Julia Brandner vertraut auf ihr Bauchgefühl und weiß schon früh: Mutterschaft gehört nicht zu ihrem Lebensmodell. In ihrem Buch „I’m not kidding“ erzählt die Comedienne und Autorin, warum sie sich bewusst gegen Kinder entschieden und sich mit 28 Jahren sterilisieren lassen hat. Mit welchem Gegenwind sie auf ihrem Weg zu kämpfen hatte und welches gesellschaftliche Umdenken sie sich wünscht, verrät sie im Interview mit Marie Claire.
Julia Brandner ist sich sicher: Sie braucht keinen Nachwuchs, um ein erfülltes Leben zu führen. In ihrem Buch „I’m not kidding“ beschreibt die österreichische Stand-up-Comedienne und Autorin, warum sie schon früh wusste, dass sie niemals Mutter werden will, und wie sie sich schließlich für den Schritt zur Sterilisation entschlossen hat. Mit viel Humor und großer Offenheit beschreibt sie ihren ganz persönlichen Weg, aber auch den allgemeinen Druck der Gesellschaft, der noch immer auf vielen Frauen lastet.
Dafür nimmt sie die gesellschaftlichen Erwartungen in den Blick und beleuchtet die Mythen rund um das Thema Mutterschaft, die seit Jahrhunderten tief im kollektiven Bewusstsein verankert sind. Wir wollen von Julia Brandner wissen, warum das Kinderkriegen auch heute noch keine reine Privatsache, sondern ein Politikum zu sein scheint, und was es braucht, damit sich Frauen wirklich frei für oder gegen eigene Kinder entscheiden können.
Marie Claire: Wann war für Sie endgültig klar, dass Sie keine Kinder bekommen möchten?
Julia Brandner: Schon als Kind war ich mir dessen sehr sicher. Ich hatte zwar immer eine lebhafte Fantasie und konnte mir vieles vorstellen, aber in einer Mutterrolle habe ich mich nie gesehen, egal, wie sehr ich mich angestrengt habe.
Marie Claire: Welche Faktoren spielten eine Rolle bei Ihrer Entscheidung?
Julia Brandner: In erster Linie das eigene Bauchgefühl. Natürlich gibt es auch rationale Argumente, beispielsweise, dass Schwangerschaften und Geburten unfassbare körperliche Höchstleistungen sind, vor denen ich zu viel Respekt habe, dass Kinder gerade für Frauen das größte Armutsrisiko darstellen, die Strukturen für Eltern und gerade Alleinerziehende wirklich schwierig sind und die Welt gefühlt jeden Tag schlimmer wird und ich das einem Kind nicht antun wollen würde. Das Ding ist nur: Hätte ich in mir drin den Wunsch nach einem Kind, wären mir alle rationalen Argumente gegen Kinder egal und ich würde alles daran setzen, mir diesen Wunsch trotzdem zu erfüllen.
Marie Claire: Warum haben Sie den unumkehrbaren Schritt der Sterilisation gewählt?
Julia Brandner: Wenn ich mir doch sicher bin, keine Kinder zu wollen, ist es nun mal die unkomplizierteste Verhütungsmethode. Ja, es ist ein operativer Eingriff, aber es ist ein Routineeingriff, bei dem neben den normalen OP-Risiken selten was schiefgeht. Sich dauerhaft Hormone zuzuführen oder einen Fremdkörper in die Gebärmutter setzen zu lassen, wenn ich doch weiß, ich möchte definitiv keine Kinder, macht für mich keinen Sinn. Außerdem vertrage ich beispielsweise die Goldspirale aufgrund meiner Gebärmutterfehlbildung nicht.
Marie Claire: Auf welche Widerstände sind Sie gestoßen?
Julia Brandner: In meinem Alter ist es schwierig, jemanden zu finden, der diesen Eingriff durchführt. Am Ende hieß es, ich könne mich sterilisieren lassen, aber nur, wenn ich ein psychiatrisches Gutachten vorlege, das meine Zurechnungsfähigkeit bestätigt.
Marie Claire: Haben Sie Sorgen, Ihre Entscheidung eines Tages zu bereuen?
Julia Brandner: Nein, sonst hätte ich es nicht gemacht. Aber selbst, wenn ich es bereue: Ich habe keine Eileiter mehr, aber funktionierende Eierstöcke und Gebärmutter. In Vitro Fertilisation ist immer noch möglich, so könnte ich sogar noch eigene Kinder bekommen. Es wäre ein aufwendigerer Prozess, aber zumindest ist das Kind dann wirklich gewünscht.
Marie Claire: Wie hat Ihr Umfeld auf Ihren Entschluss reagiert?
Julia Brandner: Durchweg positiv oder gleichgültig, aber niemand hat mir reingeredet. Alle akzeptieren, dass das meine persönliche Entscheidung ist, die niemanden außer mich glücklich machen muss.
Marie Claire: Warum haben Sie sich dazu entschieden, Ihre Geschichte öffentlich zu machen?
Julia Brandner: Weil ich es schlimm finde, wie Frauen bei diesem Thema noch immer infantilisiert werden. Wenn ich mich mit 28 sterilisieren lassen möchte, zweifelt man daran, ob ich das schon für mich entscheiden kann, aber wenn ich mit 28 schwanger werden würde, würde niemand Fragen stellen, obwohl das das Leben doch viel mehr auf den Kopf stellt. Es geht darum, dass Menschen über ihren eigenen Körper entscheiden dürfen. Gerade Frauen wird dieses Recht immer wieder abgesprochen. Wir haben 2025 und sollten endlich an dem Punkt angelangt sein, an dem wir Frauen als mündige, vollwertige Menschen anerkennen.
Marie Claire: Warum, denken Sie, geht gewollte Kinderlosigkeit heute noch immer oft mit Diffamierung einher?
Julia Brandner: Ich habe mehrere Theorien dazu. Ich denke, die Politik hat Angst, dass das Rentensystem zusammenbricht, wenn immer mehr Frauen entscheiden, keine Kinder zu bekommen – obwohl der Generationenvertrag eh schon lang gescheitert ist. Zudem denke ich, dass Männer Angst haben, die Kontrolle über Frauen zu verlieren, wenn Frauen selbstbestimmte Wege gehen und sich auch immer häufiger gegen ein Leben mit Männern entscheiden – schließlich sind kinderfreie, unverheiratete Frauen entgegen des Klischees der einsamen verbitterten Furien die glücklichste Bevölkerungsgruppe.
Ich glaube, Rassist:innen haben Angst vor einem „Bevölkerungsaustausch“ oder einer „Islamisierung des Abendlandes“, wenn gerade weiße, blonde Frauen wie ich sich gegen Kinder entscheiden (leider beides wirklich schon so gehört). Und dann ist es halt einfach noch sehr in den Köpfen drin, dass man „halt Kinder bekommt“, weil es „das Natürlichste der Welt“ ist.
Marie Claire: Wieso müssen sich hauptsächlich Frauen im Gegensatz zu Männern dafür rechtfertigen, ein kinderloses Leben zu führen?
Julia Brandner: Verstehe ich auch nicht, immerhin haben Männer statistisch gesehen deutlich weniger Arbeit mit Kindern und müssen die ganzen körperlichen Aspekte davon nicht durchmachen.
Marie Claire: In Ihrem Buch gehen Sie auch darauf ein, welche negativen Aspekte Mutterschaft für Frauen haben kann. Was sind hier die wichtigsten Punkte und warum werden diese Ihrer Meinung nach in der öffentlichen Debatte so wenig thematisiert?
Julia Brandner: Die Gehaltskurve von Frauen sinkt rapide, sobald sie das erste Kind bekommen, während die Gehaltskurve von Männern davon in der Regel unberührt bleibt. Väter werden hierzulande nicht in die Pflicht genommen, sich um ihre Kinder zu kümmern, wie das beispielsweise in skandinavischen Ländern der Fall ist, wo beide Elternteile sich die Elternzeit teilen müssen. Dadurch – und weil Männer durch den Gender Pay Gap leider noch mehr verdienen – bleibt die Care-Arbeit häufig an der Mutter hängen, sie geht eher in Teilzeit und dadurch erhöht sich das Risiko von Altersarmut erheblich.
Zur zweiten Frage: Man muss sich nur mal ansehen, welche Menschen vorrangig Gesetze machen: Das sind größtenteils ältere, weiße Männer oder Menschen ohne großartige Betreuungspflichten. Was weit von der eigenen Lebensrealität entfernt ist, sieht man auch nicht so gut.
Marie Claire: Sie sprechen in ihrem Buch auch an, dass Abtreibungen in Deutschland immer noch strafbar sowie kostenpflichtig sind. Was sind die Folgen für die betroffenen Frauen und wie erklären Sie sich, dass der Körper von Frauen noch immer ein Politikum ist und keine Privatsache?
Julia Brandner: Dass Abtreibungen im Strafgesetzbuch geregelt sind, sorgt für eine Kriminalisierung der betroffenen Frauen und dadurch für ein erhöhtes gesellschaftliches Stigma. Deshalb finden sich auch weniger Ärzt:innen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, und die Versorgung kann nicht flächendeckend gewährleistet werden, wodurch Betroffene, die nicht gerade in Ballungsräumen leben, einen extrem eingeschränkten Zugang zu Abtreibungen erhalten. Deutschland begeht hier übrigens laut UN einen Verstoß gegen die Menschenrechtskonvention.
Wenn Frauen nicht abtreiben können, weil sie es sich nicht leisten können, entsteht zusätzlich ein indirekter Gebärzwang, der die eh schon Schwächsten der Gesellschaft trifft, und das darf nicht sein. Ich verstehe auch nicht, warum Paragraf 218 nicht endlich gestrichen wird, wo doch 80 % der Deutschen für die Streichung wären. Ich denke, es geht mal wieder darum, Frauenkörper zu kontrollieren, um patriarchale Strukturen aufrechtzuerhalten.
Außerdem hält sich das Gerücht, dass Frauen, die abtreiben, „zu blöd zum Verhüten“ seien oder Abtreibungen dann statt Verhütung nutzen würden. Beides ist in der Regel absoluter Bullshit. Frauen wollen keine Abtreibungen, wie sie eine neue Handtasche wollen. Sie brauchen sie, so wie eine Maus sich ihr eigenes Bein abbeißen würde, wenn sie dadurch aus einer Falle rauskäme.
Marie Claire: Welche gesellschaftlichen oder politischen Veränderungen wären nötig, damit Frauen sich wirklich frei für oder gegen Kinder entscheiden können?
Julia Brandner: Ich denke, es wäre schon mal viel getan, wenn jeder Mensch bei sich bleiben würde und, bevor er den (vorhandenen oder nicht vorhandenen) Kinderwunsch einer Frau kommentieren will, nachdenken würde: „Geht mich das jetzt wirklich was an? Spielt das in meinen eigenen Lebensbereich mit rein? Oder kann es mir im Wesentlichen scheißegal sein?“ (In den meisten Fällen ist die Antwort: Nein, es geht mich nichts an und es tangiert mich auch nicht, also halte ich mal die Fresse.)
Marie Claire: Wir bei Marie Claire haben es uns zur Aufgabe gemacht, Frauen und ihren Themen eine Stimme zu geben. Hätten Sie eine abschließende Message für unsere Leser:innen?
Julia Brandner: Ich habe vor kurzem einen meiner besten Freunde verloren und habe dadurch gesehen, wie kurz das Leben sein kann. Es ist zu kurz, um nach den Vorstellungen anderer zu leben und sich Lebensstile aufdrücken zu lassen, mit denen man sich selbst unglücklich machen würde.
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