Neue Dimensionen: Ayoung Kim sprengt in Berlin die Grenzen von Raum und Zeit

In ein Multiversum der künstlerischen Möglichkeiten entführt uns die Ausstellung „Ayoung Kim. Many Worlds Over“ im Hamburger Bahnhof in Berlin. Vom 28. Februar bis 20. Juli 2025 können wir uns hier in den immersiven Welten der koreanischen Künstlerin verlieren und dabei jede Menge neue Erkenntnisse über uns selbst und unsere Gesellschaft finden.

Ausstellungsansicht von "Ayoung Kim. Many Worlds Over" im Hamburger Bahnhof. Zu sehen sind Ayoung Kims Installationen "Ghost Dancers A", 2022, "Evening Peak Time Is Back", 2022, und "Orbit Dance North", 2022.
Zu sehen im Hamburger Bahnhof: Ayoung Kims Installationen "Ghost Dancers A", 2022, "Evening Peak Time Is Back", 2022, und "Orbit Dance North", 2022. © Courtesy Ayoung Kim & Gallery Hyundai / Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Jacopo LaForgia

Digitale Utopien

In ihrer Kunst lässt die Koreanerin Ayoung Kim die Grenzen von Realität und Fiktion gekonnt verschwimmen. Dafür erschafft sie mithilfe von Künstlicher Intelligenz, Virtual Reality, Video, Spielsimulationen, Skulptur und Klang fiktive Universen. Diese folgen ihren eigenen zeitlichen und räumlichen Gesetzen und sagen dabei dennoch etwas über unsere reale Welt aus.

Mit „Ayoung Kim. Many Worlds Over“ im Hamburger Bahnhof folgt nun auf gefeierte internationale Werkschauen im Pariser Palais de Tokyo oder im Museum of Arts and Design in New York die erste Einzelausstellung der multidisziplinären Künstlerin in einem deutschen Museum. Gezeigt werden hier Werke der vergangenen fünf Jahre. Dabei sind die einzelnen Arbeiten durch ein gemeinsames Narrativ miteinander verbunden. So nimmt Kim die Besuchenden mit auf eine besondere Reise zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft.

Porträt der Künstlerin Ayoung Kim in einem hellblauen Jeans-Ensemble mit weiter Bomber-Jacke und passender Cargo-Hose.
Die koreanische Künstlerin Ayoung Kim erschafft fiktive Universen mit eigenen Gesetzen. Foto: © Snakepool / Kanghyuk Lee

Tor zu einer anderen Welt

Im Zentrum der multidimensionalen Geschichte, die Ayoung Kim im Hamburger Bahnhof entspinnt, steht die fiktive App „Delivery Dancer“. Diese wird von einer Künstlichen Intelligenz namens „Dancemaster“ gesteuert. Die KI dirigiert streng und effizient eine Kohorte an Lieferfahrer:innen, die mit Motorrädern auf algorithmisch berechneten Routen durch ein futuristisches Seoul rasen. 

Als Eingangstor in die Welten von „Delivery Dancer“ dient im Hamburger Bahnhof die Einkanal-Videoinstallation „Delivery Dancer’s Sphere“ aus dem Jahr 2022. Hier lernen die Besucher:innen Kims Protagonistin Ernst Mo, die als Lieferantin arbeitet, sowie ihre Doppelgängerin En Storm kennen. Beide Figuren leben in Parallelwelten. Diese überschneiden sich jedoch immer wieder, so dass es zu zufälligen Treffen miteinander kommt. Diese Verknüpfung verschiedener Welten macht Kim auch künstlerisch durch einen Mix aus realen Filmmaterialien und 3D- Animationen sichtbar.

Im Spiegel der Zeit

Eine Fortsetzung des ersten Films folgt in der zweiten Videoarbeit der Ausstellung, der Dreikanal-Installation „Delivery Dancer’s Arc: 0° Receiver“ (2024). Hier tauchen die Besuchenden tiefer in die Beziehung zwischen Ernst Mo und ihrem Double ein. Dabei können sie nachspüren, wie die Verbindung der beiden Frauen von einem ambivalenten Mix aus Anziehung und Ablehnung geprägt ist. 

Für eine zusätzliche immersive Komponente hat Ayoung Kim den kompletten Ausstellungsraum in ihre Video-Präsentation einbezogen. Durch verspiegelte Wände treffen schließlich die Besucher:innen – ähnlich wie Ernst Mo und ihre Doppelgängerin – in unvorhergesehenen Momenten immer wieder auf ihre Spiegelbilder. Auf den Rückseiten der Bildschirme sind zudem blinkende Lichter installiert. Deren Reflexionen an den verspiegelten Wänden fügen eine weitere räumliche Dimension zu dem visuellen Erlebnis hinzu.

Dreikanal-Installation "Delivery Dancer's Arc: 0° Receiver", 2024, von Ayoung Kim, präsentiert in einem verspiegelten Raum bei der Ausstellung "Ayoung Kim. Many Worlds Over" im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart in Berlin.
Video-Installation "Delivery Dancer's Arc: 0° Receiver", 2024, von Ayoung Kim. © Courtesy Ayoung Kim & Gallery Hyundai / Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Jacopo LaForgia

Interaktive Reise

Mit Hilfe des Computerspiels „Delivery Dancer Simulation“ (2022) können die Besuchenden schließlich selbst in Ayoung Kims virtuelles Universum eintauchen. Sie begeben sich dabei in die Rolle der Lieferfahrerin Ernst Mo, die in den Videos zuvor zu sehen war. Dabei sitzen sich zwei Spieler:innen an großen Bildschirmen, die auf Spiegeltischen installiert sind, gegenüber, ohne sich zu sehen.

Kim ergänzt die visuelle zudem durch eine akustische Komponente. So sind während der virtuellen Fahrt die Gedanken der Fahrerin hörbar, unterbrochen von Flüstern und App-Befehlen. Dadurch erscheint die digitale Welt sofort realer. Ayoung Kims clevere Verbindung von Kunst und Interaktion macht die Wirkung ihres Werks noch unmittelbarer.

Rauminstallation mit dem Computerspiel "Delivery Dancer Simulation (Game)", 2022 von Ayoung Kim und der Comic-Tapete "Evening Peak Time is Back", 2022, bei der Ausstellung "Ayoung Kim. Many Worlds Over" im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart in Berlin.
Rauminstallation mit dem Computerspiel "Delivery Dancer Simulation (Game)", 2022, von Ayoung Kim und der Comic-Tapete "Evening Peak Time is Back", 2022. © Courtesy Ayoung Kim & Gallery Hyundai / Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Jacopo LaForgia

Spuren der digitalen Welt

Neben der virtuellen hat Ayoung Kims Universum auch eine analoge Dimension. Schließlich finden sich in den Ausstellungsräumen Requisiten aus den zuvor gezeigten Filmen wieder. Die Installation „Ghost Dancers B“ (2022) zeigt lebensgroße Puppen, die die gleiche Motorradkleidung tragen wie die filmischen Figuren. Dabei beugt sich eine Frau über die andere, die inmitten von Glasscherben auf dem Boden liegt. Beide sind scheinbar eingefroren in der Zeit.

Dazu kommt das Werk „Ghost Dancers A“ (2022). Dieses besteht aus zwei mit Schläuchen und Drähten versehenen Motorradhelmen, die an der Decke des Raumes aufgehängt sind. Auf ihren Visieren laufen in Endlosschleife Streckenaufnahmen der Motorradfahrerinnen. Die Installation „Stipulation“, die aus einem Handy mit der „Delivery Dancer“-App besteht, bringt ein weiteres Element aus Kims virtuellen Welten in eine physische Form.

Installation "Ghost Dancers B", 2022, von Ayoung Kim bei der Ausstellung "Ayoung Kim. Many Worlds Over" im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart in Berlin. Die Installation besteht aus zwei weiblichen, lebensgroßen Puppen in Motorrad-Outfits. Eine liegt inmitten von Glasscherben auf dem Boden. Die andere ist über sie gebeugt.
Installation "Ghost Dancers B", 2022, von Ayoung Kim. © Courtesy Ayoung Kim & Gallery Hyundai / Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Jacopo LaForgia

Ayoung Kim erschafft kunstvolle Parallelwelten

Abgerundet wird die Ausstellung „Ayoung Kim. Many Worlds Over“ im Hamburger Bahnhof durch eine künstlerische Kooperation. So erstrecken sich unter dem Titel „Evening Peak Time Is Back“ großformatige Tapeten über Teile des Ausstellungsraums. Diese sind in Zusammenarbeit mit der Webtoon-Künstlerin 1172 entstanden.

Die Comic-Motive zeigen die beiden Protagonistinnen aus Ayoung Kims Videos und greifen das „Girls’ Love“-Genre auf. Dieses ist sehr populär in Korea und beschäftigt sich mit queeren romantischen Beziehungen zwischen Frauen. Damit erinnert die Künstlerin uns daran, dass nicht nur in ihrem fiktiven Universum, sondern auch in Wirklichkeit parallele Lebenswelten bestehen. Sie inspiriert somit dazu, einen genauen Blick auf die Logik und die Systeme zu werfen, auf denen unsere eigene Realität beruht, und diese zu hinterfragen. Dazu gehören etwa patriarchale oder kapitalistische Strukturen. Mit ihrem futuristischen Multiversum zeigt Ayoung Kim schließlich, dass es einen Weg gibt, aus alten Mustern auszubrechen und neue Welten zu begründen.

Installation "Ghost Dancers A", 2022, von Ayoung Kim und Tapete "Evening Peak Time Is Back", 2022, von Ayoung Kim, präsentiert in einem verspiegelten Raum bei der Ausstellung "Ayoung Kim. Many Worlds Over" im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart in Berlin.
Installation "Ghost Dancers A", 2022, von Ayoung Kim und Tapete "Evening Peak Time Is Back", 2022. © Courtesy Ayoung Kim & Gallery Hyundai / Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Jacopo LaForgia

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