Weltpremiere von „Queen Silvia“: Hauptdarstellerin Alicia von Rittberg über die Kunst, eine noch lebende Person mit Respekt darzustellen

Auf der Fernsehmesse MIPCOM in Cannes werden jedes Jahr die Highlights und Trends der TV- und Streaming-Welt präsentiert. „Queen Silvia“ zeigt die Liebesgeschichte zwischen der Bürgerlichen Silvia und dem Kronprinzen von Schweden. Wir haben mit der Schauspielerin Alicia von Rittberg bei der Premiere gesprochen.

Frau in heller Bluse mit rotem Brautstrauß und Mann im dunklen Anzug gehen Hand in Hand durch einen prunkvollen Saal mit Goldspiegel
Alicia von Rittberg und Edvin Endre als Silvia und Carl Gustaf in „Queen Silvia“. Foto: © Amazon/Joyn/Pyjama Pictures

TV-Trends von heute und morgen – das sind die Neuigkeiten von der Fernsehmesse

Was streamen die Zuschauer von morgen? Das ist eine der großen Fragen auf der Fernsehmesse MIPCOM in Cannes. Jedes Jahr treffen sich Senderverantwortliche, Streaminganbieter, Produzenten, Experten und Kreative in Cannes und diskutieren an der berühmten Croisette bei Rosé und häufig auch bestem Spätsommer-Wetter die Trends der Branche. Ob es Serien sind, die nur knapp zwei Minuten dauern, Krimis, die aus Podcasts entstanden sind oder große Frauenfiguren, die mehr sein wollen, als nur Opfer oder schmückendes Beiwerk – auf der Messe zeigt sich, wie sich die Unterhaltungswelt verändert – und wie spannend das für uns Zuschauer ist.

Während Fernsehen und Streaming weiterhin um unsere Aufmerksamkeit kämpfen, entwickelt sich eine neue Form der Unterhaltung, die viele von uns noch gar nicht kennen: Das Micro-Drama. Das sind winzige Serien, deren Episoden teils nur ein oder zwei Minuten dauern. Gedreht wird im Hochformat, geschaut auf dem Smartphone und die Handlung ist dicht und endet fast immer mit einem dramatischen Cliffhanger. Eine Frau verliebt sich in einen geheimnisvollen Mann, eine betrogene Ehefrau bemerkt, dass ihr Leben auf einer Lüge beruht, eine Außenseiterin wird zur zentralen Figur in einer mächtigen Familie – Liebesgeschichten, Familiendramen, Rache und soziale Aufstiegsträume, das sind die klassischen Zutaten für eine Telenovela – doch die Art, die Geschichten zu erzählen, ist neu. Statt der klassischen 45 Minuten dauert eine Folge hier nur etwa 90 Sekunden. Es bleibt keine Zeit, dass sich Figuren langsam entwickeln können, auch Tiefgang eher Fehlanzeige. Die Serien werden so produziert, dass sie auf dem Smartphone geschaut werden können und auf dem Weg zur Arbeit, in der Pause oder kurz vor dem Einschlafen funktionieren – und verständlich bleiben, wenn wir mal kurz abgelenkt sind. Was noch vor wenigen Jahren ein kurioses Nischenprodukt war, ist längst zu einem ernstzunehmenden Geschäftszweig geworden, wie die Messe zeigt.

Neue Heldinnen – Frauen holen sich ihre Geschichten zurück

Eine Frau verschwindet auf dem Mond, eine hochbegabte Musikerin tritt unter dem Namen ihres berühmten Bruders auf, eine Liebesgeschichte, in der es vor allem um die Unabhängigkeit der Frau geht. Drei Geschichten, die auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben. Und doch gibt es eine Verbindung: Es geht um Frauen, die nicht nur im Fokus stehen, sondern die Geschichte entscheidend vorantreiben. In „First Woman“, einem sechsteiligen Space-Thriller von ITV und ZDF, geht es um die Biologin Claire (gespielt von Andrea Riseborough), die als erste Frau auf dem Mond Geschichte schreibt. Als sie auf mysteriöse Art und Weise verschwindet, geraten sowohl ihre Kollegen als auch die chinesische Konkurrenz unter Verdacht. Ihr Ehemann kämpft darum, die Wahrheit hinter dem Verschwinden aufzudecken.

Ebenfalls sechsteilig ist „Mozart Mozart“, eine Serie von ARD und ORF, in der nicht etwa Wolfgang Amadeus Mozart im Mittelpunkt steht, sondern seine talentierte, aber oft übersehene ältere Schwester Maria Anna. Als Mozart eine Stelle verliert, will sie ihm einen Job am Hof von Kaiser Joseph II. in Wien verschaffen. Weil er mit seinem Verhalten das gesamte Vorhaben riskiert, schlüpft Maria Anna selbst in die Rolle des Bruders. Sie tritt als Amadeus verkleidet auf, begeistert den Hof und weckt den Neid von Mozarts größtem Rivalen Antonio Salieri.

Junger Mann im dunklen Anzug beugt sich zu einer lächelnden Frau mit dunklen Haaren, im Hintergrund Zuschauer auf einer Tribüne
Silvia (Alicia von Rittberg) und Carl Gustaf (Edvin Endre) in einer Szene aus „Queen Silvia“. Foto: © Amazon/Joyn/Pyjama Pictures

Für „Queen Silvia“ gehen wir zurück ins Jahr 1972 in München: Silvia, eine ehrgeizige und hochgebildete junge Deutsch-Brasilianerin arbeitet bei den Olympischen Spielen als Chefhostess im Organisationskomitee und trifft dort auf den schwedischen Kronprinzen Carl Gustaf. Aus einem ersten Flirt wird eine scheinbar unmögliche Liebe zwischen zwei Menschen aus komplett unterschiedlichen Welten. Carl Gustaf, der unter dem Druck der Monarchie steht und dessen Alltag von Pflichten, Erwartungen und einem ständigen Leben im Rampenlicht geprägt ist, und Silvia, die unabhängig und selbstbestimmt ist und sich fragt, ob sie den eigenen Ambitionen folgen oder sich für ein Leben im Zeichen der Krone entscheiden soll.

Die Premiere auf der MIPCOM in Cannes zeigt, dass die Serie mehr ist als eine schöne Liebesgeschichte. Es ist eine Story über die Selbstbestimmtheit einer Frau und den Druck, den ein Mann verspürt, der in einen Job hineingeboren ist, den er sich nicht ausgesucht hat. Eine Besonderheit für die Schauspieler: Es geht um reale Protagonisten, die noch am Leben sind und damit die Frage aufwerfen: Wie viel Fiktion ist erlaubt, wenn die wahren Charaktere doch selbst am besten wissen, wie es damals gewesen ist, sie diese sehr privaten Momente aber für sich behalten wollen? Die erste Folge, die in Cannes exklusiv gezeigt wurde, macht Lust auf mehr und entzündet die vielen Konflikte, bei denen man unbedingt wissen will, wie sie weitergehen. Der junge Carl Gustaf, der eigentlich nur ein wildes, freies Leben führen will, aber nicht dem entspricht, was seine Familie von ihm erwartet: Sich zu benehmen und die richtige Frau zu heiraten. Ausgerechnet er verliebt sich in die falsche. Und Silvia, die eine ganz eigene Vorstellung davon hat, welchen Träumen und Ambitionen sie folgen will, die plötzlich im Fokus der Medien steht und mit dem Hin und Her des Kronprinzen zurechtkommen muss. Der Auftakt überzeugt durch eine großartige Chemie zwischen den Hauptdarstellern Alicia von Rittberg und Edvin Endre und sehr humorvollen Situationen und Dialogen zwischen den beiden. Es bleibt zwar auch eine wunderschön romantische Liebesgeschichte, die aber frei von Kitsch ist und den Zuschauer sofort mitfiebern lässt. Mich als Autorin hat die erste Folge jedenfalls sofort gefesselt – und ich freue mich sehr, wenn „Queen Silvia“ dann 2027 ausgestrahlt wird. Auf dem Event hatte ich Gelegenheit, mit Hauptdarstellerin Alicia von Rittberg über die Rolle zu sprechen.

Alicia von Rittberg im Interview

Junges Paar liegt küssend in einer Wiese mit gelben Löwenzahnblüten
Eine scheinbar unmögliche Liebe: Silvia und Carl Gustaf in „Queen Silvia“. Foto: © Amazon/Joyn/Pyjama Pictures

Jule Gölsdorf: Was war die größte Herausforderung an der Rolle der Silvia?

Dadurch, dass Königin Silvia von Schweden noch am Leben ist, habe ich natürlich versucht, der Figur besonders gerecht zu werden und der Rolle mit noch größerem Respekt und viel Liebe zu begegnen. Das war sicher die größte Herausforderung, weil man der Figur trotzdem eine eigene Lebendigkeit verleihen möchte. Ich wollte nicht einfach etwas kopieren, was ich gelesen oder in Videos gesehen habe. Es ist diese Mischung, einer realen Person gerecht zu werden, aber sie dennoch so lebendig wie möglich zu spielen.

Jule Gölsdorf: Wie hast du dich denn vorbereitet? Wie sehr hilft es, dass es von Silvia viel Material gibt, das du dir anschauen konntest?

Videos sind natürlich sehr viel wertvoller, als alles, was ich lesen kann, weil ich darüber ein besseres Gefühl für die Person bekomme. Für ihre Geschwindigkeit, ihre Bewegungen, die Energie, die sie umgibt.

Jule Gölsdorf: Konntest du Gemeinsamkeiten zwischen deiner Person und der Rolle entdecken?

Silvia ist mit drei Brüdern aufgewachsen, genau wie ich, das haben wir gemeinsam. Ich glaube, Silvia ist eine sehr taffe und unabhängige Person – vor allem war sie es für die damalige Zeit. Ich habe auch sehr früh angefangen zu arbeiten, ich versuche immer, meinen eigenen Weg zu gehen, das vereint uns bestimmt.

Jule Gölsdorf: In der Serie geht es ja auch um die Presse, die die beiden ständig verfolgt – das ständige Im-Fokus-Stehen, das Bild, das man in der Öffentlichkeit abgibt. Das kann einem als Schauspielerin auch passieren?

Wir erzählen in der Serie ja keine Cinderella-Story über eine Frau, die alles dafür tut, Königin zu werden, sondern es geht eher darum, wie man die Unabhängigkeit und die eigene Person beibehalten kann, obwohl man diese noch größere Öffentlichkeit bekommt. Es geht immer darum, authentisch und bei sich zu bleiben. So handhabe ich das zumindest. Man darf sich davon nicht so beeindrucken lassen.

Jule Gölsdorf: Du hast es angesprochen, die Königsfamilie ist noch am Leben – ist es wichtig für dich, wie sie die Serie wahrnimmt?

Natürlich haben wir uns damit auseinandergesetzt und sind uns der Verantwortung durchaus bewusst. Wir zeigen unsere Perspektive der Geschichte, eine Möglichkeit, wie es damals hätte sein können. Wir machen ja keine Dokumentation, sondern zeigen unsere Sicht auf diese Begegnung – und das mit so viel Sorgfalt und Respekt, wie wir konnten.

Das echte Königspaar hat sich bislang eher zurückhaltend gezeigt und hat Vorbehalte, was die Serie über ihr Leben angeht, wünscht den Machern aber angeblich trotzdem „viel Glück“. Vielleicht verständlich – immerhin, in Schweden läuft die Serie trotzdem im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Bei uns gibt es „Queen Silvia“ 2027 erst bei Prime Video und dann in Sat.1 zu sehen.

True Crime und Podcasts: Neue Serien und Trends

Was uns neben großen Liebesgeschichten ebenfalls erhalten bleibt: True Crime – der Trend ist ungebrochen. Was mich als Host des True Crime Podcast „Sisters in Crime – Frauen, die töten“ natürlich besonders freut. Allerdings verändert sich auch in diesem Genre etwas. In unserem Podcast versuchen wir schon lange, den Fokus mehr auf die Opfer zu legen: Was macht eine schreckliche Tat mit den Angehörigen, wie können sie mit ihrem Leben weitermachen? Welche Hilfe bekommen sie dafür? Erschreckend häufig werden die Opfer, meistens Frauen, in Kriminalgeschichten sehr reduziert behandelt – oft kennen wir gerade einmal ihren Namen und die Umstände des Todes. Aktuell geht es nun weg von der Faszination für den Täter hin zu den Geschichten der Betroffenen. Eine gute Entwicklung, wie ich finde.

Ein weiterer Trend: Audio und Fernsehen wachsen zusammen – denn Podcasts werden zur Quelle neuer Serienideen. Kein Wunder, ein Podcast kann eine Geschichte aufwendig recherchieren und testen, ob das Thema die Menschen wirklich fesselt. Für Produzenten ist das eine interessante Grundlage. Ein Beispiel ist die angekündigte Serie „Dead Women Talking“ – dabei wird ein alter Fall mit der Realität zweier junger Podcast-Journalistinnen verbunden, die versuchen, das Verbrechen aufzuklären. In Film, Streaming und Fernsehen steht uns also ein interessantes Jahr 2027 bevor – wir freuen uns drauf!

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