Ezgi Barcenas von L’Oréal: Im Dienste nachhaltiger Lösungen

Ezgi Barcenas leitet weltweit den Bereich Nachhaltigkeit im Kosmetikkonzern L’Oréal in Paris. Sie hat nicht nur einen Job, sie hat eine Vision. Angesichts vieler Herausforderungen ist ihre analytische, lösungsorientierte Herangehensweise sehr ermutigend

Ezgi Barcenas verantwortet im L’Oréal-Konzern weltweit den Umwelt- und Klimaschutz
Ezgi Barcenas verantwortet im L’Oréal-Konzern weltweit den Umwelt- und Klimaschutz. Foto: L'Oréal

Nachhaltigkeit im Unternehmen

Viele Menschen haben den Eindruck, dass in den vergangenen Jahren der Klimaschutz weltweit zunehmend in den Hintergrund gerückt ist und freiwillige Nachhaltigkeitsinitiativen in Unternehmen nicht mehr mit derselben Konsequenz verfolgt werden. Doch gleichzeitig sieht es in einigen europäischen Konzernen anders aus. Dort werden Positionen im Bereich Klimaschutz auf höchster Führungsebene mit hochqualifizierten Persönlichkeiten besetzt, die klar Haltung beziehen und deren Arbeit von einer großen inneren Überzeugung geprägt ist.

Ezgi Barcenas im Gespräch

Eine dieser weltweit tätigen Persönlichkeiten ist Ezgi Barcenas, Chief Corporate Responsibility Officer der L’Oréal-Gruppe. Sie verantwortet unter anderem die Bereiche Umwelt- und Klimaschutz sowie das soziale Engagement des Konzerns. Marie Claire wollte mehr über diese Frau und ihre Aufgaben erfahren und traf sie anlässlich ihres Deutschlandbesuchs zum Interview.

Marie Claire: Liebe Frau Barcenas, Sie sind in Zypern geboren und als Ingenieurin ausgebildet. Heute verantworten Sie die internationale Nachhaltigkeitsstrategie im weltweit agierenden L’Oréal-Konzern und sind zudem Mitglied des Executive Committee der Gruppe. Eine große Aufgabe. Wie sind Sie in diese Position gekommen?

Ezgi Barcenas: Ich bin die Tochter zweier Lehrer für Naturwissenschaften. So gehörten Naturwissenschaften von klein auf zu meinem Alltag. Schon früh hat es mich fasziniert zu verstehen, wie die Welt funktioniert. Zypern ist als Insel von Wasser umgeben – und leidet gleichzeitig unter Wasserknappheit. Dieser Widerspruch hat mich schon als junges Mädchen geprägt: Früh begriff ich, wie endlich unsere natürlichen Ressourcen sind und wie wichtig es ist, sie zu schützen. Diese Erfahrung hat meinen Wunsch geweckt, mich für eine nachhaltigere Zukunft einzusetzen. So erhielt ich nach der Schule ein Stipendium für ein Studium der Elektro- und Biomedizintechnik in den USA.

Marie Claire: Gab es zu Ihrer Studienzeit viele Frauen in diesen technischen Fachrichtungen? Wie ging es weiter?

Ezgi Barcenas: Frauen waren unterrepräsentiert, besonders in der Elektrotechnik – dennoch war es eine großartige Zeit, Wissenschaft zu entdecken und mit Studierenden aus aller Welt in einem Hörsaal zu sitzen. Uns alle einte die Neugier, zu verstehen, wie die Welt funktioniert, sowie die Leidenschaft, neue Produkte, Prozesse und Systeme zu entwickeln. Nach meinem Bachelorabschluss mit zwei Hauptfächern wollte ich wissen, was das gesellschaftlich bedeutet – deshalb spezialisierte ich mich auf Umwelt & Gesundheit und beschäftigte mich mehrere Jahre damit, wie beispielsweise Umweltfaktoren die menschliche Gesundheit beeinflussen. Dabei wurde mir klar: Nachhaltigkeit funktioniert nur, wenn man Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft zusammendenkt – und dass besonders Unternehmen eine enorme Verantwortung und Chance haben, wirklich etwas zu bewegen. Deshalb absolvierte ich ein MBA-Studium, um den Wechsel in die Wirtschaft vorzubereiten. Es folgten mehr als zehn Jahre in der Getränkeindustrie – bis ich vor über zwei Jahren zu L’Oréal kam.

Marie Claire: Inwieweit hilft Ihnen bei Ihren heutigen Aufgaben Ihre technische Ausbildung als Ingenieurin?

Ezgi Barcenas: Im Grunde bin ich bis heute Ingenieurin geblieben – dieses Denken bringe ich bewusst in meine heutige Arbeit ein. Meine Ausbildung hat mich gelehrt, komplexe Probleme systematisch zu durchdringen und Lösungen Schritt für Schritt zu entwickeln. Dieser lösungsorientierte Blick ist für mich bis heute ein entscheidender Schlüssel, um echten Wandel in unserer Branche voranzutreiben.

Marie Claire: Ich habe gelesen, dass Nachhaltigkeit für Sie ein Teamsport ist. Wie müssen wir das verstehen?

Ezgi Barcenas: Nachhaltigkeit ist für mich ein echter Teamsport – eine Aufgabe, die nur funktionsübergreifend gelingt. Auf der einen Seite braucht es ein tiefes Verständnis der gesamten Wertschöpfungskette und des Produktdesigns. Auf der anderen Seite müssen die wirtschaftlichen Realitäten mitgedacht werden. Das gelingt nur gemeinsam. Ich spreche deshalb gern von meinem „Team der Teams“: Im Bereich Nachhaltigkeit arbeiten wir mit vielen verschiedenen Bereichen im Unternehmen zusammen, um unsere gemeinsamen Ziele zu verwirklichen. Der Klimawandel ist ein rasant wachsendes Problem.

„Nachhaltigkeit bedeutet, die heutigen Realitäten anzuerkennen und zugleich eine Vision für die Zukunft zu haben. Dafür braucht es Resilienz, Neugier und Zusammenarbeit“

Nachhaltigkeit bei L'Oréal

Marie Claire: Haben Sie das Gefühl, mit Ihrer Arbeit überhaupt etwas ausrichten zu können?

Ezgi Barcenas: Ich denke, dass Nachhaltigkeit vor allem eines erfordert: sehr viel Resilienz – sowie das, was Sie als „doppelte Weltsicht“ bezeichnen könnten. Wir müssen die Realitäten von heute anerkennen, ohne dabei unsere Vision für die Zukunft aus den Augen zu verlieren. Genau dieser doppelte Blick ist entscheidend: Es braucht Resilienz, Neugier und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit, um beide Welten zu verbinden.

Marie Claire: Wie bringen Sie langfristige Nachhaltigkeitsziele und kurzfristige finanzielle Unternehmensziele unter einen Hut?

Ezgi Barcenas: L’Oréal zeigt, dass beides geht! Für uns ist das kein Widerspruch, sondern eine Einheit, die wir „doppelte Exzellenz“ nennen: finanzielle Wertschöpfung, gepaart mit positiver sozialer und ökologischer Wirkung.

Marie Claire: Soweit ich weiß, gibt es seit 2020 das Programm „L’Oréal for the Future“. Welche Maßnahmen umfasst es? Gehört auch der philanthropische Fonds dazu, den L’Oréal im Juni 2026 in Höhe von 20 Millionen Euro angekündigt hat?

Ezgi Barcenas: „L’Oréal for the Future“ ist unsere Nachhaltigkeitsstrategie. Es geht dabei nicht nur um die Zukunft von L’Oréal, sondern darum, wie wir als Unternehmen die drängendsten Herausforderungen unserer Zeit angehen. Wir arbeiten entlang von vier Schwerpunkten: Klima, Natur, Zirkularität und Gemeinschaften. Beim Klimaschutz haben wir bereits einen wichtigen Meilenstein erreicht: 100 % erneuerbare Energie an allen von uns betriebenen Standorten und Geschäften. Ein weiterer Baustein ist unser philanthropischer Klimanotfallfonds, der 2023 mit 15 Millionen Euro aufgelegt wurde. Angesichts zunehmender klimabedingter Naturkatastrophen haben wir im Juni verkündet, ihn bis 2030 um 20 Millionen Euro aufzustocken. So unterstützen wir beispielsweise 50.000 Arbeiterinnen in Indien mit einer Hitzeversicherung. Der Fonds bildet das Herzstück eines breiteren, von L’Oréal unterstützten Ökosystems aus Philanthropie, Impact Investing, Kreditfonds und einem Accelerator-Programm mit einem Gesamtvolumen von bislang 415 Millionen Euro.

Marie Claire: Auf der diesjährigen Nachhaltigkeitsmesse „ChangeNOW“ in Paris zeichnete sich das Thema Nachfüllen als neuer Umwelttrend ab. Inwieweit wird der L’Oréal-Konzern diesem Trend gerecht? Werden Sie Refill-Systeme und neue Verpackungslösungen weiter ausbauen und den Verbraucherinnen und Verbrauchern aktiv anbieten?

Ezgi Barcenas: Ja, wir investieren bereits konsequent in Refills über unser gesamtes Produktportfolio hinweg. Heute bieten wir bereits rund 275 Refill-Produkte in Deutschland, Österreich und der Schweiz an. Es ist faszinierend zu sehen, wie unsere Marken attraktive Refill-Systeme entwickeln, wie beispielsweise Prada mit „Paradoxe“ oder L’Oréal Professionnel Paris mit dem Shampoo „Metal DX“. Wir arbeiten eng mit unseren Handelspartnern zusammen, damit Konsumentinnen und Konsumenten den Mehrwert von Refills direkt vor Ort im Geschäft erleben können. Letztlich geht es darum, die Zukunft der Beauty Branche nachhaltiger, inklusiver und individueller zu gestalten.

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