Sängerin Jade im Interview: „Ich überrasche mich selbst mit dem, was ich kann“

Als Mitglied der Girlgroup Little Mix hat Jade Thirlwall Musikgeschichte geschrieben. Nun hat sie ihr erstes Soloalbum That’s Showbiz Baby! veröffentlicht. Im Interview mit Marie Claire spricht sie über ihre komplizierte Beziehung zur Musikindustrie, ihren neuen Sound und die Vorbereitungen zu ihrer ersten Solo-Tournee.

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Jade Thirlwall veröffentlicht am 12. September ihr erstes Solo-Album "That's Showbiz Baby!" Bild: Sony Music

Jade Thirlwall im Marie Claire Interview

10 Jahre lang war Jade Thirlwall Teil von Little Mix, einer der erfolgreichsten Girlbands der Musikgeschichte – nur die Spice Girls und die Supremes waren kommerziell erfolgreicher. Little Mix haben weltweit über 50 Millionen Tonträger verkauft, Tourneen auf vier Kontinenten gespielt und drei BRIT-Awards gewonnen. Als erste Girlgroup überhaupt wurden sie in der Königskategorie „Best British Group“ ausgezeichnet.  

Nun schlägt die 32-Jährige ein neues Kapitel in in ihrer Musikkarriere auf: Mit That’s Showbiz Baby! veröffentlicht JADE am 12. September ihr erstes Soloalbum. 

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Als Mitglied von Little Mix hat Jade Konzerte auf der ganzen Welt gespielt. Nun fängt sie noch einmal neu an. Bild: Sony Music

Eine Casting-Show verhalf ihr zum Durchbruch

Von „The X-Factor“ haben Sie bestimmt schon einmal gehört. Die Casting-Show, die von 2004 bis 2018 in Großbritannien lief, folgte einem ähnlichen Prinzip wie Deutschland sucht den Superstar und bot vor allem jungen aufstrebenden Talenten eine Abkürzung in die Unterhaltungsbranche. Unter anderem verhalf sie Leona Lewis, Olly Murs, One Direction und James Arthur zum Durchbruch. 

Jade Thirlwall war erst 15 Jahre alt, als sie sich 2008 in der Sendung bewarb – und in der zweiten Runde scheiterte. 2010 versuchte sie ihr Glück erneut, schied jedoch abermals frühzeitig aus. Doch bei ihrer dritten Teilnahme, im Jahr 2011, sollte sich das Glück des Mädchens aus dem nordenglischen South Shields wenden: Die Juror:innen, bestehend aus Take-That-Frontmann Gary Barlow, Boyband-Mogul Louis Walsh, Rapperin Tulisa und Kelly Rowland von Destiny’s Child, beschlossen eine Girlgroup aus vier ausgeschiedenen Kandidatinnen zusammen zu stellen.

Gute Unterhaltung war damit auf jeden Fall garantiert. Dass Perrie Edwards, Jesy Nelson, Jade Thirlwall und Leigh-Anne Pinnock die Show nicht nur gewinnen, sondern die Welt anschließend als Little Mix im Sturm erobern würden, konnte sich zu diesem Zeitpunkt jedoch niemand erträumen.

Nach 10 Jahren im Geschäft, legten die jungen Frauen im Jahr 2022 eine Pause ein, um sich auf Solo-Aktivitäten konzentrieren zu können. Für die 32-Jährige Jade ist der große Tag am 12. September endlich gekommen: Ihr Soloalbum That’s Showbiz Baby! hat das Licht der Welt erblickt. Im Interview mit Marie Claire spricht sie über die Inspiration für ihren neuen Sound und ihre kreative Vision für ihre erste Solo-Tournee. 

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That’s Showbiz Baby! ist ein atemberaubender Up-Tempo-Mix aus Pop, Dance und R’n’B-Rhythmen. Bild: Sony Music

Jade über ihren neuen Sound

Marie Claire: Liebe Jade, Sie sind dreimal als Solokünstlerin bei „The X-Factor“ angetreten, bevor Sie zu Little Mix gestoßen sind. Fühlt sich Ihre Solokarriere wie der Beginn einer neuen Reise an – oder wie das Ende einer sehr langen?

JADE: Ich würde sagen, beides. Little Mix war ein riesiger Teil meines Lebens. Als wir beschlossen haben, eine Pause einzulegen, hatte ich Angst vor den Veränderungen, die das mit sich bringen würde – einfach weil ich das, wofür wir standen, so sehr geliebt habe. Aber ich wusste auch, dass ich lernen musste, nicht mehr von den anderen Mädels abhängig zu sein.

Glücklicherweise hat mir die Arbeit an meiner Soloplatte geholfen, einen Abschluss zu finden – und gleichzeitig Lust auf einen Neuanfang gemacht. Jetzt habe ich beim Songwriting viel mehr Freiheit und kann über Themen sprechen, die nur mich betreffen. Ehrlich gesagt bin ich sehr dankbar, dass ich zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben als Solokünstlerin arbeiten kann. Vor zehn Jahren hätte ich das, glaube ich, noch nicht geschafft.

Marie Claire: Welchen Aspekt der täglichen Arbeit finden Sie als Solokünstlerin bisher am herausforderndsten?

JADE: Am Anfang hatte ich ein bisschen mit Einsamkeit zu kämpfen. Ich musste nie zuvor kreative Entscheidungen allein treffen. Und wenn ich mal einen schlechten Tag hatte, konnte ich mich immer an die anderen Mädchen halten und mich von ihnen mitziehen lassen. Mittlerweile habe ich aber gelernt, meine eigene Gesellschaft mehr zu genießen – und es gibt mir viel Selbstvertrauen zu wissen, dass ich allein gute Entscheidungen treffen und erfolgreich sein kann.

Marie Claire: Das Album hat einen starken Dance-Sound. Warum haben Sie sich dafür entschieden?

JADE: Ehrlich gesagt habe ich selbst nicht erwartet, dass das Album am Ende so klingt. In meinem Kopf sollte es eigentlich reiner Pop werden, weil das der Sound war, den ich im Ohr hatte, als ich die Band verlassen habe. Aber dann habe ich angefangen, auf den Musikstil zurückzugreifen, den ich schon vor Little Mix geliebt habe.

Als Jugendliche haben meine Freundinnen und ich Clubland-Klassiker wie Scooter und Cascada gehört – ich liebe es einfach, auszugehen! Meine Eltern hingegen waren große Motown-Fans, und das hat mich ebenfalls sehr geprägt. So habe ich diese Einflüsse ganz organisch miteinander vermischt und zu meinem eigenen Sound zusammengesetzt – ein musikalisches Frankenstein-Experiment, sozusagen.

Marie Claire: Welcher Song hat im Studio am längsten gebraucht?

JADE: „Angel of my Dreams“ war leicht zu schreiben, aber das Abmischen war eine echte Herausforderung. Der Song ist sehr laut und vollgepackt, weil er Live-Instrumente, Synths und starken Bass kombiniert. Da es meine erste Solo-Single war, wollte ich unbedingt, dass sie perfekt wird – also haben mein Produzent Mike Sabbath und ich uns ständig E-Mails mit den kleinsten Details hin- und hergeschickt: „Die Snare ist zu laut“, „Das Ad-lib muss lauter“. Am Ende gab es bestimmt 45 verschiedene Versionen. Aber wenn ich den Song jetzt höre, denke ich: Das ist ein Meisterwerk. Es hat sich also gelohnt.

Marie Claire: In welchem Bereich haben Sie Solo bisher am meisten Fortschritte gemacht?

JADE: Eigentlich in allen. Ich überrasche mich selbst mit dem, was ich kann. Mein erstes Solo-Live-Set war auf einem Festival. Vor dem Auftritt war ich sehr nervös, aber danach bin ich von der Bühne gegangen und dachte: „Oh mein Gott – ich wusste gar nicht, dass ich das in mir habe.“

Damals haben sich viele gefragt, wie ich wohl klingen und ob ich mich außerhalb der Band behaupten würde. Deshalb bin ich mit einer Art Underdog-Mentalität rangegangen. Ich glaube, ich blühe richtig auf, wenn ich mich beweisen will.

Marie Claire: Haben Ihre Little-Mix-Kolleginnen Ihr Album schon gehört?

JADE: Nein, bisher noch nicht. Ich glaube, wir wussten alle, dass wir uns in dieser Phase lieber nicht gegenseitig beeinflussen sollten. Aber Perrie hat mir vor einer Weile geschrieben und mich gebeten, ihr den neuen Song zu schicken, weil sie einen Ausschnitt davon gehört hatte. Ich denke, sie werden sehr stolz sein. Es ist einfach schön, dass wir uns gegenseitig unterstützen. Wir freuen uns wirklich, wenn wir sehen, dass die Anderen erfolgreich sind.

Marie Claire: Können Sie sich vorstellen, welche Songs ihre Favoriten sein könnten?

JADE: Ich glaube, Leigh-Anne wird „Glitch“ am meisten mögen, weil der Song einen leichten R’n’B-Vibe hat. Ich weiß, dass Perries bisheriger Favorit „Plastic Box“ ist – daher könnte ich mir vorstellen, dass sie auch „Lip Service“ oder „Self-Saboteur“ mögen wird.

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Für die Bildsprache ihres ersten Soloalbums bedient sich Jade Motiven aus der Popmusik der frühen 2000er-Jahre. Bild: Sony Music

Jade über ihre Beziehung zur Musikindustrie

Marie Claire: Ihre erste Solo-Single „Angel of my Dreams“ beleuchtet toxische Strukturen in der Musikindustrie. Können Sie sich an bestimmte Momente Ihrer Karriere erinnern, die Sie dazu inspiriert haben?

JADE: Es gibt einige Erlebnisse aus den frühen Tagen bei „The X-Factor“, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben sind. Die Leute vergessen oft: „The X-Factor“ ist nicht nur eine Talentshow, sondern auch ein Unterhaltungsformat – und manchmal geschieht das auf Kosten der Teilnehmer:innen. Am deutlichsten erinnere ich mich an die Nacht des Finales. Uns wurde ein völlig verrückter Zeitplan gegeben, in dem festgelegt war, was passieren würde, wenn wir die Show gewinnen. Ich glaube, in dieser Woche begann jeder Tag für uns um 3 Uhr morgens.  Frühstücksfernsehen, Radiointerviews – das waren damals die Dinge, die man tun musste, um in die Charts zu kommen. Und dann liegt plötzlich ein Vertrag vor Dir, dessen Inhalt Du überhaupt nicht verstehst, den Du aber  unterschreiben musst. Für ein junges Mädchen aus einer Kleinstadt im Norden Englands war das sehr viel auf einmal.

Marie Claire: Und über Nacht kennt plötzlich jeder Ihren Namen.

JADE: Ja, auf einmal verkaufen Menschen Geschichten über Dich an die Presse, weil Dein Leben nun in der Öffentlichkeit steht. Damals war es den Paparazzi noch erlaubt, einfach die Autotür aufzumachen, um Fotos zu machen. Oder sie folgten einem nach Hause und versuchten, unter den Rock zu fotografieren – ich glaube nicht, dass irgendjemand weiß, wie man damit umgehen soll.

Marie Claire: Haben Sie Sandie Shaws Hit „Puppet on a String“ aus dem Jahr 1967 gesampelt, um den Kontrollverlust über Ihr eigenes Leben zu betonen?

JADE: Es ist etwas komplexer als das. Einerseits, ja – manchmal hatte ich schon das Gefühl, bei Entscheidungen in die Enge gedrängt zu werden. Aber die Wahrheit ist, dass wir vier sehr viel kreative Kontrolle über unsere Musik hatten. Wir haben außerdem unglaublich hart gearbeitet und waren großartige Performerinnen – aber die Presse hat uns trotzdem als „Marionetten“ abgestempelt, nur wegen des Plattenlabels, bei dem wir unter Vertrag standen. Das hat uns wirklich geärgert. Es hat Jahre gedauert, bis wir als Künstlerinnen ernst genommen wurden, Auszeichnungen bekamen und Anerkennung von der Kritik erhielten. Sandie Shaw ist übrigens auch jemand, die ihr ganzes Leben lang dafür gekämpft hat, dass Künstler:innen mehr Rechte haben – ihren Song auf meinem Album zu verwenden erschien mir daher auf vielen Ebenen passend.

Marie Claire: Welche Veränderungen braucht es Ihrer Meinung nach in der Branche?

JADE: Wenn Plattenfirmen wollen, dass ihr Talent die beste Künstler:in wird, die es sein kann, müssen sie es unterstützen. Ich finde es zum Beispiel entscheidend, dass junge Künstler:innen vor der Vertragsunterzeichnung eine Schulung erhalten. Ein Workshop, in dem jemand ihnen die Abläufe der Branche erklärt. Denn wenn sie nicht verstehen, was sie unterschreiben, werden sie ausgenutzt – wie funktionieren eigentlich Tantiemen? Um ehrlich zu sein, weiß ich das bis heute nicht so genau.

Außerdem sollte jede junge Künstlerin und jeder junge Künstler eine Mentor:in haben, an den oder die sie sich wenden können, wenn es Probleme gibt oder Fragen auftauchen. Zum Glück hatten Little Mix zu Beginn eine Gruppentherapie – ich bin sicher, ohne sie wären wir alle irgendwann zusammengebrochen. Genau deshalb war mentale Gesundheitsfürsorge für mich ein wichtiger Punkt, als ich als Solokünstlerin meinen Vertrag unterschrieben habe. Heute habe ich ein Wellness-Budget, das ich für Therapiesitzungen nutzen kann – und ich würde mir wünschen, dass so etwas auch für aufstrebende Künstler:innen zum Standard wird.

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Eine Frau mit einer klaren Vision: Jade Thirlwall hat große Pläne für ihre Solokarriere. Bild: Sony Music

Jade über ihre erste Solo-Tournee

Marie Claire: Sie bereiten sich auf Ihre erste Solo-Tournee vor. Erzählen Sie uns von Ihren Ideen für That’s Showbiz Baby.

JADE: Ich möchte, dass die Optik den Maximalismus meiner Musik widerspiegelt – also wird sie ziemlich dramatisch und theatralisch. Sie können viele Anspielungen auf die großartigen Pop-Ikonen der 2000er erwarten, wie Gwen Stefani oder Britney Spears. Gleichzeitig deutet sich eine gewisse Dunkelheit unter der fröhlichen Ästhetik an – denn ich liebe auch Horrorfilme! Zum Beispiel enthält das Musikvideo zu „FUFN“ Elemente aus „Jennifer’s Body“ und „Smile“, während „Angel of my Dreams“ ein wenig „Black Swan“ in sich trägt.

Marie Claire: Welchen Song können Sie kaum erwarten live zu performen?

JADE: Ich glaube, „Headache“ wird richtig Spaß machen, und ich bin gespannt, was ich aus „Natural at Disaster“ herausholen kann, weil er sehr groß und emotional klingt – es wird interessant zu sehen, wie sich das live umsetzen lässt. Aber am meisten freue ich mich darauf zu beobachten, welcher Song beim Publikum am besten ankommt. Wer weiß, vielleicht wird genau der dann die nächste Single.

Marie Claire: Besteht denn die Chance, dass ein Little-Mix-Song auf die Setlist kommt? Ihr Arrangement von „Shout Out to My Ex“ beim Capital Summertime Ball im Juni bekam schließlich viel Jubel.

JADE: Ich bin noch unentschlossen. Einerseits finde ich, mein Album ist so stark, dass ich das eigentlich nicht brauche – vor allem nicht für meine erste Solo-Tour. Andererseits liebe ich die Songs von Little Mix einfach sehr. Es könnte tatsächlich ziemlich cool sein, einen von ihnen so neu zu interpretieren, dass er in meiner Welt funktioniert. Wir werden sehen.

Marie Claire: Sie haben ein Tattoo mit dem Schriftzug „Jeder kann seine Träume erreichen, wenn er sich traut“ – was ist im Moment Ihr größter Traum?

JADE: Dass mein Album ein von der Kritik gefeierter Erfolg wird. Ich wünsche mir, dass die Leute meine Gedankenwelt verstehen. Und ich möchte unbedingt die Welt betouren – egal in welchem Rahmen. Es gibt so viele Orte, an denen ich noch nie war, die ich aber sehen möchte. Ich will einfach wissen, dass ich das ganz allein schaffen kann.

Marie Claire: Wir möchten eine Plattform sein, auf der starke Frauen ihre Stimme erheben können – was möchten Sie unseren Leserinnen sagen?

JADE: Ich möchte junge Frauen ermutigen, sich zu Wort zu melden, wenn sie sich unwohl fühlen. Ich habe ehrlich das Gefühl, dass ich immer dann die beste Version meiner selbst war, wenn ich meine Ängste überwunden und offen gesagt habe, was mir wichtig ist. Deshalb möchte ich, dass Sie wissen: Sie können sich selbst treu bleiben und trotzdem erfolgreich sein und aufblühen. Machen Sie sich nicht klein – vor allem nicht für Männer. Es passiert derzeit vieles auf der Welt, das für mich völlig inakzeptabel ist. Haben Sie keine Angst, für das einzustehen, was Sie für richtig halten.

In ihrer Debütsingle „Angel of my Dreams“ rechnet Jade mit den toxischen Strukturen der Musikindustrie ab.

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