Work Hard, Crush Harder? Warum wir uns bei der Arbeit vermeintlich verlieben

Wir mögen, was wir häufig sehen, dementsprechend ist der Arbeitsort das perfekte Gewächshaus für Sympathie. Wiederholung schafft Vertrautheit und Vertrautheit schafft Wärme, daher ist es kein Zufall, dass dort der ein oder andere Work Crush entsteht. Plötzlich freut man sich auf den sonst so ungeliebten Montag und der Weg zur Kaffeemaschine bekommt eine gewisse Dramaturgie. Doch was steckt wirklich hinter diesen vermeintlichen Gefühlen? Eine Paartherapeutin klärt auf.

Was hier entsteht, passt in keine Stellenbeschreibung: Der Work Crush. Sind das wirklich Gefühle, oder ist man einfach zu nah beieinander? Foto: Curated Lifestyle/Unsplash

Ein Gefühl auf Zeit

Es ist kein Zufall, das viele Work Crushes dort entstehen, wo Menschen eng zusammenarbeiten und er kommt auch gar nicht mal so selten vor. Jemand präsentiert souverän, argumentiert klug und moderiert elegant, wenn es chaotisch wird. Kompetenz wirkt erotisch, zumindest auf den ersten Blick. Diese Gefühle sind oft wahllos und manchmal wissen Fühlende selbst nicht, woher genau diese Art der Anziehung plötzlich kommt und dennoch ist es aufregend. Yvi Blum ist Paartherapeutin und Autorin – auf ihrem Instagramkanal klärt sie über Beziehungen, Emotionen und Dynamiken auf. Auch beim Thema Work Crush hat sie spannende und vor allem erklärende Antworten parat.

Yvi Blum über das Phänomen Work Crush

Marie Claire: Warum ist das gar nicht so unüblich, dass Menschen auf der Arbeit einen Work Crush haben?

Dahinter steckt primär der Mere-Exposure-Effekt. Die bloße Häufigkeit der Begegnung steigert die Sympathie. Zudem arbeiten wir oft an gemeinsamen Zielen, was das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert. Wir erleben Kollegen außerdem sehr kompetent in ihrem Fachgebiet. Sie sind fokussiert, gepflegt, erfolgreich. Das ist ja eine selektive Wahrnehmung, die aber den banalen, unglamourösen Alltag ausblendet, den wir mit dem Partner teilen.

Marie Claire: Wie entwickelt sich so etwas, was sind erste Anzeichen?

Es beginnt schleichend, vor allem wird man immer wachsamer, was diesen Arbeitskollegen oder die Arbeitskollegin betrifft. Man weißt genau, wann die Person die Küche betritt oder online kommt. Kleidung oder Themen werden gezielt für diese Person ausgewählt, die Gespräche wandern von Sachthemen zu persönlichen Inhalten, was dann aufs Bindungskonto einzahlt..

Marie Claire: Welche Rolle spielen Projektion und Idealisierung bei einem Work Crush und warum wirken Kolleg:innen oft so „perfekt“ bzw. anziehend?

Sie wirken deshalb perfekt, weil wir sie nur in einem bestimmten kontrollierten Kontext sehen und erleben. Projektion spielt auch eine Rolle. Wir projizieren Anteile, die uns selbst fehlen oder die der Partner gerade nicht spiegelt, auf den Kollegen oder die Kollegin und da die Person im Job kompetent ist, schreibt das Gehirn ihr automatisch weitere positive Eigenschaften zu (Halo-Effekt). Dann glaubt man gerne, dieser Kollege oder die Kollegin ist auch sehr warmherzig und treu, ohne dass es dafür konkrete Belege im Privaten gibt.

Marie Claire: Ist ein Work Crush eher ein Symptom für ein Defizit in der Partnerschaft oder ein ganz normales psychologisches Phänomen, das nichts über die Qualität der Beziehung aussagt?

Unser Gehirn nimmt Reize wahr. Vor allem attraktive, soweit so normal. Es ist wirklich oft ein ganz normales biologisches Phänomen, das nichts über die Qualität der Primärbeziehung aussagen muss. Aber ein Crush kann auch als Vermeidungsstrategie, als Flucht dienen. Wenn die Partnerschaft durch Care-Arbeit oder Routinen belastet ist, dient der Crush quasi als emotionales Exil, um sich wieder begehrt und lebendig zu fühlen, ohne die Probleme zu Hause lösen zu müssen.

Foto: Leonardo Sanches/Unsplash

Bloß Schwärmerei oder schon Verliebtheit?

Marie Claire: Sollte man dem eigenen Partner von einem Work Crush erzählen und radikal ehrlich sein oder sorgt das für unnötige Verunsicherung?

Man muss vorsichtig sein: Radikale Ehrlichkeit kann eine Form der Entlastung des eigenen schlechten Gewissens auf Kosten des anderen sein. Meine Empfehlung wäre von diesem Crush nur dann zu erzählen, wenn die Grenze zur „Emotionalen Affäre“ verschwimmt. Wenn diese Dritte Person plötzlich Ansprechpartner oder Ansprechpartnerin für private, emotionale Probleme wird oder generell einen Platz einnimmt, den eigentlich der Partner oder die Partnerin haben sollte. Wenn das ganze nur im Kopf stattfindet, lieber intern daran arbeiten: Warum brauche ich diesen Kick gerade? Was fehlt mir? Was fehlt mir in der Beziehung? Solche Schwärmereien verfliegen auch gerne schnell wieder, wenn man sie nicht füttert.

Marie Claire: Warum fühlen sich Work Crushes oft intensiver an als andere Schwärmereien, liegt es an täglicher Nähe oder im beruflichen Kontext?

Work Crushes fühlen sich oft intensiver an, weil sie auf zwei Ebenen gleichzeitig wirken. Nähe im Alltag plus Bedeutung im Kopf. Das ist eine starke Kombi. Es hat weniger mit echter Liebe zu tun und mehr mit Kontext, Wiederholung und Belohnung. Die tägliche Begegnung steigert Vertrautheit. Vertrautheit wirkt attraktiv. Das ist ein gut belegter Effekt in der Sozialpsychologie. Im Job sieht man in der Regel die beste Version einer Person. Fokus, Kompetenz, Humor, gute Kleidung, kontrollierte Emotionen. Da ist viel weniger Chaos, weniger Müdigkeit, weniger Konfliktverhalten im Privaten. Dadurch bleibt der Eindruck lange idealisiert. Menschen wirken auch anziehender, wenn sie Kompetenz, Sicherheit oder Anerkennung ausstrahlen. Arbeit liefert dafür ständig Bühnen. Kurze Chats, Blickkontakt, ein Insiderwitz, ein Like, ein Kompliment. Das sind kleine Belohnungen mit unregelmäßigem Timing und diese unregelmäßigen Belohnungen kennen wir woher? Genau, vom Glücksspiel. Weil du die Person nur in Ausschnitten kennst, ergänzt dein Kopf den Rest. Oft ergänzt er genau das, was du gerade brauchst. Verständnis, Leichtigkeit, Bestätigung, Abenteuer, Ruhe. Wenn deine Beziehung gerade Stress hat, wirkt der Work Crush wie Erholung, weil er keine Haushaltsfragen, keine Geschichte, keine Verletzungen trägt. Ein Work Crush ist oft ein Signal. Nicht zwangsläufig ein Signal für Trennung, aber ein Signal für ein Bedürfnis.

Marie Claire: Kann ein Work Crush die eigene Beziehung vielleicht sogar stärken, etwa als Weckruf oder Hinweis auf unerfüllte Bedürfnisse?

Ein Crush kann die Beziehung stärken, wenn man ihn als Diagnose-Instrument nutzt. Er zeigt oft wie ein Laserpointer auf unerfüllte Bedürfnisse. Gesehen werden, ohne kämpfen zu müssen. Anerkennung, die im Alltag fehlt. Spielerische Spannung statt Pflichtgefühl oder emotionale Sicherheit ohne Konflikt. Wenn man diese Energie zurück in die Partnerschaft leitet, statt sie im Außen zu lassen, wirkt der Work Crush als Katalysator.

Marie Claire: Unterscheiden sich Männer und Frauen im Umgang mit Work Crushes?

Die Forschung deutet darauf hin, dass die Unterschiede geringer sind als oft angenommen. Tendenziell werden Frauen jedoch häufiger für emotionale Nähe sozialisiert. Da ist die Gefahr der emotionalen Affäre etwas größer. Männer betonen öfter die physische/visuelle Komponente. Gesellschaftliche Rollenbilder führen auch dazu, dass Männer einen Crush eher als Ego-Boost verbuchen. Es geht dann um das Wissen, auf dem Markt noch relevant zu sein. Der Fokus liegt also auf der Außenwirkung und dem eigenen Status, dass man sagen kann: „Ich hab’s noch drauf.“ Wenn eine Frau eine Schwärmerei für jemand anderen entwickelt, schlägt sofort das schlechte Gewissen zu. Anstatt das Gefühl als harmlose Schwärmerei zu sehen, wird es zu einem moralischen Problem hochstilisiert. Diese unterschiedliche Bewertung führt zu zwei Sackgassen. Männer unterschätzen die Gefahr oft. Weil es sich nur wie ein netter Kick anfühlt, merken sie manchmal zu spät, wenn aus der Schwärmerei eine echte emotionale Affäre wird, die die Beziehung gefährdet. Frauen leiden oft unnötig. Sie unterdrücken das Gefühl so stark oder fühlen sich so schuldig, dass sie gar nicht erst schauen, was ihnen in ihrer Beziehung vielleicht wirklich fehlt.

Marie Claire: Ab wann wird ein Work Crush aus therapeutischer Sicht gefährlich für eine bestehende Beziehung und woran erkennt man diesen Kipppunkt?

Kritisch wird es, wenn Exklusivität entsteht. Man erzählt dem Kollegen Dinge, die der Partner nicht weiß. Zum Kipppunkt gehört, wenn man im Kopf beginnt, den eigenen Partner oder die Partnerin mit dem „perfekten“ Kollegen/der Kollegin zu vergleichen oder sogar abzuwerten. Das Wichtigste ist natürlich die Geheimhalterei. Sobald Nachrichten gelöscht werden oder Treffen heimlich passieren, hat man die Grenze zur Untreue bereits überschritten.

Marie Claire: Wie kann man zwischen echter Verliebtheit und einer stressbedingten Fluchtfantasie unterscheiden?

Eine Flucht ist es wahrscheinlich, wenn an erster Stelle steht, von Stress, dem Alltag, dem „Ich“ in der Beziehung wegzukommen. Der Kollege oder die Kollegin ist nur das Fluchtfahrzeug. Bei echter Verliebtheit interessiert man sich sehr für die Person inklusive ihrer Macken, ihrer Geschichte und ihrer potenziellen Schattenseiten. Kleiner Test: Stell dir den Kollegen vor, wie er eine Magen-Darm-Grippe hat oder mit dir über die Steuererklärung streitet. Verpufft der Reiz? Dann war es wohl eher eine Fluchtfantasie.

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