Warum Kontaktabbrüche selten plötzlich kommen – Svenja Fuchs im Interview

Wer den Kontakt zu seinen Eltern abbricht, muss sich oft rechtfertigen.
„Aber es sind doch deine Eltern“, heißt es, als wäre biologische Nähe ein moralischer Freifahrtschein für alles, was innerhalb der Familie geschieht. Dabei passieren Kontaktabbrüche selten durch Missverständnisse. Viel häufiger erzählen sie von jahrelanger Erschöpfung. Von Kindern, die erst erwachsen werden mussten, um zu erkennen, dass Liebe nicht bedeuten darf, sich selbst dauerhaft zu verlieren.

Svenja Fuchs im Porträt
Der Kontaktabbruch zu Eltern ist nicht immer ein Akt der Härte. Manchmal ist er der erste Akt von Selbstschutz. Foto: Svenja Fuchs/Privat

Warum Kinder gehen

Wenn erwachsene Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen, geschieht das selten impulsiv. Es ist kein rebellischer Akt und keine Modeerscheinung einer überempfindlichen Generation. Es ist meist das Ende eines langen inneren Kampfes. Es ist keine Entscheidung, die spontan an einem Dienstagabend aufploppt, sondern über Jahre in einem Menschen heranwächst. Langsam, schmerzhaft und oft begleitet von der verzweifelten Hoffnung, es möge vielleicht doch noch mal besser werden.

Kinder kommen mit einer fast unzerstörbaren Loyalität zur Welt. Sie lieben ihre Eltern bedingungslos und instinktiv. Ein Kind schützt seine Eltern sogar vor der Wahrheit über sie selbst. Es entschuldigt die Kälte des Vaters und die Demütigungen der Mutter. Das Schweigen, die Unberechenbarkeit und die Sätze, die sich wie kleine Splitter ins Selbstwertgefühl bohren. Viele dieser Kinder werden später Erwachsene, die nach außen funktionieren. Sie studieren, arbeiten, lachen auf Fotos und führen meist glückliche Beziehungen. Und gleichzeitig tragen sie etwas Unsichtbares in sich: eine tiefe Müdigkeit. Die Müdigkeit, immer wieder um Liebe zu kämpfen, die an Bedingungen geknüpft war.

Svenja Fuchs, Interviewpartnerin zum Thema Kontaktabbruch

Foto: Svenja Fuchs/Privat

Svenja Fuchs ist eine von ihnen, denn 2014 brach sie den Kontakt zu ihrer Familie ab. Sie tat das nicht leichtfertig – ganz im Gegenteil. Sie durchlebte Jahre voller Erniedrigungen, Wut und dem Gefühl, einfach nicht willkommen zu sein. Heute spricht die 42-Jährige offen über Erlebtes und nimmt ihre Follower:innen bei Instagram mit. Mittlerweile hat sie selbst ein Kind und möchte, dass sich ihre Geschichte nicht wiederholt. In einem exklusiven Interview erzählt sie, wann sie damals die Entscheidung traf, wie sie heute darüber denkt und was sie anderen in einer ähnlichen Situation rät.

8 Fragen an Svenja Fuchs

Marie Claire: Gab es einen ganz bestimmten Moment, in dem du wusstest: „Jetzt geht es nicht mehr weiter“?

Ja, den gab es. Und interessanterweise war es gar kein großer Knall oder ein einzelner Streit. Es war eine Familienfeier, bei der alle zusammen saßen. Man möchte ja meinen, ein Moment der Nähe. Ich saß da und hatte plötzlich dieses ganz klare Gefühl: Hier mag sich doch eigentlich niemand. Zumindest nicht auf eine Weise, die sich nach verbunden und Wertschätzung angefühlt hat. Ich habe in diesem Moment einfach sehr tief gemerkt, wie fremd ich mich mitten unter Menschen fühlte, die meine Familie sein sollen. Wie viel Spannung, Anpassung und Unsicherheit da war. Und dass ich immer wieder gehofft hatte, etwas würde sich verändern.

Marie Claire: Gab es einen Satz deiner Mutter, der dich besonders geprägt hat?

Nein, es ist gar nicht dieser eine Satz. Es waren viele kleine Bemerkungen und die Grundstimmungen in meiner Kindheit, die am prägendsten waren. Dieses Gefühl, leisten zu müssen, um gesehen zu werden. Funktionieren zu müssen, um nicht abgelehnt zu werden. Und eben die Glaubenssätze, die dadurch entstehen: Am Ende bin ich sowieso nicht genug. Es hat mich Jahrzehnte gekostet, diese wieder loszuwerden.

Marie Claire: Warum wird deiner Meinung nach von Kindern immer grenzenloses Verständnis erwartet, aber selten von Eltern?

Weil wir gesellschaftlich immer noch die Geschichte erzählen, dass Eltern „ihr Bestes gegeben haben“ und Kinder dankbar sein sollten. Eltern werden oft automatisch geschützt. Kinder hingegen sollen verstehen, verzeihen, Rücksicht nehmen. Selbst dann noch, wenn sie längst erwachsen sind. Kinder lernen früh: Die Beziehung zu meinen Eltern darf nicht gefährdet werden. Also passen sie sich an. Sie entschuldigen Verhalten. Machen sich klein und nehmen oft Verantwortung für Dinge, die gar nicht ihre waren. Währenddessen wird von Eltern erstaunlich selten erwartet, sich wirklich selbst zu reflektieren. Sich zu entschuldigen. Zu fragen: Was hat mein Verhalten in meinem Kind ausgelöst? Verstehen ist wichtig. Auch für Eltern. Ihre Geschichte, ihre Wunden, ihre Möglichkeiten. Aber Verständnis darf keine Einbahnstraße sein. Warum erwarten wir von einem verletzten Kind grenzenlose Empathie für Erwachsene, aber nicht von Erwachsenen Verantwortung für ein Kind? Das ist oft der Punkt, an dem viele erwachsene Kinder dann merken: Ich HABE immer verstanden. Aber ich WURDE nie verstanden.

Marie Claire: Warum reagieren manche Eltern auf Grenzen ihrer Kinder mit Schuldumkehr statt Selbstreflexion?

Da kommen wir quasi wieder zu Punkt 3: Weil die Grenzen von Kindern manche Eltern mit etwas konfrontieren, das sie kaum aushalten können: Verantwortung. Eine Grenze des eigenen Kindes bedeutet manchmal auch, sich fragen zu müssen: Habe ich verletzt? Habe ich etwas übersehen? Habe ich meinem Kind nicht gegeben, was es gebraucht hätte? Und das kann in dieser Generation der Boomer Scham, Schuld oder Ohnmacht auslösen. Nicht alle Menschen, vor allem aus der Boomer-Generation, haben gelernt, mit diesen Gefühlen umzugehen. Also geht’s um die Schuldumkehr. Rechtfertigungen. Abwertung. Oder Sätze wie: „Nach allem, was ich für dich getan habe“ oder „Du bist undankbar.“ Denn wenn das Kind „das Problem“ ist, muss man sich selbst nicht hinterfragen. Schwieriger daran ist: Viele erwachsene Kinder fangen dann wieder an, an sich zu zweifeln. Fragen sich, ob die Grenze zu hart war oder sie übertreiben. Dabei sagen diese erwachsenen Kinder vielleicht das erste Mal in ihrem Leben: Stop, das ist meine Grenze. SO will ich nicht mit mir umgehen lassen.

Marie Claire: Was denkst du, warum sich so viele Betroffene erst als Erwachsene trauen, darüber zu sprechen?

Naja, was heißt „trauen“? Sie waren Kinder. Und Kinder empfinden ihr Umfeld erstmal als normal. Woher sollen sie wissen, dass etwas nicht stimmt, wenn das ihr Alltag ist? Erst später, wenn man älter wird, vergleicht man. Durch Freund:innen, Partner:innen, andere Familien, andere Lebensrealitäten. Man merkt plötzlich: Moment mal. So fühlen sich Sicherheit, Nähe oder Respekt also an? Und als Kind bist du abhängig. Du kannst nicht einfach losgehen und dir neue Eltern suchen. Du passt dich an, weil du deine Bezugspersonen zum Überleben brauchst. Und sind wir mal ehrlich: Viele trauen sich bis heute nicht, darüber zu sprechen. Oder erkennen die Dynamiken gar nicht, weil es eben Familie ist. Dysfunktionale Muster in Familien sind oft eine Art Normalität geworden. Da erstmal durchzublicken, dauert. Meistens braucht es Begegnungen und Therapie oder auch Abstand. Und vor allem Sprache für das, was da eigentlich passiert ist. Und trotzdem empfinden viele bis heute Scham. Genau das muss aufhören. Wir müssen aufhören, Betroffene zu beschämen, und anfangen, Verantwortung dort hinzulegen, wo sie hingehört.

Marie Claire: Braucht unsere Gesellschaft endlich ein ehrlicheres Bild davon, dass nicht jedes Elternteil automatisch ein gutes Elternteil ist?

Unbedingt. Und ich glaube, genau davor drücken wir uns gesellschaftlich noch sehr. Wir romantisieren Elternschaft oft. Nach dem Motto: Mutter oder Vater zu sein macht automatisch liebevoll, fürsorglich oder emotional verfügbar. Aber ein Kind zu bekommen, macht dich nicht automatisch zu einem guten Elternteil. Genauso wenig wie eine Geburt automatisch eine sichere Bindung schafft. An sicherer Bindung muss man arbeiten bzw. als Eltern halt auch ein Bildungsangebot machen. Es gibt Eltern, die ihr Bestes geben und trotzdem überfordert sind. Und es gibt Eltern, die verletzen. Emotional, Psychisch, leider manchmal auch körperlich. Und darüber müssen wir ehrlicher sprechen dürfen, ohne dass Betroffene sofort hören: „Aber es sind doch deine Eltern“ oder „Sie haben ihr Bestes gegeben.“ Auch Eltern bringen Traumata mit in eine Beziehung, egal ob Partnerschaftlich oder in der Eltern-Kind-Beziehung. Daran sollten und dürfen sie arbeiten, um ihren Kindern nicht ihren Rucksack aufzusetzen und Glaubenssätze mitzugeben, die ihnen schon geschadet haben. Familie darf kein Ort sein, an dem Dinge kleingeredet werden, die weh getan haben. Und ich bin davon überzeugt, dass wir aufhören müssen, Eltern automatisch zu idealisieren, und anfangen, Beziehungen ehrlicher anzuschauen. Auch die zwischen Eltern und Kindern. Nicht jedes Elternteil ist automatisch ein gutes Elternteil. Und das auszusprechen macht niemanden herzlos.

Marie Claire: Was bedeutet eine gesunde Familie heute für dich, gerade weil du jetzt selbst ein Kind hast?

Eine gesunde Familie bedeutet für mich heute nicht Perfektion, sondern vor allem Ehrlichkeit. Dass unsere Gefühle Raum haben dürfen. Auch die unbequemen. Ich spreche ehrlich mit meinem Kind. Über Gefühle. Über Fehler. Ich entschuldige mich und benenne Dinge. Ich nehme die Gefühle meines Kindes ernst, auch wenn sie ungemütlich sind oder ich sie nicht immer sofort verstehe. Und ich stelle mich heute schon darauf ein, dass mein Kind vielleicht irgendwann, in 20 Jahren, zu mir sagt: „Ey Mama, was war das denn?“ Und dann wünsche ich mir, dass ich den Raum aufmachen kann. Dass ich nicht sage: „Stell dich nicht so an, du hattest doch eine schöne Kindheit, ich habe alles für dich getan.“ Sondern: Erzähl mir, wie es für dich war. Erzähl mir, wie du deine Kindheit erlebt hast. Die Beziehung kaputt machen macht nicht der eine Fehler, sondern wenn Gefühle weggewischt werden. Wenn Kinder sich nicht ernst genommen oder gesehen fühlen. Mein Kind soll sich niemals zwischen Liebe und Sicherheit entscheiden müssen. Liebe ist Sicherheit. Ich tue Dinge aus Liebe. Nicht, um Liebe zurückzubekommen. Nicht, um irgendwann zu sagen: „Ich habe alles für dich getan.“ Sondern im Wissen und bestem Gewissen, für mein Kind da zu sein und es zu schützen. Und dazu gehört auch, Grenzen zu setzen oder Entscheidungen zu treffen, die mein Kind vielleicht blöd findet. Gerade wenn Kinder klein sind. Aber genauso gehört dazu, mich selbst zu hinterfragen. Mich zu reflektieren. Fehler einzugestehen. Zu sagen: „Da habe ich nicht gut reagiert. Dass du jetzt wütend auf mich bist, verstehe ich. Es tut mir leid.“ Und dann gemeinsam zu schauen: Wie machen wir es beim nächsten Mal besser? Kindliche Augenhöhe bedeutet für mich nicht, dass Kinder alles bestimmen. Sondern dass ihre Gefühle ernst genommen werden. Und gerade in Trennungsfamilien: Niemals schlecht über Mutter oder Vater vor dem Kind sprechen, wenn es irgendwie möglich ist. Kinder sind Mutter und Vater. Sie dürfen niemals zwischen zwei Menschen stehen und das Gefühl haben, sich entscheiden zu müssen.

Marie Claire: Was würdest du Menschen sagen, die darüber nachdenken, den Kontakt abzubrechen, sich aber noch unsicher sind?

Ich würde sagen: Hör auf deine innere Stimme und nicht auf die Schuld. Nicht auf das „Aber es ist doch Familie“, sondern auf die Frage: Bin ich in dieser Beziehung eigentlich sicher? Oder nur erschöpft? Ich finde auch ganz wichtig: Kontaktabbruch muss nicht immer die erste oder einzige Lösung sein. Manchmal tut erstmal Abstand gut. Rauszugehen aus der Dynamik. Die Beziehung von außen anzuschauen. Sich selbst und auch die Eltern einmal neu anzuschauen. Ich würde immer empfehlen, das therapeutisch begleiten zu lassen, wenn möglich. Manchmal braucht es erstmal Grenzen, Gespräche oder Abstand. Dafür braucht es aber auch Eltern, die bereit sind, zuzuhören und Verantwortung zu übernehmen. Und manchmal ist Kontaktabbruch tatsächlich der einzige Weg, um in Ruhe und Sicherheit leben zu können. Und auch das ist okay. Du bist damit nicht allein. Viele erwachsene Kinder erleben Entfremdung oder Kontaktabbrüche zu ihren Eltern. Studien zeigen, dass sich etwa jede fünfte Vater-Kind-Beziehung und knapp jede zehnte Mutter-Kind-Beziehung im Laufe des Lebens deutlich entfremdet. Und das, für mich, Wichtigste: Familie ist nicht nur DNA. Verwandtschaft ist biologisch. Familie ist ein Gefühl. Ein Ort von Sicherheit. Von Gesehen werden. Von Verbundenheit. Wir müssen aufhören, Eltern automatisch zu idealisieren. Wir dürfen anfangen, Dinge zu hinterfragen. Und unseren Gefühlen zu vertrauen, wenn etwas sich dauerhaft nicht richtig anfühlt.

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