Natascha Wegelin will, dass Frauen aus jeder Krise stärker hervorgehen

„Madame Moneypenny“ ist nicht nur eine Plattform für finanzielle Bildung und Mentoring von Frauen, sondern vor allen Dingen Natascha Wegelin. Im Marie-Claire-Interview spricht sie über Geld, Mut und Antifragilität

Natascha Wegelin, Gründerin und Geschäftsführerin Madame Moneypenny GmbH. Foto: Mirjam Hagen
Natascha Wegelin, Gründerin und Geschäftsführerin Madame Moneypenny GmbH. Foto: Mirjam Hagen

Mit Madame Moneypenny hat Natascha Wegelin die größte Finanz-Community für Frauen in Deutschland aufgebaut — über 500.000 sind Teil davon. Ihr aktuelles Buch „Die Krise liebt Frauen wie dich“ (Heyne, November 2025) ist SPIEGEL-Bestseller. Im Interview erklärt sie, wie Frauen aus Krisen stärker hervorgehen — finanziell und mental.

Marie Claire: Du hast mit Madame Moneypenny die größte Finanz-Community für Frauen in Deutschland aufgebaut – über 500.000 Frauen. Was war der Auslöser dafür, gezielt einen eigenen Zugang zu Finanzen für Frauen zu schaffen, und welche Rolle haben dabei deine eigenen finanziellen Fehler und Learnings gespielt?

Natascha Wegelin: Der Auslöser war ein sehr schmerzhafter eigener Fehler: Nach einer vermeintlich unabhängigen und kostenlosen Finanzberatung habe ich vor einigen Jahren rund 18.000 € verloren. Das hat mir klar gemacht: Ich kann meine eigenen Finanzen nicht an andere abgeben, sondern muss das Thema selbst in die Hand nehmen. Über mehrere Jahre habe ich mir deshalb intensiv selbst Wissen angeeignet und habe dabei hunderte Bücher und Podcasts konsumiert sowie zahlreiche Seminare besucht.

Je mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto klarer wurde mir, wie wenig zugänglich dieses Wissen für viele Menschen ist – insbesondere für Frauen, die sich oft nicht zuständig oder befähigt fühlen. Daraus ist zunächst eine Facebook-Gruppe entstanden, in der Frauen offen über Geld sprechen können. Daraus hat sich alles Weitere entwickelt und dazu geführt, dass wir heute tausenden Frauen dabei helfen dürfen, Ownership für ihre eigenen Finanzen zu übernehmen. 

Foto: Mirjam Hagen

MC: In deinem Buch sprichst du über Narrative, die Frauen klein halten: Warum tun sich viele so schwer mit dem Thema Geld – und wie können genau diese Denkmuster aufgebrochen werden?

NW: Dass sich vor allem Frauen mit dem Thema Geld noch oft schwer tun, hat erstmal wenig mit fehlendem Interesse zu tun, sondern vielmehr mit der unterschiedlichen Sozialisierung von Männern und Frauen. Von klein auf werden Frauen darauf konditioniert, dass Geld “Männersache” ist, und sie sich deshalb finanziell auf andere, wie zum Beispiel Partner oder den Staat, verlassen können und sollten. Gleichzeitig werden bei ihnen Attribute wie Fürsorge und Genügsamkeit belohnt, während Durchsetzungsfähigkeit bestenfalls belächelt, meist aber kritisiert wird. Das wirkt sich später auf Gehaltsverhandlungen, Vermögensaufbau und finanzielle Entscheidungen aus.

Der erste wichtige Schritt ist deshalb, diese sozialen Strukturen zu erkennen und nicht weiter wegzuschauen. Dazu zählt, seine eigenen Zahlen zu kennen und sich aktiv damit zu beschäftigen. Geld sollte nicht als Charaktertest, sondern vielmehr als Werkzeug angesehen werden, das uns Frauen dazu befähigt, selbstbestimmt zu leben. Wer das verinnerlicht, trifft Entscheidungen anders und baut sich langfristig eine echte Unabhängigkeit von Staat und Partner auf.

MC: Finanzielle Bildung gilt oft als Selbstschutz: Doch was genau bedeutet finanzielle Resilienz, warum betrifft sie Frauen in besonderer Weise und wann ist sie tatsächlich erreicht?

NW: Finanzielle Resilienz bedeutet im Kern, auch in unsicheren Zeiten noch stabil und handlungsfähig zu bleiben – also nicht in Abhängigkeit oder Angst zu geraten, sondern selbstbestimmt entscheiden zu können und bestenfalls an der Krise zu wachsen statt an ihr zu zerbrechen. Der Begriff beschreibt also die Fähigkeit, Krisen nicht nur auszuhalten, sondern sie als Wachstumschance begreifen zu können.

Finanzielle Resilienz ist für Frauen kein Lifestyle-Thema, sondern ein struktureller Schutzmechanismus: Weil sie im Schnitt weniger verdienen, häufiger in Teilzeit arbeiten und mehr Care-Arbeit übernehmen, haben sie weniger Vermögen und größere Risiken in Krisen. „Erreicht“ ist finanzielle Resilienz deshalb nicht, wenn sich die finanzielle Lage stabil anfühlt, sondern wenn echte Unabhängigkeit besteht: durch eigenes Einkommen, ausreichende Rücklagen, langfristigen Vermögensaufbau und die Fähigkeit, auch unter Druck selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen. Entscheidend ist, in der Krise Optionen zu haben statt Abhängigkeiten.

MC: Du führst ein Unternehmen mit rund 25 Mitarbeitenden. Wie hat sich dein eigenes Verhältnis zu Geld verändert, seit du Unternehmerin bist?

NW: Als Unternehmerin hat sich mein Verhältnis zu Geld vor allem dadurch verändert, dass ich vor einigen Jahren persönlich erlebt habe, wie schnell vermeintliche Sicherheiten wegfallen können. Mit Madame Moneypenny sind wir damals in eine finanzielle Krise geraten, was ein wichtiger Einschnitt für mich war. In dieser Zeit ist mir extrem bewusst geworden, wie entscheidend finanzielle Puffer und klare Strukturen sind, und zwar nicht nur im Unternehmen, sondern auch für mich persönlich.

Es hat mir nochmal deutlich gemacht, dass Rücklagen kein Nice-to-have sind, sondern die Grundlage dafür, in schwierigen Phasen handlungsfähig zu bleiben. Denn nur wer vorbereitet ist, kann Entscheidungen auch aus Klarheit treffen. Für mich als Unternehmerin macht das einen riesigen Unterschied in meiner Rolle als Führungsverantwortung. 

MC: Was ist dein persönlicher Guilty Pleasure, für den du gerne Geld ausgibst – ganz ohne schlechtes Gewissen?

NW: Guilty Pleasure ist glaube ich der falsche Ausdruck, wenn es um Geld geht. Wenn du deine Finanzen im Griff hast – Rücklagen, Investments, Altersvorsorge – dann brauchst du kein schlechtes Gewissen mehr. Ich plane ganz bewusst auch Spaß mit ein: etwa 10 % für kurz- bis mittelfristige Ziele wie Reisen oder schöne Erlebnisse. Das ist kein Luxus, sondern Teil eines gesunden Systems. Der Unterschied ist: Ich konsumiere nicht aus Frust oder Impuls, sondern entscheide mich aktiv dafür.

MC: Dein neues Buch heißt Die Krise liebt Frauen wie dich. Ein provokanter Titel – was steckt dahinter?

NW: Der Titel ist aus einer sehr konkreten Beobachtung entstanden: Krisen treffen Frauen oft genau dort, wo sie ohnehin schon viel tragen, und zwar finanziell, emotional und organisatorisch. Das liegt daran, dass Krisen nicht neutral wirken, sondern bestehende Ungleichheiten verstärken. Frauen verdienen im Schnitt weniger, arbeiten häufiger in Teilzeit, übernehmen mehr Care-Arbeit und haben im Durchschnitt weniger Vermögen und geringere Rentenansprüche. Dadurch sind sie in Krisen oft schneller und härter betroffen.

Der Titel „Die Krise liebt Frauen wie dich“ ist deshalb bewusst doppeldeutig gewählt. Im negativen Sinne, weil fehlende Rücklagen oder finanzielle Abhängigkeit dazu führen können, dass man Entscheidungen aus einer Notlage heraus treffen muss. Aber eben auch im positiven Sinne, weil gut vorbereitete Frauen Krisen als Moment erleben können, in dem sie handlungsfähig bleiben und sich weiterentwickeln.

MC: Du schreibst, dass Krisen Frauen oft härter und existenzieller treffen: Was sind die strukturellen Gründe dafür, warum bleibt das Thema so häufig ungesehen – und stehen wir angesichts aktueller Entwicklungen wie Inflation und geopolitischen Spannungen an einem besonders kritischen Punkt?

NW: Finanzielle Verletzlichkeit ist kein individuelles Problem, sondern das Ergebnis struktureller Bedingungen, und diese werden in Krisen immer weiter verstärkt. Corona hat das schonungslos sichtbar gemacht: Frauen übernahmen den Großteil der Care-Arbeit, viele reduzierten ihre Arbeitszeit dauerhaft. Und auch die Inflation trifft sie überproportional hart, weil Frauen einen größeren Teil ihres Einkommens für essentielle Güter ausgeben, die besonders stark gestiegen sind.

Viele dieser strukturellen Nachteile bleiben im Alltag unsichtbar und werden erst in der Krise spürbar, dann aber mit großer Wucht. Und wenn jetzt mehrere Krisen gleichzeitig passieren – Inflation, geopolitische Unsicherheit, soziale Rückschritte – dann potenziert sich das. Frauen tragen weiterhin einen Großteil der unsichtbaren Arbeit, während ihre finanzielle Absicherung gleichzeitig unter Druck gerät.

MC: Gab es eine Krise in deinem eigenen Leben, die dich zu diesem Buch gebracht hat?

NW: Einer der auslösenden Momente war wohl der 6. November 2024, als am selben Tag Donald Trump erneut zum Präsidenten gewählt wurde und das Aus der Ampel-Regierung verkündet wurde. Für mich war das die Kumulation einer ohnehin schon aufgeheizten, populistischen Stimmung. Seit Jahren können wir beobachten, wie sich politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Krisen überlagern und wie in genau solchen Phasen Gleichberechtigung und Diversität einen Schritt zurück machen. Frauenrechte werden dann schnell verhandelbar, während Frauen trotzdem die Hauptlast tragen müssen.

Mir wurde dadurch schmerzhaft deutlich gemacht, dass Aufgeben kein Luxus ist, den wir uns leisten können. Wir leben nicht mehr in einer Welt, in der Sicherheit der Normalzustand ist. Zu wissen, wie viele Frauen darauf nicht vorbereitet sind und sich machtlos oder ohnmächtig fühlen – und zwar nicht aus mangelnder Fähigkeit, sondern weil das System ihre Lebensrealität nicht mitdenkt – war letztlich der Impuls, dieses Buch zu schreiben.

MC: Was soll eine Leserin fühlen, wenn sie die letzte Seite zuschlägt?

NW: Dass sie aufwacht. Viele Frauen spüren aktuell eine gewisse Ohnmacht, also das Gefühl, dass die Krise einfach über sie hinwegrollt und sie nichts dagegen tun können. Und genau da setzt das Buch an. Es gibt nämlich einen Bereich, den sie sehr wohl selbst gestalten kann: ihre eigene finanzielle Situation. Was kommt rein, was geht raus, wo stehe ich, wo sind Lücken? Die Klarheit darüber ist Voraussetzung dafür, handlungsfähig zu bleiben.

Und ich hoffe, dass sie das Buch mit dem Gefühl zuklappt: Ich kann das. Nicht weil es einfach ist, sondern weil sie versteht, dass sie sich damit auseinandersetzen muss und dass sie dazu auch in der Lage ist.

Foto: Mirjam Hagen

Foto: Mirjam Hagen

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