Marie Claire: Deine Lyrics sind ausgeklügelt, deine Musik bleibt leise, auch wenn sie von Ungerechtigkeit oder Wut erzählt. Wie stehst du zu Female Rage? Muss Wut immer laut sein?
Caro Schaeffler: Wut gehört definitiv zu mir. Es gibt viele Dinge, die mich beschäftigen und auch wütend machen. Gleichzeitig bin ich kein mega aufbrausender Mensch. Meine Musik ist meinem Charakter sehr ähnlich – deshalb wird sie selten laut.
Ich glaube aber auch nicht, dass Lautstärke die einzige Möglichkeit ist, Wut auszudrücken. Es gibt viele Wege, auf Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen. Humor ist für mich ein unglaublich starkes Mittel. Er kann Missstände sichtbar machen, ohne dass man sich selbst in eine Opfermentalität begibt.
Das war bei meinem neuen Song „Marilyn“ auch ein Thema. Es geht um Frauen in einer männerdominierten Gesellschaft und mit den Erfahrungen, die viele von uns teilen. Wenn ich darüber mit Männern rede, habe ich oft ein Gefühl von lähmender Frustration. Ich habe das Gefühl, ich dringe einfach nicht zu ihnen durch. Da kann ich mich wirklich reinsteigern und auch laut und sauer werden. Für mich ist es wirkungsvoller einen Spiegel hochzuhalten und durch die Blume zu vermitteln, wie lächerlich deren Verhalten eigentlich ist.
Marie Claire: Dein neuer Song „Marilyn“ beschreibt Situationen, die viele Frauen sofort wiedererkennen. Worüber sollten wir deiner Meinung nach viel öfter sprechen – gerade, weil es oft als selbstverständlich hingenommen wird?
Caro Schaeffler: Im Song nutze ich Marilyn Monroe als Symbolfigur für die Vorurteile, mit denen Frauen bis heute konfrontiert werden. Auch ich kenne Situationen, in denen ich allein aufgrund meines Aussehens oder meiner Vergangenheit als Model unterschätzt wurde.
Für mich geht es beim Feminismus vor allem um Respekt. Solange Frauen benachteiligt oder nicht ernst genommen werden, müssen wir weiter darüber sprechen – und vor allem Männer stärker in diese Gespräche einbeziehen. Viele Erfahrungen können sie schlicht nicht nachvollziehen – etwa das Gefühl, nachts allein an einer Männergruppe vorbeizulaufen. Dieses Erleben lässt sich nicht erklären, indem man nur auf gesetzliche Gleichberechtigung verweist.
Marie Claire: Du singst darin auch „Männerwelt. Hauptsache, dem Mann gefällt’s.“ Wie würde eine „Frauenwelt“ aussehen?
Caro Schaeffler: Ich versuche, mich von diesem generellen Männerhass abzubringen. Unabhängig vom Geschlecht gibt es so viele tolle Menschen, die respektvoll, reflektiert und offen sind und unsere Gesellschaft bereichern. Ich glaube aber, dass die schlimmsten Probleme der Welt von Männern verursacht werden und in der Welt, wo es keine gäbe, gäbe es bestimmt andere Probleme und wahrscheinlich auch nicht wenige.
Aber ich glaube, es gäbe weniger Machtkämpfe, weniger Gewalt und vielleicht auch weniger Kriege. Und auch im Alltag würden viele Ängste wegfallen – etwa die Sorge vieler Frauen, nachts allein nach Hause zu gehen. Trotzdem wünsche ich mir keine Welt ohne Männer. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Frauen und Männer voneinander lernen und profitieren können. Denn auch Männer leiden unter den patriarchalen Strukturen.
Marie Claire: Noch eine letzte Frage: Gibt es eine Message, die du den Leserinnen mitgeben möchtest?
Caro Schaeffler: Vertraut eurem eigenen Gefühl und sprecht Ungerechtigkeiten an – egal ob im Job oder in Beziehungen. Vor allem wünsche ich mir, dass Frauen keine Angst mehr vor Begriffen wie hysterisch, anstrengend oder zickig haben, die oft negativ gegen Frauen verwendet werden. Wenn Gefühle berechtigt sind, dürfen sie auch ausgesprochen werden.