Während Deutschland auf den nächsten Hitzesommer zusteuert, wächst eine eigene Form der Reiseplanung – Urlaub, bei dem nicht die Sonne, sondern die Temperatur entscheidet. Eine kuratierte Auswahl aus den Alpen, Montenegro und Tschechien
Der Sommer 2026 hat das Etikett „Hitzesommer“ früh bekommen. Ein außergewöhnlich trockener Frühling, Warnstufen-Tabellen, die schon im Juni in Rot kippten, und Klimaanlagen, die in Großstadtwohnungen kaum noch ausgehen. Wer in dieser Saison verreist, bucht das Thermometer zunehmend gleich mit.
Coolcation heißt der Begriff, der sich für diese Bewegung etabliert hat: Reisen, deren Hauptkriterium nicht Sonne ist, sondern angenehme Temperaturen. Skandinavien und Schottland gehören klassisch dazu – aber drei Regionen, die deutlich näher liegen, sind im Sommer 2026 besonders gefragt: die Alpen, die montenegrinische Adriaküste mit ihren Bergrücken und Tschechien. Sechs Adressen, an denen die Hitze nicht ankommt.
Die schnellste Antwort auf einen Hitzesommer in Deutschland sind ein paar Höhenmeter. Wer von der norddeutschen Tiefebene nach Süden fährt, gewinnt im Schnitt pro Anstieg ein halbes Grad. Drei Adressen, an denen diese einfache Klima-Logik mit guter Architektur und Stil zusammenkommt.
Wallerei am Walchensee (Oberbayern). Sechzehn Zimmer am türkisblauen Walchensee, ein eigener Steg, Retro-Chic mit klaren Siebziger-Jahre-Anleihen. Der Walchensee schickt jeden Nachmittag ab etwa 13 Uhr seinen typischen Wind über das Wasser. Tagsüber bleibt es angenehm, abends sinkt das Thermometer auf milde 22 Grad, nachts auf erholsame 15. Wer noch konkretere Abkühlung sucht, macht eine 45-minütige Wanderung durch schattigen Bergwald zur Dainingsbach-Schlucht; dort warten eiskalte Gumpen.
Stroblhof in Eppan (Südtirol). Eine Besonderheit, die kaum eine andere Adresse bieten kann: Wenige Gehminuten vom Hotel entfernt strömt aus Felsspalten kalte Luft – die berühmten Eislöcher von Eppan, ein natürliches Mikroklima-Phänomen, an dem selbst an heißen Sommertagen Temperaturen um den Gefrierpunkt herrschen. Das Haus profitiert doppelt: durch die Nähe zu diesem Phänomen und durch massive Steinmauern, die die Hitze tagsüber draußen halten. Auf dem Gelände warten ein Naturbadeteich, ein Tauchbecken und eine schattige Gartenterrasse unter einer über hundert Jahre alten Glyzinie. Wer ins Tal will, fährt mit der historischen Mendelbahn auf den 1.400 Meter hohen Mendelpass – für Stroblhof-Gäste mit dem Südtirol Guestpass kostenfrei.
Sporthotel Floralpina, Seiser Alm (Südtirol). Auf 1.750 Metern, auf einem autofreien Hochplateau im UNESCO-Welterbe. Die Nachttemperaturen übersteigen selbst im Hochsommer selten die 15-Grad-Marke. Was die Adresse besonders macht, ist die Lage: Da das Plateau nur eingeschränkt mit dem Auto zugänglich ist, hat man morgens die Seiser Alm fast für sich allein – lange bevor die ersten Tagesbusse aus dem Tal heraufkommen. Empfehlenswert ist eine frühe Wanderung auf dem Hans-Paul-Steger-Weg, der durch schattige Lärchenwälder und Almwiesen führt, mit Blick auf Langkofel, Plattkofel und Schlern. Zurück im Hotel wartet ein Panorama-Outdoor-Pool.
Das Resort One&Only Portonovi in Montenegro. Foto: PR
Eine andere Antwort auf den Hitzesommer: Bergregionen unmittelbar am Meer. Genau diese Kombination bietet das One&Only Portonovi an der Bucht von Kotor in Montenegro. Während die Bucht selbst zur klassischen Adria-Saison gehört, liegt hinter dem Hotel das Orjen-Massiv – zerklüftet, wasserarm, mit Wanderrouten, die in Höhen führen, in denen die Temperatur spürbar fällt.
Geführte Touren mit Bergführer Sača Kulinoviæ erschließen das Massiv: die „Marvels of Orjen“ zum Mount Orjen mit Stopp im historischen Steindorf Zlijebi, der „St. Basil’s Church Trail“ zu Kapellen mit Blick auf die Bucht, der „Subra Amphitheatre Hike“ mit beeindruckenden Karstformationen sowie der „Prince’s Trail“, Montenegros erste offizielle Wanderroute. Wer den Tag oben verbringt und abends ins Hotel zurückkehrt, hat klassischen Adria-Sommer mit einer eingebauten Coolcation-Ebene kombiniert – ergänzt um das hauseigene Chenot-Espace-Spa mit Longevity- und Gesundheitsprogrammen.
In der Wahrnehmung Coolcation-tauglicher Regionen wird Tschechien oft übersehen – zu Unrecht. Das Land bietet zwei sehr unterschiedliche Antworten auf heiße Tage: oben Schlösser am Wasser mit dicken Mauern und englischen Landschaftsparks, unten Kellerlabyrinthe und unterirdische Stadtsysteme, in denen die Temperatur ganzjährig konstant niedrig bleibt.
Wasserschloss Blatná (Südböhmen). Ein weißer Turm spiegelt sich im Teich, rundherum erstreckt sich ein englischer Landschaftspark. Das Wasserschloss Blatná, einst im Besitz des Adelsgeschlechts Hildprandt, gehört zu den meistbesuchten Wasserschlössern Tschechiens und diente als Kulisse für den Märchenklassiker „Die wahnsinnig traurige Prinzessin“. Heute lebt im Park eine Herde Damhirsche, die sich aus nächster Nähe beobachten lässt. Spaziergänge im Schatten alter Bäume, Bootsfahrten auf dem Teich, kühle Säle in den Mauern – ein Sommer-Tag, der die 30-Grad-Marke schlicht ignoriert.
Pilsen / Plzeò: die Stadt unter der Stadt. Unter der Innenstadt von Plzeò erstreckt sich ein mehrere Kilometer langes System aus Gängen, Brunnen und Kellern aus dem 14. Jahrhundert. Ursprünglich diente es Versorgung und Schutz der Stadt; heute sind Teile öffentlich zugänglich und eröffnen einen ungewöhnlichen Blick aufs mittelalterliche Stadtleben. Die Brauerei Pilsner Urquell nutzt die Keller bis heute zur Lagerung und Reifung ihres Bieres. Besucher erleben damit eine doppelte Erfrischung: die konstant niedrigen Temperaturen unter der Erde und eine Kostprobe direkt vom Fass.
Stroblhof. Foto: Alex Filz
Coolcation ist 2026 nicht mehr nur eine nordische Bewegung. Wer Hitze gezielt umgeht, hat heute mehr Optionen, als noch vor drei Jahren auf dem Schirm waren: ein paar Stockwerke höher in den Alpen, eine Bucht weiter südlich in Montenegro, ein Schloss am Wasser oder ein Kellerlabyrinth in Böhmen. Vermutlich werden in den kommenden Jahren noch mehr Reisende diese Logik entdecken – und damit auch die Reisemonate selbst verschieben. Wer schon jetzt in diesen Routen denkt, hat den Vorteil, den Sommer-Klassiker leise neu zu definieren.
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