Grenzen setzen: Kommunikations-Expertin Dana Buchzik macht Mut zum Widerspruch

Ein klares Nein fällt vielen schwer. Doch was kostet es uns, wenn wir immer Ja sagen? Kommunikationsberaterin und Autorin Dana Buchzik geht dieser Frage in ihrem neuen Buch „The Power of No. Warum wir endlich unbequem werden müssen“ auf den Grund. Im Interview mit Marie Claire erklärt sie, warum das Neinsagen für uns so wichtig ist – und wie wir es lernen können.

Porträtfoto der Journalistin und Kommunikationsberaterin Dana Buchzik
Dana Buchzik plädiert in ihrem neuen Buch für das Konfliktgespräch als soziales Bindemittel. Foto: © Caroline Pitzke

Kommunikation mit Klarheit

Ein kleines Wort mit großer Kraft – ein Nein erfordert oft Überwindung, eröffnet aber auch neue Freiräume. Sich abzugrenzen, ist schließlich privat und beruflich essentiell, aber auch ein wichtiger gesellschaftlicher Faktor. Allerdings ignorieren wir viel zu oft unsere eigenen Grenzen – die Folgen sind schwelende Konflikte, Frust und anhaltende Unzufriedenheit. Wirkliche Veränderungen erfordern jedoch den Mut zur Auseinandersetzung und den Dialog, auch wenn er schwierig ist. So beschreibt es Dana Buchzik in ihrem neuen Buch „The Power of No. Warum wir endlich unbequem werden müssen“.

Die profilierte Journalistin und Kommunikationsberaterin war unter anderem Redaktionsleiterin der „No Hate Speech“-Kampagne des Europarats gegen Hass im Netz und lehrt in Workshops und Fortbildungen, wie man sich gegen Grenzverletzungen wehrt und eine konstruktive Konfliktkultur schafft. Sie sieht das ehrliche, respektvolle Streitgespräch als unverzichtbares Fundament, um Beziehungen auf Augenhöhe zu führen – sei es im privaten Umfeld, im Berufsleben oder innerhalb unserer demokratischen Gesellschaft. Wir wollen im Interview von Dana Buchzik wissen, woher die Hemmschwelle, ein Nein zu formulieren, kommt und wie wir unsere eigenen Grenzen erkennen und markieren können.

Covermotiv des Buchs "The Power of No" von Dana Buchzik
„The Power of No. Warum wir endlich unbequem werden müssen“ von Dana Buchzik ist bei Klett-Cotta erschienen. Foto: © Klett-Cotta

Dana Buchzik im Interview

Marie Claire: Warum fällt es uns so oft schwer, Nein zu sagen – und warum ist es so wichtig, es zu lernen?

Dana Buchzik: Ob wir an religiöse Erzählungen denken, an Superheldencomics oder romantische Komödien: Überall findet sich das Narrativ, dass sich ein guter Mensch aufopfern muss. Als soziale Wesen ist unsere Zugehörigkeit zu Gemeinschaften überlebenswichtig, und ein Nein kann sich wie eine Bedrohung dieser Verbindung anfühlen. Dazu passt auch eine Erkenntnis der Sprachwissenschaft: Wir sprechen ein Nein langsamer aus als ein Ja. Für mich ist ein Nein ein Symbol der Gegenwehr gegen alles, womit wir aufgewachsen sind. Diese Gegenwehr kostet oft Kraft, aber sie ist alternativlos. Wir können nur dann gesunde Beziehungen auf Augenhöhe führen, wenn wir für unsere Grenzen und Bedürfnisse einstehen. 

 

"Frauen werden von klein auf in die Ja-Sager-Rolle gedrängt."

Marie Claire: Wie kommt es, dass sich gerade Frauen oft in der „Ja-Sager“-Rolle wiederfinden?

Dana Buchzik: Frauen werden von klein auf in die Ja-Sager-Rolle gedrängt. Wir werden belohnt, wenn wir still und artig sind. Wenn wir nicht widersprechen. Wenn wir bei Streit vermitteln und unsere Bedürfnisse hintanstellen. Diese Dynamik setzt sich auch im Erwachsenenleben fort.

Marie Claire: Im beruflichen Kontext zum Beispiel wird ein Nein von einer Frau anders aufgenommen und bewertet als das von einem Mann…

Dana Buchzik: Genau. Sind Frauen im Job nicht hilfsbereit, leidet meist ihr Ruf; bei Männern ist das weniger der Fall. Treten Frauen für sich ein und lassen nicht zu, dass andere ihre Leistungen vereinnahmen oder kleinreden, gelten sie eher als arrogant; Männer aber werden für das gleiche Verhalten als selbstbewusst gefeiert. Solange identisches Verhalten unterschiedlich bewertet wird, ist die Forderung absurd, dass sich Frauen „einfach“ mehr wie Männer benehmen müssten, um beruflich voranzukommen.

"Wie bei einem Muskel ist regelmäßiges Training wichtig, um in unsere Kraft zu kommen. "

Marie Claire: Wie erkennen wir überhaupt, wo unsere eigenen Grenzen und roten Linien liegen?

Dana Buchzik: Durch Achtsamkeit. Oft signalisiert unser Körper uns schon sehr früh, wenn wir uns in einem Kontakt nicht sicher fühlen. Bei manchen zwickt der Nacken, bei anderen der Bauch, wieder andere werden zappelig oder verlieren Körperspannung und sacken förmlich in sich zusammen. Je sensibler wir für solche Frühwarnzeichen werden, desto schneller können wir intervenieren und uns schützen. 

Marie Claire: Was kann man im Alltag tun, um sich im Neinsagen zu üben?

Dana Buchzik: Wie bei einem Muskel ist regelmäßiges Training wichtig, um in unsere Kraft zu kommen. Hilfreich ist auch ein Erfolgstagebuch: Wenn wir festhalten, wann und wo wir Nein gesagt haben, können wir Gefühle wie Erleichterung und Stolz noch besser in uns verankern. Auch das stärkt uns für die nächste herausfordernde Situation. 

"Ein Konflikt ist kein Freifahrtschein, um jede emotionale Selbstregulation über Bord zu werfen."

Marie Claire: Sie sprechen in Ihrem Buch von Konfliktgesprächen als notwendigem Bindemittel für gesunde Beziehungen. Warum hat Streit so eine wichtige Rolle?

Dana Buchzik: Eine offene Gesellschaft lebt von Widerspruch und Streit, und auch in unseren privaten Beziehungen ist es wichtig, dass Tacheles geredet werden darf. Wichtig ist aber, dabei respektvoll zu bleiben. Ein Konflikt ist kein Freifahrtschein, um jede emotionale Selbstregulation über Bord zu werfen. Nur wenn wir konstruktiv streiten, können wir verhindern, dass es zu ernsthaften Verletzungen kommt. 

Marie Claire: Gibt es Leitlinien, die helfen können, ein Konfliktgespräch konstruktiv zu führen?

Dana Buchzik: Auf vieles im Leben können wir uns nicht vorbereiten. Darauf, dass es in einer Beziehung zum Konflikt kommt, aber schon. Ich empfehle, sich in einem harmonischen Moment zusammenzusetzen und zu besprechen, was uns in einer Konfliktsituation wichtig ist: Welche Formulierungen, welche Verhaltensweisen gehen gar nicht, egal, wie groß die Enttäuschung oder Wut sein mag? An welchen Gefühlen, Gedanken oder unbewussten Reaktionen wie etwa Fäuste ballen spüre ich, dass ich gerade nicht mehr konstruktiv kommunizieren kann? Wollen wir für genau diesen Moment ein Codewort vereinbaren, nach dem die Diskussion erstmal für eine halbe Stunde unterbrochen wird, damit ich mich emotional versorgen und regulieren kann? Hilft es mir, wenn meine Partnerperson meine Hand nimmt oder mich umarmt, oder brauche ich einen Spaziergang zum Durchatmen? Je besser wir uns selbst kennen und je transparenter wir kommunizieren, desto besser können wir Eskalationen vermeiden. 

"Die sozialen Plattformen sind ein perfekter Nährboden für Grenzverletzungen."

Marie Claire: Wie verändert die digitale Welt unser Verständnis von Abgrenzung? Gibt es eine neue Art der Grenzverletzung durch permanente Erreichbarkeit und soziale Medien?

Dana Buchzik: Die sozialen Plattformen sind ein perfekter Nährboden für Grenzverletzungen: Demokratiefeindliche Akteure können immer wieder ungestört Hass und Desinformation verbreiten. Unsere Meldungen von gewaltvollen Inhalten werden zum großen Teil abgeschmettert. Die Algorithmen sind darauf ausgelegt, uns so lange wie möglich online festzuhalten, damit mehr Werbung ausgespielt werden kann. Nachhaltige Abgrenzung und Selbstschutz sind unter solchen Umständen kaum möglich. 

Marie Claire: In Ihrem Buch beleuchten Sie das Nein auch als gesellschaftliches Thema und beschreiben als aktuelles Phänomen zwei Extreme: Auf der einen Seite sehen wir Menschen, die Konflikte scheuen, und auf der anderen solche, die Streit regelrecht suchen. Wodurch lässt sich diese Spaltung erklären?

Dana Buchzik: Viele Menschen schreiben Kommunikation eine Macht zu, die weit über ihre realen Möglichkeiten hinausgeht. Streit gilt entweder als Beweis, dass eine Beziehung – oder die Demokratie – am Ende wäre, oder als Heilsversprechen, im Sinne von: „Wenn wirklich alles auf den Tisch gekommen ist, wenn wir wirklich lange genug zugehört haben, dann wird alles gut.“ Letztlich ist beides magisches Denken, das uns nicht weiterbringt. Die einzigen Gewinner solcher Debatten sind Populisten.

Marie Claire: Was meinen Sie damit?

Dana Buchzik: Wird Streit pauschal vermieden oder glorifiziert, bedeutet das mehr Aufmerksamkeit für populistische Parolen: Sie stehen dann entweder unwidersprochen im Raum oder bekommen durch inhaltliche Diskussionen noch mehr Reichweite. Weil Populisten weder an ehrlichem Austausch noch an Problemlösungen interessiert sind, bringen uns hier weder Kompromisse noch Streit weiter. Wir müssen auf der Metaebene ihre Manipulationsstrategien aufzeigen und erklären, statt uns auf sinnlose Debatten mit ihnen einzulassen. 

"Es gehört zum Menschsein dazu, dass wir unterschiedliche Bedürfnisse und Grenzen haben."

Marie Claire: Wie können wir in Zeiten von wachsender Polarisierung und Desinformation lernen, klare Grenzen zu setzen, ohne den Dialog zu verlieren?

Dana Buchzik: Hier würde ich einen Unterschied machen zwischen unserem Online- und Offline-Alltag. Online ist der Dialog mit Andersdenkenden oft zum Scheitern verurteilt. Studien zeigen, dass viele Menschen heute nur noch mit Andersdenkenden kommunizieren, weil sie ihrer Bubble öffentlich beweisen wollen, wie sehr sie den vermeintlichen „Feind“ verachten. Alle Herausforderungen der direkten Begegnung – zum Beispiel, dass wir ungeduldiger sind, wenn wir uns moralisch im Recht fühlen – werden bei Online-Diskussionen verschärft. Wir spüren die Basisregeln des menschlichen Miteinanders kaum noch, wenn wir unser Gegenüber nicht leibhaftig vor uns haben. Deswegen eskalieren Online-Diskussionen schneller und kosten an vielen Stellen unnötig Zeit und Kraft. 

Im direkten Umfeld aber können gesunde Grenzen Beziehungsarbeit sein. Es gehört zum Menschsein dazu, dass wir unterschiedliche Bedürfnisse und Grenzen haben. Wir stärken unsere Beziehungen, indem wir unserem Gegenüber ehrlich mitteilen, was wir brauchen, um bleiben und gemeinsam wachsen zu können. 

Marie Claire: Wir bei Marie Claire wollen den gesellschaftlichen Diskurs stärken und speziell Frauen und ihren Themen eine Bühne geben. Gibt es etwas, was Sie unseren Leser:innen gerne mit auf den Weg geben möchten? 

Dana Buchzik: Ein Nein ist der erste Schritt zur Freiheit und wir alle haben das Recht, frei zu sein.

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