Von München bis zur Met: Corinne Winters erobert die Opernwelt

Sie singt auf sechs Sprachen, begeisterte in über 30 Hauptrollen an den renommiertesten Bühnen und feiert weltweit Erfolge. Im Interview gibt Corinne Winters spannende Einblicke in die Welt der Oper.

Corinne Winters
Als „Beste Sopranistin 2024“ ausgezeichnet, erzählt Corinne Winters von ihrer Karriere und ihrer Liebe zur Oper. Foto: Liliya Namisnyk

Opernsängerin Corinne Winters: Zwischen Bühne und Balance

Corinne Winters zählt zu den spannendsten Stimmen der modernen Opernszene. Von der New York Times als „außergewöhnliche Schauspielerin und Sängerin von bemerkenswerter Anmut und Finesse“ gefeiert, hat sie bereits über 30 Hauptrollen an den renommiertesten Opernhäusern der Welt verkörpert.

2022 gelang ihr der internationale Durchbruch mit der Rolle der Káťa Kabanová bei den Salzburger Festspielen. Für eine Neuproduktion in München war die US-Amerikanerin im Februar 2025 zu ihrer Paraderolle zurückgekehrt.

Zuhause auf den großen Bühnen der Welt

Als wir uns Anfang des Jahres 2025 treffen, steht noch einiges für Winters an. Im Laufe des Jahres würde sie ihre erste Hauptrolle an der Metropolitan Opera singen. „Als Mimi in La Bohème“, erzählt sie im Gespräch. „Das ist besonders für mich, denn es war eine der ersten Rollen, die ich je gesungen habe.“ Sie sang außerdem in Prag, Washington, Athen und Houston. Bis zum 10. Dezember ist sie noch für Aufführungen der „Madame Butterfly“ an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin zu sehen.

Im Interview mit Marie Claire erzählt sie über das Leben als Opernsängerin, die Herausforderungen, die dieses mit sich bringt sowie die Wichtigkeit von Authentizität und Balance. Außerdem verrät sie uns ihre nächsten Pläne auf den großen Bühnen der Welt.

Der Alltag einer Opernsängerin

Marie Claire: Ihre Konzerte füllen die renommiertesten Opern- und Konzerthäusern der Welt. Wie können wir uns den Alltag einer Opernsängerin vorstellen?

Corinne Winters: Es gibt zwei Seiten: Das Leben als Performerin und die Probenarbeit. Das bedeutet, wir haben Proben, was eigentlich wie ein normaler Job ist. Man geht zu einer morgendlichen Session, dann gibt es eine Mittagspause, und dann folgt eine abendliche Session. Wenn es auf die Premiere zugeht, proben wir auf der Bühne und diese Proben sind meistens abends. Es ist wirklich ein Prozess – ähnlich wie in jedem anderen Beruf. Aber natürlich geht es bei uns um das Performen. Dann gibt es die Auftritte, die manchmal glamourös und aufregend sind, aber manchmal auch einfach zum Alltag gehören. Manchmal ist es einfach Teil des Jobs und manchmal sind es ganz besondere Momente. Das ist also die berufliche Seite.

Und dann gibt es noch das Leben außerhalb der Arbeit, das wirklich von der jeweiligen Person abhängt. Es kommt darauf an, ob die Sängerin eine Familie hat, ob sie nebenbei Hobbys pflegt. Da versuchen wir uns die Zeit mit den Dingen zu füllen, die wir lieben – sei es durch Menschen, Aktivitäten oder auch durch die Erledigung der praktischen Aufgaben, die das Sänger:innen-Leben mit sich bringt: Reisen, Unterkünfte buchen und die geschäftlichen Aspekte managen. Im Leben einer Opernsängerin ist immer etwas los.

Corinne Winters über ihre Work-Life-Balance: “Ich habe gelernt, mir selbst gegenüber nachsichtig zu sein.“

Marie Claire: Auch bei Ihnen war in letzter Zeit viel los: Sie waren in den letzten Monaten in Athen, Washington und London. Nun sind sie in München. Kontinent, müssen sich immer wieder in neuen Städten zurechtfinden. Wie schaffen Sie es eine Balance für sich zu finden?

Corinne Winters: Es ist nicht einfach. Das ist etwas, das ich über die Jahre lernen musste. Ich mache diesen Beruf nun seit 15 Jahren professionell und ich habe erkannt, dass Balance nicht immer gleich aussieht. Manchmal bedeutet Balance, sich wirklich Zeit für Selbstfürsorge und Gesundheit zu nehmen. Aber manchmal verlangt die Arbeit einfach alles. Und dann ist die Balance eher arbeitsspezifisch – und das ist in Ordnung.

Denn ich habe erkannt, dass wir als Künstler:innen kein normales Leben führen. Also können wir auch nicht erwarten, dass Balance für uns genauso aussieht wie für andere. Ich habe gelernt, mir selbst gegenüber nachsichtig zu sein. Manchmal habe ich eine großartige Work-Life-Balance mit genügend Zeit, um mich zu erholen und andere Dinge zu tun. Und manchmal bin ich einfach zu beschäftigt. Ich glaube, Akzeptanz ist das Beste. Wenn wir ständig versuchen, diese perfekte Balance zu finden, erzeugt das mehr Stress, als wenn wir einfach das Leben leben. Und als Performer:innen können wir uns nicht zu viel Stress erlauben, weil er sich direkt auf die Stimme auswirkt.  

Corinne Winters

Foto: Liliya Namisnyk

Die Vorbereitung auf eine neue Rolle

Marie Claire: Haben Sie bestimmte Routinen oder eine spezielle Art, sich auf eine neue Rolle oder Produktion vorzubereiten?

Corinne Winters: Ich bin sehr gerne aktiv. Ich bin Läuferin und nehme mehrmals im Jahr an Läufen teil. Das hält meinen Körper fit und hilft gleichzeitig, Stress abzubauen. Schlaf ist auch extrem wichtig. Eine schlechte Nacht ist okay, vielleicht auch zwei, aber irgendwann summiert es sich und das wirkt sich wirklich auf die Stimme aus. Deshalb achte ich sehr auf eine gute Schlafroutine.

Und dann nehme ich mir bewusst Zeit, um meine Musik vorzubereiten. Je erfolgreicher man ist und je beschäftigter, desto schwieriger wird es, sich gut vorzubereiten. Aber das macht eine:n großartige:n Künstler:in aus: jemand, der sich wirklich Zeit für sein Handwerk nimmt und nicht denkt: „Ich bin erfolgreich, das reicht schon“, und dann unvorbereitet auftaucht. Es ist also eine Kombination aus mentaler, physischer und musikalischer Vorbereitung.

Corinne Winters singt auf 6 Sprachen

Marie Claire: Sie singen in verschiedenen Sprachen: Deutsch, Italienisch, Französisch, Russisch, Tschechisch, Polnisch. Das klingt nach einer großen Herausforderung für die Stimme. Gibt es Unterschiede beim Singen in verschiedenen Sprachen? Und wenn ja, wie gehen Sie damit um?

Corinne Winters: Einige Sprachen sind leichter zu singen als andere, weil sie längere Vokale haben. Das erleichtert das Singen, weil die Stimme besser klingen kann. Ich singe oft auf Tschechisch und das ist ähnlich wie Deutsch, denn es gibt viele Konsonanten. Aber jetzt, da ich die Sprache ein bisschen spreche und mich darauf eingelassen habe, habe ich einen Weg gefunden, sie wirklich singbar zu machen. Früher fiel mir Deutsch schwer, weil ich die Sprache nicht spreche. Aber als ich angefangen habe, mich wirklich mit der Sprache und ihrer Literatur auseinanderzusetzen, habe ich erkannt, wie wunderschön sie klingen kann. Jede Sprache, in die man sich vertieft, kann wunderschön sein, wenn sie mit Hingabe gesungen wird.

Die Rolle der Kát’a Kabanová

Marie Claire: Nun zu Ihrer neuen Rolle als Kát’a Kabanová . Sie haben diese bereits in mehreren Produktionen gesungen. Haben Sie in den verschiedenen Produktionen neue Facetten der Rolle entdeckt?

Corinne Winters: Ich entdecke jedes Mal neue Dinge. Diese Figur und das Stück sind so tiefgründig. Kát’a ist voller Facetten und Widersprüche: Sie ist sehr naturverbunden, aber auch verträumt und in ihrer Fantasie verloren. Sie ist stark, aber auch unglaublich verletzlich. Das macht sie so faszinierend, aber auch herausfordernd. Meine Aufgabe ist es, diese Gegensätze zu zeigen, aber auch meine eigene Seele in sie einzubringen. Es ist die Kombination aus meiner Interpretation der Figur und meiner persönlichen Essenz, die in jeder Inszenierung präsent ist.

Jede Produktion und jeder Regisseur betonen eine neue Seite der Figur. In dieser Inszenierung (Anm. d. Red.: Hier geht es um die Inszenierung in München, in der sie im Frühjahr 2025 sang) ist Kát’a sehr intensiv und innerlich rastlos. Sie hat so viele Emotionen in sich, aber sie muss sie unterdrücken. Und wenn sie herausbrechen, ist es umso stärker. Ich finde, das Gefühl, sich nicht frei ausdrücken zu können, ist auch heute noch sehr relevant.

Corinne Winters als Kabanova bei den Salzburger Festspielen 2022

Corinne Winters als Kabanova bei den Salzburger Festspielen 2022. Foto: Copyright by Monika Rttershaus

Die therapeutische Seite

Marie Claire: Erkennen Sie sich auch persönlich in den von Ihnen erwähnten Widersprüchen wieder?

Corinne Winters: Ich fühle mich von Charakteren angezogen, in deren zentralem inneren Konflikt ich mich wiedererkenne. Nicht unbedingt in ihren Lebensumständen, die können bei jedem anders sein, sondern in den Emotionen, die sie durchleben. Im Fall von Kát’a ist es diese junge Frau, die die Welt anders sieht als die Menschen um sie herum. Sie ist in der Geschichte zwar keine Künstlerin, hat aber eine fast künstlerische Seele. Sie betrachtet das Leben auf eine kreative und inspirierte Weise, fast wie ein Kind mit einer lebhaften Fantasie und viel Leidenschaft. Das kann ich sehr gut nachempfinden, weil ich das als Kind genauso empfunden habe. In meiner Jugend fühlte ich mich oft missverstanden. Auch heute umgebe ich mich mit Kunstschaffenden und kreativen Menschen, die anders denken. Aber trotzdem sehe ich dieses kleine Mädchen in mir, das verletzlich ist und eine große Vorstellungskraft hat, aber manchmal Angst hat, diese Seite der Welt zu zeigen.

In gewisser Weise ist es fast therapeutisch, diese Figuren zu spielen, weil man dabei Teile von sich selbst wiederentdeckt, die im Alltag vielleicht in den Hintergrund treten. Das finde ich spannend. Ich glaube, das geht vielen Künstler:innen so: Man entdeckt neue Seiten an sich selbst oder bringt einen Teil seiner eigenen Persönlichkeit in die Rolle ein. Das ist etwas Wunderbares.

„Selbst wenn ich reich wäre, würde ich es trotzdem tun.“

Marie Claire: Wollten Sie schon immer Opernsängerin oder Künstlerin werden? War das Ihr Traum?

Corinne Winters: Mein erster Traum war es, Schriftstellerin zu werden. Ich liebte das Singen und Musik, aber ich bin nicht mit klassischer Musik aufgewachsen. In Amerika ist das nicht sehr verbreitet. In Europa ist das anders: Selbst, wenn jemand keine klassische Musik hört oder macht, ist sie dennoch Teil der Kultur.

Mein Vater liebte Musik, spielte und sang hobbymäßig und ich sang im Chor und probierte verschiedene Instrumente aus. Irgendwann nahm ich aus Neugier eine Gesangsstunde und die Lehrerin sagte mir, ich hätte eine Opernstimme und müsse das unbedingt machen.

Ich wusste nicht genau, was ich wollte. Ich stand kurz davor, an die Universität zu gehen, hatte aber keine Ahnung von Oper. Also dachte ich, ich könnte einen Doppelstudiengang machen – ein Hauptfach plus Oper als Nebenfach – und schauen, wohin es mich führt.

Je mehr ich mich mit Oper beschäftigte, desto mehr erkannte ich, was für eine besondere Kunstform sie ist. Sie vereint Theater, Gesang, Orchestermusik, Bühnenbild, Mode, Tanz – es ist die Kunstform, in der alle darstellenden Künste zusammenfließen.

Also dachte ich mir: Ich mache einfach weiter. Und wenn ich das Glück habe, erfolgreich zu sein, dann bleibe ich dabei. Wenn nicht, würde ich etwas anderes machen. Ich bin sehr dankbar, dass ich Erfolg hatte, denn es ist wirklich mein Traum. Selbst wenn ich reich wäre, würde ich es trotzdem tun.

Corinne Winters Pläne für 2025

Marie Claire: Gibt es für 2025 bereits Pläne, die Sie mit uns teilen können?

Corinne Winters: Oh ja, die gibt es! Ich werde mein Debüt in einer Hauptrolle an der Metropolitan Opera in New York geben – als Mimi in La Bohème. Das ist besonders für mich, denn es war eine der ersten Rollen, die ich je gesungen habe. Es ist auch das erste Mal, dass ich eine Hauptrolle an der Met in meinem Heimatland singe. Die Met ist eines der renommiertesten Opernhäuser der Welt und La Bohème ist eine zeitlose Rolle, die ich schon oft gesungen habe. Auch zu Beginn meiner Karriere. Außerdem handelt es sich um eine sehr traditionelle Inszenierung. Normalerweise spiele ich eher moderne, avantgardistische Produktionen, die ich liebe. Aber für meine Familie und Freund:innen in den USA ist es etwas Besonderes, mich in New York in einer klassischen La Bohème zu sehen.

Ich bin jeden Tag dankbar. Wenn ich ein paar Stunden Zeit zum Üben habe, frage ich mich oft: Woran soll ich arbeiten? Ich hoffe, dass ich diese Begeisterung nie verliere, denn wenn ich das tue, weiß ich, dass es Zeit ist, aufzuhören.

„Seid einfach ihr selbst“

Marie Claire: Marie Claire hat es sich zur Aufgabe gemacht, starken Frauen wie Ihnen eine Stimme zu geben. Welche Message würden Sie unseren Leser:innen gerne mitgeben?

Corinne Winters: Versucht nicht, jemand anderes zu sein, sondern seid einfach ihr selbst. Lernt euch kennen und lasst die Welt zu euch kommen. Wenn wir authentisch sind, fügen sich die Dinge oft von selbst. Aber wenn wir zu sehr versuchen, einem bestimmten Image zu entsprechen oder uns auf eine bestimmte Weise zu präsentieren, stoßen wir entweder auf Hindernisse oder empfinden am Ende keine wirkliche Erfüllung.

Es hat bei mir lange gedauert, das wirklich zu verinnerlichen. Aber jetzt, wo ich in meiner Karriere und meinem Privatleben so authentisch wie möglich bin, hat sich mein Leben verändert. Ich habe so viel mehr Freude und Sinnhaftigkeit gefunden. Jede Frau sollte sich selbst annehmen, denn wir sind alle auf unsere eigene Weise besonders.

Corinne Winters nächste Auftritte

Wer Corinne Winters hautnah erleben möchte, hat hier die Möglichkeit:

  • Recital, Gstaad New Year Music Festival: 27. Dezember 2025
  • Liederabend, Oper Frankfurt: 13. Januar 2026
  • Als Tatyana in „Eugene Onegin“ im Palau de les Arts Reina Sofía, Bulgarien: 20., 23., 25. 29. Januar und 1. Februar 2026
  • Als Nedda in „Pagliacci“ im Teatro del Maggio Musicale Fiorentino Florenz, Italien: 22., 25., 28. Februar und 3. März

Am 13. und 14. Juni 2026 kehrt sie für „Vier letzte Lieder“ von R. Strauss zu den Münchner Philharmonikern zurück. Einen Tag später tritt sie in „Jenufa“ (Act 2) von L. Janáček mit den Bamberger Philharmonikern auf.

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