Der Kinderwunsch gehört für viele Frauen zu ihrer Vorstellung der Zukunft dazu. Doch was, wenn dieser Wunsch unerfüllt bleibt? Zwischen gesellschaftlichen Erwartungen, medizinischer Realität und persönlichen Lebensvorstellungen entsteht ein Spannungsfeld, das noch immer mit vielen Mythen und Tabus behaftet ist.
„Na, wird’s nicht langsam Zeit?“ Etwa jedes zehnte Paar in Deutschland ist langfristig von ungewollter Kinderlosigkeit betroffen. Die Erfahrung, sich ein Kind zu wünschen und keines auf natürlichem Wege zu bekommen, ist damit zwar weit verbreitet, bleibt jedoch oft ein Tabu. Viele Frauen spüren neben Trauer vor allem gesellschaftlichen Druck. Die Periode damit nicht selten zum Symbol der Trauer und der monatlichen Erinnerung daran, dass es wieder nicht geklappt hat.
„Traditional Wife“ (kurz: Tradwife) zu sein bedeutet Haushalt, Kinder und die Küche als Lebensmittelpunkt zu haben. Foto. unsplash.com/museum-of-new-zealand-te-papa-tongarewa-
Obwohl sich die Rollenbilder in den letzten Jahrzehnten gewandelt haben, hält sich ein Narrativ besonders hartnäckig: Mutterschaft sei der logische, ja gar „natürliche“ Lebensweg jeder Frau. Tief verankert in sozialen Normen und Alltagsgesprächen gilt Muttersein damit noch immer als quasi verpflichtender Schritt im Leben jeder Frau. Auch in Filmen, Serien und auf Social Media wird das Mutterbild häufig als ultimatives Ziel romantisiert. Sogenannte Tradwifes sind ein aktuelles besorgniserregendes Phänomen, die das Mutter- und Ehefrau-Sein als Kern der Identität propagieren.
Gehen wir Frauen auf die 30 zu wird es auch in unserem sozialen Umfeld zu einem immer präsenteren Thema: Freund:innen planen oder bekommen Kinder, Verwandte warten ungeduldig. „Und, wann ist es bei euch soweit?“ ist eine vermeintlich harmlose Frage, die für viele Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch jedoch zutiefst triggernd sein kann.
Vor allem Frauen über 30 berichten von einem wachsenden gesellschaftlichen Druck: Studien zufolge empfindet fast die Hälfte, dass sie sich durch ihre Kinderlosigkeit von außen persönlich abgewertet, stigmatisiert und ungewollt beraten werden. Die Botschaft: Eine Frau ohne Kind entspricht nicht der Norm.
Dabei sind die Gründe für eine ausbleibende Schwangerschaft vielfältig. Es kann medizinischer, biologischer, beziehungsbedingter oder schlicht individuell persönlicher Natur sein. Doch selten wird offen darüber gesprochen. Betroffene berichten, dass sie das Gefühl haben, sich rechtfertigen zu müssen. Frauen wie Julia Brandner möchten mit den Mythen und Stigmata aufräumen. In ihrem Buch „I’m not kidding“ erzählt sie, warum sie sich bewusst gegen Kinder entschieden und sich mit 28 Jahren sterilisieren lassen hat. Aber nicht jede Frau, die keine Kinder hat, hat sich bewusst dagegen entschieden. Häufig ist es ein langer Weg zwischen Wunsch und Wirklichkeit, begleitet von gescheiterten Versuchen, medizinischen Diagnosen und einer Bewährungsprobe für die Partnerschaft. Und nicht nur das: Gleichzeitig bleibt der unerfüllte Kinderwunsch noch immer ein Tabuthema.
Wenn der Kinderwunsch unerfüllt bleibt, stehen viele alleinstehende Frauen und Paare irgendwann vor einer entscheidenden Frage: Weitermachen oder loslassen?
Einige entscheiden sich dann bewusst gegen ein Kind. Der Entschluss, nicht weiterzumachen, bedeutet aber nicht aufzugeben, sondern kann auch einen Neuanfang markieren. Karin (Anm. d. Red.: Name wurde geändert) trennte sich mit 33 von ihrem langjährigen Partner und überlegte sich zunächst ihre Eizellen einfrieren zu lassen. Nach langem Hin und Her entschied sie sich bewusst dagegen. „Als ich mich von dem mich jagendem Gedanken verabschiedet habe, überkam mich ein Gefühl der Freiheit“, erzählt sie. „Ich habe mich neu kennengelernt und meinen Lebensentwurf an mein eigenes Glück angepasst.“
Obwohl viele Betroffene häufig ein jahrzehntelanges Auf und Ab aus jahrelangen Klinikbehandlungen, Hormonspritzen und medizinischen Eingriffen erleben, entschied sich Maja für das Weitermachen. Denn auch diese Entscheidung kann richtig sein. Durch das Polyzystischen Ovarsyndrom (kurz: PCOS) ist ihre Fruchtbarkeit zwar beeinflusst, es besteht jedoch trotzdem durchaus Hoffnung. Dass hormonelle Regulationsstörungen kein Ausschlusskriterium für eine Schwangerschaft sein müssen, erklärte uns auch Gynäkologin Dr. Dorothee Biener. Der Weg mag länger und medizinisch begleitet sein, doch er kann dennoch zu einem Leben mit Kind führen.
Der Schwangerschaftstest wird zum Symbol der Erwartungen. Foto: pexels-tima-miroshnichenko
Was aber, wenn die Versuche erfolglos bleiben? Für Maja wurde der Schwangerschaftstest zum stillen Symbol eines Traums, der sich (noch) nicht erfüllt hat. „Jedes Mal, wenn der eine Strich fehlte, fiel ich in ein tiefes Loch“, erzählt sie. Viele Betroffene berichten von anhaltender Ängstlichkeit, depressiven Verstimmungen, Stress und einem Gefühl des Kontrollverlusts. Zwischen Warten, Hoffen und Bangen ist die emotionale Belastung enorm. Studien zeigen, dass die häufigsten Ursachen für den Abbruch einer Kinderwunschbehandlung nicht nur die Kosten, sondern auch die psychischen Folgen sind.
Maja hat sich psychologische Unterstützung geholt, um mit ihrer Situation umzugehen. „Ich habe lange gebraucht, mir einzugestehen, dass ich Hilfe brauche“, erzählt die 30-Jährige aus Berlin. Ihre Message? Nicht erst um Hilfe bitten, wenn es nicht mehr anders zu gehen scheint. Psychologische Unterstützung kann helfen, mit den psychischen Auswirkungen umzugehen. Und das nicht erst, wenn wir das Gefühl haben, nicht mehr im Alltag zurechtzukommen. Klar ist: Spätestens dann sollten wir uns Hilfe suchen.
Der unerfüllte Kinderwunsch ist kein Einzelschicksal, aber durch gesellschaftliche Stigmatisierung fühlen sich Betroffene allein gelassen oder gar als Versagerinnen. Ob mit Kind oder ohne Kind: Entscheidend ist, dass Frauen ihren eigenen Weg finden dürfen. Und das ohne Schuldgefühle, ohne gesellschaftlichen Druck und mit der Freiheit, aufzuhören oder es weiter zu versuchen.
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