IM GESPRÄCH MIT DEVRIM BAYAR, Chefkuratorin am KANAL – Centre Pompidou und Kuratorin der Ausgabe 2025 von Elles x Paris Photo.
Was bedeutet es für Sie, eine Kuratorin zu sein?
Um ehrlich zu sein, verstehe ich mich nicht nur als Frau, die kuratiert. Ich werde ebenso von meinen belgisch-türkischen Wurzeln geprägt. Ich lebe in Brüssel, habe jedoch auch in New York studiert, Zeit in der Türkei verbracht und dort an einem heute nicht mehr existierenden Kunstzentrum namens Platform Garanti gearbeitet. Diese doppelte kulturelle Prägung ist für meine Selbstdefinition ebenso entscheidend wie die Tatsache, dass ich eine Frau, eine Mutter und eine Kuratorin bin.
Zudem bin ich mit der queeren Szene in Brüssel verbunden, was meine Interessen und meine Forschung beeinflusst. Meine Perspektive ist daher vielschichtig – ebenso wie meine Identität. Und all diese Blickwinkel prägen ganz klar, wofür ich mich interessiere und was ich zeigen möchte.
Wie sind Sie bei der Zusammenstellung dieser Auswahl vorgegangen?
Wir haben über 800 Bilder erhalten. Ich habe mich ihnen geöffnet und zugelassen, dass sie mich überraschen. Mein Auswahlprozess war sehr intuitiv – ich habe mich von der Poesie, der Stärke und manchmal auch von der kritischen Kraft der Bilder leiten lassen.
Erst am Ende wurde mir bewusst, worum es eigentlich ging: um Themen, die sowohl aus den Bildern selbst als auch aus meiner eigenen, unbewussten Subjektivität hervorgingen. Ich stellte fest, dass es viele Darstellungen von Frauen gibt, zahlreiche Porträts im weitesten Sinne. Ich glaube, dass Fotografinnen ein besonderes Interesse an Frauen als Motiven haben. Zudem fiel mir das Spiel zwischen Figur und Raum auf, zwischen Körper und Umgebung. Denken Sie etwa an Susan Meiselas’ Fotografie, in der die menschliche Figur beinahe im Raum der Wohnung verschwindet.
Glauben Sie, dass Frauen Frauen anders fotografieren als Männer?
Ich bin kein Mann, daher kann ich nicht für deren Erfahrung sprechen, und ich möchte nicht binär oder vereinfachend argumentieren. Doch natürlich gibt es Unterschiede. Frauen objektifizieren andere Frauen vermutlich weniger als Männer. Die Erfahrung ist eine stärker geteilte, wahrscheinlich horizontalere, mit mehr Empathie zwischen Fotografin und Porträtierter.
Betrachten Sie etwa das Selbstporträt von Marie-Laure de Decker: Sie zeigt körperlich ihre Liebe zur Fotografie. Es ist ein unglaublich schönes Porträt.
Viele Arbeiten sind sehr experimentell, etwa in Bezug auf Drucktechniken …
Ja, ein hervorragendes Beispiel dafür ist die Arbeit von
Mia Weiner. Diese Werke sind nicht auf Stoff gedruckt, sie sind gewebt – und nicht maschinell, sondern von ihr selbst. Man kann online Videos ihres Prozesses finden:
Sie webt diese Bilder in ihrem Atelier von Hand. Das ist faszinierend.
Sie zeigt nackte Körper, intime Momente aus einer queeren Perspektive – auch wenn ich nicht weiß, ob sie sich selbst so identifiziert: Frauen mit Frauen, Menschen mit nicht eindeutig zuordenbarem Geschlecht, Körper, die nicht perfekt, sondern wahrhaftig und ehrlich sind. Mehrere Künstlerinnen meiner Auswahl überschreiten das klassische Verständnis von Fotografie. Es gibt Skulptur, Tapisserie, Video-Installationen – vor allem von jüngeren Frauen, die das Medium auf sehr experimentelle und frische Weise angehen.
Ist ein Hintergrund im Fotojournalismus Ihrer Meinung nach ein Vorteil für Fotograf:innen?
In diesem Bereich arbeiten tatsächlich sehr viele Frauen. Fotojournalismus und die Arbeit für die Presse sind für viele Künstler:innen auch eine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Denken Sie an Diane Arbus: Zu Lebzeiten verkaufte sie kaum Kunstabzüge, hatte jedoch eine äußerst produktive Karriere in Zeitschriften.
Das wirft die Frage auf, was eigentlich ein „originales“ Werk von Diane Arbus ist: das Bild, wie es in Magazinen erschien, oder jene Version, die später in Museen und Galerien gezeigt wurde?
Was hat Sie bei der Arbeit an dieser Auswahl am meisten überrascht?
Mir wurde bewusst, dass ich eine starke Affinität zu den 1970er-Jahren habe. Die Gegenkultur, die sich nach 1968 entwickelte, spricht mich sehr an. Auch Architektur und Interior Design dieser Zeit faszinieren mich. Als ich mir schließlich die Daten meiner Auswahl ansah, stellte ich fest, dass ich unbewusst viele Werke aus genau dieser Epoche gewählt hatte.
Außerdem fiel mir auf, dass viele Figuren schlafen, liegen oder verträumt wirken. Ich glaube, ich fühlte mich unbewusst zu Bildern hingezogen, in denen das Motiv uns nicht direkt ansieht, sondern sich in einem introspektiven Zustand befindet. Als Betrachter:innen stehen wir dann vor einem doppelten Bild: dem sichtbaren und dem unsichtbaren – dem inneren Bild der fotografierten Person, zu dem wir keinen Zugang haben.
Es ist faszinierend zu erkennen, dass kein Bild jemals eindeutig ist. Es besteht aus Schicht um Schicht – aus jenen, die wir wahrnehmen können, und aus jenen, die uns für immer verborgen bleiben.