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Kooperation statt Konfrontationskurs: Gilda Sahebis starkes Plädoyer gegen die Politik der Polarisierung 

Brücken bauen statt Gräben schaffen! In ihrem neuen Buch „Verbinden statt spalten. Eine Antwort auf die Politik der Polarisierung“ macht Autorin Gilda Sahebi sichtbar, wie politisch und medial inszenierte Konflikte zur Gefahr für unsere Demokratie werden. Im Interview mit Marie Claire spricht sie darüber, warum die Gesellschaft längst nicht so gespalten ist, wie es scheint, und warum wir miteinander mehr erreichen können als gegeneinander.

Porträt der Autorin Gilda Sahebi
In ihrem neuen Buch entschlüsselt die renommierte Autorin Gilda Sahebi die Mechanismen der Polarisierung. Foto: © Hannes Leitlein

Gilda Sahebi entlarvt konstruierte Konflikte und fiktive Frontlinien

Durch unsere Gesellschaft geht ein tiefer Riss – das könnte man zumindest meinen, wenn man den politischen Diskurs der letzten Jahre verfolgt. Doch sind die Menschen in unserem Land wirklich so gespalten? Nein, sagt die Journalistin, Ärztin und Politikwissenschaftlerin Gilda Sahebi. In ihrem neuen Buch „Verbinden statt spalten. Eine Antwort auf die Politik der Polarisierung“ geht sie gängigen Mythen und Fake Facts rund um die großen Streitfragen unserer Zeit wie Migration, Wokeness, Krieg oder Corona auf den Grund. Dabei zeigt die mehrfach ausgezeichnete Autorin, wie die Erzählung der Spaltung gezielt politisch generiert und medial verstärkt wird – und warum sie ein Instrument autoritärer Kräfte ist.

Gilda Sahebi plädiert in ihrem Buch dafür, die Realität nicht durch eine von polarisierenden Narrativen getrübte Brille zu sehen, sondern den Blick dafür zu schärfen, dass uns weit mehr verbindet als trennt. Im Gespräch mit Marie Claire erklärt die Politik-Expertin, wie Polarisierung funktioniert, welche Gefahren sie birgt und was jede und jeder Einzelne tun kann, um im Alltag Brücken zu bauen, statt Gräben zu vertiefen.

Gilda Sahebi im Gespräch mit Marie Claire

Marie Claire: Sie unterscheiden in Ihrem Buch zwischen einem unverändert starken Zusammenhalt der Menschen im privaten Kontext und einem scheinbar immer weiteren Auseinanderdriften im gesamtgesellschaftlichen Bereich. Wie lässt sich diese Diskrepanz erklären?

Gilda Sahebi: Das ist genau die Frage, der ich mit dem Buch nachgehen wollte. Also: Warum ist es so, dass anscheinend in diesem politischen-medialen Raum ganz andere Dynamiken und Regeln zu gelten scheinen? Denn in unserem alltäglichen Leben sind wir ja sehr darauf angewiesen, dass wir einander helfen, dass wir einander zuhören, dass wir kooperieren. Wir streiten uns ja nicht den ganzen Tag mit anderen Leuten, sondern das Gegenteil ist der Fall. Und warum läuft es dann in diesem Raum, der von Macht bestimmt ist, von Aufmerksamkeit, von Geld, von Algorithmen, so dermaßen anders? Der Grund ist, dass dort ganz andere Regeln gelten, und das Problem dabei ist, dass in diesem Raum sehr stark bestimmt wird, wie wir miteinander leben. Das heißt: Das Giftige aus diesem Raum hat sehr wohl Einfluss auf uns – und genau das ist der Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe.

Cover des Buchs „Verbinden statt spalten. Eine Antwort auf die Politik der Polarisierung“ von Gilda Sahebi
„Verbinden statt spalten. Eine Antwort auf die Politik der Polarisierung“ von Gilda Sahebi ist im S. Fischer Verlag erschienen. Foto: © S. Fischer

Wie polarisierende Narrative uns falsche Verdächtige liefern

Marie Claire: Als traditionelle Rolle der Frauen galt lange, für Zusammenhalt in ihrem sozialen Umfeld zu sorgen. Hat die wachsende Polarisierung auch etwas mit dem Wandel dieser Rolle durch die Emanzipation zu tun?

Gilda Sahebi: Nein, nein, nein, auf gar keinen Fall! Das sagen natürlich manche gerne und das ist auch einer der Gründe, warum es oft heißt, man müsse „die Zeit zurückdrehen“, damit alles wieder besser läuft. Es gibt aktuell auch diese Bewegungen in den USA, die durch Evangelikale und leider auch durch die Trump-Administration unterstützt werden. Dort heißt es zum Beispiel, dass Frauen nicht wählen sollten, weil sie dem Mann unterstellt seien. So sagt zum Beispiel der bekannte Pastor Doug Wilson, es dürfe nur noch pro Haushalt gewählt werden, und der Mann wähle dann für den gesamten Haushalt. Das ist sozusagen tatsächlich die „Argumentation“ von autoritären Kreisen: Wenn die Frau wieder dort ist, wo sie hingehört, dann wird auch alles wieder gut. Oder wenn alle Migranten wieder verschwinden, dann wird alles besser.

„Für Negatives ist unser Gehirn wie Klett, und für Positives wie Teflon.“

Dabei ist es eher so: Polarisierung entsteht nicht durch „eine Seite“, sondern sie funktioniert, weil alle glauben, dass die anderen mir oder meiner Gruppe etwas Böses wollen. Und das ist genau der Eindruck, den wir bekommen, wenn wir Social Media aufmachen. Dann denkt man manchmal, die halbe Welt sei frauenfeindlich geworden. Das stimmt natürlich nicht. Die wenigsten werden das bestätigen können, wenn sie sich in ihrem eigenen Leben umschauen. 

Was wir auf Plattformen wie beispielsweise X sehen, ist komplett durch Algorithmen bestimmt und entspricht nicht ansatzweise der Realität. Aber es hilft, bestehende Machtstrukturen zu festigen. Indem wir das Gefühl bekommen, ständig im Gegeneinander zu sein, wird die Aufmerksamkeit darauf fokussiert, und es führt auch zu immer mehr politischem Rückzug. Viele Menschen sagen ja mittlerweile, dass sie die Nachrichten gar nicht mehr aushalten können. 

Das verstehe ich total, aber man vergisst eben – und darauf gehe ich in meinem Buch auch ein –, dass die Welt viel besser ist, als wir glauben, und dass die Menschen viel besser sind, als wir glauben. Nur neigt unser Gehirn sehr stark dazu, die negativen Sachen viel stärker anzuziehen. Das ist neurowissenschaftlich erwiesen. Für Negatives ist unser Gehirn wie Klett, und für Positives wie Teflon. Und es ist wie so ein Perfect Storm, dass oft in den sozialen Medien oder auch den Nachrichten alles Schlechte zusammenkommt und so genau dieser Eindruck entsteht, dass wir als Gesellschaft in einem ständigen Kampf stünden. Aber das stimmt nicht. 

Gilda Sahebi über die starke Kraft von Spaltungserzählungen

Marie Claire: Sie analysieren in Ihrem Buch unter anderem Debatten zu Migration, Gendern, Krieg und Corona – was verbindet diese scheinbar unterschiedlichen Streitpunkte?

Gilda Sahebi: Ich würde sagen, dass sie sehr emotionalisieren sollen. Es gibt natürlich viele politische Spaltungserzählungen, eine der stärksten dabei ist „Deutsche gegen Ausländer“, also „wir gegen die“. Auch das Thema Schwangerschaftsabbruch gehört dazu und die Suggestion hier stände „pro life“ gegen „pro choice“. Ich habe mir für das Buch ein paar Beispiele herausgesucht, anhand derer man die Dynamiken von Polarisierung sehr gut beschreiben kann. Sie helfen dabei, zu lernen, wie man auf solche Erzählungen guckt und wie man sie selber dechiffrieren kann.

Was allen Erzählungen gemeinsam ist, ist, dass sie politisch generiert werden. Wir haben ja gerade aktuell den Fall, dass Kulturstaatsminister Wolfram Weimer entschieden hat, dass in seiner Behörde, aber auch in Institutionen, die staatlich oder vom Staat abhängig sind, nicht mehr gegendert werden soll. Dabei werden die wenigsten Menschen im Alltag ein Problem mit Gendern oder Nicht-Gendern haben. Es wird also suggeriert – und das ist bei diesen ganzen Spaltungserzählungen so –, dass es immer die Bösen gibt. Bei der Rollenzuschreibung kommt es dann aber immer darauf an, wen man fragt: Entweder sind die, die gendern, böse, oder die, die nicht gendern, sind böse.

Das Problem dabei ist, dass diese Spaltungserzählungen nicht nur von autoritären Kräften wie der AfD oder Donald Trump kommen, sondern eben auch von demokratischen Kräften, die zum Beispiel sagen, dass Gendern den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährde. Das ist natürlich nicht wahr, aber wir sollen glauben, dass es wahr ist. Und es wirkt leider teilweise sehr gut.

Warum Menschen gezielt gegeneinander ausspielt werden

Marie Claire: Welche Effekte haben solche „Wir gegen die“-Erzählungen auf die Gesellschaft und unser politisches Miteinander?

Gilda Sahebi: Ganz viele! Also vor allem erst einmal den Aufstieg von autoritären Kräften. Das sehen wir gerade eins zu eins bei Trump. Deswegen habe ich im Buch auch sehr viele Beispiele aus den USA aufgeführt, weil die Macht autoritärer Politik dort schon stärker ausgeprägt ist. Als Trump 2015 diese goldene Rolltreppe im Trump Tower runtergefahren ist und verkündet hat, dass er Präsident werden will, hat er als erstes gesagt: Die bösen Mexikaner sind kriminell. Und er hat auch sehr viel über Zölle gesprochen: Die böse Welt nimmt uns aus. Wir sind die Guten, sie sind die Bösen. Und er wusste damals schon, wie gut das funktioniert. Ohne dieses ständige Gut-und-Böse-Denken wäre er niemals Präsident geworden.

„Spaltung führte immer in der Geschichte zum Aufstieg autoritärer Kräfte.“

Dabei muss seine Basis gar nicht groß sein. Trumps starke Kernbasis kann man sich ungefähr so groß vorstellen wie die der AfD – um die 25 Prozent. In jeder Gesellschaft, sagen Politikwissenschaftler:innen, tendieren etwa 25 Prozent wirklich aktiv zum autoritären Weg – nicht mehr. Problematisch wird es dann, wenn sich wie in den USA die Republikanische Partei komplett aufgibt und mitmacht oder sich bei uns in Deutschland die anderen Parteien aufgeben und die Erzählungen übernehmen. Spaltung führte immer in der Geschichte zum Aufstieg autoritärer Kräfte. Nicht, weil die Menschen tatsächlich gespalten sind, sondern weil suggeriert wird, dass es Freund und Feind gibt.

Dann reicht es, wenn eine Art von Unzufriedenheit in der Bevölkerung vorhanden ist, dass zu dieser Basis noch weitere Leute dazu kommen, die autoritäre Kräfte wählen. Und wir haben gerade zu Recht eine ökonomische Unzufriedenheit. Die Demokratie in Deutschland funktioniert nicht gut. Menschen, die ihre Kinder auf Schulen schicken, sehen, dass dort ständig Lehrer:innen ausfallen, dass die Schultoilette kaputt ist. Das sind alles reale Probleme, die existieren. Vor allem aber existiert dieses Grundversprechen nicht mehr, dass es der nächsten Generation besser geht als uns.

„Es gibt nicht mehr Menschen, die hassen, aber die Algorithmen lassen es so aussehen.“

Der wichtigste Effekt dieses Freund-Feind- und Gut-Böse-Denkens ist also der Aufstieg autoritärer Kräfte. Und dann kommt natürlich der Hass in den sozialen Medien dazu. In den letzten zehn Jahren hat sich Hassrede im Netz extrem verstärkt – aber nicht der Anteil derjenigen, die Hassrede verbreiten. Es gibt nicht mehr Menschen, die hassen, aber die Algorithmen lassen es so aussehen. Und das hat Auswirkungen auf die Gesellschaft: Menschen ziehen sich zurück, haben den Eindruck, dass sie nur noch in der ganz kleinen Gemeinschaft sicher sind, und dass sie von Feinden umzingelt werden. Eine Demokratie kann so nicht funktionieren.

Aber die wichtigste Auswirkung der polarisierenden Narrative ist, dass wir über die ökonomischen Fragen, die eigentlich entscheidend sind, nicht mehr sprechen. Studien zeigen, dass die Bedürfnisse von vermögenden Menschen in Deutschland viel mehr Einfluss auf politische Entscheidungen haben als die Bedürfnisse von nicht vermögenden Menschen. Das bedeutet, dass nicht jede Stimme gleich viel wert ist. Das funktioniert in der Demokratie nicht und wird auf Dauer schiefgehen. Das vermeintliche Gegeneinander von Menschen, ökonomische Ungleichheit und Vermögensungleichheit begünstigen den Aufstieg von autoritären Kräften. Und genau in diesem Prozess befinden wir uns gerade.

Die Profiteure der Polarisierung

Marie Claire: Welche gesellschaftlichen Gruppen profitieren am meisten von der Erzählung der Spaltung und warum?

Gilda Sahebi: Da muss man ein bisschen vorsichtig und sehr, sehr, sehr differenziert sein. Also ich rede immer über das Systematische, das Strukturelle. Wenn ich sage, Politiker:innen bedienen Spaltungserzählung, dann heißt es nicht die Politik und alle Politiker:innen, sondern das System, die Machtstrukturen sind einfach so, dass diese Menschen dann beispielsweise eher gewählt werden oder mehr Aufmerksamkeit bekommen. 

Jens Spahn ist dafür ein gutes Beispiel. Er bringt immer irgendwelche Forderungen ins Netz, über die dann die halbe Republik diskutiert, egal wie abwegig sie sind, aber sie sind halt provokativ und polarisierend. Der amerikanische Politikwissenschaftler Lee Drutman sagt, dass diese Spaltungserzählungen dazu führen, dass wir uns als demokratische Gesellschaft wegbewegen von der Frage „Wer bekommt was?“, zu „Wer sind wir?“ Diese Frage, wer in der Gesellschaft was bekommt, wie die Ressourcen verteilt werden, ist ja eigentlich die wichtigste Frage in der Demokratie. Doch in der aktuellen polarisierten Debatte geht es nur noch um vermeintlich kulturelle Fragen.

"Wer auf jeden Fall von der Polarisierung profitiert, sind die Vermögenden."

Zum Beispiel verteilt Donald Trump in den USA gerade das Geld von unten nach oben. Die Reichen werden reicher, die weniger Reichen bekommen noch weniger. Zugleich spricht er darüber, dass beispielsweise Transsportler:innen nicht mehr am Collegesport teilnehmen dürfen. Die unterschwellige Botschaft an seine Anhänger:innen dabei ist: „Ich gebe euch einen Sieg auf der kulturellen Ebene, vergesst aber darüber, dass ihr dann nicht mehr so viel Geld habt.“ Das heißt, wer auf jeden Fall von der Polarisierung profitiert, sind die Vermögenden. Das ist die Basis autoritärer Politik. Wenn ich an mein Heimatland Iran denke: Das ist eine Diktatur, ein autoritärer Staat, und er ist nur dazu da, dass eine Machtebene ganz oben immer reicher und mächtiger wird. Das heißt, wer zuerst profitiert, sind autoritäre Politiker:innen, autoritäre Kräfte, aber auch Medien, die mit Aufmerksamkeit Geld verdienen, und natürlich die Vermögenden. 

Polarisierung als politisches Machtinstrument

Marie Claire: Warum setzen so viele politische Akteur:innen auf Spaltung, anstatt gemeinsam an konstruktiven Lösungen zu arbeiten?

Gilda Sahebi: Das ist genau das, was ich versucht habe, für das Buch zu entschlüsseln. Ich glaube, man sieht es ganz gut am Fall Frauke Brosius-Gersdorf. In dieser Geschichte wurde ja wieder Gut und Böse aufgemacht. Also: Frauke Brosius-Gersdorf war die Böse, die Linksradikale, die Abtreibungsaktivistin und so weiter – alles, was sie nicht ist. Und die AfD, die Autoritären, sind die Guten, weil sie uns angeblich bewahren wollen vor dieser radikalen Frau, die Babys töten will. Das ist die Polarisierung, die aufgemacht wird.

In der Gesellschaft ist dieses Thema hingegen überhaupt nicht polarisiert. Ein Großteil vertritt genau diese moderaten Ansichten zum Schwangerschaftsabbruch wie Frauke Brosius-Gersdorf. Es gibt inzwischen viele Studien dazu – auch aus den USA, wo das Thema ja angeblich so polarisiert ist –, die zeigen, dass die Mehrheit sehr liberale Ansichten dazu hat. Und dann haben wir die konservativen Parteien – das ist auch immer sehr typisch für die CDU/CSU –, die dann glauben, sie müssen mitpolarisieren. Weil sie glauben, dass sie verlieren, wenn sie sagen: Das stimmt doch alles gar nicht. Wenn sie differenziert bleiben. Sie fürchten, dass dann die AfD noch stärker wird, dass die Autoritären noch stärker werden. Das heißt, es geht um Macht. Aus Machtgründen haben diese Konservativen gesagt: Wir stimmen nicht für Frauke Brosius-Gersdorf. Es ging nicht um eine Gewissensentscheidung.

Es geht letztendlich sehr oft um Macht, Geld und Aufmerksamkeit. In unserer Medienstruktur funktioniert es einfach, immer wieder Gut und Böse gegeneinander auszuspielen wie es zum Beispiel Ulf Poschardt oder Julian Reichelt immer wieder tun. Das bringt Aufmerksamkeit und damit Geld. Die differenzierten Stimmen finden da keinen Platz, obwohl sie für einen Großteil der Menschen sprechen würden, die genau zwischen diesen Polen stehen.

Gilda Sahebi erklärt, wie Spaltung autoritären Kräften den Weg ebnet

Porträt der Autorin Gilda Sahebi
Gilda Sahebi macht darauf aufmerksam, was durch die Spaltung auf dem Spiel steht. Foto: © Hannes Leitlein

Marie Claire: Was sind die größten Gefahren, wenn die Polarisierung dauerhaft anhält?

Gilda Sahebi: Der Abbau der Demokratie! Man hat es ja in vielen Staaten schon gesehen. Es gibt verschiedene Studien, die sich in den letzten 20 Jahren Demokratien angeschaut haben, die zu autoritären Staaten umgebaut wurden, unter der Fragestellung: Was waren die wichtigsten Faktoren, die diesen Wandel begünstigt haben? Und man hat dabei zwei sehr robuste Faktoren herausgefunden: Der erste ist Polarisierung und der zweite Vermögensungleichheit. Wenn also diese Faktoren aufeinandertreffen, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Demokratie autoritär umgebaut wird. Wir haben es gesehen in Ungarn, wir haben es gesehen in Polen und jetzt natürlich ganz prominent in den USA – eine Gesellschaft, die ständig gegeneinander kämpft, eine Gesellschaft, in der nicht jede Stimme gleich viel wert ist. Auch bei uns zeigt der politisch-mediale Raum leider eine so starke Polarisierung, dass der autoritäre Umbau schon begonnen hat. Schließlich ist die AfD zurzeit in den Umfragen die stärkste Partei.

Verstehen, um zu verändern: Wege aus der Polarisierung

Marie Claire: Welche strukturellen Veränderungen wären nötig, um der Spaltungslogik langfristig etwas entgegenzusetzen?

Gilda Sahebi: Dafür wären viele und große Reformen notwendig, weil das ökonomische, das demokratische und das politische System betroffen sind. Ich glaube – und deswegen habe ich dieses Buch geschrieben – es braucht erst mal das Verstehen. Der erste Schritt ist immer Wissen. Es braucht Bewusstsein dafür, dass Macht verteilt werden muss, dass Macht niemals konzentriert sein darf. Wenn man das Bewusstsein hat, kann es eher zu Veränderungen kommen.

Das Problem ist, dass Politiker:innen, wenn sie innerhalb dieses Systems sind und es verbessern wollen, es sehr schwer haben. In einer Late-Night-Show hat gerade die ehemalige US-Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris gesagt, sie wolle zumindest jetzt nicht noch einmal kandidieren als Gouverneurin in Kalifornien, denn „The system is broken“, das System ist kaputt. Das ist auch bei uns der Fall. Wir sind noch nicht so weit wie in den USA, aber wir gehen gerade schnellen Schrittes dorthin. Und wenn wir nicht dorthin gelangen wollen, dann müssen wir erstmal verstehen: So wie es jetzt ist, funktioniert es nicht.

Mit Selbstreflexion gegen die Spaltung

Marie Claire: Was kann jede und jeder Einzelne im Alltag tun, um der Polarisierung entgegenzuwirken?

Gilda Sahebi: Ich denke, es braucht verschiedene Dinge. Zum Ersten: Wenn ich bei der Polarisierung im Außen nicht mehr mitmachen will, dann muss ich erst mal die Polarisierung im Inneren bei mir anschauen. Wo bin ich polarisiert? Glaube ich, dass ich ein besserer Mensch bin, weil ich recycle, weil ich Müll trenne, weil ich die Grünen wähle oder weil ich die AfD wähle? Glaube ich, ich bin auf der guten Seite? Dann gilt es, sich klarzumachen: Es gibt keine guten und schlechten Seiten.

Wenn man möchte, kann man zudem versuchen, andere Menschen, die vielleicht ganz anders denken als man selbst, die ganz anders leben, zu verstehen und bei Ihnen nachzufragen. Da bin ich aber sehr vorsichtig, weil ich keiner Person, die von Rassismus oder jeglicher Art von Diskriminierung betroffen ist, sagen möchte: Jetzt rede aber mal bitte mit AfD-Wähler:innen. Jeder Mensch muss sich wohlfühlen und man muss erst mal auf sich schauen.

Dann gibt es noch ganz praktische Dinge, die man machen kann: Man kann zum Beispiel an Redaktionen schreiben. Redaktionen kriegen sehr viele negative Nachrichten, vor allem öffentlich-rechtliche, dass sie zu links seien, zu grün versifft. Ich schreibe zum Beispiel auch ganz oft, wenn ich Sachen gut finde. Oder frage nach: Warum schreiben Sie denn eigentlich nicht über Vermögensungleichheit? Oder warum laden Sie zum zehnten Mal Ulf Poschardt ein, der immer dasselbe sagt, oder Alice Weidel? Man kann auch Bundestagsabgeordnete aus dem eigenen Wahlkreis anschreiben. Und vor allem gilt: Man sollte nicht glauben, dass man umzingelt ist von ganz vielen bösen Menschen, denn das stimmt einfach nicht.

Gildha Sahebi nimmt Medien in die Verantwortung

Marie Claire: Sie sind selbst Journalistin. Welche Rolle tragen Medien Ihrer Ansicht nach bei der Verstärkung gesellschaftlicher Spaltung – und wie könnte man wieder zu einem konstruktiveren Diskurs finden?

Gilda Sahebi: Eine wirklich riesige Rolle – und zwar keine gute, meiner Meinung nach. Ich finde, dass Machtkritik zu wenig im Fokus der Berichterstattung steht. Natürlich nicht bei allen, ich will hier nicht generalisieren. Aber wenn man Spitzenpolitiker:innen interviewt, dann muss man wissen: Die werden mich jetzt anlügen. Die werden mir irgendwas erzählen, das sie brauchen, um ihre Macht zu bewahren. Ich muss alles infrage stellen, was gesagt wird aus der Politik – egal, ob es mir gefällt oder nicht. 

Und das finde ich sehr anstrengend teilweise, wenn ich zum Beispiel morgens das Radio anmache und da dann Politiker:innen zu hören sind, die einfach lügen. Dass Politiker:innen Sachen so framen, wie sie das haben möchten, das ist ja ganz normal. Und deswegen soll es schließlich Medien geben, die das richtig einordnen. Und nochmal: Das gilt nicht für alle. Es gibt unfassbar gute, kritische Berichterstattungen, tolle Radiofeatures. Ich bin zum Beispiel ein riesiger Fan der Öffentlich-Rechtlichen und benutze sie auch sehr viel.

Und trotzdem glaube ich, ist es sehr wichtig, dass man auch da hinschaut: Warum laufen bestimmte Dinge nicht gut? Oder warum sind viele Menschen unzufrieden mit den Medien? Das ist eine Tatsache und diese Menschen sind nicht alle im autoritären Lager. Ich führe sehr viele Gespräche mit Leuten, die sich als progressiv bezeichnen oder als links und die auch eine wahnsinnige Wut auf Medien haben. Und da müssen wir eigentlich fragen: Wo kommt das her? Was können wir besser machen? Ich sehe noch nicht wirklich ein Bereitschaft dazu, muss ich sagen – zumindest nicht strukturell und systematisch –, aber es wäre ein wichtiger erster Schritt.

Wie es gelingen kann, den Hass zu überwinden

Marie Claire: Welche Botschaft würden Sie den Leser:innen von Marie Claire gerne zum Schluss noch mit auf den Weg geben?

Gilda Sahebi: Am Ende der Einführung meines Buchs habe ich drei Sätze aufgegriffen, die mich in meinem Leben begleiten: Don’t hate. Don’t want. Know yourself. Also: hasse nicht, wolle nicht und kenne dich selbst. Ich glaube tatsächlich, dass Veränderungen – und das klingt immer so klischeehaft – wirklich nur bei mir anfangen können. Es geht nicht anders. Ein Auge nach außen und ein Auge nach innen, das ist für mich sehr wichtig, weil ich selber nicht frei bin von allen möglichen Erzählungen.

Und dann sollte man sich immer daran erinnern, dass die meisten Menschen gut miteinander umgehen. Man darf sich nicht so sehr einnehmen lassen von diesem Dunklen, das uns ständig präsentiert wird, weil es nicht die Wahrheit ist.

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