„Ich habe gelernt, meinen eigenen Weg zu gehen“: Kelsey Lu im Gespräch über ihr neues Album und dem Weg zu ihrem Selbst

Sieben Jahre nach ihrem Debütalbum kehrt Kelsey Lu mit „So Help Me God“ zurück, einem Werk zwischen Musik, Film und Performance. Im Interview mit Marie Claire spricht die Musikerin über Spiritualität als Weg der Selbstfindung, die Symbolik der Zahl Sieben, Musik als Quelle von Heilung und Schmerz sowie den Mut, sich niemals kleiner zu machen, als man ist.

Acht-Minuten-Songs statt TikTok-Hooks: Kelsey Lu nahm sich für ihr neues Album sieben Jahre Zeit – und das hört man. Foto: Yuma Al Arashi
Acht-Minuten-Songs statt TikTok-Hooks: Kelsey Lu nahm sich für ihr neues Album sieben Jahre Zeit – und das hört man. Foto: Yuma Al Arashi

Ein Album ohne Eile

Um in den offiziellen deutschen Album-Charts gewertet zu werden, muss ein Album mindestens 23 Minuten lang sein. Viele der aktuellen Releases schaffen das nur haarscharf. Die durchschnittliche Länge von Top-100-Songs liegt heute bei knapp 3:10 Minuten. In einer Zeit, in der Re-Playability, also die Häufigkeit, mit der Hörer:innen das Album wiederholen, die Anzahl der Streams und Viralität das A und O zu sein scheinen, bietet Kelsey Lu mit ihrem Album „So Help Me God“ einen radikalen Gegenentwurf. Der längste Song des Albums „Reaper“, ein Selbstgespräch Kelsey Lus mit Gott, dauert über 8 Minuten, nur ein Song ist knapp unter der Durchschnittslänge. Eine angenehme Überraschung in dieser schnelllebigen Welt.

Kelsey Lu

Foto: Yumna AlArashi

Das ist Kelsey Lu

Die in North Carolina als Kelsey Elizabeth McJunkins geborene Künstlerin Kelsey Lu wuchs in einer Familie der Zeugen Jehovas auf. Mit 18 verließ die heute 35-Jährige das streng religiöse Elternhaus und entfernte sich von der Religion. Die in New York lebende Musikerin bewegt sich an der Schnittstelle von Musik, Performance und visueller Kunst. Dabei beschäftigt sie sich mit ihrer Vergangenheit, Spiritualität und der Suche nach dem Selbst. Neben ihrer Arbeit als Sängerin, Songwriterin und Cellistin komponiert sie Filmmusik und Soundtracks, darunter für die preisgekrönte Netflix-Dokumentation „Daughters“ und den mit einem BAFTA ausgezeichneten Film „Earth Mama“.

„So Help Me God“: Zehn Songs, ein Kurzfilm und sieben Jahre Entwicklung

Die Zahl Sieben. Mal ist sie Glückszahl, mal steht sie für das Unbewusste, das Unerklärliche. Sie gilt seit jeher für Vollkommenheit, für Transformation und (spirituelle) Erneuerung. Sie begegnet uns in den sieben Tagen der biblischen Schöpfung, in den sieben Chakren des Hinduismus, in den sieben Tagen der Woche, den sieben Weltmeeren, im verflixten siebten Jahr sowie bei Schneewittchen und ihren sieben Zwergen. Für Kelsey Lu steht sie außerdem sinnbildlich für sieben Jahre persönlicher und künstlerischer Wandlung.

Sieben Jahre nach ihrem Debütalbum „Blood“ kehrt Kelsey Lu mit einem multidisziplinären Werk zurück, das Musik, Film und Performance vereint. Das gemeinsam mit Jack Antonoff (vor allem bekannt für seine Zusammenarbeit mit Taylor Swift) und Yves Rothman (FKA Twigs) produzierte Album umfasst zehn Songs und beschäftigt sich mit Themen wie Transformation, Hingabe, Verlangen, Trauer und Transzendenz. Begleitet wird das Album von einem Kurzfilm der Regisseurin Savanah Leaf. Es erscheint am 12. Juni 2026.

Kelsey Lu im Gespräch

„So Help Me God“ macht Platz für große Fragen, lange Songs und Kelsey Lus Wahrheit. Im Interview erzählt Kelsey Lu von Spiritualität, Selbstfindung, die Symbolik der Zahl Sieben und warum Angst heute zwar Teil ihres Lebens ist, aber nicht länger das Steuer in der Hand hält. Wir trafen sie eine Woche vor ihrem Release über Zoom in New York.

Marie Claire: Ihr neues Album erscheint gemeinsam mit einem Film. Heute Abend zeigen Sie ihn in New York. Wie fühlt sich dieser Moment für Sie an?

Kelsey Lu: Es ist wirklich aufregend. Ich komme gerade erst aus London zurück, wo wir eine Vorführung im Regent Street Cinema hatten, dem ältesten Kino Londons. Es war etwas Besonderes, das Projekt in einem echten Kinoumfeld zu erleben und mit den Menschen über den Entstehungsprozess des Films und des Albums sprechen zu können. Es ist schön zu sehen, wie all diese Elemente zusammenkommen.

Marie Claire: Wenn wir schon von dem Film sprechen: Was hat Sie dazu bewogen, dieses Projekt über die Musik hinaus zu erweitern?

Kelsey Lu: Meine Musik hatte schon immer etwas sehr Filmisches. Nach sieben Jahren Arbeit fühlte es sich nur passend an, daraus auch einen Film zu machen. In diesen sieben Jahren steckt für mich ein ganzer Lebenszyklus, viele verschiedene Welten und Erfahrungen.

Marie Claire: Würden Sie „So Help Me God“ eher als Album mit visuellen Elementen beschreiben oder als Film, der durch Musik erzählt wird?

Kelsey Lu: Eigentlich sind es zwei eigenständige Projekte. Das Album ist das Album und der Film ist der Film. Gleichzeitig sind sie untrennbar miteinander verbunden. Beide erzählen dieselben Themen und Gefühle, nur auf unterschiedliche Art und Weise. Der Film ist nicht linear, sondern eher traumartig und zyklisch. Durch die Musik sind sie miteinander verbunden.

„Running To Pain“ war die erste Single-Auskopplung aus ihrem mit Spannung erwarteten zweiten Album „So Help Me God“.

„Spiritualität ist für mich ein Weg der Selbstfindung geworden.“

Marie Claire: Der Titel „So Help Me God“ lässt unterschiedliche Interpretationen zu. Er kann wie ein Gebet klingen, wie ein Hilferuf oder auch leicht ironisch verstanden werden. Welche Bedeutung hat dieser Titel für Sie persönlich?

Kelsey Lu: Der Titel vereint viele Themen des Albums. Es geht um Tod und Wiedergeburt, Spiritualität, den Verlust von Glauben, Identität und Orientierung. Er ist eine Art Hilferuf, aber auch eine Auseinandersetzung damit, was Spiritualität heute für mich bedeutet. Musik war für mich immer eine Quelle der Heilung, aber auch eine Quelle von Schmerz. Das Album versucht, diesen Widerspruch auszuhalten und Raum für beides zu schaffen.

Marie Claire: Zwischen Ihrem Debütalbum „Blood“ und dem neuen Album liegen rund sieben Jahre. Warum brauchte dieses Projekt genau diese Zeit?

Kelsey Lu: Sieben Jahre fühlen sich für mich wie ein vollständiger Zyklus an. Man spricht ja von Siebenjahreszyklen, davon, dass wir uns alle sieben Jahre vollständig erneuern. Die Zahl Sieben hat außerdem eine starke kulturelle und religiöse Symbolik: die sieben Tage der Schöpfung, die sieben Weltmeere, die sieben Kontinente.

Gleichzeitig arbeite ich sehr nach meinem eigenen Tempo. Schon mein erstes Album hat drei Jahre gedauert und damals gab es viel Druck, schneller fertig zu werden. Dieses Album habe ich unabhängig gemacht. Zum ersten Mal konnte ich mir erlauben, dem Prozess genau die Zeit zu geben, die er gebraucht hat.

Marie Claire: Sie beschreiben das Album als das Ergebnis eines langen Transformationsprozesses. Inwiefern haben Sie sich in diesen sieben Jahren persönlich und künstlerisch verändert?

Kelsey Lu: Es hat sich eigentlich alles verändert. Ich habe gelernt, meinen eigenen Weg zu gehen. Früher wurde mein Leben von Angst bestimmt, auch wenn mir das nicht immer bewusst war. Ich hatte die Religion verlassen, mit der ich aufgewachsen bin und mit der ich mich nicht identifizieren konnte. Ich war von zu Hause ausgezogen, hatte mein eigenes Leben aufgebaut und meine Unabhängigkeit gefunden. Ich glaubte, all diese Dinge lägen längst hinter mir. In vielerlei Hinsicht war ich auch furchtlos. Aber vieles war tief im Unterbewusstsein vergraben. Ich hatte eine Schutzmauer um mich herum aufgebaut. In den vergangenen Jahren ging es darum, diese Ängste zu erkennen und ihnen Raum zu geben, ohne ihnen die Kontrolle zu überlassen. Darum geht es auch in meiner Musik. Ich schreibe sehr offen und verletzlich über das, was ich erlebe. Es ist meine Wahrheit.

Marie Claire: Sie sind religiös aufgewachsen, identifizieren sich heute jedoch nicht mehr mit dieser Glaubensrichtung. Gleichzeitig spielen Spiritualität, Mythologie und religiöse Symbolik auf dem Album eine wichtige Rolle. Inwiefern begleitet Sie dieses Spannungsfeld heute?

Kelsey Lu: Es begleitet mich ständig. Ich interessiere mich sehr für die Mythen und Schöpfungsgeschichten verschiedener Kulturen und dafür, wie Menschen versuchen, das Leben zu verstehen. Diese Geschichten handeln oft von denselben Dingen: Liebe, Schmerz, Tod, Hoffnung und dem Wunsch weiterzuleben. Daraus schöpfe ich viel Inspiration. Spiritualität ist für mich ein Weg der Selbstfindung geworden. Gleichzeitig hat mir es geholfen, mehr Offenheit und Mitgefühl für die Überzeugungen anderer Menschen zu entwickeln.

Album Artwork

Foto: Album Arwork von Kelsey Lu

Songs als Selbstgespräch

Marie Claire: Songs werden heutzutage immer kürzer. Die durchschnittliche Länge liegt bei knapp 3:10 Minuten. Auf dem neuen Album liegt nur ein Song darunter, alle anderen sind länger. Weshalb?

Kelsey Lu: Die Länge ergibt sich aus den Geschichten, die ich erzählen möchte. Der Song „Reaper“ zum Beispiel war ursprünglich über zwanzig Minuten lang. Am Ende wurde er auf etwa acht Minuten reduziert und besteht trotzdem aus drei Akten. Viele Themen auf dem Album sind komplex und sind Gespräche mit mir selbst. Ich wollte diese Gedanken nicht künstlich verkürzen, nur um einem bestimmten Format zu entsprechen.

Marie Claire: Marie Claire steht seit 1937 für Female Empowerment. Gibt es eine Botschaft, die Sie unseren Leserinnen mitgeben möchten?

Kelsey Lu: Mach dich niemals kleiner, nur damit sich andere mit ihrem Ego oder ihren Unsicherheiten wohler fühlen – insbesondere kein Mann.

 

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