Spätestens seit Maxton Hall wissen wir: Andrea Guo ist eine, die man nicht übersehen kann. Als Lin Wang kämpft sie sich durch eine Welt aus Elite-Schüler*innen, teuren Schuluniformen und jeder Menge Drama – und bleibt trotzdem komplett bei sich. Genau das macht sie so relatable: eine Hauptfigur mit Herz und Haltung statt Glamour-Fassade.
Und auch abseits des Sets setzt Andrea ein wichtiges Zeichen: Sie zeigt jungen Menschen – vor allem denen, die sich in der deutschen Filmwelt nie wirklich wiedergefunden haben –, dass sie genau richtig sind, so wie sie sind. Repräsentation? Ja, bitte. Aber ohne großes Drumherum, einfach ganz selbstverständlich.
Wir haben mit ihr über Rollenbilder, mutige Entscheidungen und die Kunst gesprochen, sich nicht von anderen definieren zu lassen. Spoiler: Andrea hat einiges zu sagen – und noch mehr vor.
Andrea, du hast erzählt, dass du dich als Asiatin in der deutschen Film- und Fernsehlandschaft lange Zeit nicht wirklich gesehen gefühlt hast. Wann hast du dieses Gefühl zum ersten Mal bewusst wahrgenommen – und wie hat es dich geprägt?
Eigentlich war mir das schon als kleines Kind klar. Ich habe einfach niemanden im deutschen Film und Fernsehen gesehen, der aussah wie ich. So richtig bewusst wahrgenommen, habe ich es höchstwahrscheinlich aber da, wo ich mich der Filmbranche gewidmet habe. Es macht mich einerseits traurig, dass wir lange nicht existiert haben in Geschichten, wo wir offensichtlich Teil der Gesellschaft sind und waren. Aber andererseits motiviert es mich auch, etwas zu ändern und selbst sichtbar zu werden. Dennoch ist mein primärer Wunsch, dass es gar keine Frage mehr der “Sichtbarkeit schaffen müssen” ist, sondern eine Selbstverständlichkeit wird, ohne darüber noch nachdenken zu müssen.
Mittlerweile stehst du selbst in einer so erfolgreichen Produktion wie „Maxton Hall“ vor der Kamera. Was löst es in dir aus, dass dich jetzt viele junge Menschen sehen, die sich vielleicht selbst in dir wiederfinden?
Das ist ein unbeschreibliches Gefühl. Wenn sich junge Menschen durch meine Rollen gesehen fühlen und sich auch trauen ihren Traum zu leben. Ich weiß nämlich ganz genau wie sich das anfühlt nicht dazuzugehören. Vor allem wenn Menschen versuchen, dich in eine Schublade zu packen. Und wenn ich dazu beitragen kann, dass jemand sich repräsentiert fühlt oder einfach nur merkt: “Ich darf auch groß träumen!”, dann erfüllt mich das sehr und macht mich einfach glücklich.
Outfit: Jasmin Erbas
Was bedeutet Sichtbarkeit für dich? Geht es dabei nur um Repräsentation, oder auch darum, wie Geschichten über Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen erzählt werden?
Beides. Sichtbarkeit ist der erste Schritt. Dann ist aber umso wichtiger auch wie diese Perspektiven gezeigt werden. Ich wünsche mir, dass Figuren nicht nur auf ihre Herkunft reduziert werden, sondern einfach als Menschen mit Träumen, Widersprüchen und Gefühlen erzählt werden. Es geht ja nicht nur darum, verschiedene Gesichter zu sehen, sondern auch verschiedene Geschichten zu erzählen.
Wie würdest du die deutsche Filmwelt heute in Sachen Diversität einschätzen?
Ich glaube es gibt mehr Diskussionen und mehr Mut bei Produktionen. Aber wir sind noch lange nicht da, wo Diversität wirklich als selbstverständlich wahrgenommen wird und nicht als Trend oder Pflicht.
Wie gehst du persönlich damit um, wenn Menschen versuchen, dich oder deine Herkunft in eine Schublade zu stecken?
Leider passiert das immer noch ab und zu im Alltag. Früher habe ich mir viel mehr Kopf darüber gemacht. Mittlerweile weiß ich mehr, wer ich bin und ich stehe zu meiner Schublade, die ich aber selbst definiere und lass mich von anderen nicht mehr lenken.
„Maxton Hall“ erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die sich in einer privilegierten Welt behaupten muss. Mit Mut, Intelligenz und Haltung. Inwiefern konntest du dich selbst in diesem Empowerment-Gedanken wiederfinden?
Ruby hat den Antrieb ihren eigenen Weg zu gehen und sich nicht aufhalten zu lassen. Das kenne ich sehr gut. Mir wurden auch sehr viele Steine in meinen Weg gelegt und ich wurde oft unterschätzt. Aber ich habe gelernt, hartnäckig zu sein und für das, was ich brenne zu kämpfen. Und ich glaube da finden sich viele junge Frauen auch wieder.
Viele sprechen heute über Female Empowerment. Was bedeutet dieser Begriff für dich jenseits des Schlagworts?
Es bedeutet für mich Ehrlichkeit, vor allem zu sich selbst. Nicht das zu verkörpern, was andere von einem erwarten. Selbst sich zu definieren und anderen Frauen dabei unterstützen sich selbst treu zu bleiben.
Gab es Frauen in deinem Leben oder in der Branche, die dich besonders inspiriert oder unterstützt haben?
Ja, viele Frauen haben mich auf meinen Weg unterstützt und in schlechten Zeiten auch aufgefangen. Dafür bin ich super Dankbar. Ich konnte soviel lernen und klar ist es manchmal hart die Wahrheit zu hören. Aber vor allem sind dafür meine Freundinnen da. Und das ist wirklich besonders wertvoll.
Gerade junge Schauspielerinnen stehen unter enormem Druck. Sie sollen bestenfalls äußerlich perfekt, beruflich erfolgreich und in den sozialen Medien ständig präsent sein. Wie schaffst du es, dich davon nicht zu sehr bestimmen zu lassen?
Puh, ja das ist eine schwierige Frage. Es ist auf jeden Fall ein großer Druck da. Deshalb ist es mir wichtig immer wieder mal Pausen einzulegen. Momente, in denen ich einfach Andrea bin, ohne Kameras, ohne Social Media und ohne Druck. Meine Familie und meine Freunde helfen mir dabei immer sehr. Einfach auch mal nicht in der Film- bzw Medienbranche zu sein und mit Leuten zu reden, die ganz andere Dinge machen. Ich glaube, man kann sich in dieser Welt sehr schnell verlieren. Deshalb ist es wichtig, immer wieder bewusst Abstand zu gewinnen und sich daran zu erinnern, warum man diesen Beruf überhaupt gewählt hat.
Und: Spürst du eine Verantwortung als öffentliche Figur, vielleicht auch als Vorbild für junge Frauen, die ihren eigenen Weg suchen?
Ja, absolut. Und ich sehe das nicht nur als Verantwortung, sondern als Chance. Wenn ich andere junge Frauen dazu inspirieren kann, ihren eigenen Weg zu gehen, auch wenn er unbequem ist, dann bedeutet mir das unglaublich viel. Ich möchte zeigen, dass man in dieser Branche auch bestehen kann, wenn man nicht in sie hineingeboren wurde. Gleichzeitig versuche ich ehrlich zu bleiben. Ich bin selbst noch eine junge Frau mit Träumen, Unsicherheiten und Zielen. Ich habe nicht alles im Griff und genau das will ich auch nicht verstecken. Stärke bedeutet für mich nicht, perfekt zu sein, sondern echt zu bleiben. Die Medienwelt hat genug den Anschein von “Perfektheit”. Ich finde es wichtig und schön auch aufzuzeigen, dass nicht alles perfekt ist.
Wann wusstest du, dass Schauspiel wirklich dein Weg ist? Und wie hast du den Mut gefunden, dich ganz auf diesen Traum einzulassen?
Ich glaube, mein Unterbewusstsein wusste es schon immer. Irgendwie habe ich das Gefühl, es gab für mich nur diesen einen Weg. Jeder verarbeitet Schmerz und Emotionen anders. Für mich war Schauspiel eine Welt, in der ich all meine Gefühle verarbeiten konnte und gleichzeitig so viel aufarbeiten konnte. Es wurde so eine Leidenschaft, dass ich nur diesen Weg gehen konnte, es gab keinen Plan B.
Gab es Momente, in denen du, gerade als junge Frau mit asiatischen Background, gezweifelt hast, ob du in diese Branche rein passt?
Nein, meine Herkunft hat nichts mit meiner Schauspielerei zu tun. Schauspiel ist eigentlich eher das Einzige, wo ich mich damals aufgehoben gefühlt habe. Es war das, was mich angetrieben hat, weil ich wusste, dass ist das was ich machen will.
Outfit: Jasmin Erbas
Was war für dich die größte Herausforderung auf deinem bisherigen Weg: persönlich oder künstlerisch?
Ich glaube, die größte Herausforderung war für mich, dass ich lange nicht einfach nur Schauspielerin sein durfte. Ich wollte, dass es um meine Arbeit geht; um die Rollen, die ich spiele, um das, was ich erzähle und nicht darum, wie ich aussehe oder woher ich komme. Aber ich habe irgendwann verstanden, dass die Branche oder unsere Gesellschaft noch nicht so weit ist, mich ausschließlich über meine Kunst zu definieren. Das war nicht einfach für mich. Mittlerweile sehe ich, dass meine Präsenz etwas bewegen kann. Dass ich mit meiner Stimme und meiner Sichtbarkeit vielleicht Türen öffne – für Menschen, die sich in den Medien bisher kaum wiedergefunden haben. Das erfüllt mich, auch wenn es manchmal schwer ist. Mein Wunsch ist, dass wir irgendwann an einem Punkt sind, an dem das keine Ausnahme mehr ist. Und dass ich dann einfach über meine Kunst sprechen kann und genau das reicht.
Viele Künstler*innen erzählen, dass sie mit Ablehnung oder Unsicherheit zu kämpfen haben. Wie gehst du mit Rückschlägen um und was hilft dir, wieder aufzustehen?
Wenn ich Rückschläge erlebe, versuche ich, mich daran zu erinnern, warum ich überhaupt angefangen habe. Das klingt simpel, aber dieser Gedanke bringt mich jedes Mal zurück zu mir selbst. Zu dem, was mich antreibt, zu dem, was ich liebe. Ich frage mich dann: Warum mache ich das? – und wenn ich diese Frage ehrlich beantworte, liegt darin so viel Kraft. Weil man plötzlich wieder spürt, dass man es nicht für Anerkennung oder Erfolg tut, sondern aus einem ganz echten, inneren Bedürfnis heraus. Und das gibt mir jedes Mal genug Energie, um wieder aufzustehen.
Outfit: Jasmin Erbas
Und wenn du mal einen Moment hast, in dem alles zu viel wird: Was bringt dich zurück zu dir selbst?
Natur, Freunde, Familie, Sport, Malen, Tanzen.
Wenn du heute an dein jüngeres Ich denkst – das Mädchen, das sich vielleicht nicht gesehen gefühlt hat – was würdest du ihr sagen?
Du schaffst das und du bist wertvoll, egal was andere über dich sagen.
Gibt es Themen, die du künftig bewusst in deine Arbeit einfließen lassen möchtest?
Ich möchte Figuren spielen, die überraschen, verletzlich sind, widersprüchlich – die Menschen zeigen, wie sie wirklich sind. Mein Wunsch ist es, Klischees zu durchbrechen und über meine Rollen Emotionen zu teilen, die bleiben.
Wie definierst du Erfolg heute? Hat sich dein Verständnis davon im Laufe der Zeit verändert?
Ja, definitiv. Früher habe ich Erfolg stark an Leistung und Anerkennung geknüpft und dachte, wenn ich nicht „gut genug“ bin, bin ich weniger wert. Heute sehe ich das ganz anders. Ich lasse meinen Wert nicht mehr von Absagen oder äußeren Bewertungen bestimmen. Erfolg bedeutet für mich inzwischen, ehrlich mit mir selbst zu sein und meinen eigenen Weg konsequent zu gehen; mit all seinen Höhen und Tiefen. Der Weg selbst ist der Erfolg, solange man ihn bewusst geht.
Wenn Menschen dich auf der Leinwand sehen: Was möchtest du, dass sie fühlen oder mitnehmen?
Kind: “Mama, ich will auch Schauspielerin werden!”
Mama: “Ja, wenn sie das schafft. Dann schaffst du es auch!”
Be the first to know about new arrivals and promotions