Weniger ist mehr? Bitte nicht! Die stille Rückkehr des Magerwahns

Wann genau haben wir eigentlich beschlossen, wieder so zu tun, als sei Hungern eine Ästhetik? Lange dachten wir im Kollektiv der Magerwahn sei dort geblieben, wo er hingehört: in den Hochglanzsärgen der 90er. In jener Zeit, in der Körper aussahen, als würden sie von ihrem eigenen Schatten weggezerrt werden. Doch es ist, als würde eine längst überwunden geglaubte Zeit langsam aus genau diesem Schatten wieder heraustreten.

Unsere Schönheitsideale haben sich vielleicht verändert, doch unser Verhältnis zu Dünnheit offenbar nicht. Foto: Annie Spratt/Unsplash

Das neue alte Schönheitsideal

Vorweg: Bei all dem geht es ausdrücklich nicht darum, schlanke Menschen abzuwerten oder ihnen ihre Körperform abzusprechen. Menschen sind unterschiedlich gebaut, und Schlankheit ist für viele schlicht genetisch bedingt und vollkommen gesund. Die Kritik richtet sich nicht gegen einzelne Körper, sondern gegen eine Kultur, die extreme Schlankheit immer wieder zum Ideal erhebt, glorifiziert und als Maßstab für Schönheit, Erfolg oder Selbstdisziplin verkauft. Nicht der schlanke Mensch ist das Problem, der Magerwahn ist es.

Man muss nur die Bilder betrachten, die täglich millionenfach durch Social Media wandern. Stars wie Demi Moore werden für ihre definierten Arme gefeiert, obwohl die Definition oft nichts anderes ist als das völlige Verschwinden von Fettreserven. Andere werden für ihre elegante Silhouette gelobt, obwohl die Silhouette alles andere als an Kraft erinnert. Sie werden gekürt für ihre Jugendlichkeit und sie besteht aus eingefallenen Gesichtern, hervortretenden Knochen und Körper, die aussehen, als würden sie gegen sich selbst kämpfen. Sobald eine prominente Frau erscheint, deren Arme kaum noch Volumen besitzen, deren Schlüsselbeine wie Kleiderbügel hervortreten oder deren Beine an Zeichnungen aus Anatomiebüchern erinnern, setzt ein Reflex ein. Die Kommentare überschlagen sich: „Unglaublich fit!“ „So definiert!“ und „Einfach Perfekt.“, heißt es. Haben wir eigentlich gar nichts gelernt?

Nicht jede verlorene Kleidergröße ist ein Gewinn

Es ist eine Rückkehr jener Ästhetik, die Frauen jahrzehntelang beigebracht hat, ihren eigenen Körper als permanentes Projekt der Reduktion zu betrachten. Weniger Hüfte, Bauch, Oberschenkel, Armumfang und ein schmaleres Gesicht. Kurz gesagt: Weniger Mensch. Gerade ein Wort fällt in diesem Zusammenhang erstaunlich oft und das ist definiert. Ein bemerkenswertes Wort, denn ein Marathonläufer kann definiert sein, eine Gewichtheberin kann definiert sein, und auch eine Turnerin kann definiert sein. Definition entsteht durch Muskulatur, doch inzwischen wird der Begriff oft benutzt, wenn schlicht Masse verschwunden ist. Als hätte unsere Gesellschaft verlernt, was Stärke bedeutet und wie sie aussieht. Besonders beunruhigend ist, dass dieser Trend nicht mehr nur Hollywood einnimmt, nein, er sickert durch sämtliche gesellschaftliche Schichten. Die Botschaft lautet wieder: Dünner ist besser.

Dabei ist das eigentlich Absurde nicht die Dünnheit selbst. Absurd ist die Verwechslung von Zerbrechlichkeit mit Erfolg. Wir leben in einer Zeit, die ständig von Empowerment spricht, von Stärke, Selbstbestimmung, von weiblicher Kraft und gleichzeitig feiern wir kontroverse Körperbilder. Und genau das ist der eigentliche Widerspruch. Eine Gesellschaft, die Stärke predigt und Schwäche ästhetisiert. Eine Kultur, die Selbstliebe beschwört und Selbstverkleinerung belohnt. Eine Öffentlichkeit, die Diversität fordert und dennoch immer wieder bei demselben Körperideal landet: möglichst schmal, möglichst leicht und vor allem möglichst wenig.

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Foto: Annie Spratt/Unsplash

Zerstörung auf Raten

Was dabei in dem ästhetischen Gerede untergeht: Essstörungen sind kein Lifestyle. Sie sind kein Trend, kein Schönheitsideal und auch keine Form besonders beeindruckender Disziplin. Sie sind Krankheiten. Schwere, oft lebensgefährliche Krankheiten. Anorexie gehört zu den psychischen Erkrankungen mit einer der höchsten Sterblichkeitsrate. Menschen sterben daran, das ist Fakt. Es ist ein Tod auf Raten, wenn man so will. Der Körper ist so schwach, dass er sich selbst nicht mehr tragen kann. Wer einmal erlebt hat, was eine Essstörung mit einem Menschen macht, weiß, wie weit die Realität von den Bildern entfernt ist, die manchmal romantisiert werden. Da geht es nicht um Eleganz, nicht um Kontrolle und auch nicht um Willensstärke. Es geht um Angst, Zwang und Isolation. Um einen Körper, der zunehmend gegen sich selbst ankämpft. Deshalb ist es so gefährlich, wenn extreme Schlankheit reflexartig bewundert wird.

Nicht weil jeder dünne Mensch automatisch krank ist, denn das wäre ebenso falsch. Sondern weil wir als Gesellschaft aufpassen müssen, welche Bilder wir feiern und welche Botschaften wir damit senden. Eine Krankheit wird dadurch nicht weniger gefährlich, weil sie ästhetisch verpackt wird. Und ein Körperbild wird nicht plötzlich gesund, nur weil es gerade im Trend liegt. Vielleicht wäre es an der Zeit, sich daran zu erinnern: Das Ziel eines Menschen sollte nicht sein, möglichst wenig zu wiegen. Das Ziel sollte sein, möglichst frei zu leben. Und Freiheit beginnt dort, wo Essen keine Angst mehr macht, wo der Blick in den Spiegel nicht über die Laune eines Tages entscheidet und wo Gesundheit mehr zählt als jede Kleidergröße.

Essstörungen sind kein ungefährlicher Trend

Etwas, das in der öffentlichen Debatte ebenfalls erschreckend oft vergessen wird: Eine Essstörung ist keine Phase, die man einfach abschüttelt. Viele Betroffene verbringen Jahre, manchmal Jahrzehnte damit, gegen diese Krankheit anzukämpfen. Selbst wenn das Gewicht längst wieder im gesunden Bereich liegt, bleiben die grausamen Gedanken. Die innere Stimme, die Kalorien zählt und die Angst vor bestimmten Lebensmitteln hat. Der Reflex, den eigenen Wert an einer Zahl auf der Waage festzumachen. Deshalb sprechen viele Menschen, die eine Anorexie durchlebt haben, nicht von einer Krankheit, die eines Tages einfach verschwindet. Sie sprechen davon, mit ihr Leben zu lernen. Was von außen manchmal als ästhetisches Ideal erscheint, ist für viele Betroffene mit Schmerz, Angst und jahrelangem Leiden verbunden. Hinter einer Essstörung steckt keine bewundernswerte Disziplin. Es ist eine schwere psychische Erkrankung, die Leben zerstören und im schlimmsten Fall beenden kann. Wer Magersucht romantisiert, romantisiert keine Schönheit, er romantisiert eine Krankheit.

Foto: Vino Li/Unsplash

Warum dürfen Körper nicht einfach Körper sein?

Vor allem Frauen sind für solche Körperideale besonders empfänglich, aber warum ist das so? Tatsächlich hat das wenig mit Eitelkeit zu tun, sondern sehr viel mit Geschichte. Seit Jahrhunderten wird der Wert von Frauen stärker über ihr Aussehen beurteilt als der von Männern. Frauen lernen oft schon als Mädchen, dass ihr Körper nicht einfach ihr Körper ist, sondern etwas, das betrachtet, bewertet, kommentiert und optimiert werden darf. Zu dick, zu dünn, zu kurvig, zu flach. Irgendetwas scheint immer nicht zu stimmen. Hinzu kommt ein gesellschaftlicher Widerspruch, der bis heute wirkt: Frauen sollen sichtbar sein, aber nicht zu viel Raum einnehmen. Sie sollen attraktiv sein, aber bitte nicht zu viel. Erfolgreich, aber nicht bloß nicht einschüchternd. Stark, aber dabei unbedingt zierlich und niedlich. Selbstbewusst, aber möglichst makellos. Kaum ein anderes Schönheitsideal verkörpert diesen Widerspruch so sehr wie extreme Schlankheit. 

Sie wird oft mit Disziplin, Kontrolle, Jugend und gesellschaftlichem Erfolg verknüpft. Eigenschaften, die in unserer Leistungsgesellschaft besonders hoch gehandelt werden. Viele Frauen geraten deshalb nicht direkt in eine Essstörung, weil sie unbedingt dünn sein wollen. Sie geraten in diesen Teufelskreislauf, weil sie das Gefühl haben, endlich gut genug werden zu müssen, um akzeptiert zu werden. 

Die Krankheit verkauft sich oft als Lösung und wird selbst zum Problem. Sie flüstert Betroffenen ein, dass noch ein Kilo weniger alles besser machen wird. Doch die Ziellinie verschiebt sich ständig. Was gestern genug war, reicht heute nicht mehr. Deshalb sind Essstörungen nie nur eine Frage des Essens. Sie erzählen auch etwas über den enormen Druck, unter dem insbesondere Frauen stehen. Über eine Gesellschaft, die zwar ständig von Selbstliebe spricht, aber gleichzeitig Milliarden damit verdient, Menschen einzureden, sie seien noch nicht schön, noch nicht fit und noch nicht diszipliniert genug. Daher sollten wir uns weniger fragen, warum so viele Frauen auf solche Ideale hereinfallen, denn die ehrlichere Frage lautet doch eigentlich: Warum produzieren wir diese Ideale immer wieder neu?

So gelingt der Rückzug und ab diesem Punkt ist Vorsicht geboten

Der beste Schutz beginnt genau dort, wo die Entwicklung ihre größte Macht entfaltet: beim eigenen Blick. Es ist kein Zeichen von Schwäche, sich mit Bildern zu vergleichen – es ist menschlich. Aber es lohnt sich, sich immer wieder bewusst zu machen, dass Social Media keine wirkliche Realität zeigt, sondern einen kleinen Ausschnitt. Oft ist es die kontrollierteste, bearbeitete und vermeintlich perfekte Version eines Lebens. Wer merkt, dass bestimmte Inhalte ständig Unzufriedenheit, Schuldgefühle oder den Wunsch auslösen, immer dünner werden zu müssen, darf sich die Erlaubnis geben, Abstand zu nehmen. Und vor allem: den eigenen Wert nicht an Umfang, Gewicht oder Kleidergröße zu knüpfen. Ein Mensch wird nicht interessanter, klüger, liebenswerter oder wertvoller, weil er fünf Kilo weniger wiegt. Das klingt banal, ist aber eine Wahrheit, die in einer Kultur der ständigen Selbstoptimierung erstaunlich leicht verloren geht. Und vielleicht sollten wir auch lernen, unseren Körper nicht permanent als Projekt zu betrachten. Nicht als Baustelle und auch nicht als Problem, das gelöst werden muss. Ein Körper schuldet niemandem Schönheit und erst recht schuldet er niemandem Dünnheit. Seine wichtigste Aufgabe ist es nicht, möglichst gut und aalglatt auszusehen. Seine wichtigste Aufgabe ist es, zu leben.

Und: Wenn Gedanken an Essen, Gewicht oder Kalorien immer mehr Raum einnehmen, wenn Angst und Kontrolle das Leben bestimmen oder man das Gefühl hat, aus diesem Kreislauf nicht mehr allein herauszufinden, dann ist es wichtig, sich Unterstützung zu holen. Essstörungen sind keine Charakterschwäche und kein Mangel an Willenskraft, sondern ernstzunehmende Erkrankungen. Je früher professionelle Hilfe durch Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen in Anspruch genommen wird, desto größer sind die Chancen, den Teufelskreis zu durchbrechen und wieder mehr Freiheit im eigenen Leben zu gewinnen.

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