Dabei ist es eher so: Polarisierung entsteht nicht durch „eine Seite“, sondern sie funktioniert, weil alle glauben, dass die anderen mir oder meiner Gruppe etwas Böses wollen. Und das ist genau der Eindruck, den wir bekommen, wenn wir Social Media aufmachen. Dann denkt man manchmal, die halbe Welt sei frauenfeindlich geworden. Das stimmt natürlich nicht. Die wenigsten werden das bestätigen können, wenn sie sich in ihrem eigenen Leben umschauen.
Was wir auf Plattformen wie beispielsweise X sehen, ist komplett durch Algorithmen bestimmt und entspricht nicht ansatzweise der Realität. Aber es hilft, bestehende Machtstrukturen zu festigen. Indem wir das Gefühl bekommen, ständig im Gegeneinander zu sein, wird die Aufmerksamkeit darauf fokussiert, und es führt auch zu immer mehr politischem Rückzug. Viele Menschen sagen ja mittlerweile, dass sie die Nachrichten gar nicht mehr aushalten können.
Das verstehe ich total, aber man vergisst eben – und darauf gehe ich in meinem Buch auch ein –, dass die Welt viel besser ist, als wir glauben, und dass die Menschen viel besser sind, als wir glauben. Nur neigt unser Gehirn sehr stark dazu, die negativen Sachen viel stärker anzuziehen. Das ist neurowissenschaftlich erwiesen. Für Negatives ist unser Gehirn wie Klett, und für Positives wie Teflon. Und es ist wie so ein Perfect Storm, dass oft in den sozialen Medien oder auch den Nachrichten alles Schlechte zusammenkommt und so genau dieser Eindruck entsteht, dass wir als Gesellschaft in einem ständigen Kampf stünden. Aber das stimmt nicht.