches, offenes Grab, wo kein Grab sein sollte. Aber wer hat es gegraben und für wen?
Anders als bei Rios Dark-Academia-Klassiker If we were villains entfaltet sich die Handlung dieser Novelle im Lauf einer einzigen Nacht. Und auch der Leser wird das kurze Buch am liebsten am Stück verschlingen. Das zentrale Rätsel ist wahnsinnig fesselnd und atmosphärisch konstruiert und man schließt die eklektische Gruppe von Figuren sofort ins Herz.
Seitenanzahl: 80
Mit diesem kurzen Buch deutet Madeline Miller erneut eine Geschichte aus der griechischen Mythologie um: den Mythos von Pygmalion. Wie Millers gefeierter Roman „Circe“ steckt auch die Novelle voller kraftvoller Themen: Es geht um weibliche Selbstbehauptung und Selbstbestimmung über den eigenen Körper.
Der Bildhauer Pygmalion erschafft eine Statue, die so makellos ist, dass er sich in sie verliebt. Die Göttin Venus erhört seine Gebete und erweckt seine „Galatea“ zum Leben. Bald gebiert diese eine Tochter und ist zunächst glücklich in der Ehe mit Pygmalion – doch als sie beginnt, ihren eigenen Willen zu haben, und die Kontrollversuche und Eifersucht ihres Gatten nicht mehr ertragen kann, ereilt sie ein grausames Schicksal.
Madeline Miller interpretiert in ihrem Kurzroman „Galatea“ den Mythos von Pygmalion neu. Foto: Ullstein Verlag
Seitenanzahl: 56
Achtung, dieser kurze Roman tut weh: Fuchs 8 war immer schon neugierig und ein bisschen anders als die anderen Füchse seiner Gruppe. So hat er die menschliche Sprache gelernt, weil er sich gern in den Büschen vor den Häusern versteckte und zuhörte, wenn die Menschen ihren Kindern Gutenachtgeschichten vorlasen. Die Macht der Worte und Geschichten befeuert seine Neugier auf diese Wesen, bis Gefahr am Horizont auftaucht: Der Bau eines riesigen Einkaufszentrums zerstört den Wald, in dem die Füchse leben, und sie finden kaum noch Nahrung. Dem stets belächelten Tagträumer Fuchs 8 bleibt nur eines: Er beschließt, seine Fuchsfamilie zu retten, und macht sich auf den Weg zu den Menschen …
Für „Fuchs 8“ von George Saunders sollte man Taschentücher bereit halten. Foto: Penguin Randomhouse
Seitenanzahl: 120
Dieses kurze Buch ist eine Liebeserklärung an Queen Elizabeth II. und die Magie der Literatur: Als ihre Corgies auf der Rückseite des Buckingham-Palasts einen Bücherbus erstürmen, macht die Queen die Bekanntschaft des jungen Norman. Nachdem ihr der begeisterte Leser einen Roman leiht, entdeckt ihre Majestät ihre Liebe zu schöngeistiger Literatur. Fortan nutzt sie jede Gelegenheit zur Lektüre, selbst die Kutschenfahrt zur Parlamentseröffnung. Und immer häufiger bringt sie ihre Untertanen, aber auch Staatsgäste, mit der Frage nach deren Lektüre in Verlegenheit.
Foto: Verlag Klaus Wagenbach
Be the first to know about new arrivals and promotions