Meet the Working Moms: Tanja Kewes über Verantwortung, Wandel und neue Wege

Was die Working Moms verbindet, ist kein bestimmter Karriereweg oder ein gemeinsames Lebensmodell. Es ist die Überzeugung, dass Sichtbarkeit Veränderung schafft. Sie kennen die kleinen und großen Herausforderungen eines Alltags, in dem Familie, Beruf und persönliche Ziele ihren Platz finden müssen. Als Netzwerk schaffen sie gemeinsam einen Ort, an dem Erfolge gefeiert, Zweifel geteilt und neue Wege sichtbar werden. Tanja Kewes musste selbst die ein oder andere Herausforderung in ihrem Leben wuppen, wobei ihr die Working Moms geholfen haben.

Tanja Kewes im Porträt
Hinter den Working Moms stehen Frauen mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten und doch mit vielen gemeinsamen Erfahrungen. Illustration: Susann Beule

Das sind die Working Moms

Zwischen dem ersten Kaffee am Morgen und dem Licht, das abends im Kinderzimmer ausgeht, liegen unzählige Entscheidungen. Große und kleine, berufliche und private, geplante und spontane. Viele Mütter bewegen sich täglich selbstverständlich und routiniert durch diese Alltagssituationen. Hinter dem Netzwerk „Working Moms“ stehen Frauen mit Haltung, Ideen und Visionen. Frauen, die führen, begleiten, erfinden, verändern und immer wieder neue Antworten auf die Fragen ihres Lebens finden. Jedes einzelne Leben erzählt von Erfolgen und Umwegen, von Herausforderungen und Chancen, von dem, was antreibt und dem, was trägt. Vor allem aber zeigen sie die Menschen hinter den Rollen, denn keine Geschichte gleicht der anderen. Und doch verbindet alle Frauen der Wunsch, Familie und Beruf nicht gegeneinander auszuspielen, sondern beides als Teil ihres individuellen Lebenswegs zu gestalten.

Als die Working Moms im Frühjahr 2007 gegründet wurden, fehlten vielerorts sichtbare Vorbilder für Frauen, die Familie und ambitionierte Karriere miteinander verbinden wollten. Aus dieser Lücke entstand ein Verein, der bis heute wächst. Was mit wenigen Frauen in Frankfurt begann, ist mittlerweile ein Netzwerk von mehr als 1.000 engagiert berufstätigen Müttern in Deutschland und der Schweiz geworden, die beruflich wie privat Führungsverantwortung übernehmen – vereint durch den Wunsch, sich gegenseitig zu stärken und Sichtbarkeit zu schaffen.

Tanja Kewes im Porträt

Foto: Privat

Working Moms: Tanja Kewes im Interview

Als Tanja Kewes den Working Moms beitritt, ist sie auf der Suche nach Frauen, die verstehen, dass Mutterschaft und beruflicher Ehrgeiz keine Gegensätze sind. Frauen, die nicht nur Karriere machen oder nur für die Familie leben wollen, sondern ihren ganz eigenen Weg dazwischen finden. Genau dort bewegt sich auch Tanja: zwischen Redaktionskonferenzen und Familienalltag, zwischen beruflichen Zielen und den Bedürfnissen ihrer Kinder. Bei den Working Moms findet sie eine Gemeinschaft, die diese Realität nicht erklärt, sondern selbstverständlich versteht. Heute ist sie Handelsblatt-Chefreporterin und Mutter von vier Kindern – und eine der wichtigen Stimmen, die zeigen, dass Karriere und Familie nicht in Konkurrenz zueinander stehen müssen. Im Gespräch erzählt sie von ihrem ganz persönlichen Weg als berufstätige Mutter, von den Herausforderungen des Familienalltags und davon, wie sie ihren eigenen Weg zwischen Beruf und Familie gestaltet.

Marie Claire: Wie schaffst du es, präsent zu sein, beruflich und auch zu Hause?
Es ist vor allen Dingen eine Frage der Organisation, aber natürlich auch der Motivation. Man muss einfach alles gut planen. Ich sage manchmal scherzhaft, wir könnten eigentlich eine Assistenz einstellen. Mein Mann und ich schicken uns zum Beispiel gegenseitig wichtige berufliche Termine oder Geschäftsreisen in unsere Outlook-Kalender, damit wir sicherstellen, dass einer von uns in Düsseldorf ist. Wenn irgendwas mit den Kindern in der Schule oder Kita ist, dass zumindest einer dann in einer halben Stunde vor Ort sein kann. Es ist alles eine Frage der Organisation – und natürlich des Willens. Die vergangenen zehn Jahren haben wir aber auch eine Kinderfrau beschäftigt, die an drei Nachmittagen der Woche, wenn Kita und Grundschule zu sind, die Kinder betreut hat. Das kostete viel Geld. Es war aber gut investiert, weil es uns Eltern viel zeitlichen Stress genommen hat und die Kinder eine tolle weitere Bezugsperson hatten.
Marie Claire: Was hast du durch deine Kinder über dich selbst gelernt?
Oh, total viel. Kinder spiegeln einen, das ist interessant. Man erkennt häufig seine eigenen Verhaltensweisen und seinen eigenen Charakter wieder sowie auch eigene Talente, Ängste, Stärken und Schwächen. Ich empfinde sehr viel Dankbarkeit dafür, dass wir eine große Familie sind – bei allem Aufwand und allem Durcheinander, den der Alltag häufig mit sich bringt. Und man glaubt es kaum: Bei der leider nach wie vor grundlegend schwierigen Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Deutschland  haben mich unsere Kinder entspannter gemacht. Wenn es im Beruf mal hoch hergeht, halte ich kurz inne, und erinnere mich daran,  dass eigentlich doch alles wirklich gerade gut ist: Wir sind gesund und sehr munter, wir drohen nicht zu verhungern oder auf der Straße schlafen zu müssen. Ich rege mich definitiv im Job nicht mehr so viel auf wie früher. Bin ich wegen der Familie weniger leistungsbereit? Nein, auf keinen Fall. Ich bin viel klarer, fokussierter und schneller als früher. Erfahrung ist der schöne Nebeneffekt von zunehmendem Alter.  
Marie Claire: Was bedeutet Zuhause für dich?
Unser Haus mit uns sechs Menschen drin. Ganz klassisch. Wir haben es vor 12 Jahren gekauft und das war eine sehr gute Entscheidung – für die Kinder und für uns. Es ist der Hort, wo wir alle zu Hause sind. Und was wir wirklich auch sehr viel machen, sind Urlaube. Wir nutzen unsere beruflichen Urlaubstage in den Schulferien und Schließzeiten der Kita  richtig aus und fahren eigentlich in allen Ferien weg. Ich sage immer zu meinem Mann: Wir haben keine teuren Hobbys oder geben viel Geld für Klamotten oder so etwas aus. Wir geben unser Geld für Urlaube aus. Mit vier Kindern in den Ferienzeiten ist Urlaub natürlich auch wahnsinnig teuer, aber das ist es uns im besten Sinne des Wortes wert. Die Zeit zusammen ist ja leider auch absolut absehbar. Zack, ist das erste Kind schon Teenager und will seine eigenen Wege gehen. So war ich als Kind jedenfalls drauf. Nach dem Abitur bin ich ausgezogen und war in der Welt unterwegs.
Marie Claire: Was hilft dir, trotz Stress und Druck motiviert zu bleiben?
Ich gehe laufen, das ist für mich Stressabbau. Das lässt mich freier denken und fordert mich körperlich. Das ist der Ausgleich zu der vielen Sitzerei am Schreibtisch. Ich habe als Kind und Jugendliche schon Leichtathletik gemacht. Ich war Siebenkämpferin, insbesondere eine 800-Meter-Läuferin. Laufen entspannt mich bis heute total. Dabei laufe ich so schnell und so lang wie es gerade passt, keine Marathons oder so. Dass Sport gut tut und wichtig ist, vermitteln wir auch unseren Jungs. Sie machen alle vier Sport. Zwei spielen Fußball, einer Tennis, der Kleinste ist noch beim Kinderturnen. Und übrigens: Nicht motiviert zu sein, sich gehen zu lassen, ist in unserem Familienbetrieb einfach gar nicht drin. Als Mutter oder Vater musst du 24/7 funktionieren. Ich bin verantwortlich für die Familie und kann nicht einfach sagen: Nö, heute habe ich keine Lust, lasst mich alle mal in Ruhe.
Marie Claire: Was ist dir heute wichtiger als noch vor zehn Jahren?
 
Gemeinsame Zeit mit der Familie und Freunden. Früher bin ich viel ausgegangen oder habe längere Geschäftsreisen gemacht. Ich war beim Handelsblatt einige Jahre die verantwortliche Redakteurin für die Luftfahrtbranche. Bis auf Australien war ich auf allen Kontinenten unterwegs. Meine Weltenbummlerlust habe ich von Mitte 20 bis Mitte 30 gut ausgelebt. In den vergangenen Jahren brauchte ich das Reisen, um die Welt zu sehen, vielleicht auch deshalb nicht mehr unbedingt. Unsere Familienunterlaube machen wir bisher in Europa.  Wir fliegen auch wenig, wir fahren mit dem Auto. Das ist günstiger und unmittelbarer. Die Kinder lernen die Distanzen kennen und treffen mehr Menschen. Mit dem Alter der Kinder werden sich unsere Kreise aber auch vergrößern, denke ich. Wir werden hoffentlich gemeinsam noch Arika, Amerika und Asien erkunden. Was mir schon gefehlt hat in den vergangenen Jahren: das spontane Ausgehen zu zweit. Das war und ist immer noch mit viel Organisation verbunden. Stichwort: Babysitter. Aber auch das ist besser geworden. Mittlerweile lassen wir die Kinder abends schon mal allein – die beiden Großen haben ja schon Handys – und gehen spontan ein Weinchen trinken oder treffen uns mit den Nachbarn.
Marie Claire: Was würdest du gerne öfter laut aussprechen?
Wie anstrengend das alles ist. Ich finde für viele Leute ist es überhaupt gar nicht vorstellbar, wie das alles so funktioniert. Ich würde mir einfach auch ein bisschen mehr Anerkennung wünschen, denn entweder stößt man auf Unverständnis oder Ignoranz. Ich finde auch unser Bildungssystem wirklich schlecht. Die Schulklassen sind viel zu groß und Kinder werden mit dem Lernstoff oft alleine gelassen. Kinder, die von zuhause keine Unterstützung bekommen, sind hoffnungslos verloren. Da würde ich mir Verbesserungen wünschen. Es wäre alleine schon besser, wenn man die Klassen nicht so groß machen würde. Den Lehrern mache ich dabei gar keine Vorwürfe. Sie tun mir eher leid, In einer Klasse mit 30 Kindern und der ganzen Bandbreite von hochbegabt bis weniger begabt, ist man,  glaube ich, froh, wenn alle im Raum bleiben und kein Blödsinn passiert. Das Bildungssystem finde ich für ein reiches Land wie Deutschland wirklich armselig. Ich bin dafür, dieses Familienwahlrecht einzuführen, das man für Kinder auch mit abstimmt. Das würde einiges zum Positiven verändern, glaube ich.
Marie Claire: Welche Lebensregeln versuchst du deinen Kindern mitzugeben?
Klare Kommunikation, Wahrhaftigkeit und Kritikfähigkeit. Wenn irgendwas nicht gut gelaufen ist, sollen sie das direkt ansprechen. Wichtig ist mir, dass sie lernen, Schwächeren zu helfen. Dass sie, wenn etwa jemand auf dem Schulhof verprügelt wird oder auf der Straße einen Unfall hat, Hilfe holen. Vertrauen ist auch sehr wichtig. Dass sie keine Angst haben, Probleme zuhause anzusprechen. Dann können wir als Familie gemeinsam nach einer Lösung suchen. Ich möchte, dass sie offen in die Welt hinausgehen, ihre eigenen Erfahrungen machen und nicht nur auf das hören, was man ihnen sagt. Auch kritisch zu sein ist natürlich für mich als Journalistin wichtig. Sie sollen lernen sich zu Wort zu melden und ihre Gedanken und Ideen einzubringen.  

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