Eine dieser weltweit tätigen Persönlichkeiten ist Ezgi Barcenas, Chief Corporate Responsibility Officer der L’Oréal-Gruppe. Sie verantwortet unter anderem die Bereiche Umwelt- und Klimaschutz sowie das soziale Engagement des Konzerns. Marie Claire wollte mehr über diese Frau und ihre Aufgaben erfahren und traf sie anlässlich ihres Deutschlandbesuchs zum Interview.
Marie Claire: Liebe Frau Barcenas, Sie sind in Zypern geboren und als Ingenieurin ausgebildet. Heute verantworten Sie die internationale Nachhaltigkeitsstrategie im weltweit agierenden L’Oréal-Konzern und sind zudem Mitglied des Executive Committee der Gruppe. Eine große Aufgabe. Wie sind Sie in diese Position gekommen?
Ezgi Barcenas: Ich bin die Tochter zweier Lehrer für Naturwissenschaften. So gehörten Naturwissenschaften von klein auf zu meinem Alltag. Schon früh hat es mich fasziniert zu verstehen, wie die Welt funktioniert. Zypern ist als Insel von Wasser umgeben – und leidet gleichzeitig unter Wasserknappheit. Dieser Widerspruch hat mich schon als junges Mädchen geprägt: Früh begriff ich, wie endlich unsere natürlichen Ressourcen sind und wie wichtig es ist, sie zu schützen. Diese Erfahrung hat meinen Wunsch geweckt, mich für eine nachhaltigere Zukunft einzusetzen. So erhielt ich nach der Schule ein Stipendium für ein Studium der Elektro- und Biomedizintechnik in den USA.
Marie Claire: Gab es zu Ihrer Studienzeit viele Frauen in diesen technischen Fachrichtungen? Wie ging es weiter?
Ezgi Barcenas: Frauen waren unterrepräsentiert, besonders in der Elektrotechnik – dennoch war es eine großartige Zeit, Wissenschaft zu entdecken und mit Studierenden aus aller Welt in einem Hörsaal zu sitzen. Uns alle einte die Neugier, zu verstehen, wie die Welt funktioniert, sowie die Leidenschaft, neue Produkte, Prozesse und Systeme zu entwickeln. Nach meinem Bachelorabschluss mit zwei Hauptfächern wollte ich wissen, was das gesellschaftlich bedeutet – deshalb spezialisierte ich mich auf Umwelt & Gesundheit und beschäftigte mich mehrere Jahre damit, wie beispielsweise Umweltfaktoren die menschliche Gesundheit beeinflussen. Dabei wurde mir klar: Nachhaltigkeit funktioniert nur, wenn man Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft zusammendenkt – und dass besonders Unternehmen eine enorme Verantwortung und Chance haben, wirklich etwas zu bewegen. Deshalb absolvierte ich ein MBA-Studium, um den Wechsel in die Wirtschaft vorzubereiten. Es folgten mehr als zehn Jahre in der Getränkeindustrie – bis ich vor über zwei Jahren zu L’Oréal kam.
Marie Claire: Inwieweit hilft Ihnen bei Ihren heutigen Aufgaben Ihre technische Ausbildung als Ingenieurin?
Ezgi Barcenas: Im Grunde bin ich bis heute Ingenieurin geblieben – dieses Denken bringe ich bewusst in meine heutige Arbeit ein. Meine Ausbildung hat mich gelehrt, komplexe Probleme systematisch zu durchdringen und Lösungen Schritt für Schritt zu entwickeln. Dieser lösungsorientierte Blick ist für mich bis heute ein entscheidender Schlüssel, um echten Wandel in unserer Branche voranzutreiben.
Marie Claire: Ich habe gelesen, dass Nachhaltigkeit für Sie ein Teamsport ist. Wie müssen wir das verstehen?
Ezgi Barcenas: Nachhaltigkeit ist für mich ein echter Teamsport – eine Aufgabe, die nur funktionsübergreifend gelingt. Auf der einen Seite braucht es ein tiefes Verständnis der gesamten Wertschöpfungskette und des Produktdesigns. Auf der anderen Seite müssen die wirtschaftlichen Realitäten mitgedacht werden. Das gelingt nur gemeinsam. Ich spreche deshalb gern von meinem „Team der Teams“: Im Bereich Nachhaltigkeit arbeiten wir mit vielen verschiedenen Bereichen im Unternehmen zusammen, um unsere gemeinsamen Ziele zu verwirklichen. Der Klimawandel ist ein rasant wachsendes Problem.
„Nachhaltigkeit bedeutet, die heutigen Realitäten anzuerkennen und zugleich eine Vision für die Zukunft zu haben. Dafür braucht es Resilienz, Neugier und Zusammenarbeit“