Klimaschutz als Mittel der Vertreibung, Videospiele als Kunstwerke. Lawrence Abu Hamdan versteht Klang als politisches, soziales und forensisches Medium und macht in seinem Werk „Zifzafa“ deutlich, wie Akustik als Machtsinstrument eingesetzt wird.
Das Munch Museum in Oslo ist das weltweit größte Museum, das einem einzelnen Künstler gewidmet ist. Doch neben vielen Etagen voller Edvard Munchs Meisterwerke, findet sich seit wenigen Tagen auch ein Raum auf der achten Etage, in dem drei Kunstwerke eines zeitgenössischen Künstlers Platz finden. Der in Jordanien geborene und in Dubai lebende Künstler Lawrence Abu Hamdan zeigt hier ‚Zifzafa‘, arabisch für „der Wind, der alles erschüttert“. Die Ausstellung thematisiert, wie der geplante Bau von über 30 Windturbinen auf den besetzten Golanhöhen das Leben der dort lebenden syrischen Gemeinschaft durch ihren zerstörerischen Lärm bedroht. Eine politisch höchst aktuelle Schau, die bis zum 04.01.2026 im zehnten Stock des Museums zu erleben ist.
Zifzafa, 2024, still from virtual reality audio platform. Lawrence Abu Hamdan. Courtesy of the artist.
In seiner Ausstellung bricht Abu Hamdan mit der positiv aufgeladenen Symbolik von Windturbinen und zeigt, dass ökologische Lösungen im falschen Kontext zu neuen Formen von Ungerechtigkeit und Kolonialisierung führen können. „Ich wusste lange nicht, dass Windturbinen so laut sind“, sagte Abu Hamdan im Interview. Das habe er erst erfahren, nachdem sich die betroffene Gemeinschaft in den Golanhöhen an ihn gewandt habe und den Lärm vergleichbar hoher Windturbinen erlebt habe. Mit Earshot, einem von ihm gegründeten Kollektiv für akustische Menschenrechtsrecherche, untersucht Lawrence Abu Hamdan, wie Geräusche politische Gewalt sichtbar machen.
Während die weißen, minimalistischen Windräder, die wir aus der Ferne beobachten können, für uns meist eine grüne Zukunft und Klimabewusstsein bedeuten, werden sie in den Syrien zur Vertreibung eingesetzt. Seit der israelischen Besetzung 1967 ist den Jawlani nur noch rund fünf Prozent ihres ursprünglichen Landes geblieben. Durch den geplanten Bau von mehr als 30 Windturbinen durch den israelischen Staat würde davon nochmals ein Viertel unbewohnbar, da ihr akustischer Fußabdruck rund 16 Quadratkilometer umfasst. „Klimaschutz wird entweder als Strafinstrument genutzt, um Land zu annektieren. Oder er wird als unzureichendes Mittel eingesetzt, durch das Profit generiert wird,“ erklärt Abu Hamdan. Und ist sich sicher: „Solange wir in einer profitorientierten Welt leben, werden wir dieses Problem nicht lösen.“
Zifzafa, 2024, still from virtual reality audio platform. Lawrence Abu Hamdan. Courtesy of the artist.
Das zentrale Element der Ausstellung „Zifzafa“ ist ein Videospiel, das Abu Hamdan gemeinsam mit seinem Kollektiv Earshot entwickelt hat. Den Ausgangspunkt bilden Tonaufnahmen des lokalen Musikers Busher Kanj Abu Saleh, der über Monate hinweg die akustische Lebenswelt der Golanhöhen dokumentierte: von Hochzeitsankündigungen über Kinderstimmen, Kuhglocken und Tiergeräusche bis hin zu den Wasserpumpen, die die Gemeinschaft in Eigenregie installiert hat, nachdem ihr der Zugang zu den natürlichen Wasserquellen verwehrt wurde. Diese Aufnahmen stehen für die enge Verbindung der Menschen zu ihrem Land – und für kleine Akte des Widerstands gegen die Besatzung.
In der digitalen Simulation werden diese Klänge nach und nach von den Geräuschen riesiger Windturbinen überlagert, die Abu Hamdan zuvor in Gaildorf, Deutschland, aufgenommen hat. Dort stehen die einzigen Turbinen dieser Größenordnung, 250 Meter hoch, deren Lärm noch in fünf Kilometern Entfernung hörbar ist – auf den Golanhöhen sollen sie nur 35 Meter von den Wohnhäusern entfernt errichtet werden. Die Museums-Besucher bewegen sich visuell in einer virtuellen Landschaft, in der Abu Hamdans Kommentare wie ein „Video-Game-Walkthrough“ linksbündig eingeblendet werden, während über Kopfhörer der Lärm ununterbrochen die Erfahrung untermalt. „Wie simuliert man etwas, das noch nicht existiert? Da scheinen diese Videospiel-Engines wirklich ein gutes Mittel zu sein,“ erklärt er im Interview. Das Besondere: Das Spiel ist frei zugänglich – jeder kann es herunterladen und erleben, nicht nur die betroffene Gemeinschaft. Es wird deutlich, dass Akustik nicht bloß Hintergrund ist, sondern zu einem Instrument politischer Macht werden kann. Lernen lässt sich daraus, dass digitale Medien wie Videospiele weit mehr sind als Unterhaltung – sie können gesellschaftliche Realitäten simulieren, Empathie wecken und neue Formen von Widerstand ermöglichen.
Zifzafa, 2024, still from virtual reality audio platform. Lawrence Abu Hamdan. Courtesy of the artist.
Ein drittes zentrales Lernmoment von „Zifzafa“ ist die Erkenntnis, dass Klang nicht nur akustische Begleitung, sondern Fundament von Gemeinschaft ist. Abu Hamdan erinnert an ein osmanisches Gesetz, demzufolge der Ruf eines Menschen am Dorfrand den Raum des Gemeinsamen markierte. So weit, wie die Stimme getragen wurde, galt das Gebiet als Allmende – nicht durch Besitzurkunden, sondern durch die Reichweite der Stimme und durch die Zuhörenden, die diesen Raum anerkannten. Entscheidend war also nicht nur der Ruf selbst, sondern auch das Hören: Alle Klänge, die zwischen Rufendem und Zuhörenden existierten, waren Teil der Aushandlung eines gemeinsamen Raums.
„Klang ist relational – er existiert nie isoliert, sondern immer zwischen Menschen, im Raum, den sie gemeinsam füllen,“ erklärt Abu Hamdan. Diese Relationalität macht Klang zu einem Medium, das Beziehungen stiftet, Gemeinschaft sichtbar – oder vielmehr hörbar – macht und soziale Bindungen stärkt. Damit wird auch klar, was auf dem Spiel steht: Wenn die Hörlandschaften durch den Dauerlärm der Windturbinen zerstört werden, geht mehr verloren als nur Ruhe. Es geht um kollektive Identität, um den sozialen Kitt einer Gemeinschaft, die ihr Zusammenleben durch geteilte Geräusche strukturiert. Abu Hamdan sieht darin nicht nur eine lokale Bedrohung, sondern eine universelle Lektion: Klang zwingt uns, in kollektiven Kategorien zu denken, während unsere Gegenwart zunehmend durch Kapital und Individualisierung geprägt ist. In seinen Worten ist er ein „nützliches Mittel für politische Kritik“ – weil er uns daran erinnert, dass Zusammenleben immer auf Beziehungen beruht. „Zifzafa“ lehrt also, dass die Verteidigung einer Hörlandschaft zugleich die Verteidigung von Gemeinschaft, Erinnerung und Solidarität ist.
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