Deutscher Indie-Pop trifft auf französische Nonchalance: Das ist Sängerin anaïs. Mit ihren charmanten Wortspielen, süßen Analogien („Ich bin zuckersüß und mein Papa ist Konditor“ aus „valentino“) und warmen, sonnigen Melodien ist sie in kürzester Zeit zu einer der spannendsten deutschen Newcomerinnen geworden. Unsere Autorin hat die Sängerin in Paris und Berlin getroffen – zwei Städte, die ihren künstlerischen Lebensmittelpunkt bilden.
Sonnengeküsst und strahlend, trägt Minirock und Cowboy-Boots (aus „valentino“): Die Ästhetik von anaïs ist süß, sommerlich, bunt.
Ihr Sound? Zeitgeistig verspielter deutscher Indie-Pop mit einem Hauch melancholisch französisches Chanson. Es geht um die Lust aufs Leben, um Crushes und um Dating, um Herzschmerz und um Heilen, um Freundschaft, Flirts und Liebe, aber auch um weibliche Stärke und mentale Gesundheit. Ihre warme Stimme verbindet große und kleine Gefühle mühelos mit Mellotron, Gitarre, Bass und poppigen Backbeats. Dabei findet sie genau den Sweet Spot zwischen Wehmut und Unbeschwertheit – und lässt von Salz auf der Haut, von sommerlicher Leichtigkeit träumen. Denn: „Leben schmeckt süß“ (aus „nah am meer gebaut“).
Sängerin anaïs lebt zwischen Berlin und Paris. Und so scheint es unumgänglich, dass wir uns an beiden Orten treffen. Erster Stopp: Die Stadt der Liebe, Paris. Wir befinden uns im 18. Arrondissement, das Café hat die 25-Jährige ausgewählt. Hier habe alles begonnen: „Zwei Straßen weiter war ein Studio, wo ich angefangen habe, Musik zu machen. Noch eine Straße weiter war ich in einer Beziehung mit jemanden und wir haben da so viel Zeit verbracht. Das Büro von den Leuten, mit denen ich ganz viel in Paris zusammengearbeitet habe, ist hier ums Eck.“ Und ganz wichtig: Es gibt Kaffee mit Hafermilch. „Und ich liebe ganz viel Hafermilch mit ein bisschen Kaffee“.
Sie bestellt für uns auf Französisch. Paris und Berlin hat die Hannoveranerin gezielt und nicht grundlos als Lebensmittelpunkte ausgewählt. Durch ihre belgischen Wurzeln spricht anaïs fließend Deutsch, Englisch und Französisch. Mühelos switcht sie während unseres Gesprächs zwischen den Sprachen hin und her. Französisch verbinde sie mit ihrer Mutter. „Es wurde immer zuhause gesprochen“, erinnert sie sich. Anfangs schrieb und sang sie zwar auf Englisch, Deutsch fühle sich jedoch am natürlichsten an. „Es ist die Sprache, in der ich denke, träume und einfach nicht viel darüber nachdenke.“
Sängerin anaïs unterwegs in Paris.
Wie es nach Paris ging? Im Camp lernte sie eine Band aus Paris kennen, das war der Startschuss. Mehrmals im Monat war sie zum gemeinsamen Musikmachen in Paris, pendelte hin und her und „war basically mehr in Paris als in Berlin.“ Hier entstand ihre erste EP „44“, eine neue Beziehung zur Musik und der französischen Sprache. „Da ist so eine riesige Seite in mir, die ich in Deutschland wohnend gar nicht so richtig begriffen habe“. Das Französische sei ihre Joyful-Seite, sagt sie. Beides sei aber ein Teil von ihr, „tief in meinem Herzchen“. Bereits ein Jahr später tourte die damals 22-Jährige allein durch Deutschland. Es folgten Touren mit Nina Chuba, Giant Rooks, Provinz, MAJAN und Cro.
Seit vier Jahren ist ihre Insel nun Berlin. Hier treffen wir uns ein unweit der „zweitcoolsten Straße Europas“, dem Maybachufer. An diesem milden Nachmittag im Oktober sprechen wir über Songwriting, ihre Inspiration und die neue EP.
Mit anaïs beim Berliner Maybachufer.
Inspiration findet anaïs „eigentlich überall“. In der Slowtime bei ihrer Mutter, in den Phasen, in denen alle möglichen Dinge auf sie einprasseln, sie in Selbstmitleid verfällt, eigentlich immer, wenn sie wirklich fühlt. Aber auch in Gesprächen. Dabei sammelt sie Lines wie andere Briefmarken, Designer-Taschen oder Sunny Angels. „Ich habe viele Notizen auf meinem Handy, Lines, Worte, die Leute gesagt haben“.
Und dann ist da noch der Klang, den sie seit ihrer Kindheit kennt: Alte Chansons, melancholische Streichermelodien, Lieder, die ihre Mutter mit ihr hörte. „Ich liebe französische Musik und ich glaube, das hört man auch teilweise in meinen Songs.“
Zu Songs werden die Lines in ihrer „Höhle“, die ganz unterschiedliche Formen annehmen kann. Früher schrieb sie meist allein, „ich liebe Songwriting und sitze auch gerne in meiner kleinen Ecke und mache da eine Stunde lang mein Ding“. Anfangs sei es daher gar nicht so leicht gewesen, seine Gedankenprozesse mit einem anderen Menschen zu teilen. Mittlerweile aber liebt sie genau diese Zusammenarbeit. Und so ist sie in ihrer Höhle nicht immer mehr allein. Ihre liebste Höhle ist mittlerweile beim Produzenten und Freund Freddy Rochow.
Ihre Themen? Dating-Erfahrungen, mentale Gesundheit, Flirts, Liebe, Freundschaft, lange Sommernächte sowie die Schwere und Süße des Lebens in den 20ern – stets aus ihrem „point of view“, aber nicht immer autobiografisch. In den Songs fällt das nicht auf. Denn anaïs versteht es Gefühle und Momente, die wir alle kennen, einzufangen und in Songs zu verwandeln – auch das, was wir uns vielleicht nicht trauen, laut auszusprechen.
Ihre erste vollkommen deutschsprachige EP erscheint am 16. Januar 2026. „wünsch dir was“ ist ein Mix aus einigen neuen Songs und ein paar, die bereits veröffentlicht sind. Beziehungsstatus mit den Songs? Es ist kompliziert. „Ich mag eigentlich alle, aber gleichzeitig nerven sie mich auch, weil ich sie schon tausendmal gehört habe.“ Zu ihren Favoriten zähle „valentino“, „diese mellow-grooveigen Vibes mag ich total“.
Besonders stolz sei sie aber auf „arsch der welt“, ihr erstes deutsches Feature mit einer Frau. Es geht um ein Thema, dass viele von uns zu gut kennen: Jemanden einfach nicht aus dem Kopf zu bekommen. Aber was tun, wenn man keinen Song darüberschreiben kann? „Ich bin ein großer Fan von Ablenkung, sich beschäftigt halten mit Dingen, die bloß nichts mit dieser Person zu tun haben, rausgehen, aus seiner Komfortszene rauskommen, neue Hobbies anfangen, joggen anfangen, aber bloß nicht stillstehen.“ Die gute alte Vermeidungsstrategie. „Wenn man wieder ein bisschen gesettelt ist und das akute Vermissen vorbei ist, kann man reflektieren.“
Und ganz wichtig: Freunde sehen. „Wenn ich mit meinen Freunden bin, habe ich das Gefühl, wir sind endlos, alles ist super“, erzählt sie über ihre Inspiration zu ihrem Song „99 Sorgen“ mit Majan. „Denn ich bin nie so gerne einsam wie mit euch“.
„…wäre es Zadig & Voltaire – This Is Her. Er ist sehr süß und bubbly. Ich habe ihn mit 15 entdeckt und alle verbinden ihn mittlerweile mit mir. Und diese EP fühlt sich für mich genauso an: wie die süße Seite des Lebens .“
anaïs in Paris.
Marie Claire: Welches Restaurant verspricht das echte französische Gastro-Erlebnis?
anaïs: Ich bin ein super picky Eater, aber ich kann eine Bar sehr empfehlen: Chez Jeanette in Strasbourg-St-Denis. Die Bar ist wunderschön, leicht nostalgisch und genau so, wie man sich eine Pariser Bar vorstellt. Und super viele interessante, schöne Menschen. Wobei das in Paris ohnehin überall der Fall ist.
Marie Claire: Welcher Platz inspiriert Sie immer wieder aufs Neue?
anaïs: Die Gegend rund um Montmartre, besonders die vielen Treppen, die zum Sacré-Cœur führen. Es ist ein richtiger Aufstieg, aber ich liebe es, dass die Stadt dort so hoch gebaut ist und man sich einfach auf die Stufen setzen kann. Für mich ist dieser Ort voller Erinnerungen. Dort habe ich zum Beispiel auch mit meinem Ex-Freund Schluss gemacht. Gleichzeitig ist es einfach einer der ästhetischsten Spots in ganz Paris.
Marie Claire: Paris ist die Stadt der Liebe: Was ist für Sie der romantischste Spot in Paris?
anaïs: Ganz klar der Canal Saint-Martin. Der Kanal zieht sich mit seinen vielen Brücken durch das 10. Arrondissement, dazu das viele Grün. Das ist richtig romantisch da.
Marie Claire: Wo beobachten Sie an kalten Tagen am liebsten das Treiben?
anaïs: Im Marais, im 2. Arrondissement, kann man sehr gut Leute beobachten. Es gibt ganz viele kleine Cafés und Bars, vieles davon sehr touristisch, mit diesen typischen Terrassenstühlen – ich glaube jeder weiß, welche ich meine. Aber man kann da super sitzen und gucken.
Marie Claire: Berlin in Paris: Wohin gehen Sie, wenn Sie Berlin vermissen?
anaïs: Ich finde, Paris hat nicht so viele Anscheine von Berlin. Und ich tummle mich auch nicht an Orten in Paris, wo ich Berlin crave oder suche. Ich bin jedes Mal so glücklich hier, dass ich kaum etwas vermisse. Aber ich vermisse generell nicht viel, wenn ich woanders bin und mich gut fühle.
Auch die typischen touristischen Terrassenstühle sind ein Muss.
Marie Claire: Zurück von der Tour: Wohin zieht es Sie als Erstes, um sich sofort zuhause zu fühlen?
anaïs: Nach einer Tour will ich eigentlich nirgendwo anders sein als zuhause in meinem eigenen Bett.
Marie Claire: The local taste of Berlin: Wo genießen Sie den typischen Geschmack der Stadt?
anaïs: Ich assoziiere Berlin mit Imbiss, Burger und Dönerladen. Zum Beispiel den Burgermeister am Schlesischen Tor, das war früher eine Currywurstbude. Da hängt man schon oft nachts ab, wenn man vom Feiern kommt oder irgendwo ausgegangen ist. Ansonsten liebe ich Night Kitchen, ein mediterranes Restaurant in Mitte. Für mich ist „The Taste of Berlin“ auch einfach die kulinarische Vielfalt der Stadt.
Marie Claire: Paris in Berlin: Wohin gehen Sie, wenn Sie Paris vermissen?
anaïs: Es gibt tatsächlich ein paar Ecken in Berlin, die mich an Paris erinnern. Es gibt eine Straße im Bergmannkiez, ich weiß nicht genau wie sie heißt, die hat mit den hübschen, bunten Altbauten etwas sehr Pariserisches. Und beim Schloss Bellevue gibt es eine kleine Brücke mit alten Laternen über dem Wasser – wenn man dort steht, fühlt es sich an wie in Paris.
Marie Claire: Und wohin, um neue Musik zu entdecken?
anaïs: Neue Musik entdecke ich meistens über Menschen, nicht über Orte. Ich liebe es, mein Leben zu romantisieren, spazieren zu gehen und dabei Musik zu hören, am liebsten entlang der Spree. Und beim Sonnenuntergang schauen. Da hittet alles anders.
Marie Claire: Berlin im Winter kann hart sein. Wo macht Ihnen die kalte Saison trotzdem Freude?
anaïs: Im Urlaub (lacht). Im Berliner Winter ist Sport mein absoluter Safe Space. Ich mache viel Sport und besuche regelmäßig Kurse, das erdet mich total, selbst wenn es schon um 16 Uhr dunkel wird. Das Anti in Mitte ist richtig schön oder auch die Open Studios.
anaïs zeigt uns ihre Lieblingsspots in Berlin.
„Augenringe, kreidebleich“, Sie wollen den Sommer zurück, brauchen „Sonnenschein, soweit das Auge reicht“? anaïs auch. In „juli“ weigert sie sich, die Sonne ziehen zu lassen, holt die letzten Strahlen zurück auf die Haut und erhellt so die grauen Wintertage.
„Etwas, das ich gerade auch für mich entdecke: mich selbst zu ownen, den Raum zu ownen. Selbstbewusst zu sein mit dem, was ich mache. Als Frau wird man oft kritisiert oder gesellschaftlich runtergemacht – sich davon zu befreien, ist so wichtig. Einfach kein F darauf zu geben, was andere denken.“
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