Marie Claire: Der Titel „So Help Me God“ lässt unterschiedliche Interpretationen zu. Er kann wie ein Gebet klingen, wie ein Hilferuf oder auch leicht ironisch verstanden werden. Welche Bedeutung hat dieser Titel für Sie persönlich?
Kelsey Lu: Der Titel vereint viele Themen des Albums. Es geht um Tod und Wiedergeburt, Spiritualität, den Verlust von Glauben, Identität und Orientierung. Er ist eine Art Hilferuf, aber auch eine Auseinandersetzung damit, was Spiritualität heute für mich bedeutet. Musik war für mich immer eine Quelle der Heilung, aber auch eine Quelle von Schmerz. Das Album versucht, diesen Widerspruch auszuhalten und Raum für beides zu schaffen.
Marie Claire: Zwischen Ihrem Debütalbum „Blood“ und dem neuen Album liegen rund sieben Jahre. Warum brauchte dieses Projekt genau diese Zeit?
Kelsey Lu: Sieben Jahre fühlen sich für mich wie ein vollständiger Zyklus an. Man spricht ja von Siebenjahreszyklen, davon, dass wir uns alle sieben Jahre vollständig erneuern. Die Zahl Sieben hat außerdem eine starke kulturelle und religiöse Symbolik: die sieben Tage der Schöpfung, die sieben Weltmeere, die sieben Kontinente.
Gleichzeitig arbeite ich sehr nach meinem eigenen Tempo. Schon mein erstes Album hat drei Jahre gedauert und damals gab es viel Druck, schneller fertig zu werden. Dieses Album habe ich unabhängig gemacht. Zum ersten Mal konnte ich mir erlauben, dem Prozess genau die Zeit zu geben, die er gebraucht hat.
Marie Claire: Sie beschreiben das Album als das Ergebnis eines langen Transformationsprozesses. Inwiefern haben Sie sich in diesen sieben Jahren persönlich und künstlerisch verändert?
Kelsey Lu: Es hat sich eigentlich alles verändert. Ich habe gelernt, meinen eigenen Weg zu gehen. Früher wurde mein Leben von Angst bestimmt, auch wenn mir das nicht immer bewusst war. Ich hatte die Religion verlassen, mit der ich aufgewachsen bin und mit der ich mich nicht identifizieren konnte. Ich war von zu Hause ausgezogen, hatte mein eigenes Leben aufgebaut und meine Unabhängigkeit gefunden. Ich glaubte, all diese Dinge lägen längst hinter mir. In vielerlei Hinsicht war ich auch furchtlos. Aber vieles war tief im Unterbewusstsein vergraben. Ich hatte eine Schutzmauer um mich herum aufgebaut. In den vergangenen Jahren ging es darum, diese Ängste zu erkennen und ihnen Raum zu geben, ohne ihnen die Kontrolle zu überlassen. Darum geht es auch in meiner Musik. Ich schreibe sehr offen und verletzlich über das, was ich erlebe. Es ist meine Wahrheit.
Marie Claire: Sie sind religiös aufgewachsen, identifizieren sich heute jedoch nicht mehr mit dieser Glaubensrichtung. Gleichzeitig spielen Spiritualität, Mythologie und religiöse Symbolik auf dem Album eine wichtige Rolle. Inwiefern begleitet Sie dieses Spannungsfeld heute?
Kelsey Lu: Es begleitet mich ständig. Ich interessiere mich sehr für die Mythen und Schöpfungsgeschichten verschiedener Kulturen und dafür, wie Menschen versuchen, das Leben zu verstehen. Diese Geschichten handeln oft von denselben Dingen: Liebe, Schmerz, Tod, Hoffnung und dem Wunsch weiterzuleben. Daraus schöpfe ich viel Inspiration. Spiritualität ist für mich ein Weg der Selbstfindung geworden. Gleichzeitig hat mir es geholfen, mehr Offenheit und Mitgefühl für die Überzeugungen anderer Menschen zu entwickeln.