In der Ruhe liegt die Kraft: Caro Schaeffler über Kunst, Female Rage und die leisen Töne

Auf den ersten Blick scheint Caro Schaeffler viele kreative Leben gleichzeitig zu führen. Sie hat als Model gearbeitet, in Paris gelebt, malt, erschafft detailverliebte Bildwelten auf Instagram – und macht jetzt auch Musik. Dahinter steckt der Wunsch, Gefühle sichtbar zu machen.

Model, Influencerin, Künstlerin und Musikerin: Caro Schaeffler im Interview. Foto: PR
Model, Influencerin, Künstlerin und Musikerin: Caro Schaeffler im Interview. Foto: PR

Caro Schäffler verwandelt große und kleine Gefühle in Kunst

Caro Schaefflers Musik lebt dabei von ihrer Ehrlichkeit. Sie erzählt weniger von konkreten Personen als von universellen Gefühlen. Sie erzählt von Sehnsucht, Verletzlichkeit, Selbstzweifeln oder Wut. Gerade darin liegt ihre Stärke: Sie schafft es, Emotionen und Gefühle, die wir alle kennen, in Worte zu fassen. Ob Körperbilder, gesellschaftliche Ungleichheiten, Herzschmerz oder persönliche Unsicherheiten: Ihre Musik begegnet diesen Themen mit großer Sensibilität. Statt laut zu werden, setzt die Wahl-Berlinerin auf leise Töne und durchdachte Lyrics. Aus ihrer poetischen Klang- und Bildwelt entstehen chansonhafte Balladen mit modernen Pop-Elementen in ihrem ganz eigenen künstlerischen Kosmos.

Caro Schaeffler im Interview

Im Gespräch mit Marie Claire spricht die selbsternannte „hoffnungslose Romantikerin“, über ihren Weg zur Musik, weshalb ihre Songs immer aus echten Gefühlen entstehen und warum leise Töne oft mehr Kraft besitzen als laute Worte. 

Caro Schaeffler
Foto: PR

Der Weg zur Musik

Marie Claire: Gemälde ziehen sich wie ein roter Faden durch deine Musikvideos und deinen Instagram-Feed. Wenn dein Leben gerade ein Gemälde wäre – welches wäre es und warum? 

Caro Schaeffler: Ich muss sofort an „Die Geburt der Venus“ denken. Nicht, weil ich mich mit Botticellis Venus vergleichen würde, sondern weil das Bild für mich einen Neuanfang symbolisiert. Es ist eines meiner Lieblingsbilder und ich finde es einfach wunderschön. Gerade fühlt sich vieles in meinem Leben wie ein Reset an, der vieles in eine andere Perspektive rückt. Ich habe das Gefühl, noch einmal ganz neu zu mir selbst zu finden. Vielleicht auch durch diese ganze Musiksache, die sich jetzt entwickelt.

Marie Claire: Du hast lange als Model gearbeitet, malst schon seit langem. Wie kamst du zu der Musiksache?

Caro Schaeffler: Ich habe schon immer viel geschrieben. Eigentlich seit ich denken kann und auch, um nicht so schöne Gedanken zu verarbeiten. Es hat für mich immer gut als Ventil funktioniert. Es waren viele Zufälle, die zusammenkamen, dass ich dann das erste Mal in einem Tonstudio saß. Ich hatte einen sehr persönlichen Text in meiner Instagram-Story geteilt und ihn kurz darauf wieder gelöscht, weil es so persönlich war. Am Abend sprach mich auf einer Party jemand darauf an. Er fragte, ob ich mir vorstellen könnte, Songs zu schreiben. Er meinte, dass genau das die Ebene wäre, die meiner Welt, die ich auf Social Media eröffne, noch fehlen würde.

Aber ich habe viele Musiker:innen in meinem Umfeld und hatte Musik immer als ihre Welt gesehen. Deshalb hatte ich den Gedanken die zugelassen, aber er sagte genau das, was schon lange in mir war. Drei Tage später saß ich zum ersten Mal mit einem Produzenten im Studio. Es war das krasseste Gefühle bis dato von allem was ich bisher gemacht hatte. Ich wusste sofort, dass ich weitermachen will.

Marie Claire: Wie lange ist das jetzt her?

Caro Schaeffler: Zweieinhalb Jahre ungefähr. Ich habe am Anfang tatsächlich niemandem erzählt, dass ich Musik mache und regelmäßig im Studio bin. Einfach, weil es sich so persönlich und nah an mir dran angefühlt hat. Gleichzeitig hatte ich Probleme diesen Raum einzunehmen und vor allen meinen Musikfreunden zu sagen: Ich mache das jetzt auch. Vor allem auch bei meiner Berufsbezeichnung. Ich hatte Angst in die Schublade gesteckt zu werden, Musik nur wegen meiner Reichweite zu machen. Aber es hat dann irgendwann so viel Zeit eingenommen, dass ich den Leuten sagen musste, wo und was ich die ganze Zeit so mache.   

Gefühle, die zu Songs werden

Marie Claire: Deine Songs wirken wie Tagebucheinträge. Wie nah ist deine Musik an deinem echten Leben?

Caro Schaeffler: Schreiben ist für mich untrennbar mit dem Verarbeiten von echten Gedanken und Gefühlen connected. Ich könnte das gar nicht voneinander trennen – und ich will es auch nicht. Diese dann mit Worten und Musik einzufangen, ist für mich das beste Gefühl auf der Welt. 

Marie Claire: Wie wird aus dem Gefühl dann ein Song?

Caro Schaeffler: Das ist jedes Mal unterschiedlich. Manchmal habe ich das Gefühl, der Song existiert eigentlich schon – als müsste ich nur das Ventil öffnen und ihn rauslassen. Dann geht plötzlich alles ganz schnell: Der Text entsteht fast von allein, Melodien und Worte finden zueinander und ich komme in einen richtigen Tunnel.

Natürlich läuft das aber nicht immer so romantisch. Manchmal sind auch schwerere Geburten dabei. Dann weiß ich zwar genau, worüber ich sprechen möchte, finde aber zunächst keine Worte, die das Gefühl wirklich treffen. Irgendwann knackt man den Code und weiß, wie es sich anhören und anfühlen muss.

Marie Claire: Neben dem Songwriting und Singen malst du auch. Worüber kannst du dich besser ausdrücken?

Caro Schaeffler: Ich habe, ohne es gewusst zu haben, schon immer versucht, meine Innenwelt sichtbar zu machen. Deshalb habe ich geschrieben, gemalt oder meinen Instagram-Feed so gestaltet, wie er heute aussieht. Es ging immer darum, Gefühle nach außen zu tragen. Musik ist für mich dabei das präzisere Ventil. Beim Malen bin ich oft ungeduldig. Ich habe zu Hause viele Leinwände stehen, die nie fertig geworden sind, weil ich irgendwann dachte: Jetzt habe ich Hunger, jetzt kann es auch langsam mal fertig zu sein. Dieses Gefühl habe ich bei Musik nicht. Im Gegenteil, ich vergesse manchmal sogar zu essen oder zu schlafen. Musik und Visualität gehen für mich aber auch Hand in Hand. Ich kann keinen Song hören, ohne mir direkt ein Bild vorzustellen, sei es gemalt, durch ein Musikvideo oder andere Grafiken. Für mich ist Malen zu einer Extension von diesem Gefühl geworden, was ich durch Songs versuche zu beschreiben.

Marie Claire: Entstehen deine Bilder seitdem auch direkt aus einem Song heraus?

Caro Schaeffler: Absolut. Ich gestalte die Cover meiner Songs selbst. Manche entstehen als Collagen, andere male ich digital auf dem iPad – immer aus dem Gefühl heraus, das der jeweilige Song bei mir auslöst. Dadurch fühlt sich alles viel runder an.

Marie Claire: Macht es das einfacher etwas auf eine leere Leinwand zu bringen?

Caro Schaeffler: Irgendwie schon, für mich zumindest.

Marie Claire: Deine Songs geben vielen Menschen das Gefühl, verstanden zu werden. Wann hast du dich zuletzt wirklich verstanden gefühlt?

Caro Schaeffler: Tatsächlich durch die Reaktionen auf meine Musik. Nach meinem letzten Release haben mir viele Menschen geschrieben, die ich vorher gar nicht kannte. Sie haben mir von ihren eigenen Erfahrungen erzählt und vieles davon hat sich unglaublich mit meinen Gefühlen gedeckt. Da habe ich gemerkt, dass es mir gelungen ist, Worte zu finden, die mein Gefühl beschreiben und nicht missverstanden werden. Mein Release zuvor war auch sehr persönlich. Es geht um Körperbilder. Darüber hatte ich vorher kaum gesprochen. Umso schöner war es zu erleben, wie offen die Menschen darauf reagiert haben.

Caro Schaeffler
Foto: PR

Warum Wut nicht immer laut sein muss

Marie Claire: Deine Lyrics sind ausgeklügelt, deine Musik bleibt leise, auch wenn sie von Ungerechtigkeit oder Wut erzählt. Wie stehst du zu Female Rage? Muss Wut immer laut sein?

Caro Schaeffler: Wut gehört definitiv zu mir. Es gibt viele Dinge, die mich beschäftigen und auch wütend machen. Gleichzeitig bin ich kein mega aufbrausender Mensch. Meine Musik ist meinem Charakter sehr ähnlich – deshalb wird sie selten laut.

Ich glaube aber auch nicht, dass Lautstärke die einzige Möglichkeit ist, Wut auszudrücken. Es gibt viele Wege, auf Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen. Humor ist für mich ein unglaublich starkes Mittel. Er kann Missstände sichtbar machen, ohne dass man sich selbst in eine Opfermentalität begibt.

Das war bei meinem neuen Song „Marilyn“ auch ein Thema. Es geht um Frauen in einer männerdominierten Gesellschaft und mit den Erfahrungen, die viele von uns teilen. Wenn ich darüber mit Männern rede, habe ich oft ein Gefühl von lähmender Frustration. Ich habe das Gefühl, ich dringe einfach nicht zu ihnen durch. Da kann ich mich wirklich reinsteigern und auch laut und sauer werden. Für mich ist es wirkungsvoller einen Spiegel hochzuhalten und durch die Blume zu vermitteln, wie lächerlich deren Verhalten eigentlich ist.

Marie Claire: Dein neuer Song „Marilyn“ beschreibt Situationen, die viele Frauen sofort wiedererkennen. Worüber sollten wir deiner Meinung nach viel öfter sprechen – gerade, weil es oft als selbstverständlich hingenommen wird?

Caro Schaeffler: Im Song nutze ich Marilyn Monroe als Symbolfigur für die Vorurteile, mit denen Frauen bis heute konfrontiert werden. Auch ich kenne Situationen, in denen ich allein aufgrund meines Aussehens oder meiner Vergangenheit als Model unterschätzt wurde.

Für mich geht es beim Feminismus vor allem um Respekt. Solange Frauen benachteiligt oder nicht ernst genommen werden, müssen wir weiter darüber sprechen – und vor allem Männer stärker in diese Gespräche einbeziehen. Viele Erfahrungen können sie schlicht nicht nachvollziehen – etwa das Gefühl, nachts allein an einer Männergruppe vorbeizulaufen. Dieses Erleben lässt sich nicht erklären, indem man nur auf gesetzliche Gleichberechtigung verweist.  

Marie Claire: Du singst darin auch „Männerwelt. Hauptsache, dem Mann gefällt’s.“ Wie würde eine „Frauenwelt“ aussehen?

Caro Schaeffler: Ich versuche, mich von diesem generellen Männerhass abzubringen. Unabhängig vom Geschlecht gibt es so viele tolle Menschen, die respektvoll, reflektiert und offen sind und unsere Gesellschaft bereichern. Ich glaube aber, dass die schlimmsten Probleme der Welt von Männern verursacht werden und in der Welt, wo es keine gäbe, gäbe es bestimmt andere Probleme und wahrscheinlich auch nicht wenige.

Aber ich glaube, es gäbe weniger Machtkämpfe, weniger Gewalt und vielleicht auch weniger Kriege. Und auch im Alltag würden viele Ängste wegfallen – etwa die Sorge vieler Frauen, nachts allein nach Hause zu gehen. Trotzdem wünsche ich mir keine Welt ohne Männer. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Frauen und Männer voneinander lernen und profitieren können. Denn auch Männer leiden unter den patriarchalen Strukturen.

Marie Claire: Noch eine letzte Frage: Gibt es eine Message, die du den Leserinnen mitgeben möchtest?

Caro Schaeffler: Vertraut eurem eigenen Gefühl und sprecht Ungerechtigkeiten an – egal ob im Job oder in Beziehungen. Vor allem wünsche ich mir, dass Frauen keine Angst mehr vor Begriffen wie hysterisch, anstrengend oder zickig haben, die oft negativ gegen Frauen verwendet werden. Wenn Gefühle berechtigt sind, dürfen sie auch ausgesprochen werden.

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