MC: Du schreibst, die Erschöpfung von Müttern sei kein individuelles Problem, sondern das Symptom eines Systems. Was meinst du damit?
AG: Laut einer Erhebung der Techniker Krankenkasse leiden über 60 Prozent der Mütter unter chronischer Erschöpfung. 60 Prozent ist kein individuelles Problem. Das ist eine systemische Aussage. Was ich im Buch beschreibe, ist Folgendes: Das mütterliche Gehirn ist evolutionär auf Bindung und Schutz ausgelegt – hochsensibel, reaktionsschnell, immer on. In einer Gesellschaft, die Mütter ausreichend schützen würde, wäre das eine Stärke. In einer Gesellschaft, die Care-Arbeit als selbstverständlich betrachtet und nicht honoriert – weder emotional, noch strukturell, noch finanziell – wird genau diese Anpassungsfähigkeit zur Falle. Die Mütter passen sich einem System an, das sie nicht mitdenkt. Das Ergebnis ist keine persönliche Schwäche. Es ist systemisch produzierte Erschöpfung.
MC: Mental Load, Motherhood Penalty, Unsichtbarkeit – du benennst vieles, was Mütter fühlen, aber selten laut sagen. Welche Reaktion bekommst du darauf am häufigsten?
AG: Erleichterung. Oft sogar Tränen. Das kenne ich aus meinem Podcast, aus meinen Begleitungen, aus DMs, die mir Frauen nachts schicken. Der Satz, der am häufigsten kommt, ist: „Ich dachte, das bin nur ich.“ Und das zeigt eigentlich alles. Wir haben Mütter so lange in der Vereinzelung gelassen, dass sie ihre eigene Erschöpfung für einen persönlichen Fehler halten. Wenn ich einen Begriff dafür nenne – mütterliche Vereinzelung, instrumentalisierte Mutterschaft – passiert etwas Wichtiges: Es hört auf, privat zu sein. Und nur das Benannte kann verändert werden.
MC: Dein Buch richtet sich an Mütter, aber auch an die Gesellschaft. Was müsste sich ändern, damit Mutterschaft nicht nur bewundert, sondern wirklich getragen wird?
AG: Ich schreibe im Buch von einer Vision: Muttertät ist kein Nischenwort mehr, sondern Bestandteil medizinischer Leitlinien. Mütter werden nicht mehr übersehen. Ihre Fähigkeiten gelten als das, was sie sind: ein Evolutionsvorteil. Das ist Zukunft. Was jetzt konkret fehlt: strukturell verankerte psychosoziale Nachsorge nach der Geburt – nicht als Glücksfall, sondern als Standard. Echte Väter- und Partner-Beteiligung, nicht als Unterstützung, sondern als geteilte Verantwortung. Und ein kulturelles Narrativ, das aufhört, Mutterschaft als Selbstaufgabe zu romantisieren.
MC: Du sagst, Mütter brauchen keine „Zurück zur alten Identität“-Versprechen. Was brauchen sie stattdessen?
AG: Einen Rahmen, der versteht, was wirklich passiert. Ich schreibe im Buch: Mutterschaft ist kein Optimierungsproblem. Man löst sie nicht mit besserer Morgenroutine, mehr Me-Time oder Spirulina. Was eine Mutter braucht, ist das, was jede Geburt braucht: Schutz. Halt. Begleitung. Jemanden, der fragt: Was entsteht gerade in dir? Nicht: Wann bist du wieder die Alte? Die Alte kommt nicht zurück. Eine neue Version nimmt Form an. Und die braucht Sprache, Anerkennung und Raum – nicht den Druck, schnell wieder zu funktionieren.
MC: Du hast in deinen Begleitungen viele Mütter begleitet. Gibt es ein Muster, das du bei fast allen siehst?
AG: Ja. Mutterschaft hält unser Konzept von Nähe hoch wie ein Vergrößerungsspiegel. Alles, was wir je über Verbindung und Bedürftigkeit gelernt haben, taucht wieder auf. Deshalb habe ich im Buch vier Muttertypen beschrieben: die Kämpferin, die alles allein trägt. Die Einfühlsame, die sich selbst dabei verliert. Die Wachsende, die Nähe sehnt und gleichzeitig von ihr überrollt wird. Und die Wahrnehmende, die merkt: Auch stabile Fundamente können wanken. Vier verschiedene Typen, aber dieselbe Erkenntnis dahinter: Nicht das Kind macht uns zur Herausforderung, sondern wie nah es uns kommt.
MC: Was würdest du einer Frau sagen, die gerade mitten in diesem Umbruch steckt und sich fragt: Komme ich jemals wieder bei mir an?
AG: Ja. Aber nicht dort, wo du vorher warst. Ich beschreibe im Buch die Phase, die ich das Wiederfinden nenne. Sie kommt nicht mit einem Knall. Sie kommt leise: in dem Moment, in dem du merkst, dass du eine Entscheidung nicht mehr aus Erschöpfung getroffen hast, sondern aus Klarheit. Dass du Gespräche direkter führst. Dass das Caregiving-Netzwerk in deinem Gehirn, das in den ersten Monaten so viel Energie gefressen hat, jetzt dein innerer Kompass ist. Du kommst wieder bei dir an – aber du bist anders du. Reifer. Genauer. Mit einer Art Tiefe, die vorher so nicht da war.
MC: Wenn du dir eine einzige Sache wünschen könntest, die jede Leserin aus „Mom Brain“ mitnimmt – was wäre das?
AG: Dass sie aufhört, ihre Veränderung als Verlust zu lesen. Das Mom Brain ist keine Defizit. Es ist eine Ressource. Was in dir entsteht, wenn du Mutter wirst – diese Empathie, diese Komptenz Probleme zu lösen, diese Resilienz, Komplexität zu halten ohne dich zu verlieren – das ist kein Nebenprodukt. Das ist eine Kraft, die der Frau gehört. Wir haben das zu lange versteckt, weggelächelt, kleingemacht. Dieses Buch ist mein Versuch, das umzukehren. Nicht als Heldenerzählung als Wahrheit.