Die Berliner psychologische Beraterin und Autorin über den Begriff „Muttertät“, über die neurologische Reorganisation, die jede Geburt im Gehirn anstößt — und darüber, warum so viele Mütter glauben, sie müssten zurück, statt sich neu kennenzulernen
Es gibt Zustände, für die es kein gutes Wort gibt — und genau dort beginnt das neue Buch von Alina Grandt. Die Berliner psychologische Beraterin hat in den vergangenen Jahren über 200 Mütter durch Übergangsphasen begleitet, betreibt den Podcast „Mom Brain Reloaded“ mit über 35.000 Downloads und gehört zu den klarsten Stimmen im deutschsprachigen Raum, die das Thema Identität in der Mutterschaft öffentlich verhandeln.
Ihr Debüt „Mom Brain — Wie Mutterschaft dein Gehirn verändert und du deine volle Kraft aktivierst“, erschienen am 16. April 2026 bei dtv, dreht den abwertend gemeinten Begriff um: Was viele Mütter als Verlust erleben — Vergesslichkeit, Erschöpfung, das Gefühl, „nicht mehr ich“ zu sein — beschreibt Grandt mit Rückgriff auf aktuelle Neurowissenschaft als das, was es tatsächlich ist: eine messbare neurologische Reorganisation, die Frauen empathischer, resilienter und mental anpassungsfähiger macht. Im Gespräch mit Marie Claire spricht Grandt über ihren neuen Begriff „Muttertät“ (statt des fachlichen „Matreszenz“), über die gesellschaftlichen Strukturen, die Mutterschaft idealisieren und gleichzeitig entwerten — und über die Frage, was es bedeutet, „neu zu werden“, statt zurückzukehren.
Marie Claire: Dein Buch heißt „Mom Brain“ – ein Begriff, der oft abwertend benutzt wird. Du drehst ihn komplett um. Warum war dir das so wichtig?
Alina Grandt: Weil Sprache Realität schafft. „Mom Brain“ wurde jahrelang als Erklärung benutzt, warum Mütter nicht mehr richtig funktionieren. Du hast den Schlüssel vergessen- Mom Brain. Du bist wieder zu emotional – Mom Brain. Als wäre Mutterschaft ein neurologischer Schaden. Was die Wissenschaft aber zeigt: Das mütterliche Gehirn baut sich nach der Geburt messbar um. Es wird feinfühliger, reaktionsschneller auf soziale Signale, effizienter in der emotionalen Verarbeitung. Das ist kein Defizit. Das ist Hochleistung unter extremen Bedingungen. Ich wollte den Begriff nicht aufgeben. Ich wollte ihn zurücknehmen.
MC: Du schreibst: „Wir verlieren uns nicht, wenn wir Mutter werden. Wir werden jemand, der bisher noch keinen Namen hatte.“ Wann hast du das selbst zum ersten Mal gespürt?
AG: Nicht in einem großen Moment. Eher in einem sehr kleinen. Mein Sohn war vielleicht zwei, da kam er zu mir und sagte: „Mama, auch Mama sein!“ Ganz ernst, mit großen Augen. Ich hab ihn angeschaut und nach dem Fehler gesucht – nach dem Zweifel, dem Urteil. Aber da war nichts. Nur Vertrauen. In diesem Blick hab ich zum ersten Mal gespürt: Ich bin für ihn nicht eine ideale Version von etwas. Ich bin einfach ich. Und das reicht. Das war der Moment, in dem ich aufgehört habe zu suchen wie ich wieder die Alina vor der Mutterschaft sein kann und habe angefangen zu verstehen, wer ich gerade werde.
MC: Das Gehirn einer Mutter baut sich nach der Geburt messbar um. Warum wissen so wenige Frauen davon?
AG: Weil sich niemand für Mütter verantwortlich fühlt, ich tue es. Dabei gibt es Studien seit 1970. Seitdem ist das Feld gewachsen. Aber es hat nie den Weg in Geburtsvorbereitungskurse gefunden, in Kinderarztpraxen, in gesellschaftliche Debatten. Medizin hat Mütter nach der Geburt lange als „wiederhergestellt“ betrachtet. Körperlich: gecheckt. Psychisch: kaum. Was im Gehirn passiert, wurde ignoriert oder, wenn überhaupt erwähnt, als Einschränkung geframt. „Stilldemenz“ – das war eine der Schlagworte in unserer Umgangssprache. Kein Wort davon, dass genau diese Umstrukturierung die Basis für außergewöhnliche Fähigkeiten ist.
MC: Du prägst den Begriff „Muttertät“ statt des medizinischen Begriffs „Matreszenz“. Was macht dieses Wort für dich greifbarer?
AG: Matreszenz ist korrekt. Aber es klingt nach Fachkreis. Nach etwas, das erklärt werden muss, bevor man überhaupt darüber reden kann. Muttertät hingegen klingt nach etwas, dass jeder kennt „Pubertät“. Deshalb haben die Schwesteherzendoulas Natalia und Sarah diesen Begriff ins leben gerufen und ich nutze ihn weiter. Denn derselbe Klang wie Pubertät ist kein Zufall. Beide beschreiben eine Phase tiefgreifender Veränderung, die das ganze System betrifft: Körper, Gehirn, Identität. Ich will, dass eine Mutter um drei Uhr morgens, erschöpft und zweifelnd, dieses Wort liest und sofort versteht: Das ist ein Prozess. Kein Versagen. Ein Prozess. Das ist es, was ein Begriff leisten muss, nahbarkeit, keine wissenschaftliche Korrektheit.
MC: Viele Mütter sagen: „Ich erkenne mich nicht wieder.“ Dein Buch sagt: Das ist keine Störung, sondern Transformation. Wie hilft dieses Wissen im Alltag konkret?
AG: Es ändert die Frage. Statt „Was stimmt mit mir nicht?“ fragst du: „Was entsteht gerade in mir?“ Das klingt klein, ist aber fundamental. Ich habe in meiner Arbeit mit Müttern beobachtet, dass der Moment, in dem sie verstehen, dass ihre Erschöpfung, ihre Reizbarkeit, ihr Selbstverlust neurobiologisch begründet sind – dass genau dieser Moment etwas löst. Nicht die Erschöpfung. Aber die Scham darüber. Und ohne diese Scham hat man zum ersten Mal Energie, die man nicht mehr damit verbringt, sich zu verurteilen. Genau hier setze ich mit meinen Produkten, Begleitungen und auch im Buch an: Wie setze ich diese Energie frei und wie nutze ich diese, damit ich nicht direkt wieder ausbrenne, sondern so dass es mich als Frau nährt.
MC: Du schreibst, die Erschöpfung von Müttern sei kein individuelles Problem, sondern das Symptom eines Systems. Was meinst du damit?
AG: Laut einer Erhebung der Techniker Krankenkasse leiden über 60 Prozent der Mütter unter chronischer Erschöpfung. 60 Prozent ist kein individuelles Problem. Das ist eine systemische Aussage. Was ich im Buch beschreibe, ist Folgendes: Das mütterliche Gehirn ist evolutionär auf Bindung und Schutz ausgelegt – hochsensibel, reaktionsschnell, immer on. In einer Gesellschaft, die Mütter ausreichend schützen würde, wäre das eine Stärke. In einer Gesellschaft, die Care-Arbeit als selbstverständlich betrachtet und nicht honoriert – weder emotional, noch strukturell, noch finanziell – wird genau diese Anpassungsfähigkeit zur Falle. Die Mütter passen sich einem System an, das sie nicht mitdenkt. Das Ergebnis ist keine persönliche Schwäche. Es ist systemisch produzierte Erschöpfung.
MC: Mental Load, Motherhood Penalty, Unsichtbarkeit – du benennst vieles, was Mütter fühlen, aber selten laut sagen. Welche Reaktion bekommst du darauf am häufigsten?
AG: Erleichterung. Oft sogar Tränen. Das kenne ich aus meinem Podcast, aus meinen Begleitungen, aus DMs, die mir Frauen nachts schicken. Der Satz, der am häufigsten kommt, ist: „Ich dachte, das bin nur ich.“ Und das zeigt eigentlich alles. Wir haben Mütter so lange in der Vereinzelung gelassen, dass sie ihre eigene Erschöpfung für einen persönlichen Fehler halten. Wenn ich einen Begriff dafür nenne – mütterliche Vereinzelung, instrumentalisierte Mutterschaft – passiert etwas Wichtiges: Es hört auf, privat zu sein. Und nur das Benannte kann verändert werden.
MC: Dein Buch richtet sich an Mütter, aber auch an die Gesellschaft. Was müsste sich ändern, damit Mutterschaft nicht nur bewundert, sondern wirklich getragen wird?
AG: Ich schreibe im Buch von einer Vision: Muttertät ist kein Nischenwort mehr, sondern Bestandteil medizinischer Leitlinien. Mütter werden nicht mehr übersehen. Ihre Fähigkeiten gelten als das, was sie sind: ein Evolutionsvorteil. Das ist Zukunft. Was jetzt konkret fehlt: strukturell verankerte psychosoziale Nachsorge nach der Geburt – nicht als Glücksfall, sondern als Standard. Echte Väter- und Partner-Beteiligung, nicht als Unterstützung, sondern als geteilte Verantwortung. Und ein kulturelles Narrativ, das aufhört, Mutterschaft als Selbstaufgabe zu romantisieren.
MC: Du sagst, Mütter brauchen keine „Zurück zur alten Identität“-Versprechen. Was brauchen sie stattdessen?
AG: Einen Rahmen, der versteht, was wirklich passiert. Ich schreibe im Buch: Mutterschaft ist kein Optimierungsproblem. Man löst sie nicht mit besserer Morgenroutine, mehr Me-Time oder Spirulina. Was eine Mutter braucht, ist das, was jede Geburt braucht: Schutz. Halt. Begleitung. Jemanden, der fragt: Was entsteht gerade in dir? Nicht: Wann bist du wieder die Alte? Die Alte kommt nicht zurück. Eine neue Version nimmt Form an. Und die braucht Sprache, Anerkennung und Raum – nicht den Druck, schnell wieder zu funktionieren.
MC: Du hast in deinen Begleitungen viele Mütter begleitet. Gibt es ein Muster, das du bei fast allen siehst?
AG: Ja. Mutterschaft hält unser Konzept von Nähe hoch wie ein Vergrößerungsspiegel. Alles, was wir je über Verbindung und Bedürftigkeit gelernt haben, taucht wieder auf. Deshalb habe ich im Buch vier Muttertypen beschrieben: die Kämpferin, die alles allein trägt. Die Einfühlsame, die sich selbst dabei verliert. Die Wachsende, die Nähe sehnt und gleichzeitig von ihr überrollt wird. Und die Wahrnehmende, die merkt: Auch stabile Fundamente können wanken. Vier verschiedene Typen, aber dieselbe Erkenntnis dahinter: Nicht das Kind macht uns zur Herausforderung, sondern wie nah es uns kommt.
MC: Was würdest du einer Frau sagen, die gerade mitten in diesem Umbruch steckt und sich fragt: Komme ich jemals wieder bei mir an?
AG: Ja. Aber nicht dort, wo du vorher warst. Ich beschreibe im Buch die Phase, die ich das Wiederfinden nenne. Sie kommt nicht mit einem Knall. Sie kommt leise: in dem Moment, in dem du merkst, dass du eine Entscheidung nicht mehr aus Erschöpfung getroffen hast, sondern aus Klarheit. Dass du Gespräche direkter führst. Dass das Caregiving-Netzwerk in deinem Gehirn, das in den ersten Monaten so viel Energie gefressen hat, jetzt dein innerer Kompass ist. Du kommst wieder bei dir an – aber du bist anders du. Reifer. Genauer. Mit einer Art Tiefe, die vorher so nicht da war.
MC: Wenn du dir eine einzige Sache wünschen könntest, die jede Leserin aus „Mom Brain“ mitnimmt – was wäre das?
AG: Dass sie aufhört, ihre Veränderung als Verlust zu lesen. Das Mom Brain ist keine Defizit. Es ist eine Ressource. Was in dir entsteht, wenn du Mutter wirst – diese Empathie, diese Komptenz Probleme zu lösen, diese Resilienz, Komplexität zu halten ohne dich zu verlieren – das ist kein Nebenprodukt. Das ist eine Kraft, die der Frau gehört. Wir haben das zu lange versteckt, weggelächelt, kleingemacht. Dieses Buch ist mein Versuch, das umzukehren. Nicht als Heldenerzählung als Wahrheit.
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