nae im Interview: „Ich lasse mich nicht verbiegen“

Singer-Songwriterin nae steht kurz davor, ihre erste EP zu veröffentlichen. Marie Claire hat die Newcomerin aus der hessischen Provinz zum Interview getroffen und mit ihr über die Herausforderungen ihres Musikkarriere-Launches gesprochen.

Singer-Songwriterin nae im Interview mit Marie Claire
Die 24-jährige nae startet 2026 richtig durch. Bild: Pauline Gennrich

Musikerin nae steht noch ganz am Anfang

Die 24-jährige Newcomerin macht emotional rohen Pop über Identität, Zugehörigkeit und alternative Lebensrealitäten – und steckt mitten im aufregendsten Jahr ihrer jungen Karriere. Seit sie 2020 ihren ersten Song im Alleingang veröffentlicht hat, hat sich nae (reimt sich auf „hey“) über Social Media ganz ohne Unterstützung eines Labels oder Managements eine wachsende Zuhörerschaft aufgebaut – inzwischen kann sie auf über 1,5 Millionen kombinierten Streams blicken. Ihr Song „Reality Check“ wurde 2023 in der vierten Staffel der britischen Netflix-Reality-Show „Love is Blind“ gefeatured,  2026 erhielt sie eine Förderung der Initiative Musik für junge Nachwuchstalente und jüngst gewann sie die Wild Card für das Puls Startrampe Festival des Bayrischen Rundfunks: Am 13. August trat sie in Augsburg neben Künstler:innen wie Kayla Shyx und Jassin auf.

Mit Marie Claire hat sie die Eindrücke dieses Auftritts exklusiv geteilt und obendrein verraten, was man von ihrer Debüt-EP Panic Years erwarten kann.

nae, musikerin, interview

Bild: Pauline Gennrich

nae über ihr Songwriting

Marie Claire: In deiner Instagram-Bio beschreibst du dich als „tumblr girl turned musician“ – skizzierst du uns diesen Werdegang kurz?

nae: Ich bin das, was man als „chronically online“ bezeichnet – Plattformen wie Tumblr, Pinterest und Weheartit waren meine Spielplätze, als ich jünger war. Bevor ich angefangen habe, Musik zu machen, habe ich viele Jahre einen Blog geführt, auf dem ich meine Zeichnungen und Malerei geteilt und mich mit anderen zu kreativen Themen ausgetauscht habe. Ich habe schon immer alles, was mit Kunst und Kreativität zu tun hatte, geliebt und war auch auf einem Internat für bildende Kunst.

Deine Debüt-EP erscheint noch dieses Jahr und trägt den Titel „Panic Years“. Wann hast du das letzte Mal Panik empfunden?

Es ist schon etwas länger her, dass ich Panik im negativen Sinn empfunden habe. Aber ich schätze, dass ich bei allen Sachen, die mir wichtig sind, eine gewisse Angst empfinde, zum Beispiel vor großen Auftritten oder besonderen Momenten – denn damit kommt ja auch immer eine Erwartungshaltung.

Vom eigenen Songwriting über die Aufnahmen bis hin zu Live-Auftritten vor Publikum: Welcher Teil des künstlerischen Prozesses ist für dich aktuell die größte Herausforderung?

Aktuell ist es für mich am herausforderndsten, vor Publikum aufzutreten. Ich bin eine ziemliche Perfektionistin und will immer eine sehr gute Show liefern. Außerdem starte ich meine Musikkarriere ja gerade erst und Liveshows sind für viele die Introduction zu einem Künstler oder einer Künstlerin. Deswegen habe ich sehr, sehr hohe Erwartungen an mich selbst und an meine Show. Beim PULS Startrampe Festival in Augsburg haben wir das aber gut umgesetzt, wie ich finde. Ich hatte zum ersten Mal richtige Visuals für jeden einzelnen Song und das Gefühl, dass ich die Story gut rüberbringen konnte. Das wurde mir auch so zurückgemeldet, was mich sehr glücklich gemacht hat. Ich bin sehr gespannt, wie sich das weiterentwickeln wird.

Verrate uns drei Dinge, auf die man sich bei einem Nae-Auftritt gefasst machen sollte.

Sad Songs und brutal ehrliche Lyrics, bei denen man sich fragt: „Hast du mein Tagebuch gelesen oder woher weißt du das?“ Zumindest habe ich das jetzt schon öfter vom Publikum gehört. Aber auf jeden Fall hat man auch viel Spaß.

Nach welchen Regeln oder nach welchem Schema schreibst du Songs?

Beim Songschreiben gibt es für mich nur eine Regel: genau das Gefühl einzufangen, das ich in dem Moment empfinde oder das mich zu dem Song inspiriert hat. Ich schreibe sehr oft biografisch, aber ich lasse mich auch von allem, was mich interessiert, inspirieren – Filme, die ich gesehen habe, Musik, die mir gefällt, Bücher, die ich gelesen habe. Meine Debüt-EP fasst zum Beispiel meine Gefühle rund um Coming-of-Age-Themen zusammen: Es geht ums Loslassen und ums Festhalten, um Identitätsfragen, Selbstwahrnehmung, zwischenmenschliche Beziehungen und mentale Gesundheit. Mein Ziel ist, dass Leute sich in diese Erzählwelt hineinversetzen können – aber vor allem sollen sie beim Zuhören Spaß haben und sich danach freier fühlen.

Du beschäftigst dich in deinen Texten viel mit alternativen Lebensrealitäten. Welche Was-wäre-wenn-Überlegungen beschäftigen dich am häufigsten, und welche Szenarien sind so verrückt, dass du dich selbst damit überrascht hast?

Was mich am meisten beschäftigt, ist die Frage, wie sich eine zwischenmenschliche Beziehung hätte entwickeln können, wenn man anders kommuniziert hätte. Das verrückteste Szenario ist ein Song, den ich noch nicht veröffentlicht habe. So viel sei schon mal verraten: Es geht darin ums Künstlersein an sich und es ist einer meiner Lieblingssongs.  

nae, sängerin, interview

Bild:  Pauline Gennrich

Keine Kompromisse

Zuletzt hast du bei einer Social-Media-Challenge mitgemacht und den Satz gepostet, “the baddest bitches can’t always be in NYC or LA – someone’s gotta hold it down in a small town in Germany” – was schätzt du am Kleinstadtleben?

Ich lebe in einer Kleinstadt in der Nähe von Frankfurt und fühle mich hier sehr wohl. Ich liebe es, lange Spaziergänge im Wald zu machen. Ich brauche sehr viel Zeit für mich und ich mag es dann einfach zu einem Ort zurückzukommen, an dem man Ruhe hat und den Sternenhimmel sehen kann. Ich glaube, das ist auch einer der Gründe, warum ich mich noch nicht dazu entschieden habe, nach Berlin umzuziehen: weil ich weiß, dass mir das alles zu sehr fehlen würde.

Wie würdest du deinen Style aktuell beschreiben und wer sind deine modischen Vorbilder?

Ich habe das Gefühl, dass sich mein Style gerade wandelt. Mir gefallen girly Sachen plötzlich viel mehr, obwohl mein Stil früher insgesamt sehr edgy war. Besonders Musik, Kultur und Filme beeinflussen meinen Style sehr. Für den Auftritt beim PULS Startrampe Festival habe ich zum Beispiel ein T-Shirt mit einem Nana-Aufdruck getragen – das ist ein Anime, den ich sehr mag. Meine modischen Vorbilder sind also meistens gar keine individuellen Personen, aber spontan fallen mir Vivienne Westwood und David Bowie ein.

Inwieweit bist du bereit, dein Image und deine Karriere von außen formen zu lassen und wo würdest du keine Kompromisse eingehen?

Wow, das ist eine sehr gute Frage. Ich würde auf gar keinen Fall Kompromisse bei meinem Songwriting machen. Es käme für mich nicht in Frage, dass ich nicht mehr über Sachen schreibe, die mich beschäftigen, denn das macht mich ja aus und bringt eine Perspektive ein, die finde ich gebraucht wird. Was Styling angeht, wäre ich offen für neue Ideen oder Konzepte. Ich finde es immer cool, in neue Rollen zu schlüpfen. Aber langfristig würde ich mich nicht komplett verbiegen lassen. Ich bin schon sehr stur.

Wo siehst du Dich in fünf Jahren? Was sind Deine größten Träume?

In fünf Jahren sehe ich mich auf großen Bühnen spielen und eine Community haben, die sich in meinen Songs wiederfindet, darin Trost findet und sich verstanden fühlt. Das ist einer meiner größten Wünsche. Die anderen würde ich ungern verraten. Die sind nur für mein Vision Board und mich.

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