Rothko in Florenz – Ein Dialog zwischen Renaissance und Moderne

Über 70 Werke des amerikanischen Malers treffen in Florenz auf Räume, die selbst Kunstgeschichte geschrieben haben

Rothko in Florenz, Ausstellungsansichten, Palazzo Strozzi, Florenz, 2026. Foto: Ela Bialkowska/ OKNO Studio
Rothko in Florenz, Ausstellungsansichten, Palazzo Strozzi, Florenz, 2026. Foto: Ela Bialkowska/ OKNO Studio

Mark Rothko kehrt zurück nach Florenz. Oder zumindest einige seiner bedeutendsten Werke. Die Fondazione Palazzo Strozzi hat sie aus führenden internationalen Museen und Privatsammlungen zusammengetragen und spannt damit einen Bogen über das gesamte Schaffen des Künstlers. Zugleich tritt Rothkos Farbfeldmalerei in einen bewussten Dialog mit der Stadt: mit Michelangelos Vestibülin der Biblioteca Medicea Laurenziana, mit Fra Angelico im Museo di San Marco und mit der Renaissance-Architektur des Palazzo Strozzi selbst.

Lange hat die Florenz auf diese Ausstellung gewartet. Mehrere Jahre war sie in Planung. Schon seit einigen Wochen sichtet man Rothkos Werk No. 3/No. 13 (1949) im Stadtbild, als Ankündigung für eine der wichtigsten Ausstellungen, die dem Künstler jemals gewidmet wurde. Jetzt ist sie endlich zu sehen und schickt die Besucher in drei der wichtigsten kunsthistorische Stätten Florenz.

Foto: Ela Bialkowska/ OKNO Studio

In Michelangelos Architektur

Die Biblioteca Medicea Laurenziana ist eine der bedeutendsten Renaissance-Bibliotheken Europas und zugleich eines der imposantesten Architekturwerke Michelangelos. Im Vestibül, einem hohen, fast dramatischen Raum mit monumentaler Treppe, die in den Lesesaal führt, begegnet man zwei Arbeiten aus Rothkos Seagram Murals–Serie von 1958. Die Kompositionen erinnern an architektonische Öffnungen, wie Portale oder Fenster, und bilden einen spannenden Gegenpart zur Architektur des Raumes. Schreitet man die Treppe hinauf und betrachtet sie von oben, entfaltet sich ihre ganze Strahlkraft. Rothko sagte eins über Michelangelo: „Er erreicht genau die Art von Gefühl, die ich suche. Er lässt den Betrachter spüren, dass er in einem Raum gefangen ist, in dem alle Türen und Fenster zugemauert sind, sodass er nichts anderes tun kann, als immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand zu stoßen.“ Seine zwei Werke bilden hier einen Ausweg.

Foto: Ela Bialkowska/ OKNO Studio

Foto: Ela Bialkowska/ OKNO Studio

Fra Angelico und Rothko im Dialog

In acht Minuten Fußweg erreicht man das Museo di San Marco. Dort stehen Rothkos Werke im Dialog mit Fra Angelicos Fresken: Biblische Szenen treffen auf kleinformatige Malerei von Rothko. Das Werk No. 21 (1947), in dem unterschiedliche Schattierungen in noch organischen Formen angeordnet sind, hängt in einer Klosterzelle neben dem Fresko „Cristo deriso“. Die Farben spielen wunderbar zusammen: In Türkis, Rot und Altrosa betrachtet man, wie sich in 500 Jahren Kunstgeschichte Figürliches zu Abstraktem wandelte. Gerade das Kloster San Marco war für Rothko ein Ort der Inspiration, als er in den Jahren 1950 und 1966 nach Florenz reiste. Heute scheinen seine Werke zu denen zu sprechen, die er schon vor all den Jahren betrachtete.

Zum Palazzo Strozzi, dem Hauptveranstaltungsort dieser Ausstellung, ist es nicht weit. Der Fußweg tut gut, um die Eindrücke der gezeigten Werke und auch der unterschiedlichen Orte auf sich wirken zu lassen. Im Palazzo Strozzi dann entfaltet sich Rothkos Werk in unterschiedlichen Schaffensphasen. Die Säle mit den früheren Arbeiten zeigen noch das einen suchenden Künstler: figurative Anklänge, urbane Szenen, eine gewisse Enge der Komposition. Man spürt das Ringen um eine Bildsprache, die mehr sein soll als reine Darstellung.

Foto: Ela Bialkowska/ OKNO Studio

Abstrakte Kunst? Lebende Kunst!

Mit Rothkos sogenannten „Multiforms“ öffnet sich gefühlt die Zweidimensionalität. Farbformen beginnen zu schweben, lösen sich vom erzählerischen Kern und treten in Beziehung zueinander. In den folgenden Räumen verdichten sie sich zu jenen übereinander gelagerten Rechtecken, die um 1950 zu Rothkos Signatur werden. Gelb neben Rot, später gedämpftere Kombinationen. Die Leinwand wird zum Spannungsfeld, in dem die großen Farbflächen sich zu bewegen scheinen. „Meine Kunst ist nicht abstrakt. Sie lebt und atmet“, sagte Mark Rothko einst. Und das wird mit jedem Bild deutlicher. Erst noch mit fließenden Übergängen, schleichen sich bald auch präzise abgegrenzte Rechtecke auf die Leinwände.

Je weiter man sich durch die Ausstellung bewegt, desto stärker verändert sich die Atmosphäre hin ins Dunkle. Die Palette wird düsterer, das Rot wird schwerer, Braun und Blau gewinnen an Tiefe. Manchmal erkennt man erst nach längerem Betrachten die unterschiedlichen Nuancen in einem Bild. In einem der Säle scheinen mehrere erdige Farbfelder über einem rötlichen Grund zu vibrieren; sie wirken wie Zonen verdichteter Energie. Später folgen die reduzierten, beinahe monochromen Arbeiten der späten 1960er-Jahre in Grau und Schwarz. Kleinere Leinwände, an denen Rothko kurz vor seinem Tod noch arbeitete, sind von einem hellen Rand gefasst – eine Begrenzung, die den Blick etwas weniger frei interpretieren lässt, was sich in den Farbfeldern verbirgt.

Gerade die Gegenüberstellung von Rothkos Werken zu denen seiner künstlerischen Vorfahren überzeugt in dieser Ausstellung. Nicht nur schön, sondern bewegend ist das Aufeinandertreffen von Fra Angelico und Mark Rothko. Eine geglückte Fusion, die gleichzeitig das reiche Erbe der Stadt und ihre Inspiration für die wirklich großen Künstler untermalt.

 

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